01.06.08
09:47 Uhr

Spiegel Onlines wichtigstes Kulturthema am Wochenende

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Solange die neuen Blogs noch nicht fertig sind, muss ich meinen Gedanken abseits von Werbung hier einen Raum geben. Ich entschuldige mich also für die kurzzeitige Werbeunterbrechung.

Spiegel Online, das digitale Erbe von Rudolf Augstein, quasi der deutsche Nachkriegskulturbegründer des investigativen Journalismus, gehört sicherlich zu einem Messinstrument für deutsche Kultur. Augstein wird sich auf Wolke 7 zwar keine großartigen Gedaken mehr um sein gedankliches Erbe machen, dafür wird dessen Tochter umso schmerzhafter die derzeitige Wandlung eines anerkannten und seriösen Nachrichtemagazines erleben. Natürlich ist „online“ nicht „print“, aber wer genau dieses Argument benutzt, verkennt den Ernst der Lage. „Online“ wird natürlich irgendwann das neue „Print“, es ist die Fortsetzung unseres Informations- und Wissensaustausches auf digitaler Ebene. Daher ist es eigentlich umso erschreckender, dass dieses einst so großartig tiefe Nachrichtenmagazin im Onlinebereich sich verstärkt substanzlosen Themen auf Bildzeitungsniveau widmet. Statt selbst die Masse zu bilden, lässt sich das Magazin nun von ihr bilden. Ein Netz für potenzielle Nischen mit viel Raum für Tiefe verkommt zu einem flachen fernsehgeprägten Medium.

Das hauseigene Ressort Kultur beispielsweise betrachtet den Millionengewinn von Oliver Pocher beim „Wer Wird Millionär Promispecial“ als wichtigste Meldung aus allen anderen weltweiten Kulturmeldungen und -ereignissen. Diesen Satz bitte zweimal lesen.

Oliver Pocher, Sinnbild einer Assi-Dumpfsinn-Jugendwerbekultur, die den Schritt in die Mainstreamerwachsenenwelt gar nicht mehr gehen muss, wird auf Spiegel Online für sein Trivialwissen (mehrere Joker inklusive) in einer Trivialunterhaltungssendung als große deutsche Kulturrevolution gefeiert. Der Kulturinteressierte sollte es sich übrigens auch nicht nehmen lassen, den Erfolgsweg von Jugend- und Werbeikone Pocher virtuell nachzuwandern. „Hätten Sie es gewusst? Hätten Sie sich die Millionen auch so hart „erarbeitet“?

Egal. Die wichtigste Botschaft für mich ist, dass Oliver Pocher – und alles wofür er steht (Spiegels Werbekunden inklusive) – nun endlich sich zur ernsthaften deutschen Kulturszene dazuzählen darf. Gratulation!

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19 Kommentare

  1. de_signer

    Junkentertainment für Gehemmte
    brandeins.de/home/in...
    im Land der Idioten brandeins.de/home/in...

  2. Kommentator92

    Nicht zu vergessen die Meldung über „Schlag den Raab“.

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @de_signer
    „Aus der Reihe der Gehemmten rekrutierten sich die, die das kreative Potenzial der Gestörten ausbeuteten und nutzten. Die Gehemmten nannten sich Praktiker, während man die Gestörten zu Theoretikern machte. Das lernen bis heute alle schon in der Grundschule. Die Kreativen sind zerstreut, wuselig, irgendwie nicht lebenstauglich. Erst durch die feste und ordnende Hand der Praktiker werden ihre Ideen nützlich. Kreativität ist demnach ein Rohstoff, so wie Kohle und Öl, der erst durch eine starke latent gehemmte Klasse zu etwas Nützlichem wird.“
    Danke für den Link und den Artikel von Wolf Lotter. Das entspricht in etwa auch dem, was ich hier
    werbeblogger.de/2008...
    ,vor allem im zweiten Teil, beschrieb…

  4. Vroni

    Die ZEIT online ist auch nicht viel besser.
    Sie gibt sich kulturbeflissener als der Spiegel, aber es es steht genauso dämlicher Mist drin. Im Print genauso übrigens. Das fällt aber nur auf, wenn man zufällig über das Geschriebe oder das Fach Bescheid weiß

    Ein ZEIT-Beitrag im Fäuleton (Buchrezensionen, allgemeines) behauptete allen Ernstes, dass Eric Bernes „Spiele der Erwachsenen“ zur erotischen Literatur gehöre. Hrrggs. Nuja, die Zahnarztfrauen werden es nicht gemerkt haben.

