17:53 Uhr
Wirtschaft der Cliquen
Der Wachstumsmechanismus (nicht das Geschäftsmodell!) von vielen sozialen Netzwerken ist vergleichsweise einfach: Bilde Cliquen und Begegnungsräume im Internet ab, schaffe Mitmachbegehrlichkeiten, die dem pubertären Gefolgschaftsprinzip folgen, reduziere Freundschaft zu einem rein qantitativen und den Linkprinzipien des Internet folgenden Gut mit Wettbewerbscharakter, bediene Eitelkeiten, wo es eben geht, indem du absurdeste digitale Aktivitätsrankings der User erstellst und für alle Teilnehmer sichtbar machst.
Teile im Kleinen und herrsche im Großen. Lehn´ dich zurück und genieße die Allmacht des Schöpfers in deiner eigenen kleinen oder großen Welt und lass die Puppen tanzen.
Nicht erst seit dem Artikel von Tom Dodgkinson im Guardian sind mir viele der kommerziell gesteuerten sozialen Netzwerke schlicht unheimlich. Sie offenbaren bei vielen Menschen ein Verhalten, welches die User in der realen Welt so nie ausleben würden. Das “soziale Korrektiv” des realen Lebens, in welchem wir direkt und mit allen Sinnen unsere Mitmenschen erleben, entfällt auf der digitalen Ebene der sozialen Netzwerke wie bei einem Dauerkarneval, bei dem viele ihre Lieblingsverkleidung aufsetzen und fortan tragen.
Nun ist mir persönlich der Drang während meiner eigenen Teenagerzeit, gelegentlich aus der eigenen Rolle oder dem engen Korsett schlüpfen zu wollen, noch gut in Erinnerung. Auch ist mir bewusst, wie stark bestimmte Cliquenmechanismen gepaart mit der eigenen pickeligen Unsicherheit wirken und beeinflussen können.
Was jetzt über den englischen Dienst Bebo berichtet wird, ist allerdings genau die Art von degenerierter, digitaler “Sozialgemeinschaft”, die bei einigen Mitgliedern Todessehnsüchte fördert, da sie post mortem vermeintlich eine große Aufmerksamkeit in ihrem “sozialen Netzwerk” genießen; ein Effekt, der ihnen vermutlich zu Lebzeiten trotz digitaler Heimat nicht möglich war.
Sicher ist es eine Minderheit, eine Außnahmeerscheinung. Aber sie ist eine Erscheinung zu viel für einen Dienstanbeiter im Internet, der die Begehrlichkeiten von Jugendlichen bewusst fördert, ohne sie wirklich aktiv zu moderieren. Ob auch StudiVZ oder sein Zögling SchülerVZ diese Verantwortung kennen und verinnerlicht haben?! Oder sind die Cliquen von gestern nur noch die “Klicks” von heute?
10 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 23. Januar 2008 um 19:16 Uhr
[...] Wirtschaft der CliquenLesebefehl… [...]
Am 23. Januar 2008 um 21:51 Uhr
Ich weiss nicht, das ist mir irgendwie alles zu einfach. Das boese Internet und die boesen Chatrooms und jetzt ganz besonders die boesen Social Networks sind mal wieder Schuld.
Wenn ich mir da diesen Bericht und die dortigen weiterfuehrenden Links durchlese ist der Zusammenhang mit Bebo bis jetzt nur Spekulation.
Die dort genannten “Memory Walls”, gibt’s das nicht in Blogs, Foren und anderen aehnlich? Da werden auch “Nachrufe” auf Personen geschrieben die verstorben sind, die dann kommentiert und ergaenzt werden.
Ach ja, Selbstmordwellen hat’s schon lange vor Social Networks und vor Erfindung des Internets gegeben.
Am 23. Januar 2008 um 22:07 Uhr
Es geht mir jetzt nicht um Chats. Die haben eigene Gesetzmäßigkeiten. Es geht mir um die Verstärkung bestimmter, immer schon existenter Verhaltensmuster im Teenie-Alter durch “soziale Netzwerke”, die ganz besonders eine bestimmte eigene Welt kultivieren, um sie zu kommerzialisieren. Wenn dann jugendliche Gruppendynamik und Cliquenwirtschaft, die schon im “echten Leben” nicht immer sozial ist, auf solche Welten trifft, können eben auch negativen Effekte verstärkt werden.
