25.06.08
00:57 Uhr

Die Inflation der Freundschaften

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In der digitalen Welt sind sie ein inflationär explodierendes Phänomen. Jeder hat sogenannte „Friends“,  „Buddies“ oder gleich ganze (Link)-Listen, die sich als „Freundeskreis“ verstehen wollen, jedenfalls „bei Gelegenheit“. Selbst Werbeagenturen lieben den Freundschaftsbegriff, bis hin zur breiten Liebesbekundung. Und weil „Freundschaft“ ein hohes Gut sozialen Miteinanders ist, will keiner im Web ohne entsprechende Kontakte dastehen. Die digitale Verbandelung ist immer nur einen Klick entfernt. „Willst du mein Freund werden? Also, hier, in diesem Netzwerk? Wer weiß, wofür das noch einmal gut sein kann?!“
Stimmt. Wer weiß….
Aktive Web-Sozialisten gibt es zuhauf. „Top-Xing-Socializer“, überwiegend Männer, bringen es auf mehrere tausend Kontakte, sicher nicht alles „Freunde“, aber alleine das Pflegen dieser Massen dürfte ein Fulltime-Job sein, der mit gelebter Bekanntschaft oder gar aktiver persönlicher Beziehung wenig gemein hat.

Mich ermüdet mittlerweile dieses nicht nur digitale Getue, welches den Begriff der Freundschaft in der (Web)-Welt massiv zweckentfremdet. Wahre Freundschaft ist ungefähr genauso schwierig zu finden, zu entwickeln und zu pflegen, wie die passende Ehefrau. Manche sagen sogar, dass es noch viel schwieriger sei.

Der Psychologe Herb Goldberg wird zur Definition des Freundschaftsbegriffs in Abgrenzung zur „Kameradschaft“ und anderen „Nutz- oder Zweckfreundschaften“ bei Wikipedia referenziert:

…Sie (die Freundschaft) sei unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass Menschen aus Gründen zueinander kommen, ohne bestimmte Ziele, Zwecke, Nutzen etc. zu verfolgen. Diesen Menschen sei es in ihrer Beziehung zueinander nicht mehr wichtig, ob sie selbst Gewinner oder Verlierer sind; Überlegenheit spielt keine Rolle mehr….

Wenn es danach ginge, habe ich wohl drei oder vier Freunde, womit ich mich glücklich schätze. Aber damit lässt sich vermutlich kein soziales Netzwerk spannen, welches mit Sehnsüchten der Quantitäten spielt, sowohl auf Betreiber-, als auch auf Nutzerseite.

18 Kommentare

  1. Timm

    Just my full ack.
    Aber im Real-Life ist es noch viel schlimmer. Vor einigen Jahren sagte ein ‚Kumpel‘ meines Vaters mal zu mir:
    „Du wirst Freunde und du wirst Kumpels haben. Mit Kumpels gehst Du einen saufen, mit Freunden teilst Du die Probleme mit Deiner Frau“

  2. HCL

    also das zitat passt doch total gut für twitter friends:
    ohne Ziele, Zwecke, Nutzen? passt!
    Gewinner, Verlierer? nix.

    ansonsten hast du natürlich recht, vor allem das verwalten von sogenannten freunden in mehreren communities gleichzeitig ist grauenvoll.. deswegen gibt es ja häufig „import“-funktionen, wo man einem dienst sein passwort für einen anderen dienst gibt. ich finde das so gruselig, dass ich das nicht mache, auch wenn es praktisch wäre.

  3. souli

    Wirklich ein sehr guter Artikel. Wobei ich glaube, dass das Ganze in „jungen“ Social Networks noch viel schlimmer ist. Damit meine ich keine Startups, nein, ein altbekanntes: schuelerVZ.
    Dort gibt es Leute die haben 300 *Freunde* an der eigenen Schule und kennen nicht einmal diese alle persönlich. „ui, die kenn ich vom sehen! oh, die heißt ja Müller mit Nachnamen.“

    Ist bei diesen ganzen Spielereien werkenntwen eigentlich besser? Dort wird man nur gefragt, ob man Person x oder y „kennt“, nicht, ob man mit ihr befreundet ist. Dort sehe ich persönlich noch eine Grenze.

