30.10.07
02:26 Uhr

Schreiben ist Silber. Drucken ist Gold.

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Frank Schirrmacher liefert also ein Plädoyer für das gedruckte Wort ab und möchte eine Meta-Diskussion. Na gut…
Erst Zeitungspapier sei demnach die journalistische Salbung, die den Inhalt wertig mache. Das böse Internet mit seinen degenerativen Erscheinungsformen und seiner nimmermüden Allgegenwärtigkeit werde in uns allen alsbald eine große nostalgische Sehnsucht nach qualitativ hochwertigem Zeitungsjournalismus entfachen.

…Zeitungen sind Qualitätszeitungen, weil sie auch dort analysieren, wo vorläufig kein „Markt“ im herkömmlichen Sinn existiert, in der Latenz, in den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Tiefenschichten des eigenen Landes und der globalen Gemeinschaft…

Dass ein Zeitungsmann entsprechend argumentiert, ist sicher verständlich, aber dass nun gerade das Gedruckte per se ein Heilmittel für einen „Qualitätsjournalismus“ sein soll, lässt sich nun wirklich nicht mehr nachvollziehen. Das Gedruckte hat mindestens ebensoviel „Schund“ anzubieten wie das böse Internet und diese Entwicklung, die eben zwischen Goethe und Groschenroman, Recherche und Rotz, zwischen Poesie und PR alles hervorbrachte und distribuierte, wozu Menschen grundsätzlich in der Lage sind, bahnte sich ihren evolutionären Weg natürlich auch in andere Medienformen.
Im Kern seiner Aussage ist Schirrmacher andererseits aber gar nicht so weit entfernt von Gedanken, die uns hier auch in unserer Rubrik „Medien“ regelmäßig beschäftigen. So kann ich seinem Statement durchaus folgen, wenn man denn das Wort „Zeitung“ durch „Publikation“ ersetzte:

Eine „Zeitung“, die einmal aus dem Taktschlag gerät, deren Temperament gebremst und deren geistige Risikobereitschaft entmutigt wird, eine Qualitätszeitung, deren Besitzer einmal die Drehschrauben ansetzen, um zu sehen, wie weit man drehen kann – diese Zeitung verliert auf Dauer ihre Seele. Und es ist, wie man in England, Schweden, Finnland, Amerika, leider auch in Frankreich beobachten kann, praktisch unmöglich, ihr diese Seele jemals wiederzugeben.

Mit den „Besitzern“ sind vermutlich wohl nicht gerade die „Freunde“ des Qualitätsjournalismus gemeint, die ihre „Drehschrauben“ massiv auf der Kostenseite der Verlagspublikation ansetzen und zudem auf der Ertragsseite den größten Wert der Marke, nämlich den Leser, hinter das Interesse ihrer anderen Kundschaft, nämlich den Werbekunden, stellen.
Die vordergründig und undifferenziert aufgeführte Internetkritik wendet sich spätestens mit dieser Aussage direkt an die eigene Fraktion und die Verlagsoberen, die schon längst vom „Shareholder Value“ dominiert werden und sich selbst und ihren Journalisten eben die von Schirrmacher eingeforderte geistige Risikobereitschaft verbieten. Angst essen Seele auf. Gier auch.
Das harte Geld der Werbekunden ist wohl unmittelbarer und öffentlicher als der schleichende Verlust von Qualität und Lesern, den man als Verlag ja gelegentlich noch geschickt über entsprechende Distributionstechniken „auspendeln“ könnte.
Andererseits:

Werbe-Erträge gibt es nur, wenn es auch Leser gibt, die sich inhaltlich einer Zeitungsmarke verbunden fühlen. Wer das Fundament untergräbt, darf sich nicht wundern, wenn sein Haus früher oder später im Ganzen zusammenfällt.

23 Kommentare

  1. Vroni

    @ An FAZ, Süddeutsche et.al
    Man kann nicht einerseits „Qualitätsjournalismus“ beschwören (gibt es den überhaupt?), und andererseits die Redaktionen ausdünnen, rausschmeißen, um neue einzustellen, die dann schlechter bezahlt werden und dafür auch schlampiger recherchieren, da keine Zeit/Geld dafür. Natürlich schreibt nicht jeder Journalist, deswegen auch gut, weil er gut bezahlt ist und seinen Buch mästet, diese Rechnung stimmt nicht – aber in der Masse ist der Trend zum billigen, schnellen Text voller Recherche- und Schreibfehler gerade in den gedruckten Zeitungen deutlich erkennbar. Das war vor 1o Jahren besser (die Süddeutsche wimmelt seit einiger Zeit vor Fehlern, die ZEIT neuerdings auch).

