04.03.08
09:04 Uhr

Brauchen wir die weltweiten Top-100?

Ich sage es vorweg, ich bin Individualist, Mainstreammeider und irgendwie ein sehr exzentrischer Mensch. Ich kann nichts anfangen mit den 100 deutschen Radiostationen, die im Endeffekt ein und denselben weichgespülten Unsinn tagein/tagaus vor sich hindudeln. Ich hasse dieses übergutgelaunte Moderatoren-Geschwätz und all den Firlefanz rund um Gewinnspiele, Adventrätsel und haste nicht gesehen. Aber diese Radioprogramme haben natürlich eine Berechtigung. Wenn ich schonmal ab und zu (Oldschool-UKW)Radio höre, dann schalte ich Deutschlandradio ein. Dort lautet der Mehrwert für mich eindeutig: Tiefe Information. Aber auch in der einen oder anderen Nischensendung begegnen mir neue Musiker, Bands oder gut gemachte Hör-Features. Ich liebe alles, was mein Hirn dazu veranlasst neue Nervenstrukturen zu flechten.

Ibo von Sevenload hat mich gestern per Skype auf sein Thema aufmerksam gemacht was ich wirklich sehr spannend finde: Charts. Also die typischen Top-10 oder Top-100 Listen – bis vor kurzem noch unter der Fuchtel der Media Control, dem alten Dinosaurier, der diese Listen eher als Absatzinstrument zu nutzen wusste und dessen Inhalt schon lange frei von Unabhängigkeit und Neutralität ist. Ich selbst halte Charts für einen sehr sinnvollen Filtermechanismus, doch ich unterscheide ganz klar zwischen Mainstream-Charts und Nischen-Charts. Ibo spielt mit dem Gedanken, eine weltweit offene und offizielle Music-API für alle Online-Dienste aufzubauen. Das heißt, er möchte alle realen Zahlen aus Musikkonsum der diversen Plattformen (von iTunes über last.fm bis Pandora) mit den CD-Verkäufen bündeln und somit den Musikgeschmack der ganzen Welt in eine Art Supercharts abbilden. Der Grundgedanke ist sicherlich spannend und lohnenswert, vor allem für die Musik- und Werbeindustrie, denn Musik lässt natürlich auch auf die Persönlichkeit der Menschen schließen.

Ich persönlich finde die Idee einer weltweiten Top-100 weniger prickelnd, allerdings aus dem einfachen Grund, da ich das Internet nicht als Mainstreammaschine begreife, sondern ich bin im Internet unterwegs WEIL ich dem Mainstream ausweichen will. Ich finde hier täglich hunderte von Nischenthemen und damit auch Nischenmusik. Ich liebe das Aufspüren neuer Independent-Filme, -Musiker oder -Bücher. Ich habe nichts am Hut mit Timbaland, Bon Jovi oder Scooter und grenze mich ganz bewusst davon ab.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich eine nicht zu vernachlässigende Masse, die eben auf Mainstream steht oder stehen muss. Denn sie orientieren sich meist an künstlichen Empfehlungsmechanismen wie Radio- und TV-Sendungen oder natürlichen Empfehlern wie ihren Freunden in der Clique. Musik ist somit auch immer ein Ausdruck des eigenen Lebensgefühls, einer Zugehörigkeit oder der eigenen Lebensgeschichte. Musik ist Kommunikation.

Allein deshalb ist es sicherlich sehr spannend an dieser API zu basteln und ich kann Ibo nur ermutigen, sich der Sache mal anzunehmen. Weitaus spannender fände ich persönlich natürlich eine Art integrierte Meta-Charts. Also auf die Persönlichkeit zugeschnittene Top-10-Listen, wie wir sie aus High Fidelity kennen. Was sind deine Top-10 wenn du traurig, fröhlich, aggressiv etc. bist? Wenn derjenige dann auch noch Ähnlichkeiten zu meiner Person aufweist, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich auch zum Käufer der empfohlenen Titel werde.

