00:41 Uhr
Ein Herz für Plagiate?
Was dieses Thema angeht, bin ich ziemlich schmerzfrei geworden. Da ich mich intensiv in den letzten Monaten mit Kreativität und Kreativitätstechniken, mit Bewusstsein und Unterbewusstsein beschäftigt habe, sind mir diese Plagiatsschnellurteile zuwider geworden (auch wenn wir sie oft genug selbst ausgesprochen haben). Die Kreativbranche hat eine verdammt schwere Aufgabe. Wir sind dazu angehalten, originäre Ideen zu erstellen, die auch noch bei einem Massenpublikum Anklang finden sollen. Dabei tun wir gerade alle so, als ob das eigentlich überhaupt kein Problem ist. Wenn irgendwo ein Plagiat auftaucht, meinen viele sofort, da stecke pure Faulheit und Einfallslosigkeit dahinter. Doch die Realität sieht leider etwas anders aus, denn die Thematik ist ein klein wenig komplexer.
Problem Nummer 1: “Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht”.
Eine Idee darf für die Werbung eben nicht zu originär sein (bzw. eigentlich gar nicht originär). Unbekannte Dinge verankern sich wesentlich schlechter in unseren Köpfen. Hierbei taucht auch sogleich der Begriff “Priming” (Bahnung) auf. Klar, wenn wir einen Millionenetat zur Verfügung haben, können wir zwar jede absurde Idee in die Köpfe der Leute pressen, doch der wesentlich einfachere Weg ist es, bereits verankerte Gedanken anzuzapfen. Daher zeichnet sich Kreativität in der Werbung meist durch eine Art “Mashup” (Collage) aus. Also das Neukombinieren von vorhandenen Ideen, Stilistiken etc. Bekannte Einzelteile werden zu originären Ideenkomplexen zusammengeschraubt, ein wenig so wie Lego spielen. Richtige Künstler wie Picasso, die völlig neue Wege bestritten haben, sind erst im Laufe von vielen vielen Jahren (oft erst nach ihrem Tod) verstanden und für ihre Werke anerkannt worden. Ein Grund dafür – eben fehlendes Priming. Die Menschen konnten einfach noch nichts damit anfangen.
Problem Nummer 2: Das Klima
Originäre Ideen entstehen nicht in der dunklen Druckkammer. Sie brauchen Freiraum und Luft. Allerdings auch nicht zu luftig. Begrenzungen helfen der Kreativität schon auf die Sprünge. Andererseits gibt es sicherlich einige in der Branche, die mit dem Zeitdruck nicht umgehen können. Viele behaupten zwar (weil es schick ist), dass sie unter Zeitdruck die besten Ideen haben, aber die Frage, die sich mir stellt ist: Was würde ohne Zeitdruck passieren? Wären die Ideen dann tatsächlich schlechter, oder würden sie gar ausbleiben? Ich glaube kaum. Allerdings kommt es auch auf die Art der Ideen und Projekte an. Ein Claim, ein Slogan kann in einer Sekunde rausplatzen und er ist super. Eine komplexe Gestaltung oder Kampagnenstrategie muss jedoch eher reifen oder Stück für Stück geschliffen werden. Was ich letztendlich damit sagen will, die Versuchung zum bewussten und unbewussten Griff zur Plagiatsmethode steigt bei höherem Zeitdruck bzw. schlechtem Timing.
A propos “unbewusst”. Da sind wir schon bei
Problem Nummer 3: Woher stammen unsere Ideen?
Nun, es gibt ,glaube ich, zwei Fraktionen da draußen. Die einen behaupten, es sei schon einmal alles da gewesen. Also alle pseudo-originären Ideen wurden schon einmal gedacht oder setzen sich aus vorhandenen Elementen zusammen (siehe Mashup oben). Ich gehöre ebenfalls zu dieser Fraktion. Für mich sind Ideen im Einklang der Evolution zu betrachten. Die Evolution hat einen Grundstamm an Informationen: Die Gene, die Atome, whatever. Die kreative Ursuppe sozusagen. Das ist da, war da und wird immer da sein. Doch durch Mutationen (Mashups) und Weitervererbung (Brainstormings, Meetings, Denkprozesse) entstehen trotzdem völlig neue Spezies und Lebensformen. So ist das wohl auch mit Ideen. Abkupfern ist wichtig, aber noch viel wichtiger ist es, dass die neue “Lebensform” irgendwie besser, charmanter, witziger, effektiver, wie auch immer positiv anders sind, als das Original. Man muss nicht jeden Tag das Rad neu erfinden, lasst uns das Rad einfach ein wenig runder, stabiler und schicker machen. Wichtig ist, dass die Menschen dabei immer noch das Rad erkennen können.