Unbestritten ist übrigens, dass auch Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen oft kein ausreichend tragfähiges Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen aufbauen und pflegen können. Aber das ist ein weiteres Thema…
Am 23. Januar 2008 um 22:29 Uhr
Alles schoen und gut, ich finde es nur halt schwer den Unterschied zwischen einem Social Network und einem Buch oder Medienberichterstattung zu erkennen: Ich halte das ganze fuer eine Form des Werther-Effekts.
Am 24. Januar 2008 um 08:27 Uhr
@armin: Schöner Gedanke.
Jede Technik hat Vor- und Nachteile. Es liegt am Einzelnen, ob er etwas Positives oder Negatives daraus macht. Existenzielle Fragen des Lebens oder Sterbens werden meiner Meinung nach durch das Internet nicht beeinflusst, sondern es werden über Leben und Sterben Informationen verbreitet und wenn es Leben rettet, dann geht das i.A. unter.
Der Artikel wirkt auf mich, als wollte jemand für sich eine innere Reife in Anspruch nehmen, die er den sozialen Diensten Nutzern absprechen möchte.
Am 24. Januar 2008 um 11:48 Uhr
@rainer:
Nicht “absprechen” und schon gar nicht ALLEN Nutzern. Was für mich aber -unabhängig, ob es in diesem konkreten Fall einen eindeutigen Nachweis gibt- feststeht: Genauso, wie gerade ein Social Network die digitale Reputation “beflügeln” und ggf. einen konstruktiven Austausch fördern kann, so können diese Dienste durch ihre ganz speziellen Mechanismen auch zu einer Verstärkung der sozialen Isolation, Einsamkeit und Realitätsflucht führen.
siehr dazu auch:
basicthinking.de/blo...
Am 24. Januar 2008 um 14:10 Uhr
Wo soll das alles noch hinführen?? :-))
Habe heut morgen auf Studivz ein Winkelbanner-Ad bekommen,
das auf Platinnetz verweist.
O-Ton:
50 Jahre ohne Community.
Endlich Goldene Zeiten für Silver Surfer.
Jetzt alle über 50 einladen.
Leider fällt mir zu soetwas nichts mehr ein…
Außer Witze zu Galerien von besoffenen Rentnern und
Gruppen mit Geriatrie-Schwerpunktthemen…
Am 27. Januar 2008 um 02:01 Uhr
Viel schockierender fand ich als sich vor einigen Monaten ein Mädchen getötet hat – ihr “Freund” in MySpace wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben. Der “Freund” war in wirklichkeit eine perfide Erfindung einer Klassenkameradin mit der sie Streit hatte. Und einigen anderen Leuten die sich aktiv an diesem Account beteiligt haben. Erst die Freundschaft aufbauen mit einem Mädchen das schwere Probleme hatte (schon vorher) – er verstand sie ja hervorragend, schließlich kannten die gegenüber sie ja auch – um ihr dann das Messer in die Brust zu rammen.
Digitales Mobbing. Nur Perverser.
Viele dieser Netzwerke bergen Gefahren, toller Beitrag. Über Datenschutz muss man ja garnicht erst reden (faszinierend wie viele Studenten im StudiVZ wirklich private Daten offenlegen, fehlt eigentlich nur noch die Bankverbindung und eine TAN-Liste sowie der monatliche Gehaltseingang…)
Am 16. September 2008 um 15:00 Uhr
[...] bestimmter Wirtschaftszusammenhänge “entzaubert”, nicht nur auf Gymnasien und gerade auch im Online-Umfeld. Trackback-URL dieses Beitrages Schlagworte (Tags): alkohol, alkoholwerbung, jugendschutz, [...]
Am 15. Juli 2011 um 15:45 Uhr
[...] nachdenken, dann interessiert sie offensichtlich nur die Netz-Wolke, der Ort und die Masse, das Steuern des Schwarmgeistes. An unseren Studenten können wir die Folgen der entstehenden Gesellschaft, in der der Gewinner [...]