  5. Max

    Hier auch noch einen Link über einen Fauxpas der Kultur beim Spiegel: heise.de/tp/r4/artik...

  6. Vroni

    Es ist mir zu Ohren gekommen, dass der neue Chefredakteur des SPIEGEL den derzeitigen online-Auftritt ent-boulevardesken wolle hin zu seriöseren SPIEGEl-Tugenden.

    Des Spiegels core asset war Politik und, bis in die 80ern jedenfalls, sein Esprit und seine anspruchsvoll-freche bis zynische Schreibe. Nicht Kultur. Man las den SPIEGEL wegen seiner Schreibe. Online ist davon kaum mehr was zu spüren, es ist der gleiche Pseudo-Ton, der einem auch von anderen online-Medien entgegenkommt: oberflächlich, flache reißerische Headlines, Texte voyeurhaft, aber ohne Esprit.

    Ich weiß aber nicht, ab wann das Entboulevardisieren sein soll und ob sie bereits an einem neuen anspruchsvolleren Konzept arbeiten.

    Ansonsten, wie gesagt, mit dem Kulturbegriff hapert es allenorten, nicht nur in der Spiegel-ei. Die Idee zu führen (der Gedanke von Patrick) statt von den Massen und ihrem Geschmack geführt zu werden, halte ich für Henne-Ei. Man wird immer das schreiben, wovon man hofft, dass es zumindest irgendjemanden interessiert, dass es wer lesen mag. Das ist der innere Faden, den eine Chefredaktion hat, den ein kleiner Freelance-Journalist hat der Artikel einreicht, den auch ein Blogger hat. Außer man will therapeutische Funktionen („Ich schreibe nur für mich selbst“). Es ist also ein Bezugssystem, aus dem man schwer ausbrechen kann, in dem aber mal das eine, mal das andere die Überhand hat.

    Kultur ist vieles, auch Phänomene wie Pocher.

    Gottseidank aber vorbei die Zeiten, als uns U wie Unterhaltung noch als was für Dummen von oben hochherrschaftlich eingeprügelt wurde und langweiliges E (wie Ernsthaft) als DIE Kultur bis in die 80er hinein schlechthin weisgemacht wurde. Also quälten wir uns alle durch die quälend-langweiligen Buddenbrooks, an denen es nur im letzten Drittel etwas interessant wird. Als es um die Leiden des kleinen Hanno in der Schule geht(das war aber dann umso brillanter).

    Des Spiegels Haupt-Problem ist aus meiner Sicht nicht unbedingt Pocher, Rab oder Ranitzkel – ihr verzerrter oder nicht verzerrter Kulturbegriff oder wer die Deutungshoheit drüber habe, was Kultur sei, U oder E oder eine genialische Mischung – sondern WIE sie darüber berichten. Dass sie ihre core assets „gleichzeitig frecher und anspruchsvoller SCHREIBSTIL“ und engagiert „Politisches“ vor allem in ihrem Online-Auftritt verwässert und damit beschädigt haben.

  7. Julian

    Ich sag nur: Opium des Volkes.

    Und jetzt sag ich doch noch was: Demokratie funktioniert bei kulturellen Werten nicht. Denn dort ist das Besondere, das Herausragende, das sich von der Masse absetzende das Gute, nicht das, was die Masse schön findet. Pocher ist der Röhrende Hirsch der Generation Boah*, und wenn Spiegel Klicks will, dann schreibt Spiegel natürlich für Boah. Ich les kaum noch rein, so arm find ich das.

    *Die Generation Boah ist nicht durch Jahreszahlen festhaltbar, sondern eher ein Attribut.

  8. Vroni

    Julian,
    leider muss ich widersprechen. Kultur ist nicht automatisch „Hochstehendes“. Auch Jahrmarkt, Marktschreierei, Boah, Bohei und Gemüsemarkt sind Kultur. Halt eine andere.

