03.04.08
21:55 Uhr

Anleitung zum Wieseldasein

Desöfteren klage ich ja über die Beratungsresistenz von vielen Unternehmen. Da wird man per Mail gefragt, was man denn hier oder davon hält oder wird man soll einem Unternehmen zu erklären, wie ein Blog funktioniert und ob man das auch für das eigene Unternehmen als einsatzfähig einschätzt. Was ich immer wieder erstaunlich finde ist die Tatsache, dass Watzlawicks Axiome der Inhalts- und Beziehungsebene ganz besonders auffällig bei Beratungsgesprächen zum Vorschein kommen. Beratung ist inhaltlich nur so gut, solange sie für die Beteiligten nicht zu unbequem wird – also die Beziehungsebene angreift. Natürlich haben beide Parteien die Weisheit nicht immer mit Löffeln gefressen, doch sollte in einem Berater-Mandanten-Verhältnis nicht immer wieder darauf hingewiesen werden, dass man als Berater immer nur den eigenen Gehirnschmalz mit den jeweiligen Erfahrungen, Gedanken, Meinungen zur Verfügung stellen kann und das der zu Beratende sich immer fragen muss, ob er dem Gehirnschmalz jetzt vertraut oder nicht, weil dieser so gut wie niemals exakt übereinstimmen wird (Wozu bräuchte man denn sonst eine Beratung?). Ich meine, wozu ist so eine Beratung gut, wenn am Ende sowieso jeder seinen Dickkopf durchsetzen muss und es gar nicht mehr um die Sache geht, sondern darum, wer sein Selbstwert nun besser mit trivialen Fakten verteidigen kann?

Zuweilen geschieht das besonders auf Seite des zu Beratenden, wenn er merkt, dass seine bisherige Strategie nicht so wirklich aufgehen kann – so sagt es jedenfalls plötzlich der Berater. Sagt der Berater das etwa, weil er etwas gegen mich als Gegenüber hat oder weil er mir etwas völlig anderes verkaufen will? Sagt er das, weil er wirklich Ahnung oder ein Händchen dafür hat oder sagt er das, weil er unbedingt seine eigenen Ideen verwirklichen will? Nirgendwo ist das so anstrengend wie in der Kreativ- und Werbebranche. Das ist schließlich das einzige Tätigkeitsfeld, das so belächelt wird, dass es einfach auch jeder ausführen kann und zwar am allerbesten.

Andererseits stelle ich mir die Frage ob die echten Ja-Sager-Berater nicht am Ende doch die erfolgreicheren in diesem Geschäft sind? Also diejenigen, die den Konflikten immer schön ausweichen, diejenigen, die Kommunikationswochenendseminare von “Wer fragt der führt” oder “Der Klügere gibt nach” aus dem EffEff rekonstruieren können. Immer schön Honig ums Mauls schmieren, immer dem gegenüber Recht geben, keine Angriffsflächen liefern oder wie ich es nenne: Wieselqualitäten entwickeln und damit langfristig und langsam den Hühnerstall ausräubern.

Denn seien wir doch mal ehrlich, die Wahrheit will im Grunde doch nur jeder so lange hören, solange sie einem selbst schmeichelt, nicht existenziell bedroht und damit unser gutes altes Reptiliengehirn auf Kampf oder Flucht einstellt.  Allerdings sind davon die Berater wiederum natürlich auch nicht ausgenommen. Es ist das gegenseitige Spiel. Ego wem Ego gebührt. Kommunikation ist einfach viel zu komplex und Watzlawick ist uns noch die ein oder andere Antwort schuldig geblieben, bevor er viel zu früh in die Kiste stieg.

