27.04.08
18:48 Uhr

Das Ohr am Datenstrom

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Internetpiraterie ist in bestimmten Kreisen zu einem regelrechten Volkssport geworden. Dabei- so zeigt uns die Geschichte- entsteht Piraterie vor allem dann, wenn bestimmte Rahmenbedingungen eine entsprechende Entwicklung begünstigen:

Piraterie stellt eine Grundkonstante der Kulturgeschichte dar, seit der Mensch zur See fährt. Sie entwickelt sich stets im Spannungsfeld zwischen Seehandel und Seekrieg, besonders wenn es in Zeiten gesellschaftlicher Instabilität leicht ist, Mannschaften aus den Massen der Unzufriedenen und Ausgestoßenen zu rekrutieren, wenn durch blühenden Handel ausreichend Beute vorhanden ist, wenn durch das Fehlen einer maritimen Ordnungsmacht ausreichend große Seegebiete als Operationsräume und sichere Häfen als Operationsbasis zur Verfügung stehen…“

Überträgt man nun diesen Text auf die moderne Internetpiraterie, so könnte man ihn entsprechend anpassen:

Internetpiraterie stellt eine Grundkonstante der Web-Kulturgeschichte dar, seit der Mensch (User) Waren digital beziehen kann. Sie entwickelt sich stets im Spannungsverhältnis zwischen digitalen Kaufangeboten und frei und kostenlos verfügbaren Gütern, besonders wenn es in Zeiten weltwirtschaftlicher Missverhältnisse leicht ist, User aus den Massen der nicht am „Markt“ beteiligten Menschen zu rekrutieren, wenn durch eine blühende Kultur ausreichend digitales Material vorhanden ist, wenn durch das Fehlen weltweiter ordnungspolitischer Rahmenbedingungen ausreichend große Operationsfelder und Schlupflöcher zur Verfügung stehen…

Besonders häufig fühlen sich dabei Künstler um den Wert ihrer Arbeit betrogen. In Form eines „offenen Briefes zum Tag des Geistigen Eigentums“ (pdf), der via Print-Anzeige in diversen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, äußern nun viele bekannte Deutsche Schauspieler, Musiker und andere Kulturschaffende ihren Unmut.

Als politisch unmittelbar verantwortliche Person ist zumindest für Deutschland Kulturstaatsminister Bernd Neumann aufgerufen, entsprechend zu reagieren und zu handeln, auch wenn der Brief sich direkt an die Bundeskanzlerin wendet.
Die Musikindustrie stellt sich konkret vor, dass die Provider! stets „ein Ohr am Datenstrom“ haben sollten, um aktiv bei missbräuchlicher Verwendung oder urheberrechtlichen Verstößen über die eigenen zur Verfügung gestellten Datenleitungen einzuschreiten.

Nicht nur aus Datenschutzsicht ist diese Forderung äußerst heikel, da sie weit über die bisher schon intensiv diskutierte Regelung zur Vorratsdatenspeicherung hinaus ginge. Praktisch kommt dieser Wunsch auch einem dauerhaften digitalen Lauschangriff gleich, mit exekutiver Verantwortung durch die Privatwirtschaft, denn die Provider sollten nach Vorstellung der Musikindustrie bei Verdacht auch ggf. ihre eigenen User vom Netz trennen.

Bei allem Verständnis für die Sorge um den (berechtigten) Schutz von Verwertungs- und Urheberrechten…
Geht´s noch?!
Ist denn die Lernkurve der Musikindustrie so flach, angesichts der aktuellen Erfahrungen und Entwicklungen?!

Noch mehr Kontrolle, noch mehr Staat, noch mehr Regulierung und Eingriff ruft bei den Piraten nur einen noch größeren sportlichen Ehrgeiz hervor, besonders wenn nicht etwa das meiste Geld aus dem Musikhandel tatsächlich bei den Nachwuchskünstlern landet, sondern in veralteten Wirtschaftstrukturen, die damit eher Löcher stopfen müssen, als tatsächlich nachhaltig einen facettenreichen musikalischen Nachwuchs aufzubauen und zu fördern. So schützen die geforderten Maßnahmen weniger den Nachwuchs, sondern eher die Umsätze eines Musikestablishments und Vermarktungssystems, was sich schon lange nicht mehr zeitgemäß auf das Mediennutzungsverhalten der neuen Zeit einzustellen vermag.

