16.08.07
14:33 Uhr

Wider dem Crowdsourcing in der Werbung*

*Nun folgt ein echter Lobbyisten-Beitrag (wollte ich immer schon einmal machen, vielleicht durch diesen Film inspiriert)

Crowdsourcing
Um meine nachfolgenden teils provokativen Worte besser begreifen zu können, sollten wir uns noch einmal vor Augen halten, was das Buzzword “Crowdsourcing” eigentlich bedeutet:

Crowdsourcing ist ein 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson (Wired Magazine) geprägter Neologismus. Während Outsourcing die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen bezeichnet, setzt Crowdsourcing auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von “Freizeitarbeitern” im Internet. Eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert bereitwillig Inhalte, löst diverse Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt (vgl. Schwarmintelligenz).

Okay? Dann noch eingangs ein paar Fragen: Würdet ihr euch von einer Schwarmintelligenz am Blinddarm operieren lassen? Lasst ihr euren Nachbarnpulk an eurem Auto werkeln, wenn es mal kaputt ist? Verlasst ihr euch auf irgendwelche wildfremden Menschen, mit anonymen Nicknames, bei sehr wichtigen Projekten?

Keine Angst, die Fragen sind rein rhetorischer Natur. Worauf ich aber hinaus will ist, dass das grundlegende Prinzip Crowdsourcing in Werbung und Kommunikation nicht wirklich effektiv funktioniert. Sicher. Es gibt schlechte Werber, so wie es unter Ärzten eben echte Kurpfuscher und Quacksalber gibt. Aber die kann man wenigstens zur Verantwortung ziehen, wenn der Exitus des Patienten erfolgte. Gerade Kreation, Design, Werbung, Text etc. ist eigentlich überhaupt nicht für basisdemokratische Prozesse geeignet. Werbung braucht Leitwölfe, keine Herde von Schafen.

Klar werden unheimlich viele Ideen im Zuge von Crowdsourcing-Projekten entwickelt und vorgestellt, denkt aber eigentlich irgendjemand auch an die damit einhergehenden Randerscheinungen? Es gibt da meiner Ansicht nach zwei grundlegende Szenarien:

1. Ein Crowdsourcing-Projekt läuft so gar nicht an
Das Ding dümpelt vor sich hin. Niemand fühlt sich angesprochen, da mitzumachen. Daher werden solche Projekte ohne ein kommunikatives, professionelles Konzeot vorab gar nicht erst richtig anlaufen. Das heißt, hier fließt bereits die Agenturleistung, die man sonst für Spots oder was weiß ich investiert, mit in das Projekt hinein. Das Crowdsourcing-Projekt ist demnach eine Totgeburt, und im schlimmsten Fall bezahlt man den kommunikativen Begleiter des Projektes, und das Misslingen färbt sich auch entsprechend auf das Unternehmensbild ab.

2. Das Crowdsourcing-Projekt läuft wie die Hullewutz
Abgesehen von Trafficlast, der Gefahr von etlichen unliebsamen und bösartigen Entwürfen, ist es nun an der Zeit, sich durch den ganzen Müll zu graben. Das Waten auf der Clip-Kippe kann durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen, welche wiederum bezahlt werden will. Vor allem wenn der Entscheider MITentscheiden möchte. Die Agentur stellt zum Glück meist nur eine begrenzte Auswahl an Ideen vor, ganz einfach weil sie mit geschultem Auge bereits alle anderen Schwachsinnsideen verworfen haben. Am Ende wählt man also als Unternehmen entweder den besten Vorschlag (die Demokratie wird wieder durch Diktatur abgelöst) und erhält ein mittelprächtiges Ergebnis, welches vielleicht viel schneller und wesentlich prägnanter von einer Agentur hätte entwickelt werden können. Oder, die User stimmen über den Gewinner ab, mit der Konsequenz, dass man vielleicht genau den gemeinsamen Geschmacksnenner, der beteiligten Internetfreaks trifft, aber ganz und gar nicht die Werbewirksamkeit und den Geschmack der eigentlichen Zielgruppe erwischt. Wie auch? Die Crowdsourcing-Teilnehmer sind keine Marketing- und Kommunikationsspezialisten, die sich vorab eingehend mit der Marke, der Zielgruppe und dem gesamten Markt befassen. Auch hier bitte wieder mit Handwerkern, Ärzten etc. vergleichen. Werbefuzzies mögen vielleicht spleenig sein, aber viele wissen eben schon noch, was sie da tun, ganz einfach weil sie sich mit kaum etwas anderem beschäftigen und somit zu echten Experten auf ihrem Gebiet werden.