  4. M.

    @2: Bei Twitter gehts dann aber doch am meisten ums profilieren.

  5. H-Gen

    Also ich sehe das aus zweierlei Sicht.
    Erstmal aus meiner persönlichen. Da stimme ich dir absolut zu. Auch ich habe 2,3 jeweils männliche und weibliche (^^) Freunde. Dazu kommen eine Hand voll wirklich guter Kumpels. Wenn ich aber bei MySpace (für mich immer noch Paradebeispiel „falscher Freundschaften“) andere Nutzer mit >2000 und mehr Freunden sehe, dann weiß ich sofort, was ich von solchen Menschen zu halten habe. Es geht um die Selbstdarstellung und Inszenierung. Die leider immer mehr betreiben. Natürlich im Web, weil sie da einfacher funktioniert. Ich persönlcih habe meine „echten“ Freunde und Bekanntschaften da und einige Bands, die ich gern höre…aber ich stelle mir auch oft die gleichen Fragen: was soll ich eigentlich damit…Ähnlich ist es mit StudiVZ…

    Die andere Seite ist der Marketingaspekt. So nutze ich sowohl StudiVZ als auch MySpace als Hauptdistributionsweg und wichtigen Informationskanal. Seien es Ankündigungen für Konzertveranstaltungen oder andere Dinge. Bei meinem Projekt AlternaStyle (alternastyle.de) das ich zusammen mit einem Freund und 4 anderen Studenten betreibe geht das ganze sogar soweit, dass neben Mundpropaganda nahezu ausschließlich via MySpace kommuniziert wird. Das bedarf dann intensiver Pflege und Kommunikation, mit derzeit reichlich 1000 Freunden, aber am gewonnen Feedback zeigt sich auch, dass es sich durchaus lohnt.

    Also ohne dem Social-Network-Nutzungsverhalten der heutigen Generationen wäre so ein Projekt ungleich schwerer zu realisieren.

  6. Andy

    Ich hab schon wieder den Begriff „Twitter“ gelesen … oh, ich hasse es ;-)

  7. ramses101

    „Inflationär“ ist genau das richtige Stichwort. Aber so ist das eben. Sprache verändert sich und mit ihr die Bedeutung von Wörtern. Ich glaube nicht, dass die heute 15jährigen mit dem Wort „Freund“ das gleiche verbinden wie die Ü-30jährigen. Die halten es vermutlich eher wie Queen:

    „It’s not easy love, but you’ve got friends you can trust,
    Friends will be friends,
    When you’re in need of love they give you care and attention,
    Friends will be friends,
    When you’re through with life and all hope is lost,
    Hold out your hand cause friends will be friends right till the end“

    Im heutigen Sprachgebrauch ist der Begriff des „Freundes“ vermutlich oberflächlicher geworden, wobei „oberflächlich“ hier beschreibend, nicht wertend gemeint ist. Also eher im Sinne von „Freund oder Feind“. Mit wäre es auch lieber, wenn die „Friends“ auf MySpace die „Bekannten“ blieben. Immerhin heißt es bei Xing noch „Kontakt“.

  8. Trends

    @ M:

    Auch bei Twitter geht es vielen um die Zahlen und gute Plätze in den Charts. Es ist jedoch bei allen Netzwerken oder „Communities“ auch möglich, Freunde zu finden. Es kommt viel auf die eigene Einstellung an.

