21.04.08
22:21 Uhr

12% sind Helden der Arbeit

Arbeit
12% der deutschen Beschäftigten arbeiten motiviert in ihrem Unternehmen. 12% von 35 Mio. abhängig Erwerbstätigen. Das sind gerade mal 4,2 Mio Deutsche. 4,3 Mio Deutsche trinken übrigens Alkohol am Arbeitsplatz, ich hoffe mal stark, dass die Motivation nicht daraus resultiert. (Zahlen aus dem aktuellen Spiegel, Printausgabe, Titel: “Wie ticken die Deutschen?”)

Ich finde das furchtbar erschreckend und gleichzeitig kann ich es zu 100% nachvollziehen. Ich habe mich immer als Einzelgänger und Exzentriker gesehen, der oft Schwierigkeiten hatte, in manchen Unternehmen glücklich zu werden. Nicht weil ich mit anderen Leuten nicht klarkomme, sondern weil ich ständig meiner Arbeit einen Sinn geben will. Ganz schlecht, wenn man an einer Arbeitsstelle plötzlich in einen Strudel der Sinnlosigkeit gerät. Heute weiß ich jedoch, ich bin verdammt nochmal nicht allein mit diesem Gefühl. 26 von 192 Arbeitstagen werden durch mangelhafte Absprachen und unklare Kommunikation mit unnötiger Verwaltungsarbeit vergeudet. Zweidrittel aller Deutschen machen ihren Job, weil sie ihn machen müssen. Jeder fünfte Deutsche hat bereits innerlich (Die Betonung auf innerlich) gekündigt. Wie krank ist das denn? Vor allem wenn man bedenkt, wieviel Lebenszeit man im Arbeitsleben vergeudet! Leute, es ist eure Lebenszeit – kostbare Lebenszeit.

Es hört sich abgedroschen an, aber es ist einfach eine Tatsache, dass sich das eigene Wohlbefinden auch auf die Produktivität auswirkt. Ist ja auch nix wirklich unbekanntes. Stellt euch vor, ihr habt einen Arschlochchef oder gar einen Boss vor dem man aber so richtig Angst hat. Man spürt richtig den Stresspegel ansteigen, man riecht die Stresshormone, das Blut pumpt schneller, die Gedanken kreisen sich nur noch um diese eine verhasste Person und den Umgang mit ihr. Man erkennt sein Herannahen an den Geräuschen seiner Schuhe. Die Arbeit wird dabei zur allergrößten Nebensächlichkeit – schließlich fühlen wir uns in den Situationen lebensbedroht (so jedenfalls zeigen es die Körperreaktionen).

Andere klagen über Kopf-, Bauch-, Rückenschmerzen, Hautausschlag und sonstige psychosomatische Wehwehchen. Da kann es mitunter vorkommen, dass eine ganze Abteilung erstmal 1 Stunde braucht um sich gegenseitig mit den heutigen körperlichen Mängeln zu übertrumpfen. King ist übrigens immer derjenige, der die meisten Schmerzen hat, aber trotzdem noch zur Arbeit erscheinen ist. Da geschehen dann auch so eigenartige Rituale wie die “Jetzt geh doch nach Hause…” Predigten.

Es wird also indirekt gelitten. Dass dabei vielleicht das Klima irgendeine Rolle spielen könnte – oder neutraler ausgedrückt das jeweilige Organisationssystem in dem man gerade arbeitet – daran denken leider die allerwenigsten. Und es wird noch wesentlich bizarrer: Viele Menschen, die wissen wie schlecht es ihnen auf der Arbeit geht, verlassen diese auf keinen Fall. Sie erhalten künstlich das Zermürbungssystem um jeden Preis. Bis zur goldenen Uhr kämpft man sich durch, oft die einzige Anerkennung die einem nach 40 Jahren Betrieb zuteil wird.

