16:07 Uhr
Schützt die Heimat im Web
Das Internet ist ein dezentrales Medium, gefüttert und vernetzt über Millionen einzelner Server. Das theoretische Informationsangebot ist gigantisch; die Strukturen ursprünglich globaldemokratisch. Fühlen sich die Menschen aber wohl in diesem Ozean der Einzelinseln, die sie völlig frei und ohne Struktur oder “Landkarte” ansurfen können? Und wo sind die Menschen dort, mit denen ich Kontakt aufnehmen könnte?
Nach meinen Beobachtungen vollzieht sich mit dem weiter stark zunehmendem Wachstum des Web ein Trend, den wir auch aus der Globalisierungsdiskussion insgesamt kennen:
Je mehr wir uns auf den globalen Markt einstellen, je mehr Vielfalt und Angebote es gibt, je mehr wir uns in dem täglichen “Weltgeschäft” bewegen, desto wichtiger werden für den Einzelnen regionale Bezugspunkte.
Diese Orte sind Begegnungsstätten von Menschen, die einen “Bezug” zueinander haben, sich kennen, wo ein Vertrauensverhältnis besteht oder aufgebaut werden kann.
Ich persönlich schätze wieder viel mehr meine lokale Buchhandlung, Restaurant, Handwerker, Ärzte, Einzelhändler oder Autowerkstätten, die den viel zitierten aber oft missbrauchten Begriff der “Kundenorientierung” wirklich leben und für mich nicht einfach durch eine zentral geführte Filialkette ersetzt werden können. In den 80ern und auch frühen 90ern war es eher chic und “in”, sich auf und international franchisierte oder filialisierte Ketten einzulassen, im Food-Bereich aber auch z.B. in der Bekleidungs- oder Möbelbranche.
Regionale Bezugspunkte sind aber auch das eigene Zuhause, abseits endloser Business-Reisen und Übernachtungen in internationalen Hotelketten, deren Hotelzimmer nach einer anfänglichen Attraktivität am Ende nichts anderes sind als anonyme Hasenställe mit Klimaanlage, Pay-TV und Mini-Bar.
Letzlich ist der Wert eines heimatlichen Ortes geprägt durch die Menschen, die man gerne um sich hat, vor allem die eigene Familie und Freunde.
Im Web vollzieht sich parallel ein vergleichbares Verhalten. Jeder braucht eine Anlaufstelle, eine Heimat und vor allem soziale Interaktion mit Seinesgleichen. Diese Effekte sind der entscheidende Nährboden für die im Netz stark wachsenden “sozialen Netzwerke”. Während das reine Internet eigentlich nur technische Infrastruktur und Vernetzung beinhaltet, weltweit und nahezu grenzenlos, entwickelt sich das Web zu einer sozialen Plattform, die sich teilweise wieder bis auf Regionen, Städte und Straßen auffächert. Facebook und hier in Deutschland StudiVZ oder SchülerVZ leben genau von diesen Effekten. Lokalisten stellt gar ganz auf dieses Konzept ab.
Das Ganze hat nur einen riesigen Haken:
Sämtliche relevanten sozialen Netzwerke sind im Gegensatz zur offenen technischen Plattform des Internet vollkommen proprietär und kommerziell gesteuert. User-Profile werden von Millionen von Nutzern mittel- oder unmittelbar bei Medien- oder Technologiekonzernen verwaltet und ausgewertet.
Diese Daten gehören nach meinem Verständnis des Web grundsätzlich nicht in die Hände der Betreiber. Meine (digitale) Identität habe ich gerne in meiner (digitalen) Brieftasche und zur Not und zwangsläufig in der Administration eines Rechtsstaates, aber sicher nicht bei Holtzbrinck oder Rupert Murdoch. Auch tröstet mich nicht eine offene Entwicklungsschnittstelle wie Google´s “Open Social“, weil sie den Verwertungsdrang persönlicher Angaben und Daten auf eine noch verführerische Ebene hebt.
Eher schon interessant sind Ansätze wie OpenID oder auch Noserub mit allen ihren potenziellen Nachteilen und neuen Risiken. Auch wenn Bequemlichkeit und vereinfachte Anmeldeprozeduren hier immer wieder als entscheidender Vorteil genannt werden, so ist es aus meiner Sicht vielmehr erforderlich, Konzepte für eine “digitale Identität” zu entwickeln, die den Aspekt des Datenschutz und der Datensicherheit in den Mittelpunkt stellen. Dass hierfür aber auch staatliche Organe nicht wirklich geeignet sind, zeigt aktuell die laufende Diskussion über die Schäubelsche Vorratsdatenspeicherung.