  9. Timo

    Ein Thema, bei dem ich zwiegespalten bin.
    Einerseits seit 15 Jahren „Power-User“ im Web (eigentlich schon länger, aber die Anfänge mit Amiga 500, externem 1k3-Modem und DatexJ seien hier vernachlässigt) und in Communities großgeworden (dabei alle Höhen und Tiefen erlebt bis zum Exzess – und langsam muss auch ich sagen: es langweilt), durchaus auch die Vorzüge von Networking der modernen Art kennen- und schätzengelernt. Gleichzeitig steht mir dabei immer meine Erziehung im Weg, die es mir verbietet, Freundschaften (oder ähnliches) ob des bloßen Vorteiles wegen einzugehen. Es fällt mir unheimlich schwer, bei Xing auf einen Kontakt zuzugehen, Smalltalk zu beginnen und ihn dann möglichst gewinnbringend zu instrumentalisieren – auch wenn mir bewusst ist, dass es gerade dort um nichts anderes geht.
    Ich habe eine ablehnung gegenüber Communities, in denen mit dem Wort „Freundschaft“ um sich geworfen wird und dabei vernachlässigt wird, wie selten echte (sic!) Freundschaft ist. Auch nach einem herben Rückschlag in meinen ersten Gehversuchen im Geschäftsleben (vgl. mein Blog) wurde ich auch von vermeintlichen Freunden über den Tisch gezogen.
    Aber ich möchte nicht den Anschein erwecken, als sei ich enttäuscht und verbittert – nein, ich habe ein paar echte Freunde, und schätze mich sehr glücklich über diese :)
    Aber: obwohl ich auch multimedial sehr aufgeschlossen bin – entsprangen die wenigsten meinen Kontakten im virtuellen Leben.

  10. Christian

    Xing ist in diesem Zusammenhang falsch erwähnt. Bei Xing hat man keine Freunde, sondern wie du geschrieben hast nur Kontakte. Ein erheblicher Unterschied. Und viele Kontakte sind im Geschäftsleben normal und wichtig.
    Ansonsten: volle Zustimmung… :-)

  11. derherold

    „…mit Freunden teilst Du die Probleme mit Deiner Frau”

    Mit Freundin(nen) ! ;-)

    Man sollte Freundschaften und „Kontakte“ unterscheiden.
    Die Diskussion erinnert mich stark an das Gejammer in Ostdeutschland, wo das Zerbrechen alter sozialer Beziehungen bejammert wurde – ohne daran zu erinnern, daß es sich hier häufig um „Not- und Hilfsgemeinschaften“ handelte, die Mängel in der Warenwirtschaft überbrücken sollte…. und nichts anderes.

    Wer Freundschaften und die als Hobby (myspace, Stammtisch) oder beruflich (xing, Stammtisch, Berufsvereinigung) entstehenden „irgendwann vielleicht mal nützlichen-„Kontakte oder gar die gute alte Kundenpflege nicht auseinanderhalten kann, hat mE ein ernsthaftes Problem.

    „Inflationäres“ entsteht nur im Kopf.

  12. ramses101

    “Inflationäres” entsteht nur im Kopf.

    Seh ich anders. Wenn bei mySpace jemand 2000 „Friends“ hat, dann ist das inflationär. Freundschaft nährt sich aus Sympathie und Vertrauen. Wie soll das bei 2000 Leuten, die man nicht mal kennt, denn bitte gehen? Würde es auch bei mySpace „Contacts“ heißen, hätte ich damit ja kein Problem. Kontakt hat man schließlich schnell.

  13. derherold

    „Wenn bei mySpace jemand 2000 “Friends” hat, dann ist das inflationär. Freundschaft …“

    Man hat keine Freundschaften auf *myspace*.

    .. andere Leute sammeln Bierdeckel aus Europa und derjenige halt „friends“. Irgendein bekannter britische Wirtschaftsjournalist schrieb vor ein paar Monaten, daß es in merry old england zum Bürosport mutierte, möglichst viele „friends“ auf einer Business-Plattform vorweisen können … also eine Moorhuhn-Variante. ;-)

  14. ramses101

    Sag ich ja, nenn es anders und ich hab kein Problem damit. Kontakte können zwar auch inflationär sein, zumindest, wenn man auch da die Qualität vor die Quantität stellt. Aber Kontakte können eben durchaus auch der Tatsache basieren, den gleichen Menschen zu kennen und sich deshalb angemorst zu haben. Von daher bin ich bei dem Begriff toleranter. „Friends“ sind aber was anderes.