Der Deutsche meckert gerne. Die Betonung liegt auf dem “gerne”. Fast hat man den Eindruck, als müsse er auch gerne leiden. Unserer Kultur-Code, der größtenteils von “Schuld” gekennzeichnet ist, macht dieses Leiden erst möglich. Unsere Großeltern mussten schließlich auch hungern und alles neu aufbauen, hart anpacken und auf viel verzichten. Und heute? Es scheint fast so als sei der Begriff “Arbeit” fest verbunden mit dem Begriff “Leiden”. Da muss ich immer an ALF denken, der mit dem Sinnspruch “Jedwede Arbeit ist ein kleiner Tod” diese Einstellung so wunderbar auf den Punkt bringt. Dabei ist das völliger Quatsch. Denn es gibt sie doch. Die Arbeit ohne Tod, voller Vergnügen und mit Flow-Momenten. Sie zu finden ist nicht einfach. Es erfordert Mut, aber zunächst die nötige Selbsterkenntnis um den Leidenskreis zu druchbrechen. Oft wagen wir es nicht, weil die Angst vor Unbekanntem uns noch mehr knechtet als das derzeitige Leiden selbst. Das Leid kennen wir, darauf können wir uns immer verlassen. Tag für Tag. Doch das Unbekannte, das lässt uns erst richtig erschaudern.

Doch Flucht allein muss noch nicht einmal die richtige Lösung sein. Oft genügt es mit Hilfe einer Supervision eine Art Meta ebeneeinzunehmen. Man kann zum Beispiel das System auf der Arbeit, in der Abteilung oder im Team auf eine Art Schachfigurenbrett darstellen. So erkennt man oft Muster und Konstellationen, die einem vorher gar nicht so aufgefallen sind. Und da man andere Menschen eigentlich nicht zwangsändern kann, hilft immer nur die Korrektur des eigenen Standpunktes. Wer das einmal begriffen hat, der wird ganz schnell aus dem Strudel von Leid und Angst herausfinden. Einfach ist es nicht, aber es lohnt sich das mal auszuprobieren. Schließlich verbringen wir im Durchschnitt 192 Tage pro Jahr auf der Arbeit (also Himmel oder Hölle) Da könnte sich eine Chance auf Qualitätssteigerung in ein paar Stunden schon lohnen, oder?

22 Kommentare

  1. Dr. Azrael Tod

    Das Bild Zeigt übrigens einen Teil aus dem Annaberger Bergaltar.
    Ein schönes Stück Kunst und eine der unzählbar vielen Sehenswürdigkeiten im Erzgebirge.
    (wollte das nur mal anmerken)

  2. H-Gen

    hmm, also ich weiß nicht so ganz was ich sagen soll. zu einen “erschreckende” zum anderen das abbild der realität, wie ich sie auch wahrnehmen und kenne. eltern, verwandte und bekannte. also die masse der leute um mich rum ist so dermaßen im trott, arbeit und alltag gefangen (!), mir fallenwirklich nur wenige ein, denen ihre arbeit wirkluch so viel spaß macht, das sie gerne hingehen und darin aufgehen. sie müssen gehen.
    ich wurde oft verlacht, wenn ich gesagt habe “selber schuld, ändert doch etwas.” meistens kamen dann finazielle zwänge, etc. als argument und das es eben nicht anders ginge.
    das man damit aber sein leben bereits geopfert hat und sich selbst im mitleid und elend der eigenen kleinen welt gefällt, hast du schon treffend beschrieben.

    eine zeit lang dachte ich ja, dass nur “kreative” wirklich “frei” an dem arbeiten können, was sie möchten. heute weiß ich, dass es handwerker gibt, die vollends in ihrem beruf aufgehen und grafische gestalter (assistenten…) die auch unglücklich sind mit ihrem beruf.

    begreifen wir, dass wir exakt ein leben haben und fangen wir an es zu nutzen anstatt zu opfern und uns im selbstmitleid zu ertränken!

  3. moti

    moment mal: das regelmäßige geld um die monatswende auf dem kontoauszug ist die *entschädigung* für das arbeitsleid (heißt wirklich so, volkswirtschaftlich) des vorangegangenen (bei beamten: des bevorstehenden) monats.

    eine arbeit, die nur spaß macht, braucht dementsprechend nicht monetär belohnt zu werden.

    das sag übrigens ich als schmalverdienender mit seinem job glücklicher selbstständiger.

    entfernt euch mal von der utopie spaß und geld!

