27.05.08
00:29 Uhr

Gedanken-Stream VI: Zwitschern

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Twitterer twittern am liebsten über das Twittern. So wie Blogger am liebsten über Bloggen UND Twittern bloggen. Doch wie oft wird in Foren über Foren, im Radio über das Radio gesprochen? Am Grad der Selbstreferenzialität kann man jedenfalls die Power (nicht zu verwechseln mit Reichweite) eines Mediums messen. An den darin enthaltenen Informationen erkennt man bruchstückhaft die Denkstruktur und -leistung des Einzelnen. Da es Bruchstücke sind ist die Gefahr natürlich ziemlich groß, man erscheint über Twitter „gewöhnlicher“ als das vielleicht beabsichtigt war (oder war es war dann am Ende doch schon die Zurschaustellung der gesamten Oberfläche?). Einsame Twitter-User sind übrigens meist Menschen, die entweder nichts von sich preisgeben, also keine Rexlexions- (weg damit) oder Absorbtionsfläche (will ich mehr hören) bieten oder selbst andere weder absorbieren (zuhören), noch reflexieren (antworten) oder sich eben ganz bewusst in kleinen aber wertvollen Kreisen bewegen.

Twitter hat leider das Zeug zum Massenmedium, weil es die Häppchen in noch kleinere Häppchen aufteilen kann. Weil jeder zu einem gewissem Maße nur „Ich“ sein kann, wenn er das „Du“ nicht aus den Augen verliert. Und dennoch. Twitter ist ein pürierter zuckersüßer Soma-Brei, der uns weiterhin geistig fett und lethargisch werden lässt. Die bisher leichteste (bald ist bildertwittern noch leichter) und dank Individualismus auch geschmacklich beste Kost (dank „mobil“ dann bald omnipräsent) der existierenden medialen Welt. Ab und an ist mal ein knuspriges Nugget versteckt, doch zuvor muss man sich durch jede Menge Brei fressen (alles noch bezogen auf das mögliche Massenmedium). Das macht müde. Die Hoffnung ist, dass die Nuggets vielleicht irgendwann zunehmen oder ganz woanders auftauchen. Doch diese Hoffnung hat das Fernsehen zu seiner Zeit irgendwann auch erschlagen. Doch es ist ja nie ganz hoffnungslos.

Twitter ist eben auch ein therapeutisches Medium, bei dem wir all unseren Rotz endlich nach draußen abführen können. Beim Fernsehen lassen sich nur einige wenige im Land sehr direkt (und viele Millionen per Spiegelneuronen indirekt) durch den resoluten Schuldnerberater oder die modelartige Superpädagogin beraten. Doch es war wirklich mal viel schlimmer. Bei Meiser & Co wurden die Leute einfach nur als Freaks ohne „das Warum“ vorgestellt, das letzte bißchen Selbstachtung wurde dann durch buhende und johlende Studiomobs (die alle froh waren, dass sie nicht vorne sitzen mussten) entzogen. Keine psychologische Begleitung. Talkshows waren einfache seelische Schlachtetagen der oberflächlichen Unterhaltung.

Wenn also in den aktuellen TV-Quoten so geistreiche Unterhaltungsformaten wie GNT, DSDS und Wetten dass… ganz oben stehen oder „unsere“ „Vorzeige-Bildungssendungen“ „Wer wird Millionär“ lauten und durch Abfragen von trivialen Einzelfakten hervorstechen, dann ist diese Gesellschaft ganz klar in vielen Bereichen alarmierend kulturell unterentwickelt. Es ist leider nicht wichtig zu wissen wann „van Gogh“ geboren wurde, es ist wesentlich interessanter auf sein Leben im Ganzen zu blicken, die Zeit, die damalige Geschichte, die Gesellschaft und deren jeweilige Kommunikation zu untersuchen. Zu verstehen – statt Fakten zu archivieren und irrelevante Informationen aufzusaugen.

Heute wie damals machen wir nichts anderes. Wir befreien uns von ärgerlichen aber auch sehr schönen Dingen. Wir teilen sie mit anderen und drängen es ihnen gleichzeitig auf. Wir entledigen uns dem Leid – saugen aber parallel das Leid der anderen wieder auf. Ebenso wie wir Freude teilen und mit anderen erleben können. Wie man es in die Whole Wide World hineinzwitschert, so trällert es auch heraus. So ist und bleibt Twitter wie Blogs, TV, das Radio, das Fernsehen, die Telegrafie, die Buschtrommeln und Rauchzeichen lediglich ein Medium, ein Instrument, auf dessen Seiten der Mensch spielen kann. Es kommt einzig und allein auf Künstler und Zuschauer an. Sie bestimmen den Inhalt.

In Medien spiegeln sich Gesellschaften und ihr Geschmack, ihr Denkverhalten, ihre emotionale Befindlichkeit. Medien lassen uns „als Menschen“ erkennen, aber gleichzeitig eben auch formen. Medien sind Projektoren von Vorbildern (anderen Menschen). Wir entscheiden welche Diashow wir angucken oder ignorieren. Welchen Menschen wir was abgucken oder etwas beibringen, bleibt immer noch uns selbst überlassen. Aber natürlich ist Twitter nicht als alleiniges kontexttransportierendes Medium zu gebrauchen. Es produziert mal lockende, mal ignorierbare Slogans und Headlines. Die Tiefe erfolgt dann ganz woanders oder eben leider auch oft gar nicht.

6 Kommentare

  1. David

    Demnächst: ein iPhone-Programm welches automatisch twittert. Ich find twittern scheisse.

  2. ramses101

    „Tiefe“ ist weder eine Frage des Mediums, noch der Länge (oder des Umfangs) der Botschaft bzw. des Inhalts. Es gibt Leute, die bringen einen mit 140 Zeichen oder weniger zum Nachdenken und dann gibt es wieder Vögel, die schaffen das mit ganzen Büchern nicht. Wenigstens ist Twitter im Gegensatz zum Trash-TV ungefiltert – und ich kann mich entscheiden: Wähle ich den Brei oder die Nuggets? Ich persönlich habe mich für die Nuggets entschieden. Brei und dicke Sauce bekomme ich im Web auch sonst schon viel zu oft ungefragt serviert.

  3. Alex Martin

    Dieser Gedanken-Stream liesse sich eigentlich auch ganz gut in 140 Zeichen unterbringen, sage ich mal (ich-seiend, das Du nicht aus den Augen verlierend).

    :)

  4. marie

    … kommt darauf an, wie man tiefe definiert.
    um die nuggets aus dem brei zu filtern, muss man erstmal den brei untersuchen. den on-top-brei, alias twitter zum beispiel, der zu dem ganzen anderen (TV, Netz etc. pp.) noch hinzu kommt.
    beim tv selektiert man auch. man selektiert doch immer.

  5. Sag zum Abschied leise “Werbung” | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Sag zum Abschied leise “Werbung”

    […] Großteil der Leser gegenüber, die einfach nur aufbereitete witzige Werbung erwarten, also Brei im Brei im Brei. Diejenigen, die eher die ein oder anderen tiefen Momente im Werbeblogger genossen haben, werde ich […]

  6. LeserEins

    A propos selbstreferenziell und Twitter : selfreferential.info => Tweets in Twitter about Twitter

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