  15. joggah

    zunächst mal: Schöner Beitrag, Roland.. Willst nicht mein Freund werden bei Xing. :)

    „Inflation der Freundschaften oder Kontakte.. “

    Lirum larum: Man sieht doch am obigen Beitrag vom H-Gen, dass Freunde/Kontakte nicht nur zum angeben sondern auch als „Kundenansprache“ genutzt werden. Alle nachfolgenden Beiträge, die das dramatisieren, stellen also ein einziges Gejammer dar. Die Angeberei mit vielen Kontakten wird sich in bälde auch legen – online social networks haben in der masse schließlich nur eine kurze Geschichte.

    Was ich aus soziologischer Sicht auch sehr interessant finde: Wir sprechen bei SocialNetworks immer über das Wachsen der Freundesliste; nicht aber darüber was passiert, wenn dir auffällt das wer „von board“ gegangen ist. Was ist das für ein Zeichen? Das ergibt auch psychologisch eine völlig neue Sensibilisierung. Wie verhalte ich mich wenn ich jemanden in realer welt treffe, der zuvor meine online – freundschaft gekündigt hat? Welches Zeichen ist es, wenn auf Bildern verlinkte Personen ihre Links rausnehmen oder rausgenommen werden?

    Und auch ich sehen die gute alte „offline“ Freundschaft zu einigen wenigen Menschen als wirkliche Freundschaft an.

    Welch besseren Schluß als diesen – Heinz rühmann mit den drei von der Tankstellen (genau 3! freunde :)

    youtube.com/watch?v=...

  16. crss

    In MySpace (und jedem x-beliebigem Social network) added man Profile (und eben NICHT unbedingt Personen).

    Im Grunde ist dies nicht weiteres als ein RSS-reader, denn nun erfahre ich über Bulletins, Mitteillungen usw. was sich dort bewegt. Siehe Bands, Grafiker, Kübnstler, jemand den ich mal kennegelernt habe – und es mich eben interssiert was er so macht.
    Die Kommunikation funtioniert ja eben auch andersherum, denn ich kann ja nun auch die Kanäle nutzen.

  17. Alex Reinhardt

    @Timm Genau….

    Ich selber unterteile alle meine „sozialen Kontakte“ folgender maßen

    Eltern – Geschwister (klar)
    Verwandte (sehe ich hin und wieder und so)
    Freunde (treffe ich regelmäßig und teile „mein Leben“)
    Kumpel (treffen immer mal wieder und ne Mischung zwischen Party und „teilen“)
    Bekannte (trifft man nur auf Parties und quatscht da so rum)
    Sportkameraden (teile ich meinen Sport und Events)
    WebKontakte (sind bei mir gelistet, VZ, FaceBook, Xing man mailt mal oder so)

  18. Katharina

    Freunde, ein so wichtiges Thema im Leben, etwas Kostbares, etwas mit Arbeit verbundenenes, weil man/frau sollte in Kontakt, in Beziehung bleiben, obwohl die „echten“ Freunde verstehen auch Sendepausen, finden sich nach Jahren sofort wieder, haben keine Vorwürfe, keine Erwartungen, sie verstehen…sie sind bei dir, nicht nur bei sich. Das ist das Entscheidende! All die communities im Internet sind ziemlich fürn Arsch, außer man findet seinen Liebsten/seine Liebste, solls ja geben…man sollte sie im Leben finden, sie lebendig halten und das ist die Aufgabe, das Glücklichmachende…ich habe meine beste Freundin gehabt, sie ist einfach gegangen, hat aber ihre Spuren hinterlassen, die bleiben, das ist Freundschaft über den Tod hinaus…

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