Es gibt genügend Gesetze gegen Missbrauch und für den Schutz der eigenen Rechte. Was fehlt, sind Geschäftsmodelle aus dem Umfeld der Dinosaurier in einem Markt, der schon längst selbst auf die großen Tiere verzichten kann. Mehr und mehr gehen Nachwuchskünstler dazu über, sich selbst über das Web zu vermarkten. Natürlich ist dieser Weg auch extrem dornig und wird nicht jeder Band zu einem Erfolg verhelfen, aber das ist ja selbst mit der „Musikindustrie“ offensichtlich zunehmend weniger gelungen. Wer es als Band dann doch schafft, darf sich wenigstens ein faires Stück vom Ertragskuchen abschneiden.
Ein weiterer Grund liegt aber auch in der Struktur des Web selbst. Der Musikgeschmack kann schon lange nicht mehr durch den Dudelfunk so beeinflusst werden, wie es noch vor 20 Jahren möglich war. Vielmehr kommt der „Longtail“ hier ins Spiel, also eine deutlich atomisierte Absatzstruktur bei Musik und seinen unendlich vielen Geschmacks- und Stilrichtungen. Das kann kein Offline-Laden dieser Welt so mehr bevorraten, weshalb Musik und in Kürze auch Videos und andere Entertainment-Formate komplett digital vertrieben werden.

Um neue Käuferschichten zu gewinnen, ist es also notwendig, Mehrwerte für den Kunden zu schaffen, die ggf. ein illegaler Download so nicht bieten kann. Alleine die Aufschmückung einer CD-Box wird dabei nicht ausreichen. Online-Mehrwerte ohne Medienbruch sind dabei gefragt. Denkbar sind zum Beispiel Gutscheine für Live-Konzerte, Bonus-Tracks und Inhalte via Fan-Community oder exklusive Fan-Artikel, die dem Piratendownloader wirksam verschlossen bleiben. Durch marktgerechte Produkte und Preise erhöht sich eben auch die Attraktivität der Legalität. Wer Kunden als Gegner sieht und das Kind mit dem Bade ausschüttet, hat schon verloren.

15 Kommentare

  1. Paule

    Grundsätzlich volle Zustimmung. Vor allem Anfang des Artikels her…

    Allerdings gehe ich davon, dass in absehbarer Zeit niemand mehr für Musik bezahlen wird. Musik an sich wird ein frei zugängliches Gut werden. Damit hätten sich auch von dir erwähnte Boni im Rahmen eines Musikkaufs erledigt.

    Wenn jemand in Zukunft mit Musik Geld verdienen möchte, dann hauptsächlich durch Konzerte, die sich (noch) schlecht digitalisieren lassen, oder im eher kommerziellen Sektor durch Fanartikel, etc.

    Das heißt die bestehenden Geschäftsmodelle müssen nicht nur massiv angepasst werden, sie werden teilweise komplett untergehen.

  2. Paule

    „von“ und „aus“ werden hiermit nachgereicht…

  3. sk

    natürlich hat auch die musikindustrie längst erkannt, dass ihr geschäftsmodell nicht mehr konkurrenzfähig ist und weiß über die potentiale anderer modelle bescheid. doch: klagen ist (noch?) effizienter und verspricht (kurzfristig) einnamhmen durch a) schadensersatz und b) abschreckungs-cd-käufe. … pff, musik. wer braucht das schon ;)

  4. H-Gen

    also grade die musik junger nachwuchsbands, die ich beispielweise auf dem konzert gerade gesehen habe, kaufe ich gern.
    zum einen, weil diese musik zu einem fairen preis (10-12€ je album im normalfall) angeboten wird, zum anderen weil ich weiß, das diese in eigenregie produiziert wurde.
    davon abgesehen verdienen bands sowieso nur am merchandise, vor allem shirts und auftritten, sofern sie ausreichende anzahl davon haben.

    das problem ist einfach, das eine band von 3-5 leuten eine ganze „industrie“ mit jeweils 10 leuten und mehr ernähren muss.
    somit ist bedeutet die abschaffung der musikindustrie und das freie zur verfügung stellen von musik die abschaffung der musikindustrie. zumindest auf lange sicht gesehen.

    aber das ist nur eine meinung von jemandem, dessen musik nur in äußerst geringen rahmen industriell vermarktet wird ;-)
    es leben die independent-künstler!

  5. H-Gen

    mist. die erste „abschaffung der musikindustrie“ kann raus.
    (#kommentare-noch-mal-lesen-vorm-abschicken!)

  6. Eric

    Gerade der Aspekt „Live-Auftritt“ wird in meinen Augen wieder wichtiger.

    Bevor es Tonträger und Videoträger gab war der Liveauftritt die einzige Einnahmequelle für Musiker und Schauspieler.

    Ich möchte jetzt den Film kurz ausklammern weil das doch etwas schwieriger ist aber gerade im Musikbereich sollte man erkennen dass die Zeit der verkäuflichen schwer kopierbaren Konserven vorbei ist.
    Die Zukunft liegt wieder im Live spielen denn das erlebnis ist nicht kopierbar.

