01:25 Uhr
Laissez faire, laissez aller
Industrie und Kultur? Passt das überhaupt zusammen?! Laissez faire. Laissez aller? Brauchen wir für eine gesunde Kulturentwicklung im Kontext weltweiter digitaler Verfügbarkeit den Grundsatz des bedingungslosen Wirtschaftsliberalismus?
Die in Tageszeitungen veröffentlichte Anzeige des Bundesverbandes der Musikindustrie hat auch Prof. Dr. Thomas Hoeren motiviert, einen polarisierenden Artikel im Beck-Blog zu veröffentlichen, der einen sehr interessanten Dialogstrang nach sich zog und noch zieht…
Seine Position:
Ich habe langsam die Nase von den Frechheiten der Musikindustrie voll. Undifferenziert wird auf Nutzer und TK-Industrie eingeschlagen. Falsche Zahlen (70% der TK-Nutzung seien illegaler P2P-Verkehr) werden kombiniert mit schrägen Vergleichen gerade mit dem Zensurland China und dubiose Zitate just von Mark Getty (”Geistiges Eigentum sei das Öl des 21. Jahrhunderts”). Die eigenen Haussklaven werden als Unterzeichner vorgeschickt und instrumentalisiert, statt sich mal zu fragen, ob man nicht als Musikindustrie angemessene Salärs an Kreative zahlt. Jede differenzierte Auseinandersetzung fehlt: Hat nicht der Gewinneinbruch in der Musikindustrie noch andere Gründe als P2P? Kann die TK-Industrie überhaupt effektiv den Zugang zu Websites sperren? Ist nicht Urheberrecht geprägt durch eine komplexe Suche nach einem Gleichgewicht zwischen schützenswerten Urheber-, Verwerter- und Nutzerinteressen?
Konsequenterweise kommen in Folge dieses Beitrages auch Vertreter der Musikindustrie zu Wort, namentlich Stefan Michalk, Geschäftsführer Presse & Public Affairs des kritisierten Verbandes:
…Ich habe die “Nase voll” von denjenigen, denen anscheinend jedes gesunde Rechtsempfinden abhanden gekommen ist: um zu wissen, dass man sich am Eigentum anderer – egal mit welcher selbstgebastelten Rechtfertigung – nicht einfach bedienen darf, braucht es kein jahrelanges Studium sondern nur ein paar moralischer Grundprinzipien, die man in der Regel mit der Erziehung mit auf den Weg bekommt…
Bei aktuell 119 Kommentaren kann sich der geneigte Interessent ein Bild machen, wie verhärtet die Fronten sind und -aus Sicht der “Unternehmenskommunikation Musikindustrie”- mit welchem Image der gesamte Verband mittlerweile zu kämpfen hat.
Da ich meine Meinung schon verschiedene Male formuliert habe, heute nur soviel:
Was können die Labels und Verlage im digitalen Umfeld überhaupt noch leisten, um wirklich einen echten Mehrwert für Künstler und Verbraucher zu erreichen?!
Musikproduktion (also Studiotechnik und Sound) sind heute bei Bedarf und vergleichsweise kostengünstig durch die Künstler anmietbar, so dass am Ende technisch eine professionelle Produktion steht. Es gibt zunehmend weniger Gründe für Bands und Musiker, sich dadurch an klassische Strukturen der Musikindustrie zu binden und Verwertungsrechte (und Erträge) abzutreten (Buyouts/Künstlervertrag). Aber es gibt ja auch noch Bandübernahmeverträge, die einen Musikschaffenden etwas weniger an die Plattenfirma binden. Nur warum sollten sie überhaupt noch diese Option in Erwägung ziehen?!
Der größte Hoffnungswert für Musiker liegt in der Annahme, dass eine Eigenvermarktung gegenüber einer Fremdvermarktung erfolgversprechender sein wird. Die Plattenfirma stellt dabei natürlich ihr wirtschaftliches Netzwerk und die etablierten Strukturen eines oder mehrerer ihrer Handelskanäle zur Verfügung und kassiert für diese Vermarktungsleistung relevante Anteile vom Ertrag.