Die Frage lautet also, kann bei gezielten Aufgabenstellungen wie bei der Entwicklung eines Werbekonzeptes tatsächlich die Schwarmintelligenz genutzt werden? Ich sage ganz klar NOPE! Wieder aus zwei Gründen:

1. Die “Crowd” ist keine “Crowd” und der “Schwarm” ist gar kein “Schwarm”.
Die meisten Crowdsourcingprojekte sind eben nicht als Gruppenarbeit angelegt, sondern als ein Wettbewerb für Hobby-Einzelkämpfer. Nur der Auftraggeber kann sich in der Vermutung eingelullt wähnen, ein ganz intelligenter Schwarm arbeite für ihn. In Wirklichkeit hat er hunderte von Amateuren, die jeweils ihre Vorstellung von Werbekonzept zusammenbasteln und er kann nur hoffen, dass ein Glückstreffer oder ein verarmter Werber mit dabei ist. Das Witzige ist, dass die Agenturen und Werbeprofis eigentlich die echte Schwarmintelligenzen sind, weil gut aufgestellte Teams oder Netzwerke eben schon lange Jahre miteinander verwoben kreative Ideen entwickeln und über das entsprechend “intelligente” Hintergrundwissen verfügen. Dumm bleibt dumm, da hilft kein Crowd.

2. Werbung ist meistens – leider -auch subjektive Geschmackssache.
Dabei gibt es ganz bestimmte Mechanismen, die eben in Gang gesetzt werden müssen, damit eine Marke oder ein Produkt entsprechend erfolgreich am Markt kommuniziert werden kann. Der Schwarm (der ja leider keiner ist) kennt aber diese Mechanismen nicht, ganz einfach weil der persönliche Dialog mit dem Kunden fehlt. Erst durch Nachfragen, durch ein persönliches Briefing, Besichtigung der Betriebsstätte oder dem Kaffeklatsch mit dem Marketingleiter erhält man extrem wichtige Meta-Informationen, die der “Crowd” schlichtweg fehlen. Wer sich zudem mit Kreativität beschäftigt, weiß ganz genau, dass Limitation die Ideen beflügelt. Daher ist ein detailiertes und persönlich entgegengenommenes Briefing (bitte auch an Körpersprache denken) so ungemein wichtig für einen erfolgreichen Kreationsprozess. Einfach mal wild drauf losspinnen ist tatsächlich nicht zielführend und schlichtweg weniger kreativ. Zudem weiß der Kontakter oder Berater, wie er dem Kunden gegenüber geschmackfremde Ideen “schmackhaft” machen kann. Ganz einfach erst durch den persönlichen Kontakt und die professionelle Argumentation.

Abschließend behaupte ich, dass Crowdsourcing für die professionelle Werbung (nicht für Wissenstransfer, praktische Übungen oder künstlerische Aktionen) langfristig nicht sonderlich effektiv ist (Ich hoffe Mathias Roskos ist mir nicht böse, denn ich schätze ihn sehr und bin mir sicher, dass seine Agentur einiges anders und besser macht. Ich denke trotzdem, dass sie auf Dauer ihr Konzept bzw. ihr Wording ändern sollten. Potenzial ist da, aber es könnte besser und unmissverständlicher arrangiert werden) Der einzige Vorteil, den ich derzeit sehe, ist der Hype rund um User generated Dingenskirchens und damit die Möglichkeit, auf zusätzliche PR, das scheinbar verlockende Billigangebot um an Ideen zu gelangen und die vorgegaukelte Nähe zu Käufern und Zielgruppen.

Crowdsourcing ist nicht vollends uninnig für Unternehmen. Doch zur Erstellung von Werbekonzepten, Clips oder Logos ist diese Art von AAL vielleicht auf den ersten Blick günstig, auf den zweiten aber extrem billig und schließlich unberechenbar teuer. Crowdsourcing beginnt dann spannend zu werden, sobald der Konsument nach echter Meinung gefragt wird, was ihn stört, was er sich von der Marke wünschen würde, wie er den Service verbessern würde oder was er allgemein für ein Empfinden in Bezug auf das Unternehmen hat. Da wären wir dann bei einem Schwarmdialog, der extrem wertvoll ist, vor dem sich aber nahezu alle Unternehmen fürchten, denn dort passieren dann wirklich musterbrechende Dinge, die extrem einschneidend sein können. Letztendlich muss dann aber das Ergebnis dieses Dialoges wieder in die Hände von Profis gelegt werden. Wozu haben wir sie denn sonst?