8 Kommentare

  1. Curi0us

    Spannende beobachtung. Ich sitze ja meist eher “Dir” gegenüber, sprich ich mache Marktforschung und wir beraten dann eben Werber.
    Sicher war mir immer schon klar, dass Werber die gleiche Problematik mit Ihren Kunden haben, wie wir mit unseren. Aber wie du am Ende ja auch sagst, jeder will am liebsten das hören, was er eh schon weiß. Selbstbestätigung.
    Wer sich tatsächlich im Wortsinne beraten lässt ist schon ganz weit vorn. Von daher ist es für uns auch oft ein sehr politisches vorgehen, was man nun noch rät, und was man erstmal offen lässt.
    Als Agentur ist man da vermute ich noch etwas stärker in Bedrängnis weil einem schlimmstenfalls die Mafo-Leute was erzählen wollen und zugleich der Kunde glaubt alles zu wissen…
    Wie gesagt, spannendes Thema.

  2. ramses101

    Das Problem ist tatsächlich, dass jeder glaubt, er könne es. Kein Mensch legt sich bei seinem Hausbau mit dem Statiker an und erzählt ihm, das Fundament sei viel zu teuer, die Hundehütte steht ja auch ohne eins und er habe sich da schon mal was überlegt und seine Frau finde das auch. Da ist es in der Werbung halt wie in der Kunst:

    ndrkultur.de/feuille...

    @CuriOus: Ihr formuliert die Fragen ja auch immer so, dass der Kunde die Antworten kriegt, die er haben will :-D

  3. Curi0us

    @ramses101 nur! Wir befragen auch niemanden, wir sagen einfach, was die Kunden hören wollen. Ist billiger, geht schneller, und am Ende sind alle glücklich. ;)

    Ernsthaft: Genau wie bei Werbung ist es bei uns leider auch oft so, dass die Kunden glauben sie könnten das ja auch mindestens genausogut (”ich sag ihnen dann Mal, wie Sie das am besten fragen!”)… -.- Wahrscheinlich auch völlig normal.
    Nervt leider trotzdem :)

  4. Vroni

    Lesen hier Kunden mit?
    :-D

    ______________________________________________
    Immer schön geschmeidig bleiben? Gratwanderung.

    Ich kenne als ehemals angestellte AD diese Klagen der Werber intern zur Genüge, wenn der Kaffee abgeräumt, der Kunde schon wieder in der Tiefgarage war und nicht mehr zuhört. Manchmal nimmt die Agentur Texter, die ein scharfes und ehrliches Mundwerk haben, bewusst nicht mit zum Kunden. Oder verdonnert sie zum Schweigen. Ich kannte einen, der sagte nie was, guckte nur wie ein Denker :-) Kluger Kerl.

    Natürlich haben Patrick und Ramses recht: Man will oft nur das hören, was man hören will. Und wenn alle das Gleiche denken, dann ist nicht gedacht.

    Es gibt einige wenige Agenturkunden, die spüren das geschickte Wieseltum der Kontakter und New Business Officers und wollen explizit lieber mit den Kreativen sprechen. Da ist jedoch ebenfalls wieder Alarm in der Agenturführung angesagt und das verstehe ich genauso wieder: Oft geht es nicht wie es scheint um die “ehrlichere” Beratung direkt durch die Kreativen, sondern um das Ausnutzen deren naiverer Art.
    (Naiv bitte im positiven Sinn verstehen.)

    Zum Vermischen von Beziehungsebene und Sachebene und diese Machtspielchen:
    Kenne ich mittlerweile als selbständiger Duo-Kämpfer nur zu gut, hölle, wenn man joborienter Typ ist und einem das aber keiner glaubt. Versuche das so zu lösen, indem zuerst die Beziehungsebene halbwegs positiv laufen muss, weil dann mehr Vertrauen da ist, dann erst zu den Sachfragen kommen. Tu mich aber schwer damit, weil ich ein elender Klugscheißer und Schnellredner bin, der immer was interessantes Kluges loswerden will und den Kunden efftel damit in die Enge treibt. Zurücknehmen also, zuhören zefix.