    Bevor wie uns aber in einer müßigen Debatte über Begriffsdefinitonen verlieren, möchte ich einwerfen, dass das Internet selber zu großen Teilen eine ausgeprägte Boah-Kultur ist und hat. Ohne den Spiegel jetzt verteidigen zu wollen. Patricks Einwand stimmt ja im Großen und Ganzen.

    Denn:
    Schau ich in die Kommentare vieler Blogs, ist da auch kaum mehr als „Boah geil“ oder „Boah wie grässlich“ und vor allem das wunderhässliche Wort „Fremdschämen“. Und jetz neu: Twitter. Mehr als solche Boah-Sätze kriegen die meisten da drin doch auch nicht fertig. Von den sprachbegabten Wenigen abgesehen, die die Twitter-Technik nutzen, um brillante Kurzperlen in den großen Heuhaufen abzulaichen.
    ;-)

  9. derherold

    Ich sage es äußerst ungerne *hüstel* aber ich hatte beim „Aufschlagen“ von SpOn den gleichen Gedanken, der sich aber noch nicht einmal an Pocher festmachte, sondern an der Ballung von Themen wie A. Jolie, Raab und Bush-Ranch.

    Adenauer soll ja mal gesagt haben, der Spiegel sei für Dr. Lieschen Müller und irgendwie wirkt das Magazin thematisch/moralisch ausgebrannt…
    … seien wir ehrlich: das „einesTages“ wirkt nicht nur ältlich, sondern hat einen „leichten“ 68/33-Überhang und wenn ich mir den einen oder anderen SpOn-Forums-Beitrag durchlese (bevor ich einen schreibe, möge mir meine Rechte verdorren), glaube ich an Dr. Spieschen Müller. ;-)

    Darüberhinaus habe ich den Eindruck, daß der Pocher-Beitrag nur ein „Nachmachen“ eines Artikels in der *faz* (zum Vollidioten-Start) war und man wollte sich die „Deutungshoheit über Pocher“ zurückholen … und vllt. auch dem ehem. Spiegel-Heros H. Schmidt eins auswischen. :-)

  10. Vroni

    Ach waren das Zeiten, als Kohl und Strauß den Spiegel entweder gehasst (Strauß: „Ratten und Schmeißfliegen!“) oder angeblich nie gelesen (Kohl) oder gefürchtet haben (Barschel?).

    Deswegen hatte ich ihn mal gelesen. Es war ein Fest, ein großes Kino der hämischen Schreibe, der Edelfeder-Attacke. Nicht wg. Kultur. Da hat er noch nie was gekonnt. Jetzt ist er überall ein zahnloser Tiger.

    Gewohnheitsmäßig immer hübsch gerade gegen die dran seiende Regierung angeschrieben, hat er für mich endgültig seien Grenzen überschritten, als er Merkel als Kanzlerin herbeischrieb. Das habe ich ihm nicht verziehen und ich kaufe den Print-Spiegel seitdem konsequent nicht mehr. Das war kein investigativer Journalismus, das war Missbrauch.

  11. marie

    Abgesehen von dem, was als Kultur gilt oder nicht… Ich finde es interessant wie viele externe Redaktionen oder Unternehmen sich in den Kulturbereich bei SpOn eingekauft haben. Vielleicht meint Spiegel ja, dass es nicht so schlimm wäre – es ist ja „nur“ Kultur. Und man kann den Leuten noch mehr Content bieten…
    Nun, ich für meinen Teil, finde das hochgradig Image schädigend. Denn objektiv ist das ganz sicher nicht. Für meinen Geschmack auch qualitativ grenzwertig… Objektivität und journalistische Unabhängigkeit sollte immer soweit wie möglich gewahrt bleiben.

  12. Julian

    Hi Vroni,

    Du hast natürlich recht, Kultur ist überall und alles. Das meinte ich ja auch gar nicht, was ich sagen wollte und wohl unglücklich ausgedrückt habe, ist: Die Einstellung „Esst mehr Scheiße, hundert Millionen Fliegen können sich nicht irren“ führt halt dazu, dass Pocher nachrichtenwürdig wird…

  13. derherold

    Nietzsche hat gesagt, daß *Kultur* das einzige ist, was wirklich zählt.

    Er hat recht … er konnte nur nicht wissen, daß es sich dabei um *Pop-Kultur* handeln würde.

  14. Vroni

    Julian,
    du hast natürlich auch recht.