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27 Kommentare

  1. Olaf

    Du, Arm in Arm mit Sebastian Turner (“Sie wollen Qualität und probieren es mit Quantität”) und Holger Jung der bei “basisdemokratischer Ideensuche” das Gesicht verzieht (off-the-record.de/20...) und auch noch Lothar S. Leonhard (“Die Weisheit der Massen ist bestenfalls Mainstream” – in einem Interview mit mir heute in Horizont-Print)? Schön, das Du mich überrascht. Aber ich denke schon, dass man den Schwarm nutzen kann. Man muss nur wissen, welche Fische – um im Bild zu bleiben – zurück ins Meer geworfen werden müssen.

  2. Patrick Breitenbach

    @Olaf: Ich warnte vor dem Lobbyisten-Beitrag! ;-)

    Ich habe lange über das Thema nachgedacht. So reizvoll ich Crowdsourcing bei Wikipedia und in Dialogen finde. Die Agenturarbeit kann es nicht ablösen, jedenfalls nicht wenn man die Crowd nicht ganz gezielt kanalisiert, führt oder brieft. Dann sind wir aber bereits beim losen, virtuellen Expertennetzwerk, was ja nicht unbedingt neu ist.

    Man kann den Schwarm zwar nutzen, aber eben nicht für alles. Für Wissens- und Informationstransfer ist das Gold wert. Für das kreative Handwerk ohne die echten Handwerker dahinter? Ich glaube nicht.

  3. Chat Atkins

    Die Werbung nimmt das Phänomen, dass potentielle Kunden Teile ihres Beritts ‘für lau’ einkaufen möchten, einerseits nicht ernst. Dann ertönt das überlegene Hohngelächter des Profis. Andererseits gruselt’s den Werbern aber auch ein bisschen davor, ‘outgesourct’ zu werden wie ein rangniederer BenQ-Handymonteur. Beide Haltungen lese ich parallel in diesem Text. Nebenbei: Sitzt nicht auch in Agenturen beim ‘Brainstorming’ ein ‘Schwarm’ beisammen, wenn auch ein kleinerer?

    Für mich ist das Reden vom ‘Crowdsourcing’ eine ähnlich blecherne Wortmarke wie bei den Medienarbeitern der ‘moderne Qualitätsjournalismus’, den die Verlegerschaft ständig verkündet. Viel Qualität ist dabei noch nicht rumgekommen. Eher im Gegenteil …

  4. Patrick Breitenbach

    @Chat Atkins: Dann hast du mein Argument mit Crowd ist nicht Crowd richtig gelesen. Für mich sind die Agenturen bisher die “echte” Schwarmintelligenz, als all die EInzelkämpfer, die ihren Hobbyclip hochladen. Da entsteht doch kein gemeinschaftliches Konzept bei.

    ANsonsten gebe ich dir Recht. Es sind immer die beiden Seiten die schwingen. Es gibt sicherlich bessere Hobby-Werber als Werbeprofis. Aber grundlegend kann man schon sagen, dass eine erfahrene Agentur auch entsprechend mehr Know-How hat als die Masse. Klar schwingt die Angst da mit. Zu Recht. Gerade weil wir unsere Softskills nur so schwer verkaufen können. Bei Handwerkern mit IHK-Zertifikat sah das mal anders aus (ändert sich ja auch gerade). Naja, solange der Kunde am Ende zufrieden ist. Bitte.

  5. ramses101

    Ich halte Crowdsourcing auch bei Wikipedia schon für Blödsinn. Gut, wenn es um Daten geht, wenn es um, wolln ma sagen, die binomischen Formeln geht, kann man da ganz gut und verlässlich nachschlagen. Aber wehe, es wird kontrovers. Dann steht am Ende der Eintrag desjenigen da, der mehr Ehrgeiz hatte, seine Version durchzusetzen.