Provider übernehmen bisher den technischen Zugang in das Internet. Wo sind aber globale Konzepte für eine dezentrale Verwaltung von Milliarden “sozialer Identitäten”? Ich möchte die Beantwortung dieser Frage nur ungern den kommerziellen Marktführern im Social Web überlassen. Und überhaupt: Warum ist mein “Social Network” und meine digitale Identität nicht z.B. gleich im Browser integriert? Brauche ich dafür eigene Websites mit eigenen Navigationen?
Natürlich gibt es auch bei diesem Ansatz viele offene Fragen, aber vernetzte soziale Kommunikation ist strukturell schon lange über bestehende Internettechnologien und auf Wunsch auch verschlüsselt abbildbar, ohne ein einziges “Social Network” in der heutigen Form.
9 Kommentare
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- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
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Am 7. Februar 2008 um 17:10 Uhr
Ein fast schon philosophischer Post. Ich weiß nicht, ob es gerade das Internet ist, das dafür sorgt, dass wir wieder vermehrt das Lokale zu schätzen wissen. Meiner Meinung nach haben die großen Franchise-Unternehmen, die ja auch hier angesprochen wurden, zum Teil den Boden genährt und für etwas gesorgt, das nun kleine und mittelständische Unternehmen lokal besser umsetzen. Starbucks zum Beispiel ist ein Laden, den ich sehr schätze, sehr gemütlich. Aber letztendlich ist Starbucks, und das merkt man oft genug, auf amerikanische Bedürfnisse ausgerichtet. Nun haben sich genug kleine Röstereien das Konzept angeschaut, auf Schwächen und Stärken untersucht und es besser für Hamburg, Berlin, Köln oder München übersetzt. Der Grundgedanke ist der Gleiche, aber die Feinheiten stimmen, weil man besser und zielgerichter auf die Wünsche des Kunden eingeht. Ich denke, das wird sich früher oder später in vielen Branchen durchsetzen.
Am 7. Februar 2008 um 17:21 Uhr
@Sachar:
Zu Starbucks gibt es einen sehr schöne (englischen) Artikel, der auch deine Einschätzung aufgreift.
theidesofmarch.wordp...
Am 7. Februar 2008 um 22:23 Uhr
Richtig Spaß macht Starbucks nur in USA / Kanada. Und selbst dort gibt es richtig feine kleine Läden die selbst rösten und bei denen der Kaffee besser schmeckt und mehr Individualität vermittelt wird.
Am 8. Februar 2008 um 00:42 Uhr
[...] zur Sendung: Identitä? Datenschutz? Wieso das denn? Tim mag die Bauknecht-Kampagne, hat sich aber keine Bauknecht-Spülmaschine gekauft. J. J. [...]
Am 12. Februar 2008 um 22:33 Uhr
Die Datenschützer lassen nicht locker. Gut so, sagt ein “Fast68er”.
heise.de/newsticker/...
Am 17. Dezember 2008 um 02:48 Uhr
@breitenbach jaaa.das war der grund für meinen damaligen post. tinyurl.com/5solsl #noserub
Am 10. März 2009 um 12:54 Uhr
[...] Betreiber begeben. Die ursprüngliche Netzarchitektur ist zwar dezentral, wir alle sind uns der Vorteile dieses Grundmodells bewusst, und doch bewegen wir uns mit kollektivem Herdentrieb in die proprietären [...]
Am 23. März 2010 um 14:28 Uhr
[...] zur Kommunikationswirtschaft und als langjähriger “Netzbewohner”- kritisch einer allzu kommerziell gedachten und geprägten Netzgesellschaft gegenüberstehe. Ein Grund liegt eben auch in dieser Endlosschleife selbstreferenzieller [...]
Am 19. Januar 2011 um 00:42 Uhr
[...] Das Internet hilft uns sogar bei einer fatalen Entwicklung, die uns ohne das Internet zwangsläufig in eine Art Werbesackgasse geführt hätte. Transportwege, Vervielfältigung und Austrahlung von Botschaften kosten fast nichts mehr, also knallen wir auch alles an Werbung raus, was geht. Und mit dem Internet sind es nicht mehr nur die kapitalstarken Unternehmen, die es sich überhaupt leisten können, Werbemedien zu bespielen. Heute kann das jeder. Und jeder tut es auch. Das Internet ist eben nicht nur für die Schöngeister oder Netzromantiker gemacht. Es lebt nun einmal in und damit mit der Wirtschaft. Alternativlos? [...]