    Das Prob ging aber schon viel früher los: Man hat ja auch erreicht, das so ein Mann wie Bohlen nachrichtenwürdig ist. Als alte Neuzeit-geschichtsbewusste Fuzzi_iene gehe ich noch einen Schritt weiter, und versetze deine Behauptung noch mehr in die jüngere Vergangenheit: Man hat ja auch in den 90ern erreicht, dass das, was sich allgemein deutsche Thrashkultur nennt (mit Wiegald Boning im bunten Gardinen-Anzug und und mit den krausen Dada-Späßen des Jazzers Helge Schneider hat es angefangen und endet mit den völkerverbindenden Prolls – immerhin – Stefan und Erkan noch lange nicht) nachrichtenwürdig ist.

    Ja, es sind ziemliche Qualitätsunterschiede. Wie kann ich Unholdin das vermanschen, ohne gevierteilt zu werden? Stattgegeben. Das Prob ist, dass viele Leute draußen nicht mehr – und mittlerweile die Journaille auch nicht, denn auch sie ist junge „Leut“ – diese Differenzierung noch geistig vornehmen können, machen können. Es sieht so aus, als hätten wir es tatsächlich mit einer geistigen Verdünnpfiffung zu tun, die die Journaille und ihre Leser gleichermaßen ergriffen hat und sich gegenseitig weiter aufschaukelt.

    Hämhäm:
    Das kommt davon, wenn man Thrash zur Kultur macht :-), das ist fast eine Goethesche Zauberlehrlingsgeschichte: Das Wasser läuft und läuft, man/er kann es nicht mehr stoppen, weil ihm der Spruch zum Stoppen fehlt – und irgendwann erkennt keiner mehr genau in unsere Gib-Gas-ich-will-Spaß-Manta-Ecke, was ist Zitat und was ist Satire und was ist nur noch echt blöd und daneben. Es ist eine Geschichte von verwischten Grenzen. Das hammer nu davon^^.

    Nochn Argument:
    Und der Spiegel (und restliche Medien) könnte endlich hergehen und auch im Online-Bereich ordentliche Leute, die geistig noch zu reflektieren imstande sind, ordentlicher bezahlen. Dann kommen auch ordentlichere und differenziertere Artikel bei raus :-)
    Das kommt alles von das und der geistigen Spaß-Seuche wie oben beschrieben. Die Kurzdenker sind am Hebel und ist richtig brutal.
    _________________________
    Vielleicht sollte der Spiegel seine Proll-Kulturdinger im Twitter-Style abfassen. Vielleicht werden sie dadurch sogar besser *feix*

  15. Zuckermann

    ah geh, der spiegel war doch schon IMMER billig provokativ rhetorisch unterwegs. man sehe sich nur die titelbilder an und die „themen“ an. so funktioniert eben journalismus, da muss jede woche ein aufmacher her – und wenn keiner da ist (obwohl es weiss gott genug da draussen gäbe, über das es sich zu schreiben lohnte), dann wird eben einer gemacht der verkauft.
    die sogenannten seriösen medien sind in vielerlei hinsicht natürlich auch zur einfachheit (und unterhaltung) angehalten, „und immer an die leser denken…“

  16. ramses101

    Mein Spiegel-Abo hab ich vor einiger Zeit gekündigt. Das war einfach nur noch banal, austauschbar und lustlos (von Thomas Tuma abgesehen, aber einer allein reißt es eben nicht raus.)

  17. werbetroll

    patrick „ich bin allem und banaler werbung sowieso überlegen“ breitenbach und vroni „ich hab wirklich zu allem mal irgendwas gelesen“ hacken zusammen mit der „früher war alles besser fraktion“ auf dem spiegel und seiner olli pocher berichterstattung rum. wie wärs einfach mit ignorieren? lest es nicht, wenn ihr nicht wollt. der spiegel versucht auch nur seine klickzahlen in die höhe zu treiben und dumm klickt bekanntlich gut.

    dieser kommentar kann auch gelöscht werden, so wichtig ist er nicht.

  18. Patrick Breitenbach

    Ich finde deinen Kommentar wichtig Björn, denn er sagt sehr viel über den Kommentator selbst aus.

  19. jfk

    @werbetroll: dem ist nichts hinzuzufügen. Volle Zustimmung von meiner Seite.

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