    Hab ich selbst schon erlebt. Ich hab irgendwann entnervt aufgegeben, der Typ, der offensichtlich mehr Zeit hatte, hat gewonnen. Wenn die Beiträge dann richtig diskutiert wird, steht am Ende ein weichgespülter Kompromiss. Da lese ich doch lieber zwei gegensätzliche Expertenmeinungen und mach mir mein eigenes Bild als dass ich mich mit einem “jagut, da können wir uns drauf einigen” zufrieden gebe.

    Was die Ideenfindung der Massen angeht, würde ich eigentlich gar nicht von Crowdsourcing reden sondern von Massenideenernte reden. Es laborieren ja nicht viele an einer Idee (wie bei Wiki) sondern viele an ihren Ideen. Von daher ist das Werbe-Crowdsourcing eigentlich nichts anderes als klassisches Outsourcing ;-)

  6. ram

    kai krause (ja, der von kai’s powertools) hat mal in einem vortrag gesagt: “design ist keine demokratie, sondern eine diktatur. du kannst nicht 500 hausfrauen entscheiden lassen, wie ihre nächste kaffemaschine aussehen soll.”

    ich finde, er hat recht – und das kann man auch auf werbung übertragen. ich habe jedenfalls noch kein überzeugendes gegenbeispiel gesehen.

  7. vroni

    So, die Steuer 2006 habe ich hinter mir, augenreib, und einen netten Kunden noch vor mir.

    Jetzt sag ich auch mal was zur Schwarmintelligenz.

    Ich finde, da wird viel durcheinander gebracht, weil nur mit Schlagworten gearbeitet wird, deren Bedeutung schick aber unklar ist. Schwarminteligenz ist eine biologische Beobachtung aus dem Reich der Viecher, salopp gesagt, und meint die für Menschen unglaubliche Art, wie die sich unsichtbar formieren und miteinander kommunizieren. Ob Zugvögel, Sardinen oder Ameisen, sie scheinen Sinnesorgane zu haben, die wie eine unsichtbare Verbindung arbeiten und sie wie ein eingeübtes Ballet erscheinen lassen.

    Der Mensch hat diese Instinkte, oder unsichtbaren zusätzlichen Sinnesorgane nicht (er fliegt nicht nach den Sonnenstand, fühlt nicht den feinen veränderten Wasserdruck ausgelöst durch den Sardinenkumpel links und rechts, oder kann sich nicht in der Gruppe abgestimmt orientieren nach Erdstrahlen- oder Magnetfeldern, noch riecht er kilometerweit Freuden- oder Angstdüfte seiner ameisenhaften Kollegen, die unterwegs Futter gefunden haben oder Alarm auslösen und dies so mitteilen.

    Das, was wir so begeistert und fast esoterisch feierlich als das Kollektive Unbewusstsein feiern, ist nichts anderes in der Tierwelt als nur andere, weitere Sinnesorgane zu haben, von der Natur raffiniert eingesetzt, aber durchaus technisch und biologisch nachvollziehbar. Es hat nicht mit der Intelligenz zu tun, die den Menschen – hoffentlich – idealerweise auszeichnet: Neues zu kombinieren und zu erdenken.

    Der Mensch hat diese Sinne nicht – mehr: Sein Gehör ist miserabel, seine Augen ebenfalls, auch kann er überhaupt nicht gut Düfte riechen, schon gar nicht meilenweit. Er kann keine Erdstrahlen spüren und keine Magnetfelder. (Außer sehr wenige “feinfühlige”, die auch Auren zu sehen glauben oder ein herannahendes Gewitter in den Knochen spüren (Luftdruckveränderungen).

    Wenn mit dem Wort “Schwarmintelligenz” angebliche neue (oder unentdeckte vorhandene) Komunikationsfähigkeiten, die der Mensch habe, beschworen werden, da werde ich immer ganz vorsichtig. Und wenn damit das Wissen der Massen angezapft werde soll (zu unser aller(?) Vorteil natürlich :-), sowieso) werde ich nochmal vorsichtiger. Es ist neo-esoterisch verbrämte Manipulation.

    Relevantes Ideenerfinden geht, wie Patrick richtig sagt, daher nicht in der Masse, die – auch das noch!! ganz gegen schwarminterne Kommunikation – unabhängig voneinander individuell in der Dachstube allein Sachen bastelt und hochlädt. :-))))

    Wenn da mal sowas wie echte “Schwarmintelligenz” rein soll, dann müssten die einzelnen Bastler mal MITEINANDER REDEN!! Und sich abstimmen, sich betrillern. Und nicht einfach Zeug hochladen wie verrückt und mit Knöpfchen (Manipultionsgefahr) “abstimmen”. Da entwickelt sich doch keine kreative Synergie, sondern nur einlullen auf Mittelmaß.