  4. Patrick Breitenbach

    @Moti: Genau das meinte ich :-D

    Von mir aus lasst euch ruhig weiterhin mit diesem Gedanken fesseln, wenn es euch damit gut geht.

  5. ramses101

    @H-Gen: Auch Handwerker arbeiten kreativ. Ich glaube, was die Arbeit erst unerträglich macht, ist Eintönigkeit. Und natürlich unerträgliche Arbeitsbedingungen (Staub, Hitze, Kälte etc.)

    @Moti: Deine Schlussfolgerung ist nicht ganz richtig. Auch eine Arbeit die Spaß macht, verursacht “Arbeitsleid”. Unter Arbeitsleid versteht sich ja nicht zwingend tatsächliches Leid wie kaputte Knie beim Kellner oder Rückenprobleme beim Büromenschen. “Arbeitsleid” umfasst zum Beispiel auch entgangene Freizeit. Und zwar völlig wertfrei.

    Wenn ich über Neugeschäft brüte, dann gerne (!) auch bis spät in die Nacht (muss ich aber auch nicht jeden Tag haben). Mein “Arbeitsleid” als Texter ist dabei sicher der nicht stattfindende Feierabend und natürlich die Quälerei, immer noch eine bessere Idee zu haben. Und jetzt kommt der Witz: Das macht mir Spaß. Und zwar mindestens genau so viel Spaß, wie ein Computerspiel auf höchstem Level durchzuspielen. Nach Deiner Definition bräuchte diese Arbeit nicht mehr bezahlt zu werden, da sie ja Spaß macht.

    Das halte ich für Blödsinn. Man kann Geld verdienen und Spaß dabei haben. Wenngleich mir natürlich 1000 Berufe einfallen, bei denen ich mit Sicherheit keinen Spaß hätte. Aber anderen geht es genau so mit meinem Beruf.

  6. Patrick Breitenbach

    Viele Landwirte erleben den weitaus größeren Flow als jedweder Büroangestellte. Für sie wär ein Leben als Stadt- und Büromensch die Hölle. Ich selbst würde in diesem Job wahrscheinlich kaputtgehen. Es ist eine Frage der Einstellung. Wer von vornherein seinen Job als schlimm klassifiziert wird eben auch eher schlimmes ernten.

    Und warum werden so viele Leute BEamte? Ich tippe mal auf die relativ humanen Arbeitszeiten (Mal Polizeibeamte etc. abgezogen) und die volle Lebensabsicherung bis hin zur Unkündbarkeit. Ist natürlich kein Garant für das Glücklichsein, was viele Magengeschwüre bewiesen haben.

  7. Alex Martin

    Im Fernsehen sieht der Mindestlohnbezüger zwei Typen: Den «selfmade» Gewinner (Bohlen) und den «selfmade» Verlierer (Hartz-IV). Und da er nicht zu diesen selbstverschuldeten Verlierern gehören möchte, ist das Aussteigen (ein positives Bild des Aussteigers wird ja nicht gezeigt) aus seinem Scheissjob (oder gleich aus dem System) keine Option. Beseelt vom Gedanken, es doch noch zu schaffen, lässt er sich bis an sein unterbezahltes Lebensende schikanieren.

    Dass Lohnarbeit Spass machen soll, ist übrigens auch so ein hinterlistiges Neoliberalismus.

  8. Zuckermann

    wenigstens wird man in deutschland nicht mit “unity, compliance”, efficiency” durchhalteparolen über dem kopierer gequält, wie in amerikanischen unternehmen. in denen ist die leiseste kritik an irgendwas gleich “insubordination”. und das chefs das nicht mögen, weiss man spätestens seits ryan chapelles spruch ggü. tony almeida in 24 (soviel zu entgangener freizeit;-). also patrick, du hast vollkommen recht: lieber bekanntes leid, als unbekanntes glück. die selbstversklavung der meisten leute ist echt enorm. und nicht, das mir mein freiberuflerleben immer spass (auch finanziell gesehen) macht, aber es ist hat sehr viel mehr mit unbekanntem glück zu tun als fast jeder angestelltenjob, den ich bisher hatte.

