18.01.08
13:31 Uhr

Ogilvys Pharmaklogriff und Blogrecherchenetz

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Ich weiß nicht, was ich armseliger finde, die Kampagne im luftleeren Raum, die ganz offensichtlich nicht wirklich bei europäischen Frauen ankommt, oder die ganzen Hintergrundinformationen zur Pharmalobby und der scheinbare Versuch eine künstliche Graswurzelbewegung (Astroturfing) zu initiieren. Wie dem auch sei, wer Blogs anfasst, muss damit rechnen, dass es peinlich transparent wird. Verstellen, vortäuschen oder beschönigen wird in der mittlerweile gut vernetzten investigativ geprägten Blogosphäre meist früher als später auffliegen. Das ist der elementare Unterschied zum Journalismus. Dort kann noch munter unter dem Deckmantel einer Printausgabe mit hunderten daran gekoppelten Arbeitsplätzen Meinung eingekauft werden. “Halt die Klappe oder wir alle sind unseren Job los!” Doch (einige) Blogger, ohne Verlagsgefüge und Existenzängste, werden sich auch in Zukunft nicht alle Blogger vor den PR-Karren spannen lassen. Wird ein Blogger gekauft, steht der nächste “Unbestechliche” schon parat und übernimmt dessen Leserschaft. Es ist ein Virus – aus unterschiedlichen Blickwinkeln jeweils gut- oder bösartig.

Ich bin jedenfalls zunächst auch darauf reingefallen. Auch mich hat Ogilvy zu diesem “hochwichtigen Thema” telefonisch aus London angerufen. Ich habe mir natürlich nicht die Mühe gemacht (bzw. die Zeit gehabt), die Hintergründe gründlich zu recherchieren, aber das schöne ist ja, dass musste ich in diesem Fall nicht, denn Strapato als Experte für Pharmalobbyismus hat diesen Job für uns alle übernommen. Zum Glück war die Kampagne dann auch so schlecht, dass ihr Leser die passende Reaktion prompt geliefert habt.

Also. Journalisten und PRler aufgepasst. Erkennt ihr langsam, was da in Blogs passiert und warum ihr so viel Angst davor habt und daher Gift & Galle spuckt?! Genau, es machen gerade “Amateure” euren Job. Besser, spannender, gründlicher und vor allem unabhängiger von der Kette aus Werbekunden, Verlagsleitung und Chefredaktion.

sei frei – komm zu dir – sei dabei – gib auf – werde gross – gib alles – lass los (Thomas D.)

UPDATE: Witzig, es gibt 7 goldene Regeln von Ogilvy, die den PR-Umgang mit Bloggern anleiten. Scheinbar wurden die nicht wirklich befolgt (via Blogbar-Kommentar)

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18 Kommentare

  1. PR-Kloster » Blogger Pitching: Eigentor von Ogilvy PR

    [...] dürfte den Strategen von Ogilvy Public Relations Worldwide wohl nicht gefallen. Und auch die Reaktion von Werbeblogger Patrick Breitenbach war nicht [...]

  2. Vroni

    Da braucht man als Blogger nicht einmal bös “gekauft” worden sein.
    Es hat doch hier beim Werbeblogger die Ehre, von Ogilvy from “Landön” persönlich angerufen oder kontaktiert worden zu sein, gereicht.

    Nein, Patrick, das soll keine überhebliche Kritik sein.
    Mit ist auch schon Unrecherchiertes passiert, da war mein Mäulchen und die Eitelkeit (oder die Katze auf der Tastatur) in Blogs schneller als mein Hirn.

    Befürchte also, dass die Big Player nicht alle Blogger groß “einkaufen” müssen, es reicht oft auch schon die Eitelkeit der Blogwelt. Und wenn die sogenannten A-Blogger langsam resistent werden (das is wie bei Antibiotika, die haben auch das Problem der zunehmenden Resistenz :-)), dann werden eben die Beta-Blogger genommen. Freuen sich sicher auf einen Anruf, eine personal Mail aus Landön oder gar aus Nujork.

    Dass das trotzdem von den PR-Schlauies zu kurz gedacht ist – da hast du Patrick vollkommen Recht – ist, dass solche “exklusiv” geseedeten PR-Kampagnen von den “gelinkten” Blogs und deren Kommentatoren dann eben inhaltlich sowieso nicht bestehen, wenn sie schlecht gemacht sind.