Problem Nummer 4: Die fortschreitende kommunikative Vernetzung.
Früher – ohne Internet – gabe es einen Spießer Alfons, der auf Plagiatsjagd ging und die bösen Kopierteufel exorzierte. Heute? Da sind Millionen von kleinen Spießerchen weltweit unterwegs. Sie halten Augen und Ohren offen und sind Teil eines riesigen neuronalen Netzwerkes, welches Plagiate in Sekundenbruchteilen ausfindig machen. Es interessiert dann auch niemand mehr, wie sich die Wahrheit tatsächlich abgespielt hat. Kein Gericht ist so gnadenlos schnell bei einem Urteil, wie das hohe Plagiatsgericht der Werbebranche. Gerade weil die Angst davor so groß ist, switchen wir lieber ganz schnell in den Richter/Henker Modus, statt zu reflektieren, wie es tatsächlich zu dem Dopplereffekt gekommen ist. Denn ja, ich glaube schon, dass man parallel an verschiedenen Orten der Welt auf eine und diesselbe Idee stoßen kann. Die Kombinationsvielfalt ist zwar groß, aber angesichts der Regeln der Massenwerbung (siehe Priming) dann doch wieder verschwindend klein. Originäre Ideen zeichnen sich durch Biassoziation aus. Gute Massenwerbung durch schnelle und präzise Assoziation. Was nutzt die kreativste und einfallsreichste Idee, wenn sie nicht jeder auf Anhieb begreift und mit dem Produkt verbindet? Wer also darauf pocht, nur originäre Ideen zu entwickeln, der sollte besser in die Kunst gehen. Doch selbst da kann es eng werden.
Fazit: Keine Entschuldigung für all die bewussten Plagiate da draußen.
Sowas gibt es sicherlich und es ist wirklich armselig, weil es von Menschen gemacht wird, die einfach im falschen Job arbeiten. Hochstapelei würde man das wohl nennen. Aber vielleicht war es auch nur der eine Ausrutscher. Ich denke trotzdem, dass ist die absolute Ausnahme. Die Mehrheit der Plagiate entsteht durch den Abruf von gespeicherten Informationen aus dem Unterbewussten. Man kann sich nicht bewusst erinnern und trotzdem ist plötzlich die gleiche Idee auf dem Papier. Dagegen ist man wohl machtlos. Genauso wie bei der zufälligen Entwicklung der gleichen Idee, nur weil ein anderer Mensch auf dem Planeten die gleichen Einzelteile in seinem Denkprozess identisch kombiniert. Das ist dann wirklich der große, ganz dumme Zufall und doch bestimmt häufiger, als wir annehmen.
Zur Versöhnung schlage ich daher vor, in Zukunft unsere Arbeit nicht mehr in Kreativität und Originalität zu messen, sondern schlichtweg anhand von Effizienz. Funktioniert die originäre Idee X zur Stunde 0 nicht, kann sich noch so kreativ sein, für den Kunden bringt das rein gar nichts. Funktioniert aber die gleiche Idee X zur Stunde 10, so ist sie vielleicht nicht mehr originär, aber sie tut etwas Elementares: Sie funktioniert für den Kunden. Ich glaube, das meinte Darwin mit seinem “Survival of the fittest”. Nicht der Stärkere oder Originellere überlebt (is ja sowieso ein Missverständnis in Zusammenhang mit dem Satz), sondern derjenige, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Idee einsetzt.
Epilog
Der Grund für den etwas längeren Beitrag sind zwei Einreichungen von unseren Lesern. Da wäre zum einen dieses Plakat (Danke an Elmar):

und dann noch der Hinweis auf den aktuellen Spot von Renault
Link: www.youtube.com
der von der Ästhetik und Grundidee her diesem alten Isuzu Spot sehr ähnlich ist (Danke an Holger):
Link: www.youtube.com
Meine persönliche Meinung: Das Plakat ist bewusst auf McDonalds ausgelegt worden. Absolut unpassend und sicherlich nicht unbedingt effektiv. Ergo, schlechtes Mashup.