  7. bernard

    @offener Brief: Kann man den überhaupt ernst nehmen? Vor allem, wenn man in die Liste der Unterzeichner blickt: „DJ Ötzi, Til Schweiger, Scooter,…“

  8. MAGIX Blog

    adtunes – Die Zukunft der Musik ?…

    Gerade aufgrund der momentanen Diskussionen um die offenen Breif an Frau Merkel bezgl. Musik-Piraterie, kam mir der Gedanke mal über einen Musik Service zu berichten, der wie Sachar meint die Zukunft der Musik ist – adtunes. Der Service befindet s…

  9. Stefans Home

    Welttag des geistigen Eigentums…

    …war gestern. Am Tag zuvor hatten rund 200 Künstler in einem offenen Brief (pdf hier) von unserer Bundeskanzlerin gefordert, das Thema zur Chefsache zu machen. Alle Jahre wieder jammert die Musikindustrie, wie unglaublich schlecht es ihr geht und pr…

  10. André (PN Admin)

    Also ich kann deinen Ausführungen gut folgen und Dir da zustimmen.
    Man muss es doch mal so sehen:
    Innerhalb weniger Jahrzehnte ist eine enorme Industrie um den Verkauf von Tonträgern entstanden. War Früher „die Musik“ ein Kulturgut, so ist es mehr und mehr zu einem kapitalischtischem Gut verkommen. Wie viel Prozent der „Musikhörer“ wissen heute denn noch ein gute Konzert (damit meine ich nun nicht nur Robbie & Co) zu schätzen?
    Ich sehe vor allem für Bands & Musiker eine Chance, zukünftig wieder individueller zu produzieren, Mainstream wird es zunehmend weniger geben, da jeder seinen eigenen Stil im Netz finden kann, andersrum Bands über das Internet ihren eigenen Stil sehr gut vermarkten können.
    AQlso zukünftig weniger Bobbelsche und mehr Ohrbooten, Subway to Sally oder ähnliche Interpreten.

    Musik wird wieder Kulturgut

    Also meine Meinung dazu :-)

  11. Tag des geistigen Eigentums II | Ideenkodexblog

    […] versprochenen Rückblick auf den Tag des geistigen Eigentums würden wir gerne einfach schnell verlinken zum Werbeblogger, da wir gerade zu sehr mit unseren offenen Briefen an den ADC und den gwa beschäftigt sind, die […]

  12. Corporate Media Blog » Jetzt gibt’s was auf die Ohren! « Hrg. Agentur 4iMEDIA | Redaktion Weblogs Podcast Web-Content Portale Communities Neue Medien Internet

    […] von “Streets of Tomorrow”. Für jeden Geschmack sollte bei den bisher erschienenen Tracks etwas dabei […]

  13. Laissez faire, laissez aller | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Laissez faire, laissez aller

    […] digitaler Verfügbarkeit den Grundsatz des bedingungslosen Wirtschaftsliberalismus? Die in Tageszeitungen veröffentlichte Anzeige des Bundesverbandes der Musikindustrie hat auch Prof. Dr. Thomas Hoeren motiviert, einen […]

  14. Geld zum Leben | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Geld zum Leben

    […] Gratis-Prinzip. Wie und vor allem durch wen kann die Nutzung von multimedialen Inhalten also “gemessen” und damit eine möglichst gerechte Verteilung der Gelder an die Künstler […]

  15. Piratenkultur | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Piratenkultur

    […] Tatsächlich sind die immer wieder angeführten Themen rund um Urheber- und Verwertungsrechte vor allem für diejenigen (Groß-)Organisationen und Institutionen existenzrelevant, die nach den erworbenen Rechten damit eben den Großteil ihres Konzerndaseins finanzieren; die breite Mehrheit an schöpferisch tätigen Menschen muss sich schon längst selbst auf den Weg machen, um ihr Brot (zusätzlich) auf anderen Wegen zu verdienen. Die allerwenigsten Musiker, Autoren oder Journalisten profitieren vom industrialisierten Verwertungssystem der kommerzialisierten Inhalte, welche sich viel zu lang nach den bloßen Indikatoren Massenkonsum, Auflage und Rendite ausrichteten und von einem ebenso unzeitgemäßen Werbemarkt getrieben waren. Kulturelle Vielfalt und eine faire Verteilung der Erträge zwischen Urheber und Verwerter werden zwar gerne als Segen dieser alten Strukturen angeführt, alleine eben diesen Nachweis bleiben sie aber mehr und mehr schuldig. […]

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