    Ich weiß nicht, was Schirrmacher erreichen will mit seinem Vorstoß. Er ist auch derjenige, der uns mit griffigen Thesen eine demografische Katastrophe voraussagt und mit Vorträgen darüber herumtourt (Das Methusalem-Komplott“). Sein neuestes Buch „Minimum“ beklagt die Zerbröselung der Familie zu Einzelpersonen als Einzelkämpfer und ist für mich nah an den Hermann’schen Thesen, da die Frau als Klebstoff und Garantin des Horts Familie erneut herhalten (und zurückstecken) muss. Schirrmacher ist immer für einen Mediencoup gut. Insofern versteht er gut, auf der Medienklaviatur zu spielen und „das Internet“ aufzuregen und gleichzeitig Einladungen von gutzahlenden konservativen Kreisen zu kriegen. Mit der Zuspitzung „Internet als Hort des Bösen – ikonografischer Extremismus – und dem Gedruckten als Hort des Immerguten“ ist ihm deren hohe Aufmerksamkeit sicher.

    Und sichert ihm weiterhin fette Buchauflagen und Einladung zu lukrativen Vorträgen eben dieser konservativen Kreise. That’s it. Es geht doch nicht um Wahrheit(en).

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Schöne Beitragsergänzung, Vroni. Danke :-)

  3. Vroni

    podcast.hr2.de/derTa...

    Wie man Mediendebatten inszeniert. Hinhören.
    So geht deren Agendasetting. Blogger re_agieren nur auf deren konzertierte Aktionen, das macht Blogger so kraftlos.

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Ist Schirrmacher der Ghostwriter für Eva Herman? ;-)

  5. Vroni

    Witzige Frage, aber wirklich interessant ist, dass Frank Schirrmacher seine Coups immer schön zusammen mit BILD und anderen Helferein startet, kann man echt von lernen (als Marketinglady bin ich regelrecht fasziniert…):

    Schirrmacher hat Helfer seines Erfolges. Schon das Methusalem- Buch war im Spiegel vorabgedruckt worden. Und die Bild- Zeitung hatte eine Serie daraus gemacht. Deswegen wurde in der Öffentlichkeit die Verbindung der mächtigen Medienmänner misstrauisch beäugt, Stefan Aust vom Spiegel, Mathias Döpfner von Springer und Frank Schirrmacher von der FAZ. Mal eine Reihe gemeinsamer Interviews, mal eine DVD-Serie in Kooperation, mal eine gemeinsame Filmpräsentation, mal geteilte Exklusivrechte. Das ist ein sonderbares Trio. Die haben festgestellt, dass sie sich mehr nützen können, wenn sie sich nicht schaden. Dass gemeinsame Macht keine geteilte Macht ist, sondern dreifache.

    (Quelle: zeit.de/2006/10/Schi... )

  6. ramses101

    „Hey you, don’t tell me there’s no hope at all.
    Together we stand, divided we fall.“ (Waters)

    Von Pink Floyd lernen heißt Siegen lernen ;-)

  7. Vroni

    @ ramses101

    Noch älter als die guten alten Bombast Pink Floyd:

    „Divide et impera!“

  8. Munich Love Affair » Blog Archive » Julia

    […] nur noch höre ist unverständliches Gebrabbel…dazwischen kann ich nur noch das Wort Schnepfe verstehen. Dann wieder die Frau: “Lassen sie meinen Mann in Frieden!” Aufgelegt. Als […]

  9. Vroni

    Hab ja nix gegen München (bin aber auch nicht in einer love affair mit seiner oft gscheit gscherten Bevölkerung), aber was will uns dieser Trackback sagen?

  10. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Vielleicht kann Ines Eiban sich hierzu mal äußern….Haaaallloooo!

  11. G!

    @ Vroni

    „Divide et impera“ passt hier nicht.
    Das „Teile und Herrsche“-Prinzip besteht ja genau darin, sich nicht die Macht zu teilen, sondern die Opposition durch Zwietracht und Uneinigkeit zu spalten, um ungestört die eigene Macht zu erhalten.

    Schirrmacher, Aust und Döpfner bilden eher ein Triumvirat:
    Die drei Herren vom Verlagsgrill lassen nix anbrennen!

  12. Vroni

    Divide et impera ist historisch etwas ungenau. Beides, warum niiiicht?: Opposition spalten plus sich die Macht teilen.

    Köstlich: Die drei Herren vom Grill. Jetzt wird das Internet gebraten und die Blogger gebrutzelt. Pommes dazu!

  13. Vroni

    Die Hauptstoßrichtung sind die Öffentlich-Rechtlichen:

    Es gibt allerdings in Deutschland, anders als in allen anderen Staaten Europas, eine Asymmetrie, die allen Zeitungen zu denken gibt. Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk, also ARD und ZDF, ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen.

    Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen neuerdings Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher.

    (Quelle: Originalton Schirrmacher zu seinen ans Süddeutsche-Tor genagelten Druckerschwärze-Thesen)

    Lustig, dass sich die Werbeblogger angepestet fühlen. Die Öffentlich-Rechtlichen müssten sich erregen, weil sie im Internet ihre Posten aufbauen.
    Divide …

  14. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Blogger gebrutzelt? Aber bitte schön blutig! Nicht so trocken.

  15. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Angepestet? Überhaupt nicht. Der Schirrmacher pestet -wie Vroni schon sagt- vor allem den wabernden öffentlich-rechtlichen Rundfunk an und noch mehr seine eigene Fraktion. Da fühlen wir uns noch nicht mal theoretisch direkt angesprochen.