    Früher kam mir das wie elende Zeitverschwendung vor, da auf die Schnelle nix Effizientes zu bewirken zu dürfen, sondern rum zu smalltalken. Eine gute Freundin, deren Mann ein exzellent verkaufen könnender Manager im schwierigen Halbleiterbereich war, riet mir weise, als sie mir ihre Kunden überlassen wollte (sie zog nach New Hampshire): Halt um Gottes willen die Klappe (sie kannte mich) und trink mit ihnen Kaffee und lass sie bei dir erst ausschnaufen und wohl fühlen. Rede nie sofort über den Job, don’t do it!

    Es ist mit Kunden nie einfach. Auch ein Architekt kricht reingebabbelt, wenn der Kunde selber schon mal ein Mäuerchen selber hochgezigen hat. Aber es wird etwas besser mit dieser Vermischung von Beziehungsebene und Sachebene, wenn man Zeit hat und sich nimmt, vorher! die menschliche Beziehung zu festigen.

    Jetzt verstehe ich diese kaffeetrinkenden und socializenden Kundenberater – früher hielt ich alle für faule Säcke :-)

  5. Alex / pHim.derPrinz

    Jahh…ein leidiges Thema wozu sicherlich JEDER aus JEDER Branche was hinzuzufügen hat, oder am liebsten ein BUCH schreiben würde.

    Ich finde das passt alles ein bischen in den Zusammenhang mit diesem Artikel:

    werbeblogger.de/2008...

    Erstmal glaube ich, dass fast jeder dass Problem hat die Kontrolle abzugeben. Ist ja auch schwer wenn man das Gegenüber nicht kennt und im vertrauen soll.
    Zweitens haben die Leutz die einen nicht ausquatschen lassen (da gehöre ich auch manchmal dazu) und alles/vieles besser wissen unter Umständen Probleme Fehler einzugestehen. Und das nicht nur anderen gegenüber sondern auch sich selbst gegenüber. Nehmen sie also den Vorschlag des Beraters an ohne ihre eigene Idee auf “Wasserdichte” zu prüfen müssen sie eingestehen, dass sie mit ihrer Theorie einen Fehler gemacht haben. Dazu habe ich dann auch einen Artikel gelesen. Ein Unternehmensberater stellt die Hyphothese auf, dass weltweit viele Entscheider verlernt haben zu lernen/sich zu entickeln. Sie haben Fehler in Entscheidungen und Verhalten aufgewiesen, die nie richtige Konseuquenzen hatten, also scheint ihr Vorgehen ja “richtig” zu sein und bedarf keiner Überprüfung mehr vor zukünftiger Anwendung!

    Ende der Geschichte:
    Entweder man wendet die Zeit auf den Kunden wieder “lernen” bei zu bringen und dass in dem man ihr Selbstvertrauen stärkt und ihnen bei bringt Fehler einzugestehen um dann aus ihnen zu lernen.
    ODER man wieselt. Was unter betriebswirtschaftlichen Aspekten wahrscheinlich um einiges ökonomischer und effizienter verlaufen dürfte.

  6. Links 02/08 « Moeglichmacher-Weblog

    [...] 03.04.08, webeblogger:   Anleitung zum Wieseldasein [...]

  7. Wie unbequem darf Beratung sein?

    [...] Patrick Breitenbach lässt sich über das fragile Beziehungsgeflecht zwischen Auftraggebern und -nehmern in der [...]

  8. Thinking. Doing. Und andere für mich neue Welten | Karlshochschule International University

    [...] Devise als Berater. Geradeaus, hart aber fair und einige Kunden wussten das sicher zu schätzen, wobei ich ja einst schon schrieb, dass wirklich erfolgreiche Berater ja nur das beraten, was der Auftraggeber hören [...]

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  • Petar: Für uns wirken die japanischen Spots ja immer etwas grotesk. Ob es umgekehrt wohl auch so ist?
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