    So ist es nur stinknormaler altbekannter Wettbewerb “jeder gegen jeden”, Vereinzelung, und somit komplette Verarsche unter einem schicken Wort. Die Menschen sind schon so einsam, dass sie mit Krautsursing feste glauben, Teil eines erhabenen Ganzen zu sein.
    Neo-Eso!

  8. mozze

    ” Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln… Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h. er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hörend, sondern auch sprechend zu machen und ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.”

    ( Berthold Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat ” , 1932)

    Auch auf die Werbung anzuwenden? Was ist das eigentliche Ziel von Werbung? Und wieso gibt sich die Branche weltmänisch den Auftrag der Kommunikation?
    Diese sogenannten Werbeprofis werden dafür bezahlt, der Masse der Konsumenten einen Mangel vorzutäuschen den sie ohne Werbung gar nicht hätten.

  9. Raventhird

    Werbung ist ein kreativer Job. Kunst. Und das kann man nicht von einer zufälligen Masse von Menschen erzeugen lassen. Du kriegst künstlerisches Mittelmaß, maximal, wenn alle zusammenarbeiten.

  10. Christoph Kappes

    Der Gedanke, dass bei Crowdsourcing keine Crowd zusammenwirkt, sondern viele einzelne, ist gut, danke. Der Begriff meint aber mE, dass die Masse der User über viel Wissen verfügt, das durch das Web verfügbar wird.

    Wer hingegen von “Wisdom of the crowds” spricht, beweist einen Mangel an Sozialisierung. Unser politisches System beruht auf dem Gegenteil. Die deutsche Geschichte sollte doch reichen für die Erkenntnis, dass man hier ein bisschen reflektierter mit umgehen muss.

    Für weitere begeisterte deutsche Blogeinträge zur “Wisdom of the crowds” beantrage ich hiermit Marken- und Titelschutz für den Begriff “Krautsourcing”.

  11. sevenup of nine

    @Raventhird:

    “Du kriegst künstlerisches Mittelmaß, maximal, wenn alle zusammenarbeiten.”

    Naja, das wäre schon eine ganze Menge, wenn ich mir den Kram, den man sich so ansehen muss, nunja, ansehe.

    Das Problem ist die mangelnde Arbeitsteilung. Wenn jeder meint, alles zu können, ersticken die befruchtenden Kontakte zwischen einzelnen Fähigkeitsbereichen das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit. Wenn der AccountManager textet, führt das eben (allermeisten Fällen!) zu grauenvollem Text. So entstehen Ministerienbroschüren….

  12. Patrick Breitenbach

    Viele Köche verderben den Brei, wegschmeißen kann man ihn meist erst dann, wenn ihn der Kunde nochmal abschmecken will. ;-)

    Will sagen, dass natürlich es auch nicht ausbleibt dass Agenturen gemeinsam mit ihren Kunden mittelmäßigen Brei erzeugen, der durch zu viele Kompromisse einfach an prägenden Geschmack verliert.

    Der größte Fehler überhaupt: Kein Mut für Neues. Dabei ist genau das das Geheimnis guter Werbung. Eben weil der Mensch neuen Input braucht um Dinge überhaupt “bemerkenswert” zu finden.

  13. Hannes Treichl

    @Patrick: Mit dem letzten Absatz des vorangegangen Kommentars widersprichst du ja beinahe deinem eigenen Beitrag :-)

    Scherz beiseite – ich danke dir für diese kritische Betrachtung des Themas. Diskussionen wie diese helfen Menschen die sich ernsthaft und offen mit Formen von UGC (egal wie du sie nennen willst) beschäftigen.

    Ich werde einige Inhalte daraus zu einem geplanten Round Table Gespräch im Rahmen des Barcamps Berlin mitnehmen und hoffentlich mit internationalen Experten auf dem Gebiet diskutieren. Die Ergebnisse lass ich dir dann gerne zukommen bzw. findest du vielleicht eine Gelegenheit, sie dir im Rahmen der Web2.0Expo in Berlin sogar anzusehen. Würd mich freuen!

    Schönen Abend wünsch ich dir!