Eine Plattenfirma lebt also im Wesentlichen von der evtl. Befähigung, (kommerziell) erfolgversprechende Künstler und Material zu sichten, ggf. Stilempfehlungen auszusprechen bzw. zu beraten und vor allem wirtschaftlich wirksame Vermarktung für ihre Künstler zu realisieren. Mit den zukünftig entscheidenden Vermarktungsmechanismen im Web ist dieses “Asset” nun elementar bedroht, denn jeder Musiker kann theoretisch und praktisch seine Schöpfungen direkt selbst an ein weltweites Publikum veröffentlichen. Wer als Label keine kommerziell funktionierenden Vermarktungskanäle im Web hat, wird sich also zunehmend weniger Sorgen um Musikpiraterie, sondern vielmehr um die ureigene Daseinberechtigung im Wertschöpfungsprozess “Musik” machen müssen.
10 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 6. Mai 2008 um 10:07 Uhr
Die Kunst kann ohne den Kommerz nicht und der Kommerz nicht ohne die Kunst!
Am 6. Mai 2008 um 10:49 Uhr
Die Musikindustrie ist immernoch gnatzig auf sich selbst, dass sie den Startschuss INTERNET verpasst haben… .
Am 6. Mai 2008 um 11:32 Uhr
Trent Reznor von Nine Inch Nails geht gerade auch mal wieder seinen eigenen Weg und stellt sein neues Album komplett (!) kostenlos auf seiner Website (www.nin.com) bzw via Bittorrent zur Verfügung.
SO schafft man sich eine treue Fanbase!
Angesichts der anstehenden US-Tour sicher nicht die schlechteste Aktion…
Denn Geld verdienen die Künstler in Zukunft zu 95% durch TV-Auftritte und Konzerte, sei es live oder als DVD/BluRay.
Dass dies das traditionelle Geschäftsmodell der Musikindustrie – den Verkauf von Tonträgern – obsolet macht ist tragisch für deren Mitarbeiter, jedoch führt langfristig kein Weg daran vorbei.
Die Musik in digitaler Form wird wahrscheinlich bald nur noch als Promotion für den Künstler selber dienen, Geld verdient wird auf anderen Wegen.
Am 6. Mai 2008 um 11:34 Uhr
@zanbato: Grad habe ich es in die täglichen Links gepackt! :-)
Am 6. Mai 2008 um 12:19 Uhr
@roland, im prinzip hast du recht, trotzdem darf ich mal eine kleine sichtweise “von unten” beisteuern, nämlich aus meiner erfahrung als teilzeitmusiker und auch mal bei plattenfirma unter vertrag gestanden habender:
eigenvermarktung via myspace, blogs, und twitter is ja alles ganz nice, kostet aber einen schweineaufwand – der dir nachher wieder zum musikmachen fehlt. von irgendwas leben muss man auch noch, also ist man auf einmal hauptberuflicher eigenvermarkter eines produkts, das man herzustellen eigentlich keine zeit mehr hat – und bezahlt wird man ja auch nicht dafür wie zb ein CD, der ja auch eher managed statt selber “kreativ” zu sein – hmmm….
ohne beste kontakte zu etablierten playern und deren netzwerken bestehend aus bookingangenturen, promoagenturen, presse, labeln (um zb mal was auf vinyl rauszubringen) uswusw. nützt dir auch das ganze schöne www. fast nichts, außer du stehst auf “thanks for the add” feedback.
es gibt natürlich ein paar wenige erfolgsstories des berühmten viralen effekts auch im musikmarkt, aber wenn man das mal mit der masse der aufmerksamkeit suchenden musiker da draussen vergleicht… minuscule, wie unsere fanzösischen freunde so schön sagen.
und kommt mir jetzt bitte nicht mit der qualität der musik, es kommt auf sog. “wichtigen” labels so viel schrott raus – zugegeben auf netlabeln allerdings auch;-)
fazit: ohne einen gut vernetzten effizienten vermarkter und viel offline (ja, ihr habt mich richtig verstanden) PR ist es schon mitunter sehr mühselig.
gesättigter markt halt.