Der Spot von Nordpol kann eine Hommage sein, eine Inspiration, kann aber auch Zufall sein. So oder so, der Spot ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufgetaucht und ist ein gelungenes Mashup, denn er geht den Schritt evolutionär nach vorne.
22 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 27. Oktober 2007 um 10:58 Uhr
Die CMA Kampange woll ich auch schon immer mal loswerden hier ;-)
cma-marketing.de/con...
Im Original von Wonderbra. Die Rolltreppe, wie es sie bei Wonderbra gibt, gibt es von CMA auch.
Am 27. Oktober 2007 um 12:02 Uhr
Irgend wann hat es alles schon mal gegeben. Bei der Masse an Werbung die auf die Welt losgelassen wird ist es immer schwerer etwas komplett neues zu machen.
Das Tirol Plakat finde ich witzig. Das man es sofort mit dem Mc Donalds Claim in Verbindung bringt ist sicherlich beabsichtigt.
Der Renault Spot ist meiner Meinung nach schon durch die Unfälle etwas ganz anderes.
Am 27. Oktober 2007 um 13:22 Uhr
Das Plakat zielt sicherlich auf MC Donalds ab aber schlecht finde ich es nicht. Vom Kosten Nutzen aufwand her wahrscheinlich nicht mal ineffektiv.
Am 27. Oktober 2007 um 20:52 Uhr
Ich finde: gut geklaut, ist halb erfunden.
Wenn Werbetreibender weniger kreativ sind, könnte das ja zuweilen helfen, das beworbene Produkt besser zu verkaufen. ;-)
Am 28. Oktober 2007 um 10:10 Uhr
[...] >> werbeblogger/27.10.2007 entwickelt, zu recht wie mir meinen, ein Herz für Plagiate. Klar ist das Ganze, ohne pauschale [...]
Am 28. Oktober 2007 um 20:16 Uhr
Also, ich heiße diesen Mangel an Kreativität absolut nicht gut!
Am 28. Oktober 2007 um 20:51 Uhr
@verboten: Was heisst denn Kreativität? Wer sagt, dass Kreativität ausschließlich aus originären Ideen bestehen muss? Kreativität heisst für mich immer noch Lösungen für Probleme finden. Ich glaube es wird viel zu oft der Kunstbegriff unter den Begriff der Kreativität gerührt. Werbung muss funktionieren. Das heisst im Umkehrschluss aber eben nicht, dass billige Kopien gut funktionieren. Aber es bedeutet eben auch nicht, dass man nicht ein und diesselbe Idee nicht auch ein zweites Mal in einen anderen Kontext gießen darf. Wie gesagt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, den richtigen Nerv treffen, das ist für mich kreativ.
Und wenn man sichr gut genug anstrengt findet man jede Idee irgendwo ein zweites Mal wieder.
Am 28. Oktober 2007 um 20:53 Uhr
Übrigens weniger streng ist man anscheinend in anderen Branchen der Kreativen. Zum Beispiel Musikbranche. Wieviele Coverversionen kommen da so im Jahr auf den Markt? Unheimlich kreativ – aber eben akzeptiert und eben für den Massenmarkt tauglich.
Am 28. Oktober 2007 um 20:58 Uhr
sicherlich nicht einfach in der heutigen zeit etwas “vollkommen” neues zu erstellen. das einizige was sich wohl geändert hat sind die wiederholungsraten von “geklauten” ideen…auch da sind wir schneller geworden,so dass es einfach mehr auffällt. man höre mal einen oldie sender und ist erstaunt das selbst kreative köpfe wie joe cocker lieder die schon 20 jahre alt sind selbst damals gecovert haben …
Am 28. Oktober 2007 um 21:55 Uhr
Coverversionen haben mitnichten etwas mit “Klauen” zu tun. Im übrigen wäre die gut 50-jährige Geschichte der Popmusik ohne Coverversionen kaum vorstellbar. Natürlich gab es auch Coverversionen die mit wenig oder keinem Eigenanteil an Kreativität auf den Markt geworfen wurden. Erfolgreich waren davon die wenigsten. Mir fällt zumindest keine ein.