    PS: Weil die Themen angerissen wurden -
    ad “Wisdom of the Crowds”) Was Christoph anspricht gründet weniger in mangelnder Sozialisierung als vielmehr des Fehlens wichtiger Grundvoraussetzungen des Funktionierens dieser Theorie.

    ad “Schwarmintelligenz”) Hervorragende Zusammenfassung eines National Geographic Artikels und Diskussion im Blog von Alex

  14. mozze

    @Patrick
    Äusserst unglückliche Aussage:
    “Eben weil der Mensch neuen Input braucht um Dinge überhaupt “bemerkenswert” zu finden.”
    Ist in meinen Augen direkter Aufruf zur Manipulation und Widerspruch. Dinge die wirklich bemerkenswert sind entdeckt die Crowd auch ohne die Hilfe von Findigen Werbern. Vergleiche die diesen Satz in seiner Lächerlichkeit überführen möchte ich hier nicht nennen um nicht zu tief in der politischen Vergangenheit zu wühlen.
    Grundsätzlich empfinde ich Crowdsourcing als Risikopuffer der Unternehmer die Intelligenz, Energie und das Engagement der Crowd für sich zu nutzen um nicht am Ende des Tages ein Video auf Youtube zu finden das die Misstände aufzeigt. Ein Sportartikelhersteller wäre mit Sicherheit nicht begeistert, wenn plötzlich ein Werbespot über die Herstellung von Fußbällen durch Kinderhände in indischen oder pakistanischen Provinzen auftauchen würde. Sicher, nicht jede eingereichte Idee mag gut sein aber allein der Anreiz seine Idee als Teil der großen, ganzen Marke verwirklicht zu sehen dämpft Kritik und bestärkt positive Emotionen.
    Der potentielle Gegenwind, der den Unternehmen ins Gesicht blasen könnte wird auf diese Weise schon zuvor in Rückenwind gewandelt.
    Das Ergebnis nennt man dann vermutlich Crowdsurfing…

  15. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Hannes Treichl
    Der von dir verlinkte Alex beschreibt sinnvolle Anwendungen vor allem im Umfeld von Massenbewegungen (Verkehr, Optimierung von Verkehrsflüssen, semantische Assoziationen etc.).
    Böse gesprochen: Das alles ist Teil der (schon lange praktizierten) Marktforschung, die die Meinung vieler Verbraucher und Rezeptoren sammelt und auswertet. Mit Crowdsourcing als aktiv schöpferisch-gestaltende Quelle hat das zunächst nichts zu tun. Crowdsourcing impliziert doch die Übergabe von Gestaltung an den Verbraucher, Teilnehmer, Netzwerker… Funktioniert das wirklich, oder ist es eigentlich nur Teil einer kumulierten Inspirationsquelle für die “Profis”, die dann -näher am Markt- für “eine Handvoll Dollars” agieren können?! Ist Crowdsourcing eigentlich nichts anderes als eine geschickt verpackte Mafo unter der internen Überschrift: “Wenn die Verbraucher eben zunehmend keine Daten mehr rausrücken wollen über klassische Befragung, müssen wir es eben neu und geschickt verpacken?! Mafo 2.0 = Crowdsourcing?!

  16. Hannes Treichl

    @Roland
    Der Link war vor allem um aufzuzeigen, wie stark hier alles vermischt wird.

    Mafo 2.0 = Crowdsourcing: Nein, es sei denn ihr wollt den Begriff hier bewusst auf Marketing und Werbung reduzieren. Aber auch außerhalb dieser Welt gibt es genügend Beispiele erfolgreichen Crowdsourcings – viele davon nicht erst seit der Prägung des (ich stimme dir zu) Buzz-verdächtigen Begriffs, manche auf Basis kollaborativer, andere auf Basis kompetitiver Ansätze.

  17. Roland Kühl v. Puttkamer

    @Hannes:
    Jetzt muss ich dich aber doch noch einmal fordern ;-)
    Die Beispiele hatte ich noch im Radar. Aber wo sind die schöpferischen Elemente, die außerhalb statistischer und zielgruppenstrategischer Richtungslenkung etwas anderes sind, als geschickt verpackte Mafo?! Welches Produkt der “Crowd” ist zur Marktreife geführt worden…Warum wird ein Anbieterportal von Codern unter einem erfolgreichen “Crowdsourcing-Projekt” aufgeführt?! Für mich immer noch alter Wein in neuen Schläuchen. ;-)