  16. Vroni

    Das Problem mit diesem Mitherausgeber der FAZ ist, dass viele etablierte Bürger draußen ebenfalls das Internet für die Vorhölle halten. Da rennt er offene Türen bei den Älteren, Bürgerlichen Etablierten, weniger Internetaffinen ein.

    Und mit dem famosen Argument, das Internet verderbe die Kinder, hat er die Heuchler in der Tasche, die anständige Bürger darstellen, aber im Netz verschämt nach Pornos surfen. Früher hat man halt unter den Ladentisch gelangt (und die Kinners haben die Hefte oft genug zuhause gefunden), wo ist Untärrschied.

    Also irgendwie riecht der Braten.

  17. Andreas F.

    @Vroni: Das Internet ist ein gefährlicher Ort. Ich würde Kinder nicht alleine ins Internet lassen, genauso wie ich jene Kinder nicht alleine in die Mitte einer 8-spurigen Schnellstrasse stellen würde. Trotzdem werden durch diese Aussage weder Schnellstrassen noch das Internet schlecht gemacht. Bin ich dadurch jetzt weniger Internetaffin?

    Und natürlich verändert das Internet die damit aufwachsende Generation. So wie die früheren Generationen auch durch andere Medien und Techniken verändert wurden, mit denen sie jeweils aufwuchsen. Das hat nichts mit verteufeln zu tun. Trotzdem gibt es immer negative Auswüchse. Man kann es schon in der Grundschule an Kindern bemerken, wenn Eltern ihre Kinder ständig alleine lassen und „vor dem Fernseher parken“, statt sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zu fördern. Hier könnte man Schirrmacher allerdings vorwerfen, verschiedene Probleme einseitig aufs Internet zu fokussieren und andere Medien zu übersehen.

    Ansonsten kritisiert er eher gewisse Online-Publikationen, die statt eigener Inhalte nur Agenturmeldungen durchschieben (mir viel dabei sofort SPON ein, interessant dass von jenen die Rede als „Internetkritik“ pauschalisiert wurde), die engstirnige Sicht nur auf Profit statt auf Qualität (auch bei gedruckten Zeitungen) zu schielen, und das Streben von ARD/ZDF ihren „Auftrag“ immer weiter auf das Internet auszudehnen, und damit die unabhängigen Zeitungen (die auch im Internet sind) zu gefährden.

    So zumindest habe ich seine Rede gelesen. Obwohl ich kein Freund dieses Herren oder seiner Druck-Erzeugnisse bin.

  18. Vroni

    @ Andreas F.

    „Ich würde Kinder nicht alleine ins Internet lassen,…“

    Ich auch nicht.

    Ich würde den Rechner extrem kindersicher machen (mit Filter, Sperrungen, all das) und dabei sein. Ohne über das Netz und seine Angebote zu reden geht gar nichts, aber so früh als möglich, bevor sie im Terroralter :-) sind. Teenager nehmen kaum Ratschlag mehr an. Bin selber Mutter, es ist ein Kreuz^^…

    „Hier könnte man Schirrmacher allerdings vorwerfen, verschiedene Probleme einseitig aufs Internet zu fokussieren und andere Medien zu übersehen.“

    Ja.
    Und nicht nur das. In meinen Augen verwendet er wohlfeile Argumente (die auch ein bisschen Binse sind, weiß man meist alles schon), um insgesamt Stimmung zu machen. Für ein ganz anderes Ziel. Ich unterstelle ihm, dass er populistisch einfach mal wieder Wind macht – um mal zu gucken, wer sich da so alles wehrt.

    Ist sich die Anwendung chinesischer Kriegslist nach Shun Zu:
    Auf die Erde klopfen, damit die Schlangen herauskommen.
    (Trick, damit man überhaupt herausfindet, wer die echten Gegner einer These sind)

    Und wer kommt rausgekrochen: junge internetaffine Internetuser, Blogger.
    :-D

  19. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Naja, Vroni, ein Spiegel Online sieht sich nicht unbedingt als „junger internetaffiner Internetuser, Blogger“ ;-)

  20. Vroni

    Hmnja, der Spiegel Online sieht sich schon als jung und hat in der Mehrheit junge Online-Schreiber (bis auf Broder, der ist überall^^).

    Der Autor des besagten kritischen Spiegel Online-Artikels ist ein relativ „junger“ Hüpfer, verglichen mit „Oldie“ Schirrmacher, Jahrgang 1959: Dr. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist 34.
    Geht grade noch so durch :-) Bestes Bloggeralter.

  21. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Schirrmachers Gegendarstellung in Spiegel-Online; eine filmreife Inszenierung.
    spiegel.de/netzwelt/...

  22. Eine Chance für den Qualitätsjournalismus? | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Eine Chance für den Qualitätsjournalismus?

    […] Reizthema besonderer Art mit vorprogrammiertem pawlowschem “Speichelfluss” ist die Diskussion darüber, ob der aufgeklärte Mediennutzer den Journalismus bzw. die […]

  23. gedruckt

    …. ja das gedruckte ist so wild :-)
    wer ist da gut ( gold) und wer nicht ( silber) ?

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