18:58 Uhr
Fluch und Segen der Anonymität
Blogs und andere Medien, die eine Kommentarfunktion anbieten, lassen in den allermeisten Fällen anonyme Kommentare zu und ggf. die sich äußernden Personen im Nebel des Web 2.0 auftauchen und wieder verschwinden. Eine Email-Adresse wird zwar im Kommentarfeld abgefordert, aber nicht validiert, d.h. eine beliebige -auch vollkommen unsinnige- Adresse kann angegeben werden.
Durch diesen Umstand besteht in Business-Blogs zum Beispiel unserer Branche die Gefahr, dass Personen, Agenturen oder Kampagnen bewusst diskreditiert werden. Als Redaktion können wir ggf. diesen Missbrauch “moderieren”, indem wir bei allzu saftiger anonymer Kritik nach der Indentität fragen. Vor allem aber die Sensibilität unserer Leser sorgt in der Regel dafür, dass Kommentatoren dieser Art sich im Dialogstrang eine Beitrages selbst entlarven.
Schwieriger wird es, wenn das ganze Blog auch betreiberseitig anonym gehalten wird, was der Camouflage-Kultur sicherlich einen gewissen Vorschub leisten kann.
In diesem Kontext schlagen die Wellen in den USA gerade wieder höher. Einige Leser der teilweise sehr bissigen Blogs von Agency Spy (anonym) und George Parker (den wir auch bei uns im Interview zu Gast hatten), hatten den Online-Publikationen in Kommentaren vorgeworfen, durch ihre sehr kritischen Artikel am Freitod des vergangenen Monats verstorbenen Creative Directors Paul Tilley, DDB Chicago, 40, mittelbar beigetragen zu haben.
Die Betreiberin des anonymen Blogs “Agency Spy” äußert sich auf Anfrage der New York Times via Email betroffen über den Vorfall und führt weiter aus:
Mr. Tilley, because of his industry leadership post, was a public figure…Perhaps the definition has changed as information has become more easily accessible…This new medium has different rules and that may include the scope of who and who isn’t in the public eye. Some people subscribe to these new notions and some don’t…I’m saddened by Paul Tilley’s death, but I do not feel that my blog postings contributed to the events that occurred…
Auch George Parker´s Reaktion wird wiedergegeben:
Mr. Parker said it was “worth considering” a policy that would require those who leave scathing, personal comments on his site to identify themselves.
Der Freitod eines leitenden Agentur-Mitarbeiters ist mehr als tragisch und zeigt sicher auch, welcher Erfolgsdruck auf Personen in unserer Branche lasten kann. Da ich die persönlichen Umstände nicht einschätzen kann, will und kann ich aber hier nicht bewerten, in welchem Maße eine öffentliche Blog-Debatte über Paul Tilley seine Entscheidung beeinflusst hat.
Wohl aber kann ich grundsätzlich verstehen, dass einige Personen es vorziehen, bei bestimmten Äußerungen in Kommentaren anonym zu bleiben, zumal diese Möglichkeit nicht selten zu offeneren Einsichten eines Themas führen kann. Nur impliziert diese Freiheit auch eine entsprechende Verantwortung, ganz besonders, wenn es um Äußerungen geht, die sich auf bestimmte Personen und Organisationen beziehen. Eine Kontroverse sollte eigentlich immer “auf Augenhöhe” und “mit Augenmaß” geführt werden, auch anonym.
8 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 4. März 2008 um 08:59 Uhr
Auch wenn die Möglichkeit zur Anonymität besteht, sollte man die Netiquette beachten und nicht absichtlich die Gefühle anderer Menschen verletzen. Das ist feige.
Am 4. März 2008 um 09:40 Uhr
Anonymität fördert jedoch die persönliche Entfaltung im Internet. Jemand der seine eigene Identität im Internet nutzt, achtet weiterhin auf sein Image. Wer sich Quasirollen im Internet bedient nutzt die Möglichkeit andere Blickwinkel zu nutzen.