Am 28. Oktober 2007 um 22:51 Uhr
Ich finde auch, dass es zu bestimmten Problemen ähnliche Lösungswege gibt. Wer bewusst klaut ist ein schlechter Werber, aber man kann nicht 100% aller Kampagnen im Kopf haben. Ähnliches Brainstorming — (manchmal) ähnliches Ergebnis.
Am 29. Oktober 2007 um 00:27 Uhr
Ob der Renault Spot geklaut ist oder nicht, er ist sagenhaft schlecht.
Was ist denn die Aussage des Spots?
Franzosen können kein Auto fahren. Als wenn ich das nicht schon vorhe gewusst hätte.
Weit und breit flache Wüste, kein Hindernis zu sehen. Und ein Crash folgt auf den nächsten. Anscheinend kann man mit einem Renault einfach nicht die Spur halten und die Autos von denen fliegen auch noch grundlos in die Luft.
Tolle Werbeaussage, ganz großes Kino.
Am 29. Oktober 2007 um 00:34 Uhr
Die Aussage kommt eigentlich ziemlich deutlich am Ende des Spots raus. Sichere Autos. :-)
Am 29. Oktober 2007 um 11:25 Uhr
Der Renault-Spot erinnert eher an den Infinity-Image-Spot von Daimler?
Am 29. Oktober 2007 um 20:41 Uhr
Beides nicht wirklich Plagiate. Sehr gute Überlegungen aber zu diesem Thema. Wir waren so frei, und verlinkten von unserer Plagiat-Sammlung (unter “Info”) plagiat.ch darauf…
Am 30. Oktober 2007 um 09:56 Uhr
Wow, mir ist gerade aufgefallen, dass ich McDonalds inzwischen so ignoriere, dass ich überhaupt nicht auf den Zusammenhang gekommen bin. Den Trick mit dem Austauschwort hab natürlich auch ich gleich kapiert, aber ich liebe viele andere Dinge… jedoch nicht McDonalds.
Am 30. Oktober 2007 um 16:06 Uhr
Wie vorher schon angemerkt führt die Homogenisierung der Kreativprozesse auch zu ähnlichen Ergebnissen. Alle wollen Mehrwert kommunizieren, emotional sein und unverwechselbar. Da kommen dann schnell ähnliche Geschichten raus.
Bei der Südtirolwerbung wurde mit Sicherheit nicht mit McDonalds geliebäugelt, denn man wollte genau gegen ein “Fast Food” Image gehen. Die Ähnlichkeit kam da wohl eher zustande, da bei einem Satz mit 3 Worten nicht viel übrig bleibt.
PS: In Italien fährt die McDonalds Werbung mit “I’m loving it!” weil die Übersetzung mit “L’amo” einfach überzogen gewesen wäre.
Am 11. November 2007 um 23:54 Uhr
[...] Werbeblogger brachte vor kurzem einen sehr interessanten Eintrag zum Thema “Ein Herz für Plagiate” in welchem als Beispiel die Südtirol-Werbung mit dem Claim “Ich lebe es!” [...]
Am 12. November 2007 um 13:02 Uhr
Ich schliesse mich den Überlegungen von Frank an: für die Destination Südtirol ist es alles andere als erfreulich, wenn man mit McDonalds in Verbindung gebracht wird. Die Änlichkeit beruht wohl einzig darauf, dass bei “einem Satz mit 3 Worten nicht viel übrig bleibt”.
Am 30. November 2007 um 07:06 Uhr
[...] vor einiger Zeit wurden wir von “Elmar” auf den Beitrag vom Werbeblogger aufmerksam gemacht, wo die aktuelle Südtirol-Plakat-Kampagne zitiert wird. Dabei ging es um die [...]
Am 12. Januar 2008 um 23:39 Uhr
[...] oder gleiche Logos entstehen ist auch logisch, da die Werbung nach gewissen Schemen funktioniert (Werbeblogger.de hat da einen Artikel darüber geschrieben). Nun, wir möchten da einige Tools Grafikern [...]
Am 11. Dezember 2008 um 15:32 Uhr
[...] aber -und das besonders häufig im Web- neu zusammengewoben. Das führt gelegentlich zu Plagiatsvorwürfen, manche Werke bleiben auch nur ein simples “Copycat”, oft genug entsteht beim [...]