  18. Roland Kühl v. Puttkamer

    Eins fällt mir dazu noch ein…und dann is auch jut, muss bubu machen ;-)
    Projekte wie “Mechanical Turk” haben sicher eine Berechtigung. Was aber hat das mit Crowsourcing zu tun?! Oder ist es wirklich eine Definitionsfrage….Möglicherweise ist ja jedes vernetzte Online-Anbieterportal eine Art von Crowdsourcing. Ebay ist demnach auch Crowdsourcing….Evtl. sogar der Offline-Flomarkt…eben überall dort, wo die Summe der einzelnen Angebote, Meinungen und Inspirationen gesammelt werden….also doch Mafo 2.0?! Ich bin jedenfalls sicher, dass diese Initiativen im Web eine perfekte Mafo-Basis ergeben….

  19. vroni

    Bethupferl

    “The intelligence of the creature known as a crowd, is the square root of the number of people in it.” Terry Pratchett

  20. Patrick Breitenbach

    @mozze: Ich spreche nicht von den Aufgaben der Menschen, sondern von den Aufgaben der Werber. Ich fokussiere meine Sichtweise also ganz konkret auf unsere Branche. Die an sich in Frage zu stellen ist hier nicht Thema und würde auch viel zu weit führen. Da können wir auch gleich über Krieg und Frieden diskutieren.

    Dein Beispiel mit den “Negativ-Videos”, also die aufklärerische Funktion z.B. Kinderarbeit etc. haben, verstehe ich leider nicht. Auch solche Beiträge können im Zuge von offenem Crowdsourcing auftreten (siehe Chevy), sie können aber auch unabhängig davon dabei sein. Also wo ist da das Problem, was du versuchst zu skizzieren. Ich steh da auf dem Schlauch.

    Was die Manipulation angeht. Manipulation ist Teil unseres Lebens. Manipulation gehört zur Kommunikation dazu. Mag man gut finden oder böse. Und zwar gehört Manipulation zu allen Gebieten (Job, Familie, Politik, Medien etc.) Wir sollten zwar auch versuchen sie einzudämmen, viel höher ist aber die Chance zu lernen, Manipulation zu enttarnen und uns selbst nicht so leicht manipulieren zu lassen.

  21. Patrick Breitenbach

    @Hannes Treichl: Zu dem Artikel von Alex, der den Ameienstaat mit Crowdsourcing vergleicht. Das Ganze hinkt natürlich gewaltig, weil er einleitet mit: “Die Ameise allein ist nicht clever, die Ameisenkolonie hingegen schon”. “Leider” ist der Mensch da etwas anders gepolt. Der Mensch ist Individuum und Herdentier zugleich. Erstaunlicherweise kann man sogar feststellen, dass der EINZELNE im Laufe der Evolution/Geschichte immer intelligenter und klüger geworden ist. Nichtsdestotrotz wurde das Wissen/Können durch Imitation angeeignet, dass heißt ohne die anderen Menschen wäre dem Einzelnen das so nie gelungen. Eine Ameise allein wäre verloren, wenn plötzlich der Ameisenstaat wegfiele. Ein Mensch allein ist durchaus ohne seinen Staat überlebensfähig (in seinem eigenen Leben), es wird ihn aber dennoch sehr verändert.

    Alles schön und gut. Trotzdem wirklich noch einmal die Frage. Sind etablierte und eingespielte Schwärme/Staaten/Familien/Clans/Gruppen nicht wesentlich intelligenter als völlig neu zusammengewürfelte? Wenn das so sein sollte, dann ist Crowdsourcing im klassischen Sinn (also UGC) niemals so intelligent wie eingespielte Teams aus Agenturen.

    Das heißt nicht, dass Crowdsourcing gar nicht funktioniert – im Gegenteil – es muss nur entsprechend organisiert und kommunikativ geführt werden. Wobei ich da momentan den Energieaufwand bei einer anonymen Masse als höher einschätze, weil dort eben das Rad neu erfunden wird.

    Was mir aber am Blogeintrag von Alex immens auffällt ist der Widerspruch das große Ganze auf der einen Seite (ohne Verwaltungsapparat, ohne Führer und damit auch ohne übervorteilte Nutznießer des Systems Schwarm. Jeder arbeitet für den Schwarm, nicht für sich) und die praktischen Anwendungsbeispiele für den Menschen, die durch die Bank weg auf die Individualität und den herausgestellten Vorteil des Einzelnen abzielen. Da klinkt offensichtlich der Schwarmgedanke aus. Denn die große Krux an der Sache ist und bleibt das Hybridwesen Mensch. Eine Seite angepasstes Herdentier, andere Seite freies Individuum, welches zum eigenen Vorteil handelt.