    Irgendein Kommentator kennt sich immer bei was aus, irgendein Experte ist immer drunter. Das vergessen diese Blog-PR-Strategen gern. Blogger sind doch keine Laiendiakone und ihre Leser sind nicht doof.

    Blog-Seeder sollten wirklich vorsichtiger und ehrlicher sein. Hier war es dankbarerweise aufdeckend Strappato, weil er Pharma-Expertise hat, ein andermal ist ein Blogger oder Kommentator drunter, der was von Finanzmärkten versteht, ein anderer vielleicht vom E-Milchsubventionen – und schon platzt der Käs irgendwelcher Avancen, die nur beim ersten Schritt geklappt haben: der Erst-Anwanzung. Kann es sein, dass PRler grundsätzlich nicht weiter denken können als von 12 Uhr bis es schlägt?

  3. Patrick Breitenbach

    @Vroni: Nein wirklich nicht. Ein Anruf von Ogilvy & Co ist mir persönlich erstmal schnurz, wieso sollte ich das toll finden, wenn mich eine Praktikantin (oder gar ein Outbound) von denen anruft?

    Aber natürlich wirkt ein Anruf immer intensiver als eine E-Mail und ich habe mir gedacht, bei dem Thema kannst du nicht viel falsch machen, bzw. den schlechten Spot sollen man einfach mal die Frauen bewerten lassen, weil ich a) ein Mann bin und b) mich wirklich ohne suggestives Einwirken interessiert hat, wie diese Kampagne bewertet wird. Ich werde öfters mal angerufen und am Ende steht hier nix davon drin. Nur bares ist wahres! ;-)

    Nein im Ernst, ich glaube es kann sich niemand wirklich frei machen von Beeinflussung durch Geld oder Eitelkeit. Ich versuche es wenigstens (bei Geld und Mauscheleien kann ich eigentlich immer sehr gut “nein” sagen, ganz einfach weil es Peanuts sind), wobei ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufe, dass die Ehrlichkeit mir gegenüber das allerwichtigste ist, denn dann bin ich auch automatisch ehrlich gegenüber den Lesern hier. Es ist auch einfach ein viel schöneres Gefühl als 100 Euros mehr auf dem Konto zu haben. (Vielleicht auch weil ich nicht auf die 100 Euro mehr angewiesen bin, ich verstehe da schon sehr viele Menschen, die sich schnell und billig verkaufen)

    Langer Rede kurzer Sinn: Manche werden gekauft, manche nicht, die Wahrscheinlichkeit, dass solche Spielchen rauskommen liegt bei über 90%. Wer das als PRler nicht begreift, dem ist einfach nicht zu helfen, jedenfalls nicht heute oder es ist ihnen scheissegal und es gehört mit zum Kalkül. (Kontroverse und so)

    Und du hast natürlich vollkommen Recht, der Blogger spielt nach außen zwar oft die erste Geige, aber ohne Leser und die Kommentare ist das alles nix wert. Sprich: Wenn die Leser das herausfinden und in den Kommentaren richtig stellen, wird es doppelt peinlich.

  4. Vroni

    Disclosure:
    Ich bin zwar Pharma-affin, da ich auch schon, aber keinen Tag länger als notwendig^^- in einer Pharma-Agentur gearbeitet habe (Unit von McCann; Produkte von Lilly [Fluctin = Antidepressivum] bis zu Pfizer [Viagra] und Rheumasachen), und ich ein bisschen die Denke, die Querverbindungen der Firmen und die Tricks sowohl von Mitarbeitern/Cheffe und Pharmakunden kannte – aber das, was Strappato immer wieder unermüdlich ausgräbt, ist erschreckend. Vor allem die Verflechtungen und geschickten Verbindungen zur Politik, speziell zu unserem Krankheitssystem, ähm Gesundheitssystem.

    Was ich sagen will: vielleicht muss ich mir dennoch und trotz solcher Perlen wie Strappato wieder TV anschaffen, da es allen Niedergangs des Fernsehens zum Trotz immer wieder investigative Sendungen gibt wie z. B. Plusminus, welches die Hintergründe dieser Impfkampagne aufdeckte: gesundheit.blogger.d...

    Meine Moral von der Geschicht, wer bloggen will, muss auch und immer noch das vielgescholtene Fernsäh haben.

