20.05.08
08:33 Uhr

Statement zur künftigen Entwicklung der Mediengesellschaft

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Telegrafennetz
Prof. Dr. Lothar Rolke bat mich per Mail um ein Statement zum Thema „Wie wird sich die Mediengesellschaft in den nächsten 10 Jahren weiterentwickeln und welche Konsequenzen haben diese Entwicklungen für die Unternehmenskommunikation?“ Das möchte ich euch nicht vorenthalten, allerdings in Form eines Gedanken-Streams (also keine nach standardisierten wissenschaftlichen Normen fundierte Abhandlung):

Es ist schon sehr amüsant, wenn man gerade in den Seiten von Neil Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ (welches das schriftliche Ergebnis leidenschaftlicher Medienkritik aus den 80ern, also zur Hochzeit des Fernsehens, ist) blättert und liest welche Auswirkungen der Morseapparat auf die damalige Gesellschaft hatte, währendessen man plötzlich erkennt, dass sich die mediale Geschichte gerade eben tatsächlich wiederholt. Das Telegrafieren von damals nennt sich aheute eben nur anders, besitzt aber das gleiche Prinzip, Intention und die vergleichbare Geschwindigkeit nämlich: SMSen, Chatten oder Twittern. Wir lebten seit der Einführung des Telegrafen (zuvor wurden Informationen mit maximal 55 km/h um die Welt transportiert) in einem globalen Dorf (übrigens sind das schon Postmans Worte in den 80ern, also vor dem WWW. Update: Marshall McLuhan skizzierte dieses Bild noch sehr viel früher), heute leben wir dank individueller Highspeed-Breitband-Vernetzung und multimedialen Aufzeichnungsgeräten bereits in einem globalen Wohnzimmer. Und morgen bzw. in 10 Jahren? Ja morgen könnten wir per mobiler unsichtbarer und permanenter Verdrahtung quasi bereits in einem globalen Gehirn unser Dasein fristen.


Der Schritt globales Dorf zu globalem Wohnzimmer lässt sich jedenfalls sehr deutlich anhand der bereits vergangenen Entwicklung der neuen Medien nachvollziehen.Der PC und das Internet, welche heute über 60% der deutschen Bevölkerung in welcher Art und Weise auch immer kommunikativ miteinander vernetzen, werden in den nächsten 10 Jahren die gleiche Nutzungsbreite abdecken, wie es heute die klassischen Medien in ihrer Gesamtheit bereits tun, bloß dass letztere sich einfach nur im gigantischen Fusionsmedium WWW komplett auflösen werden. Das Fernsehen wird dabei den Anfang machen, denn das Bewegtbildformat wird von der Masse der Menschen aufgrund seiner vorgetäuschten Leichtigkeit in paralleler permanent steigender Reiz- und Informationsüberflutung am meisten geliebt. Schnelle bekömmliche „InformHäppchen“, mit geringem bis gar nicht vorhandenen funktionellen persönlichem Nutzen, werden im Gegensatz zu scheinbar schwer verdaulicher Weltliteraturkost bevorzugt. So findet nicht nur eine Transzendierung von Informationen und deren Zusammenhängen statt, es entsteht dadurch leider auch ein unstillbarer Hunger nach Aufklärung und Entwicklung, die wiederum mit leichter Kost gestillt werden muss. Das Ergebnis: Der Mensch verhungert langfristig an geistiger Magersucht. „Wir amüsieren uns zu Tode“, so Postmans abschließendes Fazit und der Titel seines Werkes.