Fazit: Charts sind auf zweierlei Arten echte Absatzbringer. Die Mainstream-Charts haben die Sogwirkung der Masse, also was kauft sich “die Herde”, wo ist mein Platz innerhalb Herde; wenn das alle hören, muss ich das auch hören? Die Nischen-Charts hingegen haben die Sogwirkung der persönlichen, glaubhaften Fürsprecher. Dieses Individuum ist mir ähnlich, also könnte diese Musik auch zu mir passen. Wenn man diese beiden Dinge miteinander koppelt, ja dann könnte es für die Musikindustrie wieder mächtig aufwärts gehen und auch die Musikqualität könnte wieder merklich anziehen. Vorausgesetzt die Glaubwürdigkeit bleibt diesesmal unangetastet. Also Ibo, wenn du die Nischen- und Meta-Charts noch mit reinnimmst, dann wird das ein Riesending, denn letzendlich sind wir alle gemeinsam im Internet auf eine Sache angewiesen: Orientierung.

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21 Kommentare

  1. Arne

    Dich hat wohl die Schreibwut gepackt.
    TOP100 der Radiosendern. tja.
    Wenn man bedenkt, Das die meisten sowieso Regional orientiert sind
    denke ist es eher unnötig als Hamburger die News und Verkehrsberichte ausm Algäu zu hören.

    Für mich gibt es sowieso nur DLF und NDRinfo.

  2. Harald Öhl

    Hallo Patrick,

    Dein Beitrag passt wie die Faust aufs Auge – zu unserem Projekt (gold-together). Eine (Kunst-)Aktion, die genau das kritisiert, was Du hier beschreibst.. in etwas überspitzter Form :)
    Allerdings beziehen wir uns auf die Vergabe von Goldenen Schallplatten, nicht Charts – was aber am Ende aufs gleiche hinausläuft: Erbsenzählerei, die nur gutes Marketing und nicht gute Musik belohnt :(

    Vielleicht gefällts Dir ja.. Solltest Du Fragen haben, meld Dich einfach bei mir/ uns :)

  3. Patrick Breitenbach

    @Arne: Schreibwut? Ja staut sich grad einiges auf, da ich momentan rein zeitlich kaum zum bloggen komme.

    Es ging aber nicht um die Top-100 der Radiosender oder hast du das Thema einfach mal so aufgegriffen?

    Klar spielt der Lokalbezug eine große Rolle bei Radiosendern, die Musikauswahl der “Antennen” etc. ist dennoch fast immer identisch! Halt stop. Eins Live in NRW war glaube ich da immer eine große Ausnahme, also im Endeffekt alles öffentlich/rechtliche.

  4. Patrick Breitenbach

    @Harald Öhl: Wie geil ist das denn? :-D

  5. Harald Öhl

    :) Gefällts Dir?

    Wir freuen uns im Moment über jeden Bericht, jeden der darüber erzählt usw. :) Wenn Du also Leute kennst, die das auch interessieren könnte, sag ihnen Bescheid :)

    Harald

  6. Harald Öhl

    Sehr guter Artikel übrigens – hab ich ganz vergessen zu erwähnen ;)

  7. thiso

    Nur so ein paar Gedanken zum Thema Mainstream:

    Ist massengefällig gleich minderer Qualität?

    Ist es nicht etwas einsichtig zu sagen: Was vielen gefällt kann nichts für mich sein?

    Macht jemand schlechtere Kunst/Arbeit weil er erfolgreich wird?

  8. Patrick Breitenbach

    @thiso: Das hat niemand behauptet.

    Ich kann ja bei mir auch nur ein gewisses Muster sondieren und natürlich gefällt mir auch das ein oder andere Mainstream-Produkt. Aber im Großen und Ganzen bin ich dennoch kein klassischer Mainstream-Typ.