    Wer aber in meinen Augen meist völlig versagt und kaum investigative Kultur hat, sind online-Zeitungen (SPON, ZEIT, Stern). Was sagt uns das? Isse das der “Qualitätsjournalismus”?

    ____________________________
    Schaffe mir wieder Tevau an, sonst habe ich böse Lücken. Das Internet reicht mir nicht (zuviel Heuhaufen plus zuwenig Nadeln, die ich dann auch nicht sofort find’), und in Papierzeitungen steht Mantel mit Lokal-Tünnes.

  5. strappato

    Der Stern ist ja zu Recht stolz auf seinen Journalisten Markus Grill, der immer wieder schmutzige und fragwürdige Methoden in der Pharmaindustrie aufdeckt. Aber er steht da ziemlich einsam in der Journalistenzunft.

  6. Basic Thinking Blog | Pharma und Blog-Astroturfing

    [...] gerade beim Werbeblogger, dass die Werbeagentur Ogilvy bei einer PR Kampagne der Pharmakonzerne u.a. auch Blogger angehauen [...]

  7. Vroni

    Hm, was ich in der “Suche” bei Stern-online gefunden habe mit Tags wie “HPV” war lauter freudiger DPA-Krempel. Und vom Robert-Koch-Institut empfohlen, und und…

    Von dem guten Mann nicht die Spur. Vermutlich schreibt er im Print-Stern. Werde ihm mal nachspüren. Beim SPIEGEL oft das gleiche: halbwegs zurechnungsfähige Artikel stehen, wenn überhaupt, nur im Print. Letztes Jahr EIN Highlight: ein Insider (Mist, den Namen vergessen) schrieb über die Kosten-Verwerfungen und Fehlinformationen Privatkrankenkassen versus Pflichtkrankenkassen. Hochinteressant.

    Was mir doppelt sagt, dass online-Zeitungen zu 90 % Boulevard-Mist sind kombiniert mit DPA-copy-and-paste. Wieder Print kaufen? Wegen eines Artikels im Jahr? Hm.

  8. Patrick Breitenbach

    Wenn Plusminus auch im Web abrufbar ist, sehe ich sowieso kein Konflikt zwischen TV und Web. Im Gegenteil, dort passiert derzeit ja viel (Mediathek der öffentlich-rechtlichen etc.), das aber nur mal am Rande.

  9. Vroni

    Ja, auch das “Monitor”-TV-Magazin ist im Web abrufbar. Stimmt. Und da tut sich was.

    Der Unterschied liegt wohl in meinem/oder persönlichen Nutzerverhalten: Im Web suche ich/man aktiv nach was Bestimmtem – wenn es aber schlecht getagt ist, finde ich, findet man es nicht. Und manchmal kann man auch nicht von sich aus nach was suchen, weil es einfach… begrifflich neu oder momentan nicht im Kopf rasch abrufbar ist. Will sagen, man sucht im Netz meist nur nach dem Begriff, den man kennt. Das ist für mich der Vorteil und gleichzeitig der Nachteil des Internets. Komme ich damit auf “Plusminus”, in Ordnung, oft komme ich aber nur auf Müllseiten. Plusminus aktiv und rituell im Internet abrufen, das mache ich merkwürdigerweise nicht. (Muss mal darüber nachdenken.)

    Aber das TV hatte sowas ritual-ähnliches: Aha, etzt ist Dienstag, 21:00, etzt kommt Panorama. Kucken! Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich solche zeitlich immer gleichen Investigativnews-Rituale nach 7 Jahren TV-Abstinenz. Das nur am Rande :-) Vielleicht kümmert sich mal ein Kommunikationsforscher um mein verwildertes Kommunikationsverhalten^^ Aber nu is gut.

  10. Patrick Breitenbach

    @vroni: Ein allerletztes Mal am Rande: Ich hab mich völlig vom TV-Sendezeitenschema entfesselt, ohne aber dabei auf Rituale zu verzichten. Selbst den derzeitigen Dschungelkrampf kann man sich mittlerweile im Web anschauen. (Übrigens ist mein TV-Gerät mit dem Rechner verbunden, sollte es da Einwände geben wegen Gemütlichkeit und so)

  11. PatRiot

    Doch (einige) Blogger, ohne Verlagsgefüge und Existenzängste, werden sich auch in Zukunft nicht alle Blogger vor den PR-Karren spannen lassen.