  9. marie

    “Es kommt auf die Einstellung an.”
    Da kann ich nur zustimmen. Die Frage ist doch, was man will. Wie die Präferenzen so aussehen. Klar, jeder würde gern super viel Plus am Ende des Monats auf dem Konto sehen und dazu noch Jubelschreie ausstoßen, wenn früh der Wecker klingelt und der neue Arbeitstag lockt.
    Und warum ist das oftmals nicht so? Warum ist ‘die große Karriere’ mit dem Job, der Spaß macht, oftmals nicht vereinbar? Sicher, es gibt bestimmt immer Teilaufgaben, die einem keinen Spaß machen. Aber wenn man weiß, dass das eben dazu gehört, kein Ding…

    Mir würde wohl fast jede Arbeit Spaß machen, wenn die Kollegen und der Chef nett sind und eine Atmosphäre von Offenheit und Fairness im Büro herrscht.

    Ich denke, dass das Problem oft eine fehlende ‘Unternehmenskultur’ ist. Und zwar so eine, die nicht einfach da ist, weil Kultur entsteht, wenn Menschen zusammenleben, sondern eine, die klar kommuniziert wird. Eine Unternehmenskultur, die entsteht, weil es Leitlinien/eine Philosophie im Unternehmen gibt. Und unter Leitlinien verstehe ich nicht Sätze wie “Bis zum Jahr 2009 werden wir unseren Gewinn um 50% steigern”.

    Man könnte sich doch viel Ärger und “Arbeitsleid” ersparen, wenn man vorher genau wüsste, dass es in diesem oder jenem Unternehmen den ‘ausgeprägten Ellenbogenfaktor’ benötigt, um Karriere zu machen. Oder, dass es mehr auf das ‘Sich-Verkaufen’ ankommt, als auf Ideen oder Leistung. Nach dem Motto: Rede über alles, was du tust so, als hättest du gerade das Rad erfunden.

    Ich bilde mir mal ein, dass die innere Kündigung bei einem Unternehmen wie Toyota (mit klaren Leitlinien, die wohl auch gelebt werden) nicht so häufig vorkommt wie bei anderen Unternehmen. Und wie es aussieht, scheint es Toyota ja auch finanziell gesehen gut zu gehn. Da vermute ich jetzt mal Abhängigkeiten. Es scheint also auch anders zu gehen.

  10. Vroni

    @ Patrick
    “…Team auf eine Art Schachfigurenbrett darstellen”

    Das klingt nach Aufstellung Richtung Hellinger.
    Ist das jetzt in Mode auch in Betrieben?

    _________________________

    Uns ist in alten mæren wunders vil geseit | von helden lobebæren, von grozer arebeit

    Übersetzung:
    Uns ist in alten Erzählungen viele Wunderdinge berichtet worden | von rühmenswerten Helden, von mühevollem Kampf

    Da wird im Mittelhochdeutschen Ar(e)beit sogar mit Kampf gleichgesetzt. Schon eine mächtige Entwicklung hin zur heutigen Forderung nach Spaß.(Gleich wird einer einwerfen, dass Kämpfen auch Spaß machen kann … :-), Ja, aber nur, wenn man nicht verliert^^…)

    Obwohl ich selber kaum in meinem Leben etwas gemacht habe, von dem ich nicht überzeugt war (zumindest zum entsprechenden Zeitpunkt), so misstraue ich dieser Entwicklung zum gnadenlosen Spaß und Geld dabei doch zum Teil. Es kann ausgenützt werden in Richtung: schlechte Bezahlung und Arbeiten rund um die Uhr (=freudige Selbstausbeutung und den Mehrwert streichen andere ein, Marx lässt grüßen auf Web 2.0 und AAL-Plattformen)

    “Leid versus Spaß” ist vielleicht auch nicht das richtige Gegensatzpaar, Vorschlag: “Sicherheit versus Spaß”. Und da fällt einem die Fabel von der Grille und der Ameise ein.

    Die meisten Deutschen sind Ameisen. Ihnen fällt es schwer, sich mit südlichen Temperament den Freuden leichterer Jobs hinzugeben, weil sonst im Winter nichts zum Essen da ist. Diese Schwerblütigkeit kann also auch am kalten Breitengrad liegen.

