28.07.07
12:58 Uhr

Onkel Albrecht

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Bequemlichkeit kostet Geld. Bequemlichkeit kann aber auch Geld sparen. Dazu einleitend eine kurze Geschichte über einen langjährigen Bekannten von mir:
Solange ich ihn kenne, war er sparsam. Schnäppchenjagd ist seitdem für ihn eine persönliche Befriedigung, sozusagen seine ganz eigene Verbraucherantwort auf die Macht der Marken und Werbung. Er sichtet zum Teil stundenlang die besten Preise, ob im Internet oder im „Real Life“, fährt diverse Shops ab, analysiert Preisentwicklungen und stellt ggf. auch schon mal eine dringend benötigte Anschaffung wie z.B. eine Waschmachine „nach hinten“, auch wenn dann überbrückungsweise Handwäsche oder die leihweise Fremdwaschung bei Freunden und Nachbarn -gegen centgenaue Abrechnung natürlich- angesagt ist. Andererseits optimiert er Warenbeschaffungen auch durch Menge. Klar. Dabei wird der persönliche Haushaltsverbrauch seiner Consumer-Goods analysiert und auch schon Mal ein Vorrat für das nächste Jahr gekauft, wenn denn seine persönliche Kalkulation ergeben hat, dass der Mengenrabatt zu einer höheren Ersparnis führen könnte als das Kapital- und Warenbindungsrisiko. Am Amüsantesten finde ich aber immer noch folgendes Verhalten: Er fährt regelmäßig gezielt zu einer 40km entfernten Billigtankstelle, um durch diesen „Umweg“ 2-3 Cent pro Liter Benzinkosten zu sparen.
Ich muss gestehen; spätestens das war der Grund, warum sich eine wirkliche Freundschaft zwischen uns nicht entwickeln wollte. Es führt zu drastisch ein extremes Sparverhalten auf vielen Ebenen ad absurdum. Außerdem hat der Mann selten Zeit. In seinem sicheren und nicht schlecht bezahlten Job macht er seine Arbeit, die er dann nach Feierabend zu Hause auf anderer Ebene fortsetzt. Die immer seltener gewordenen Treffen waren geprägt durch anteiliges Verrechnen gemeinsam verbrachter Zeit. Bierdeckel wurden zu Manuskripten eines Excel-Sheets. Ihr versteht. Das Traurigste an diesem Verhalten ist allerdings, dass er sich darüber beklagt, von der aktuellen positiven Konjunkturentwicklung nicht profitieren zu dürfen, weil er eben in seinem beruflichen Umfeld nicht als „Wachstumspersönlichkeit“ sondern als „Rationalisierungspersönlichkeit“ wahrgenommen würde, und die seien ja aktuell nicht so gefragt.

Nach einer aktuellen repräsentativen Studie von McKinsey am Beispiel „Lebensmittelhandel“ ändert sich das „Verbraucherverhalten“ nachweisbar. Convenience sei der Schlüssel zum Erfolg. Diese Art der Bequemlichkeit setze auf örtliche Nähe, ein überschaubares Sortiment und einfache Zugänglichkeit. Anchließend folgen Qualitätskritierien und Service. Erst nachrangig ginge es um den Preis.

„Nicht der Preis, sondern Convenience ist heute unter Verbrauchern das wichtigste Kaufkriterium“, sagt McKinsey-Partner Peter Breuer, Leiter des Konsumgüter- und Handelssektors. Für Breuer könnte dies vor allem mit Blick auf längere Ladenöffnungszeiten der entscheidende Hinweis auf einen möglichen Umbruch im deutschen Lebensmitteleinzelhandel sein: „Geschäfte, die den Kundenwunsch nach Convenience und Service befriedigen – so wie es früher die Tante-Emma-Läden gemacht haben – stehen vor einem Comeback“, so seine Einschätzung.