    Naja, so ganz uneigennützig ist ne gute Story, die eventuell viel Aufmerksamkeit nach sich zieht, ja für nen Webblog nie.

  12. Patrick Breitenbach

    @PatRiot: Das ist richtig. Das geht dann wieder in Richtung Eitelkeit und Traffic. Wie gesagt, ich glaube es kann sich niemand komplett lösen, wobei das auch wieder quatsch wäre denn Blogs sind in erster Linie eins für mich: Menschlich.

    Im Übrigen handel ich sowieso nach der Devise: Alles was für mich spannend ist, ist auch für das Blog relevant. Egal ob ich mich über das Thema aufrege oder himmelhochjauchze.

  13. tim

    also grundsätzlich stimme ich dir, patrick, zu. ABER, die gesamte Blogosphäre als investigativ zu bezeichnen halte ich für falsch. Das mag sicherlich auf einen Bruchteil der Blogs zutreffen, doch meiner Meinung nach, haben die meisten Blogs nicht mal im Ansatz den Gedanken einer publizistischen Sorgfaltspflicht. Ich halte es da eher mit dem Sturgeons Gesetz: “90% von allem ist Mist.”

    Und ob alle Blogger den Job der Journalisten “besser, spannender und gründlicher” machen, möchte ich auch mal stark anzweifeln. Dafür habe ich schon zuviel Mist in diversen Blogs gelesen. Und der Satz “unabhängiger von der Kette aus Werbekunden, Verlagsleitung und Chefredaktion.” zeigt nur eine Art der süffisanten Selbstgefälligkeit. (übrigens typisches Anzeichen aller A-Blogger) Klar, du hast ja hier auch keinen Chef etc. vor/über dir und auch niemand der mit der PPT-Präsi mit den sinkenden Auflagenzahlen vor deinen Augen rumwedelt. Von daher ist sowas immer relativ einfach rausposaunt.

    Wobei ich die Regeln von O. echt witzig finde. Wenn es eine Regel in der Welt der modernen PR-Kommunikation in den Zeiten von Blogs etc. gibt, dann ja wohl, dass es keine festen Regeln geben kann, sondern der einzelene Fall die Regeln definiert…. Aber das werden die Jungs von O. auch noch lernen :-)

  14. Protokoll vom 19. Januar 2008 at Trackback

    [...] Ogilvy versucht Blogger zu benutzen. Dabei hätten Sie es besser wissen sollen. (via Werbeblogger) [...]

  15. Patrick Breitenbach

    @Tim: Dann habe ich mich wohl undeutlich ausgedrückt?! Ich würde kaum die schwachsinnige Aussage treffen, dass ALLE Blogger die besseren Journalisten sind. Genauso wenig wie manche Journalisten meinen, dass ALLE Blogs Müll sind. Im Übrigen teile ich diese Sturgeon Auffassung, dass generell 90% Müll sind, eh nicht. 90% sind für dich und mich als Person vielleicht irrelevant, aber für jemand anderen sind diese Inhalte toll und eben genau die 10% Nicht-Müll.

    Also bitte das “alle” streichen, ich selbst zähle mich übrigens auch nicht dazu, um auf meine angebliche selbstgefällige Aussage zurückzukommen. Ich hab zwar kein Chef über mir, aber ich halte mich sicherlich nicht für einen gründlich recherchierenden Journalisten oder investigativ arbeitenden Blogger. Aber man mag wohl nicht abstreiten, dass dieses Verlagsgefüge Einfluss auf die journalistische Zunft hat, oder?

    Witzig finde ich wiederum dass du alle “A-Blogger” über einen Kamm scherst, wobei ich mich selbst gar nicht dazuzähle. Das Schubladisieren übernehmen, wie man sieht, andere. ;-)

  16. tim

    “alle” gestrichen – auch bei meinen “allen” A-Bloggern ;-) und wie gesagt, grundsätzlich stimme ich dir ja zu… schickes restwochende…

  17. Patrick Breitenbach

    @Tim: Ja die schnelle Sprache ist voller Mißverständnisse und manchmal habe ich das Gefühl je öfter man uns in die A-Klasse stecken will, desto öfter müssen (müssen ist natürlich relativ, ist eher ein Wollen) wir uns deutlicher erklären.

    Dir auch ein schönes Restwochenende!

  18. Andreas Rodenheber

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