Das Internet als neues Medium bringt durch die Vernetzung und Archivierung aller bisher dagewesenen Medien parallel die große Frage, wie wir in Zukunft mit dem gigantischen Supermedium an sich umgehen. Was bedeutet die unglaubliche Themenvielfalt, die Geschwindigkeit und die immer stärker werdende Nähe zum einzelnen (Social Networks und alles Hosenherunterlassen im Netz) Menschen? Der große Paradigmenwechsel, der innerhalb der Mediengesellschaft im Moment stattfindet, ist auf dem ersten Blick lediglich das räumliche Zusammenrücken. Dadurch, dass der Konsument zum Prosumenten wird, dass er mobil dauerhaft im Netz ist, kann er praktisch heute schon sein gesamtes Leben digital in das WWW einspeisen. Er ist Intendant, Kameramann, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. Zudem kann er in jede erdenkliche Rolle schlüpfen und diese im großen Medium mehr oder minder erfolgreich ausüben. So speist er sich von und mit seiner eigenen Lebensumgebung direkt in die Lebensumgebungen und Köpfe der anderen Internetnutzer ein. Diese teilen entweder die gleichen Interessen (Freund) oder vertreten völlig konträre Denk- und Handlungsweisen (Feind). Dazwischen wird kommuniziert. Die räumliche Trennung der Beziehungsebene wird quasi aufgehoben. Doch wie verhalten sich die Inhaltsebenen? Rücken diese auch langsam zusammen?

Man möchte fast Neil Postman in die ewigen Jagdgründe nachrufen, es würde jetzt sicherlich bald alles besser werden. Der Mensch wird endlich wieder vernünftiger, denn er kann ja nun sein gesamtes Wissen vernetzen, er kann es vertiefen und vertieft weitergeben, er kann sich über andere Kulturen informieren und sich einen richtigen Kontext zu globalen Problemen verschaffen und damit wiederum Teillösungen liefern. Er kann sein Wissen blitzschnell dank interessanter interaktiver Lehr- und Lernmethoden vervielfachen. Er kann, er kann, er kann …

Aber was will er eigentlich? Unser Völkchen hat sich derzeit die Prime Time ihres Lebens für so wichtige Fragen reserviert wie welches Model schöner und dünner ist oder wer jetzt besser singen und mehr Platten verkaufen kann, statt sich mit Dingen zu beschäftigen, die unseren Geist bewegen uns überhaupt persönlich betreffen und uns nicht am Samstag Abend mit Seichtheit langsam aber sicher geistig ersticken. Natürlich, ein all zu „verkopftes Leben“ mag für viele Menschen als negativ empfunden werden, aber eben auch nur, weil sie nichts anderes mit den abstrakten Denkmodellen „Wissen“, „Denken“, „Eigenverantwortung“ und „Selbstbestimmung“ gedanklich in Einklang bringen können. So gehörten eher folgende Meme zum Standardprogramm heute denkresistenter Menschen:

Wissen ist Macht – nix wissen macht auch nix! (Paradox und damit ohne Funktion)
Nicht für die Schule sondern für das Leben lernen wir (Paradox, es heisst schließlich „Schulaufgaben“ und nicht „Lebensaufgaben“)
Sei nicht so neugierig! (Programm zur Verschlossenheit gegenüber Neuem)
Das ist halt so! (Programm zur Beendigung von weiterführenden Fragen)
Weil niemand in den Urwald flog und die Banane gerade bog. (Kapitulation gegenüber des Fragedschungels)

Wir weigern uns nämlich nicht einfach nur eigenständig zu denken, handeln und zu forschen, wir wurden auch daran gehindert, hindern uns jetzt gerade selbst und verweigern es parallel auch noch, unseren folgenden Generationen durch unsere Erziehung und Bildung geprägt von der Denkverweigerungshaltung. Es sind nicht die Medien, der Staat oder wer auch immer Schuld. Es liegt bei uns selbst. Der teuflische Schicksalskreisel verdammt die Mehrzahl der Menschen nur solange zur ewigen geistigen Bräsigkeit, solange sie nicht damit beginnen, etwas mehr in die Tiefe zu blicken, Dinge zu hinterfragen. Durch Meme wie : „Is hald so, kannschde net ändern, newohr.“, „Hat der Vaddar auch scho‘ g’sagt.“, „Doch, doch, das war so, ich habs im Fernsehen gesehen!“ oder „Was? Quatsch! Das ist doch wissenschaftlich bewiesen!“ behalten wir den geistigen Dämmerzustand künstlich bei. Entwicklung stoppt, die Singularität naht. Big Rip.