    Ich denke, dass viele Menschen von ihrem inneren Wesen her größtmögliche existenzielle Sicherheit suchen und brauchen. Nicht jeder ist ein mutiger Held oder so leichten Sinnes (Leicht_sinn), dass er dennoch nachts schlafen kann, auch wenn er nicht weiß, von was er morgen leben soll. Viele Menschen sind nicht so stark, ich möchte sie nicht verurteilen.

    Meine liebste Arbeit ist übrigens Heimwerken und Gartenarbeit. Eine Sache, bei der viele schon beim Gedanken stöhnen. Mir macht es große Freude, in der Erde zu graben oder zu mörteln, es befriedigt mich oft tiefer als anderes. Ich würde jedoch nie auf die Idee kommen, wenn einer mich als Gärtner anheuern wollte, dafür auf sein Ansinnen hin nichts zu verlangen, weil es mir ja Spaß mache. Ich würde ihn davonjagen.

    Seltsamerweise wird es häufig im kreativen Bereich versucht. Mit Erfolg oft, sie beuten sich in Praktikantenverhältnissen aus ohne Ende. Würde ein Junggärtner nie tun.

  11. nilsn

    @Patrick: Schöner Text
    @Vroni: Schöner Kommentar

    Praktikum wird ja inzwischen synonym mit Ausbeutung verwendet, und das wohl zu recht. Aber es gibt auch Ausnahmen. Ich habe ein fünfmonatiges Praktikum gemacht, in dem ich relativ frei Storyboards schreiben “durfte”. Es hat mir richtig Spaß gemacht, und allen anderen Beispielen zum trotz auch wurde es noch recht gut bezahlt.

    Noch bin ich ja noch Student, daher erwarte ich mit Spannung, ob es im “richtigen” Berufsleben für mich weiterhin so zufriedenstellend läuft. Ich habe aber auf jeden Fall das zwingende Bedürfnis, nicht Dienst nach Vorschrift zu machen. Dafür verzichte ich auch gerne auf Geld. Vielleicht meinte das moti in seinem Kommentar.

  12. Würstchen-Willi

    Wenn Arbeit etwas Angenehmes wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen.

  13. ramses101

    Wenn den Reichen die Arbeit keinen Spaß gemacht hätte, wären sie immer noch die Armen.

  14. Patrick Breitenbach

    @Vroni: Nein das ist leider keine Mode. Mit Hellinger hat das nur ansatzweise zu tun. Hellinger macht so weit ich weiß keine Unternehmensaufstellungen, sondern Familienaufstellungen und das mit realen Personen. Sein Ansatz kommt aber aus dem Systemischen, ähnlich wie das “Familienbrett”, was ich hier beschrieben habe.

    Wenn die Menschen, die nach Sicherheit streben, Sicherheit in ihrem Job erhalten, müssten sie dann nicht auch automatisch glücklich sein? Ich wollte mit meinem Beitrag sicherlich nicht zum Heldentum oder zur Selbstständigkeit aufrufen. Auch als Nicht-Held kann man glücklich sein. Sind viele aber nicht (und umgekehrt).

  15. Vroni

    Patrick,
    wenn man sich die gute alte Maslowsche Bedürfnispyramide anschaut, dann sind ganz unten – wissen wir EKS-Strategen und Werbefuzzis alle – die Elementarbedürfnisse (körperliche Bedürfnisse) und: Sicherheit.

    Das Glück, die Selbstverwirklichung, da wird’s dünn, die ist ganz oben. Anscheinend kein Must Have, eher ein Nice to Have. Vielen Menschen reichen für ihr Glück gute soziale Beziehungen (eher in der Mitte der Pyramide).

    Was Marie ansprach: Viele Arbeitsverhältnisse sind so Leid verursachend, weil die Menschen im langweiligen Job starkem sozialem Stress und extremen sozialen Unwohlgefühlen ausgesetzt sind. Und eher weniger, weil die Arbeitsverhältnisse nicht ihrer Vorstellung von Sinnhaftigkeit und Selbstverwirklichung entsprechen.
    Denn das wäre noch eine Stufe drüber. Die sehen sie schon gar nicht mehr.