Interessanterweise konnten so vollkommen unterschiedliche Handelskonzepte wie „Edeka“ und „Aldi“ ähnlich gut punkten in ihrem jeweiligen Segment, eben weil bei beiden Formen die Warenübersicht und -zugänglichkeit im Mittelpunkt steht. Hinzu kommt die regionale Nähe und bei beiden ein zwar unterschiedlich interpretiertes, aber dennoch im Verbraucherbewusstsein jeweils verankertes Markenbild inkl. Service.
Daraus leitet McKinsey nun den Trend zu einer modernen Form des „Tante Emma Ladens“ ab: noch kleineres, aber zielgerichtetes Sortiment an hochfrequenten POS, das auf hohe Miet-und Personalkosten verzichten und daher auch bzgl. der Ladenöffnungszeiten flexibler agieren kann. Ganz so wie es das „Büdchen„, Kioske oder die Shops in Tankstellen vormachten, die alleine bereits rund 14% des gesamten Jahresumsatzes im Lebensmitteleinzelhandels unter sich aufteilten.
Kommt also bald der „Aldi mini“ oder die reine „Frischfleischtheke von Edeka“ in die dichten Wohnviertel? Was meint ihr? Wird Onkel Albrecht die neue „Tante Emma“? Und muss mein Bekannter bald Flugreisen nach Osten einplanen, um wirklich billig einkaufen zu können?

7 Kommentare

  1. vroni

    Ich kenn‘ auch so einen. Der (hat sicheren, guten Job) hat vor lauter Sparwut ein Billig-Grundstück für seine Familie in jot-we-de erstanden, auf dem ein Riesen-Hochspannungsmast den Garten ziert. Prima Playground für die Kleinen, summt so schön. Kein Schnäppchen, sondern ein Schnappen, Mords-Wellness-Ambiente :-), alldieweil die Hausfrau dann ziemlich Benzin verfahren muss, um frische Brötchen zu kriegen, denn im Dorf unten gibt es schon lange keinen Bäcker mehr… Mit Nachhaltigkeit hat so ein Kaufverhalten nichts mehr zu tun, es ist einfach… dumm. Weil nicht weitergedacht als von Zwölfe bis es schlägt.

    Was ich zur Tante Emma Idee meine? Hm.
    Eine lean-gemanagte Tante Emma ist keine echte Tante Emma mehr. Tante Emma ist, wenn der Besitzer jeden mit Namen kennt, du Milch zapfen lassen kannst in dein Kännchen, Nägel, Schnürsenkel und Butter kriegst, Beratung bekommst was machen mit der alten Nähmaschine, den neuesten Klatsch und noch die richtig guten Mohrenköpfe kriegst einzeln. Das ist Lebensqualität, hat aber mit der Controller-Effizienz von McKinsey nichts zu tun. Die haben beim Wiederentdecken des Regionalen (wie immer halt) das Menschliche vergessen. So sans.

    OT
    Beispiel Hotellerie:
    Im Hotelbereich gibt es so eine Lean-Entwicklung, angeblich auch Drei-Sterne-Standard, aber richtig sparsam gemanagt, diese Sorte nennt sich Budgetdesign-Hotel. Da wird das Budget designt:-) Wahrscheinlich mit Schubläden als Zimmer, selbstreinigenden designten Zimmermädchen, oder mit gar keinem schlechtbezahltem Personal mehr, Blumen im Foyer entfallen, keine Ahnung. Ist ja der Kostenfaktor, Personal und Zeit. Es geht also weiter mit Geiz ist geil, aber diesmal wollen die Geiz-Hotelgäste Qualität auch noch – oder sie zumindest vorgegaukelt kriegen.

    „Und muss mein Bekannter bald Flugreisen nach Osten einplanen, um wirklich billig einkaufen zu können?“

    Er wird es tun, weil es schon langsam zwanghaft ist bei dem :-) Persönlichkeitsstörung nach ICD-10. Natürlich wird er den Flugpreis gegenrechnen, und schlau rausfinden, dass er zwar schon spart, aber nur wenn er mindestens einen Schiffscontainer voll Zeugs kauft, das er dann in dieser Menge gar nicht braucht…. *g*
    Hoffentlich werden die Flugpreise bald höher (Klimadiskussion). Das kann helfen bei dem allgegnwärtigen Wahnsinn, denn die wahren Kosten sind im subventionierten Kerosin etc. derzeit nicht eingepreist.

    Was die McKinseys sagen:
    Nicht der Preis, sondern Convenience werde der Trend…, glaube ich nicht allumfassend. Schätze, Preis UND regionale Bequemlichkeit wird kommen, oder was der Verbraucher oder McKinsey dafür halten. Das mit dem Preis kriegste aus vielen Leuten nicht mehr raus, das hat sich durch die jahrelange Billigheimerei den Leuten eingeprägt. Zudem hat sich eine Einkommensschere aufgetan, manche Abgehängten würden gerne, aber können nicht um die Ecke teuer einkaufen, das ist vorbei für die.