    Aber die umgekehrte Frage wäre für die Musik- und Kreativindustrie viel spannender: Ist etwas auch gute Kunst/Musik whatever wenn es nicht in Masse verkauft wird?

  9. thiso

    Einigen wir uns darauf, dass sich die Qualität eines Produkts nicht über die Verkaufszahlen definieren lässt?

  10. Harald Öhl

    Würde ich nicht sagen.. Es gibt durchaus gute massgefällige Sachen. Andererseits aber auch sehr stark vermarktete, die mit Qualität nicht viel zu tun haben..

    Leider laufen nun mal viele Leute dem Zeug nach, das z.B. abends vor GZSZ beworben wird – und das wird dadurch oft verkauft – kommt in die Charts/ bekommt eine Auszeichnung..
    In dem System kommt (meiner Meinung nach) Qualitätsbeurteilung nicht vor.

    Aber jeder soll und darf nat. das hören, was er will – schön wäre es aber einfach, wenn es ab und zu etwas mehr Abwechslung gäbe.

    Gruß

  11. Patrick Breitenbach

    Wie gesagt, alles sollte eine Daseinsberechtigung haben, aber seien wir doch ehrlich, auf vielen Radio- und TV-Sendern haben Nischen eben nie eine Chance gehabt und das Programm richtete sich hauptsächlich nach der Industrie und deren gepushten Künstlern.

    Beispiel Sopranos. Großartige Serie. Viele eingefleischte Fans. Hat Emmys abgeräumt ohne Ende (also fast mainstream in USA) aber das ZDF hat die Serie mangels Einschaltquote wieder aus dem Sendeplan gestrichen. Fazit: Hundertausende enttäuschter Fans.

    Qualität ist aber so oder so immer relativ. Mir ist Vielfalt und Angebot sehr wichtig.

  12. thiso

    Das kann ich so unterschreiben. Mit einem kleinen aber: Menschen, denen Vielfalt und damit verbundene Neuentdeckungen wichtig sind, begeben sich auch auf die Suche danach. Bei anderen trifft das Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht zu.

  13. ramses101

    Hätten die Beatles mit “Sgt. Pepper” angefangen statt mit “Love me do” etc. wären sie nie groß geworden (sehr hypothetisch, zugegeben). Mainstream ist meiner Meinung nach viel zu negativ behaftet. Loriot ist (besser: war) schließlich auch Mainstream.

    Ich schwimme auch in vielen Dingen im Mainstream mit: Ich steh mehr auf die italienische Küche als auf die molekulare. Ich lese eher Schriftsteller aus Europa und Amerika als aus Indien und Afrika, gleiches gilt für meinen TV- und Musik-Konsum.

    Andererseits kann ich das Suchen nach Nischen nachvollziehen – im Rahmen meines größeren Mainstreams: Wenn ich Depeche Mode höre (durchaus Mainstream), dann bin ich gleichzeitig offen und empfänglich Bands wie Ladytron, die dann eben nicht mehr gar so mainstreamig sind.

    Die Mischung macht es halt aus. Grundsätzlich glaube ich, dass die Dinge, die sich abseits des Mainstreams bewegen, schlicht schwieriger aufzunehmen sind. Ich muss mit dem MAinstream starten, um mich in die Sphären des Kantigeren vorzuarbeiten. So ähnlich wie in der Philosophie: Bevor ich Hegel nicht gelesen (und verstanden) habe, brauch ich mit Adorno gar nicht erst anzufangen.

  14. Werbeblogger-Leser Top-10 - Gute Laune Musik | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Werbeblogger-Leser Top-10 - Gute Laune Musik

    [...] Klar, das musste so kommen. Ich will es von euch wissen. Ganz egal ob Mainstream oder Substream. Was sind eure persönlichen Top-10 der Gute-Laune-Musik (alles was einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert), es reicht mir auch Band- oder Albumname, muss kein Song sein. [...]