    Was du also anstrebst: das Glück der Selbstverwirklichung und des immer und überall sinnhaften Tuns, das ist nicht für alle das Glück. Für viele ist es schon Glück und es reicht ihnen auch, zu essen zu haben, abgesichert zu sein und Freunde zu haben und sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlen zu dürfen (Pyramide Mitte).

    Unglaublicher Idealist, aber auch, der Patrick ;-)

  16. Patrick Breitenbach

    Was du also anstrebst: das Glück der Selbstverwirklichung und des immer und überall sinnhaften Tuns, das ist nicht für alle das Glück. Für viele ist es schon Glück und es reicht ihnen auch, zu essen zu haben, abgesichert zu sein und Freunde zu haben und sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlen zu dürfen (Pyramide Mitte).”

    Nein, ich strebe nicht die Selbstverwirklichung an sondern das Glück selbst. Ich weiß ja nicht ob Maslow Recht hatte mit Selbstverwirklichung = Glück. :-)

    Aber wenn du schon Maslow als Beispiel nimmst (dessen Pyramide ja in jüngster Zeit von manchen Neuropsychologen bestritten wird) dann frage ich mich wie das Stufenmodell funktioniert? Auf eine Stufe folgt doch die nächste, oder irre ich mich? Wenn also die Stufe 1 erreicht wurde, geht der Mensch zu Stufe 2 über. So habe ich jedenfalls Maslows Modell verstanden.

    Wahres Glück erzielt man in der Selbstverwirklichung (laut Maslow). Das was sich so abstrakt anhört ist im Grunde doch nix anderes als die kitschige Selbstliebe. Da unsere Kultur Selbstliebe mit “Selbstgefälligkeit” und “Eigenlob stinkt” behaftet, werden viele auf der Stufe davor automatisch hängenbleiben, eben aus Angst gegen diese soziale Regel (Eigenlob stinkt) zu verstoßen.

    Wer sich selbst nicht liebt (ersetzt das mit bedingungslos akzeptieren), mit seinen Schwächen und Stärken (wobei Schwäche und Stärke immer subjektiv interpretiert wird) wird sich niemals selbstverwirklichen können, denn er kann gar nicht das eigene Potenzial erfassen, weil er sich weigert sich mit sich selbst zu beschäftigen.

    Hier käme dann wahrscheinlich der Einwand des Egoismus. Ich sehe den “negativen” Egoismus ganz und gar nicht als Selbstliebe, sondern als Selbstsucht. Darin steckt wiederum das Wort “suchen”. Ebenso wie in der Drogensucht. Wir suchen nach Erfüllung, finden sie nicht, tendieren daraufhin zur (Selbst)Sucht.

    Idealist? Natürlich bin ich Idealist. Wozu leb ich denn sonst? Nicht nach dem Idealen (was auch immer das für denjenigen sein mag) zu streben ist für mich Stillstand oder gar Rückschritt. Ich mag vielleicht wellenartig durchs Leben taumeln, aber die klare Grundbewegung im Gesamten tendiert für mich immer nach vorne.

    Es werden da leider noch viel zu wenig Utopien geschrieben und gedacht. Stattdessen motzen wir lieber über scheinbar für uns Bekanntes (Kategorisiertes) statt unsere Fähigkeit als unfehlbarer Kategorisierer öfters mal in Frage zu stellen.

  17. mmmmojo.de » Blog Archive » Arbeit vs. Alkohol

    [...] werbeblogger.de [...]

  18. marie

    Da ich erst gestern über Werte und etwas zur Kritik an der Maslow’schen Bedürfnispyramide gelesen habe, mische ich mich mal eben ein ;)

    In der Kritik ging es darum, dass es durchaus unklar ist, ob auf alle Menschen (in allen Kulturkreisen) die gleiche Rangfolge der Stufen zutreffe. Desweiteren könne keine Aussage darüber getroffen werden, welche Bedingungen die Aktivierung der nächst höheren Stufe aktivieren würden und ob dem eine vollständige Befriedigung der Bedürfnisstruktur auf der darunter liegenden Ebene vorangehen müsse.

    Ich muss mal eben noch schnell kategorisieren (:
    Ich finde, dass eher die Selbstverliebtheit als die Selbstliebe mit “Eigenlob stinkt” und “Selbstgefälligkeit” behaftet ist.
    Wenn alle Menschen sich selbst lieben (was ja Selbstreflexion voraussetzt, die wiederum auf der Überwindung der eigenen Selbstverliebtheit basiert) würden, wäre die Welt wohl ein besserer Ort.