Doch ganz so Schwarz-Weiss ist es ja gar nicht. Es bewegt sich ja schon etwas, wir stehen nicht still. Und natürlich gibt es immer mehr Menschen, die sich nicht nur nach Tiefe sehnen, sondern sie auch wahrnehmen. Schließlich kann das Internet richtig viel Spaß machen und dabei auch noch das eigenständige Denken fördern. Daher lautet die spannende Frage nicht etwa, wie sich die Mediengesellschaft entwickelt, sondern wie sich der Mensch an und für sich entwickelt und in welchem Sinne er die fortschreitenden medial-technologischen Entwicklungen für sich nutzbar macht.

Jetzt habe ich ganz vergessen, die entsprechenden Auswirkungen auf die Unternehmenskommunikation zu skizzieren, doch dazu sollte ein paar Sätze nach diesen Ausführungen eigentlich genügen: Jede Marke hat ein Gesicht, wie der Mensch (Domitzlaff). Eine Marke ist dann erst richtig erfolgreich, wenn der Kunde sich selbst in ihr erkennen kann.

5 Kommentare

  1. Marco

    Sehr interessanter Beitrag. Wenn man die Geschichte der Menschheit verfolgt, wird es immer einige (oft wenige) Menschen geben, die tiefer bohren, die hinterfragen und sich Gedanken machen. Und es wird immer Menschen (oft sehr viele) geben, die scheinbar ruhig und völlig an der Oberfläche kratzen „dahintergleiten“. Ich denke, dass die Änderungen in der Medienlandschaft, diese Gegebenheiten nur transparenter und offensichtlicher machen. Jeder nutzt auf seine Art das WWW mit dem Unterschied, dass sein Verhalten und seine Gewohnheiten für alle anderen sichtbar und erfahrbar werden.

    Ich denke, dass Internet schafft eine Bühne, der jeder zuschauen oder selbst zu zum Akteur werden kann.

  2. Marco

    Sorry, ich meinte dahin gleiten, nicht dahintergleiten. :)

  3. mtg

    seh ich genauso..
    nur werden es wahrscheinlich immer weniger, die in die tiefe gehen wollen. gerade weil man alles „wichtige“ schon praktisch serviert bekommt und nicht mehr selbsständig forschen und tiefes interesse entwickeln muss.

  4. ghdt

    Guter Beitrag. Eine Kleinigkeit als Ergänzung: Das Bild des Globalen Dorfs hat Marshall McLuhan zwei Jahrzehnte vorher schon skizziert, nicht erst Postman.

  5. Max

    Ich denke da mal einfach irgenwie weiter…

    Tiefgründigkeit geht bestimmt nicht verloren, im Gegenteil, Tiefgründigkeit ist billig und einfach geworden, jedem zugänglich. Die Debatte um enzyklopische Wertigkeit in wikipedia und deren klarer Ausgang (wieviel steht über Dieter Bohlen im Brockhaus?) finde ich in diesem Zusammenhang symbolisch dafür, dass in Zukunft weniger das Wissen selbst sondern mehr Meta-Wissen den geistigen Unterschied macht. Oder wie es David Weinberger sagte, das Problem von zuviel Information wird mit noch mehr Information gelöst.

    Eben ist mir während dem lesen ein Verein eingefallen, den ich vor 10 Jahren im TV gesehen hab, aber ich wußte nur noch einige oberflächliche Fragmente darüber, gottseidank. Denn dank Google bin ich via Sekunden auf der Website (zeitverein.de) und weiß gleich 100mal mehr als ich jemals vergessen hab.

    Stichwort, Zeit, ich habe vor einem Jahr meinen Twitter-Acount angelegt, ein Testposting gemacht und gestern mein 2. Posting, in dem ich meinen 0-Followers einen Jahresbericht in 140 Zeichen gab. Ich hätte genausogut eine Postkarte an eine fiktive Adresse in den Briefkasten werfen können. Oder Twitter-Freaks würden statt 100-Followern 1000-Postings zu schreiben, 10 Leuten 100 Postkarten schreiben. Außer Nullen hat sich nichts verändert durch den Fortschritt, denke, dass wird auch für Unternehmen nicht anders sein, es denn man redet nur über Technik. Dass in 10 Jahren jeder mit einer High-Speed-Netz-Connection-Multimedia-CPU mobil durch die Gegend läuft ist fix, viel Spaß!

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