  15. Arne Viehmeister

    Bei den Sopranos im ZDF war aber auch der hundsmiserable Sendeplatz, die völlig unzuverlässigen Sendezeiten und das grottenschlechte Vorprogramm von Dirk Bach meiner Meinung nach ein wesentlicher Faktor für das Scheitern… Vielleicht hat das ZDF auch nicht die richtige Zielgruppe für das Format. Ein anderer Sender und eine andere Sendezeit würden dem Ganzen bestimmt neues Leben einhauchen!

    Zum eigentlichen Thema: ich kann diese zigtausenden Charts nicht mehr sehen und habe keinen Bedarf nach neuen Varianten. Was ich jedoch immer gerne bekomme, sind gute Empfehlungen. Wenn ich vom jmd., der mir in irgendeiner Weise ähnlich ist, eine Empfehlung bekomme, höre ich gerne hin. Meine Meinung zur Musik bilde ich mir nach meinem eigenen Geschmack, völlig unabhängig von irgendwelchen Verkaufszahlen. Dementsprechend wild gemischt ist auch meine Musiksammlung… ;-)

  16. Arne Viehmeister

    Übrigens unterschreibe ich die einleitende Betrachtung üder das aktuelle Radioprogramm zu 100%! Ich würde nur noch ergänzen, dass der durchschnittliche Höreranruf und das, was im Radio unter Comedy verstanden wird, kaum zu ertragen ist! Aber an diesem Grundübel werden ja auch irgendwelche Charts nichts ändern… Da hilft nur Radio ausschalten oder zu den ganz wenigen Perlen im Äther des Radioschwachsinns zu flüchten ;-)

  17. Patrick Breitenbach

    @Arne: Aber selbst bei den persönlcihen Empfehlungen gibts Top-10! ;-)

  18. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Die Nischen vs. Mainstream-Debatte gibt es schon ewig und natürlich weit vor der Web-Popularisierung. Independant-Verlage und ihre Künstler haben sich -übrigens auch stark durch Mundpropaganda- vielfach ihre Daseinberechtigung verschafft. Das Web hilft nun als Beschleuniger, den Zugriff auf den “langen Schwanz” allzeit zu erhalten.
    Für mich persönlich kann und will ich überhaupt nicht differenzieren, ob Songs, die ich höre, zum Mainstream gehören oder nicht. Ich höre, was mir gefällt, allerdings nutze ich sehr gerne “assoziative” Musikdienste, wie sie in Pandora, Lastfm etc. zu finden sind, und das inspiriert immer wieder auf´s Neue, ganz so wie Patrick es schrieb. Dadurch erfüllen das Web eine elementare Funktion, die die Radio-Stationen aus Angst vor Hörerverlust nicht erfüllen wollen oder können.

  19. Kfiat

    Ja na klar brauchen wir eine weltweite Top 100. Was sollen die die Radiosender denn sonst spielen! Man kann ja nicht nur Wunschhits und Telefonstreiche senden.
    Das Repertior ist ja so schon eher begrenzt.

  20. nilsn

    Eine Weltweite Top 100? Was kommt da denn raus?
    Schaut man sich Mal die Verkaufszahlen von nationalen Schlagerstars in Deutschland an, und überträgt es dann auf ein bevölkerungsreiches Land wie Indien oder China. Ich sag euch, das wird ein Mix aus “exotischen” Sängern die man nicht kennt, aus Global erfolgreichen Superstars der westlichen Länder, zwischendrin noch ein russisches Volkslied und auf Platz 1 Scooter ;-)

  21. Bohlens neuer Zögling? | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Bohlens neuer Zögling?

    [...] DSDS und der funktionierenden Vermarktungsmaschine ist nämlich eine brauchbare Platzierung in diesen Deutschen Charts ein vergleichsweise einfaches Unterfangen. Die echte Herausforderung für unseren [...]

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  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
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