  19. Vroni

    Gut gegeben, ihr beiden.

    Ich entwickle mich jedenfalls schon seit einiger Zeit stückweise vom Typus des Idealisten (wenn man denn Kategorien braucht) zum Typus des, wie soll ich sagen, Taoisten. Keine Angst, bin nicht zu östlichen Religionen abgewandert. Aber die Gelassenheit des Tao te king (Laotse), das nicht immer wie wild streben Müssen, um Glück und innere Einsicht zu erlangen, gefällt mir gut. Lässt tiefen Büro-Nichtsinn und miesen Stress leichter ertragen (manche Unternehmensstile oder manche Leute sollten aber schon die rote Karte kriegen, alles muss man nicht ertragen, auch als kleiner Freiberufler nicht, da fehlt es leider an Mut zur Änderung an allen Ecken bei uns…). Das innere Tao schließt die Motivation und das Engagement nicht aus, im Gegenteil. Aber in einem ruhigeren Modus.

    Für unser Sprachgefühl klingt es altmodisch oder hochtrabend, inhaltlich trifft es den Kern:

    ___________________________________

    (Tao te king, Kapitel 9)

    Besser ein Gefäß zum Maß zu füllen – als zu Überfließen
    Niemand kann ein Schwert gebrauchen und es zugleich schärfen
    Niemand kann Reichtum häufen und zugleich gesichert sein
    Besitz erzeugt Besessenheit – Besessenheit hochmut – Hochmut Unheil
    Der Weise hält Maß – beendet sein Werk – stellt sein Selbst zurück – entzieht sich dem Ruhm

    Darin erweist sich die Weisheit des Weisen
    ___________________________________

    Jau, ich entzieh mich jetzt auch mal als kleiner Freiberufler dem Ruhm^^, das war’s mal wieder. So long, danke für den Fisch. :-)

  20. Von 35 Mio. Arbeitern, sind 4,2 Mio. motivierte Arbeiter die gern Arbeiten « Lars-Michael Lehmann I Legasthenie ist keine Schande

    [...] Ja, das mit den Helden der Arbeit ist so eine Sache. Der neue Spiegel nennt neue Zahlen zum Thema arbeit in unseren Land. (aktuelle Ausgabe: Wie ticken die Deutschen?) [...]

  21. Martin

    Netter Text und für jeden 20-Jährigen ohne Verantwortung auch ein toller Vorschlag. Nur ein jeder Mensch, der im Netz von Verpflichtungen gefangen ist, sei es durch Selbstverschulden oder plötzlichem Auftreten von finanziellen Belastungen – wie der Tod eines nahen Verwandten, Scheidung oder ähnliches – wird sich der Herausforderung den richtigen Job finden zu können erst gar nicht stellen dürfen; den Menschen zuliebe die von ihm abhängig sind. (z.B. Kinder)

    Zudem ist nicht für jeden Mensch die Arbeit da die er gern ausübt. Ich bezweifle nämlich, dass es für jede Autobahnbaustelle im Hochsommer genügend freiwillige Arbeiter gibt oder genügend Stellen als Webdesigner für alle Nachwuchskreativen.

    Das Problem ist nicht (nur) die deutsche Volksseele, es ist das ganze System. Im Endeffekt läuft alles auf ein Verdrängen und Zwingen hinaus. Schafft der Mensch es nicht die Konkurrenz zu verdrängen, muss er sich einem Zwang beugen.

  22. Helpedia - Blog » Blog Archive » Helpedia-News vom 20.–28. April 2008

    [...] Helden der Arbeit Patrick Breitenbach schreibt, dass nur 12% der Deutschen motiviert in ihrem Unternehmen arbeiten und macht dafür u.a. fehlenden Sinn der jeweiligen Tätigkeiten verantwortlich. Tja, da kann ich jenen unmotivierten 88% unserer Bevölkerung doch nur empfehlen sich den gemeinnützigen Sektor mal genauer anzuschauen. Zumindest Sinn gibt es da genug… [...]

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