    Zu guter Letzt zusammengefasst: Schwarmintelligenz kann nicht dauerhaft funktionieren, arbeitet sie ausschließlich für den Vorteil eines Einzelnen (vor allem meine ich damit Unternehmen).

    Bei Wikipedia verschwimmt langsam die Grenze auch wenn Ramses101 zu Recht die negativen Punkte anspricht, die das System Wikipedia mit sich bringt. Aber grundlegend ist Wikipedia ein echtes Gemeinschaftsprojekt, non-kommerziell und damit für das Ganze konzipiert. Bei einem Logo-Wettbewerb profitiert lediglich das Unternehmen und der Sieger des Contests. Bei einer vernünftigen Agenturbeauftragung könnnen wenigstens mehrere Menschen profitieren bzw. davon leben.

    Soweit zu meiner Definition von Schwarmintelligenz, die für mich nicht im Einklang mit Crowdsourcing liegt.

    Crowdsourcing ist tatsächlich – auch wieder Ramses – reines Outsourcing nur -bisher- netter verpackt.

  22. Matias

    @ Patrick
    Da du mich persönlich ja angesprochen hast in deinem Artikel (du alter Lobbyist der Werbeindustrie!) nur ganz kurz: ich bin nicht böse. Ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil!
    Ich finde es gut, wenn kontrovers über Crowdsourcing diskuttiert wird. Und etliches von dem was du ansprichst, sehe ich durchaus ähnlich.
    Und Roland deutete es ja schon an. Es ist auch immer eine Definitionsfrage. Crowdsourcing ist nunmal ein Buzzword, an dem man schwer vorbeikommt. Ich selbst rede bei unseren Aktionen auch lieber von Communitysourcing. Design-Contests sind da für uns nur EIN Baustein von vielen.
    Und Kreativagenturen sehen wir übrigens, wie auch im Horizont ja schon richtig geschrieben, in erster Linie als Partner! Und viele Kreativagenturen, mit denen wir geredet haben, standen VOdA sehr aufgeschlossen gegenüber.
    Ich hoffe, wir sehen uns in Berlin zum Barcamp Anfang November!

  23. r3lite

    “Naja, das wäre schon eine ganze Menge, wenn ich mir den Kram, den man sich so ansehen muss, nunja, ansehe.”

    @sevenup of nine: Genau… siehe auch Popcharts. Der musikalisch gemeinsame Nenner einer Masse = Müll. Das war und wird im Bereich der Kunst immer so blieben, dass man Leute braucht, die Ahnung davon haben, was sie tun.

  24. Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Berlin, Berlin, wir brainen für Berlin

    [...] in der jüngsten W&V Ausgabe, könnte man das Gefühl vermittelt bekommen, dass Crowdsourcing ein elegantes Mittel ist, wenn die eigene Brieftasche gähnende Leere aufweist. Ich möchte [...]

  25. Jakob Vicari

    Und auch das gern zitierte Crowdsourcing Vorbild Ameisen sind eher Hobby-Einzelkämpfer. als Crowd-Befeuerer.

  26. Corporate Publishing Lounge » Wo wohnen wenig Sinn macht» Hrg. 4iMEDIA Corporate Publishing » Agentur, Verlag & Redaktion » Kundenmagazine, Geschäftsberichte, Kundenzeitschriften

    [...] gegen Wortneuschöpfungen, aber wenn sie eben lediglich die Qualität eines wahnsinnigen “Wohnsinns” haben, [...]

  27. Bea

    “o ist es nur stinknormaler altbekannter Wettbewerb “jeder gegen jeden”, Vereinzelung, und somit komplette Verarsche unter einem schicken Wort”"

    —-

    Ja , das trifft’s genau.
    Für mich nur eine neue Abart des “working poor.”.
    Einzig Auftraggeber und die Onlineplattform profitieren davon.
    Die niederen Arbeiter , die Zeit und Energie investieren gehen doch alle, bis auf den Gewinner, der obendrein von einer völlig unprofessionellen Jury gewählt wird, ( und bei Wahlen übers Internet besteht zudem die Gefahr der Manipulation, wie hier auch schon erwähnt wurde) leer aus. .

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