@zanbato:sehe ich genauso – mit den soeben dargelegten einschränkungen, d.h. ohne das trent schon durch die klassischen mechanismen berühmt gewesen wäre, könnte er sein album eben 10x wegschenken, dann gäb#s nämlich auch keine US-tour…
Am 6. Mai 2008 um 12:30 Uhr
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Am 6. Mai 2008 um 13:25 Uhr
@Zuckermann:
Ich stimme dir aus Sicht einer Band oder gar Solo-Künstlers zu. Es ist unglaublich schwierig, in der Gigantomanie des Web musikalisch überhaupt aufzufallen. Nur sieht es eben für mich nicht so aus, dass die Musikindustrie hier zukünftig die bessere Alternative ist, da sie noch weniger “Zugang” zu diesem Markt besitzt und dafür dann eben noch zuviel “abzwackt”. Ganz anders sähe es aus, wenn die Musikindustrie eines schönen Tages ein funktionierendes, barrierefreies und im Lizenz/Preismodell akzeptiertes Portal ihr Eigen nennen könnte (oder sich alternativ in erfolgrieche PtoP-Technologien einkauft…) Wann und ob das überhaupt so passieren wird, steht allerdings in den Sternen.
Am 6. Mai 2008 um 14:27 Uhr
@roland, klar, ein gewisses channeling wird es immer geben, und viele künstler (ob sie nun gut oder schlecht sind sei dahingestellt) fallen eben einfach durchs “netz”… und eigentlich hätte die “gute” musikindustrie (oder “die guten” in ihr) auch alle voraussetzungen für ein solches, von dir skizziertes portal – dummerweise machen viele dieser leute klar, dass sie wirklich a) keine vision haben wie’s weitergeht und b) enem darum keinerlei gesprächsbereitschaft zeigen wollen. in der indi musik-”wirtschaft” ist man da wesentlich flexibler und unaufgeregter, man hatte ja eh nie groß geld und hat da alles auch immer irgendwie aus idealismus gemacht. also macht man releases eben heute häufig auf USB-stick (ohne DRM) oder partizipiert dafür eben anders an den gigs der promoteten künstler.
vielleicht sollte man mal nen track basteln, zielgruppe musik industrie manager, lyrics: “the times change, and YOU have to change with them” ;-)
Am 8. Mai 2008 um 21:19 Uhr
Super Beitrag! Man kann als Nicht-Texter nur immer wieder bewundernd den Kopf schütteln über jene Menschen denen das Wort vergönnt wurde. Mir war dagegen die Tat geschenkt worden und so mache ich … Sonnenschirme.
Und zwar je nach Auftraggeber, mit und ohne Ständer :-)
Am 9. Mai 2008 um 16:15 Uhr
@ Zuckermann ja. Danke!
@ Roland: Du schreibst “Es ist unglaublich schwierig, in der Gigantomanie des Web musikalisch überhaupt aufzufallen.” Da stellt sich doch direkt die Frage, muss man das? War es nicht immer so, dass Band live spielen, Menschen zu Fans werden, die Band hören wollen, die Band ein Demo aufnimmt und dann (vielleicht/hoffentlich) enddeckt wird? Einzig der Distributionschannel ist doch ein anderer. Wer meint eine reine und feine myspace/virb/whatever social netzwerk Präsenz reicht aus um Platten zu verkaufen und Musiker zu sein hat übersehen, dass es doch zu 99% darauf ankommt Musik zu machen, Menschen zu unterhalten und LIVE präsent zu sein. Dachte ich immer… Denke ich immer noch.