Das nutzen einer New-Media-Schizophrenie ermöglicht auch ein schnelleres Lernen und hat Einfluss auf die persönliche Entfaltung.
Am 4. März 2008 um 09:46 Uhr
Die Geschichte ist so alt wie die Menschheit. Von Steinigungen, Western-Rückengeschossen bis hin zu Tomahawk-Raketen mit chirurgisch präzisen Einschlägen. Wenn wir schon verletzen, wollen wir damit am liebsten nix zu tun haben.
Allerdings dient die Anonymität auch als Schutzmantel für unterdrückte Personen. Es ermöglicht Ihnen frei zu sprechen ohen ANgst vor Repressalien. Die Medaille hat also immer zwei Seiten und so wie jedes “Privileg” wird Anonymität eben auch ausgenutzt für unschönere Dinge. Einen Zusammenhang zwischen Blogkommentare udn Freitod erschließt sich mir aber nur bedingt. Da geht es wohl eher um die letzten Tropfen in das große Depri-Faß.
Es wird also in Zukunft eher darum gehen, wie die Angegriffenen mit diesen anonymen Attacken umgehen. Stichwort: “Druck erzeugt immer Gegendruck”.
Am 4. März 2008 um 09:54 Uhr
Das ist schon richtig. Kommunikation im Internet ist eher primitiv. Niemand nutzt wirklich was man sich angearbeitet hat um im Reallife barrierefrei kommunizieren zu können. NLP, Rhetorikstrategien, Manieren, Bildung etc. Und Anonymität fördert das. Im Normalen Leben hätte ich jetzt wahrscheinlich auch mit “aha, ja da hast du recht” geantwortet, hier schreibe ich trotzdem einen weiteren Gedanken hinein. :D
Am 4. März 2008 um 10:02 Uhr
@Arne: Ich würde das nicht pauschalisieren, es gibt auch da die andere Seite der Medaille, denn dadurch, dass im Netz die nonverbale Kommunikation faktisch wegfällt, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten miteinander umzugehen. Die Kommunikation verändert sich dementsprechend und Hopfen & Malz waren noch nie verloren.
Und NLP etc. bringt ja nur wirklcih was, wenn die Einstellung dahinter stimmt, sonst ist es ja nur wieder ein unauthentisches Werkzeug zur Täuschung. Da wird die nonverbale Kommunikation meist mehr aufdecken, als die Techniken das vertuschen könnten. Wobei ich andererseits glaube, dass menschen, die sich mit diesen Themen beschäftigen sowieso eine andere Einstellung zur zwischenmenschlichen Kommunikation besitzen.
Andere Frage: Ist nur die Kommunikation primitiv oder auch derjenige der hinter ihr steht? ;-)
Am 4. März 2008 um 10:27 Uhr
Tja wie möchte man das differenzieren. Denn gerade in der Quasirollen-Kommunikation ist das wirkliche Gegenüber schwer einzuschätzen. Ist es denn von Vorteil im Internet manchmal auf Blöd zu tun?
Klar wird das Internet immer mehr genutzt um auch vertiefende Gespräche zu führen und vor allem Themenvertiefende Informationen zu beziehen oder zur Verfügung zu stellen. Ein großer Teil der Kommunikation im Internet basiert jedoch auf small-talk. Kleine beiläufige Konversationen zu bestimmten Anlässen.
Am 4. März 2008 um 17:26 Uhr
Ist es euch denn nicht möglich die IP Adresse eines Verfassers auszumachen?
…zur Anonymität: Die Russen (Wähler) können froh sein wenn sie Meinung mal im Netz schreiben können ohne verhaftet zu werden. Stichwort “Russlandwahl, freie Journalisten”
Am 4. März 2008 um 17:39 Uhr
@Alexander: Klar, können wir das. Besser ist es aber, wenn wir es nicht müssen…