    Ach hab ich schon gesgt, dass ich die Rationialisierer von McKinsey nicht schätze, denn bis dato sind sie in der Öffentlickeit kaum mit kreativeren Ideen zur Unternehmensoptimierung aufgefallen als mit Leute rausschmeißen. Wahnsinnskreativ, ein Beitrag zur wachsenden Einkommensschere und nicht das beste Image das.

    Und jetzt wollen sie wohl Wachstumspersönlichkeiten werden. Ich bin nachhaltig gespannt auf ihren Umkehrschwung. War da überall Negatives, Hohn und Spott rausliest, darf das gerne tun. Es ist tatsächlich so ätzend gemeint. Bin dennoch gut drauf :-)

    Schönes WE.

  2. bosch

    Ich weiß nicht. Ich glaube, das konsequente Preisvergleichen ist möglicherweise auch eine Generationenfrage. So weiß ich, dass meine Großtante früher immer für billigen Blumkohl mit dem Fahrrad stets quer durch Hamburg gefahren ist, um ein Schnäppchen zu machen – was natürlich besonders absurd ist, da für einen Zwei-Personen-Haushalt lediglich ein einziger Blumenkohl gekauft wurde. Ich persönlich weiß, seitdem mein Zivildienst, im Rahmen dessen ich früher häufiger das Vergnügen hatte, für ältere Leute einzukaufen, auch nicht mehr, wieviel ein Liter Milch oder ein Pfund Butter kostet. Ich habe es aus den Augen verloren, da es für einen arbeitenden Menschen im Zwei-Personen-Haushalt auch keinen großen Unterschied macht, ob der Einkauf nun 50 Cent mehr oder weniger kostet. Ich will eben alles vor der Tür haben und nicht eine halbe Stunde durch die Großstadt gurken. Man muss die Opportunitätskosten sehen: Freizeit ist mehr wert als ein billiger Blumenkohl.

    Vielleicht setzen sich in Großstädten tatsächlich irgendwann ja 24h Öffnungszeiten durch. Björn Harste (shopblogger.de) praktiziert das in Bremen ja auch bereits seit einigen Wochen. Es ist dann ein bißchen teurer, aber man kann rund um die Uhr einkaufen. Eine gute Sache – und billiger als an der Tankstelle oder am Hauptbahnhof ist es noch immer. Ich glaube schon, dass Bequemlichkeit das neue Ding ist.

  3. Stefan

    Flugreisen in den Osten zum Einkaufen?
    Von »hier aus« ist man noch in der Lage das per PKW zu erledigen … nur wird das am häufigsten von jenen praktiziert, die es einkommensmäßig gar nicht nötig haben.
    Leuchtet ja auch ein, denn in so einen Besserverdiener-SUV passt auch viel mehr (aus polnischen Supermärkten) hinein, als in einen Minijobber-Polo …
    Und für die »Tante Emma« bleibt nur das, was es an der »Tanke« zufälligerweise nicht gibt – so wird das nichts, Studie hin oder her.

  4. Ralf

    Ich denke nicht das der Preis eines einzelnen Produktes ausschlaggebend ist ob es gekauft wird oder nicht. Wer geht schon in 3 Läden und besorgt sich dort jeweils das günstigste?
    Das trifft wahrscheinlich höchstens auf einzelne Güter zu. Zum Beispiel Tanken. Meine Mutter freut sich auch jedesmal einen Ast ab wenn sie den Sprit 3 Cent günstiger bekommen hat. Tankt dann aber auch „wie immer“ nur für 20 Euro. Ob sie für die wahnsinnige Ersparnis von ca. 42 Cent dann Sprit für 1.30 Euro verfahren hat, steht dann völlig im Hintergrund. Ausschlaggebend ist das Erfolgserlebnis günstig getankt zu haben. Jägermentalität eben.

    Um Aldi herum hat sich teilweise so eine Art „Kult“ entwickelt. Früher war es halt der Discounter und man hatte sich irgendwie geschämt bei Aldi einkaufen zu müssen. Mittlerweile ist es Normalität und es gibt sogar Kochbücher die speziell auf Aldi zugeschnitten sind.
    Preise? Eher zweitrangig. Oder sogar noch unwichtiger. Was zählt ist das Gesamterlebnis. Aldi hat große Parkplätze, ist einfach zu erreichen, fast überall vertreten (alleine auf der fahrt von meinem Arbeitsplatz nach Hause, ca. 10km, komme ich an 3 Aldi-Märkten vorbei) und vor allem bekomme ich in allen Filialen das gleiche Angebot. Wobei die Qualität der Produkte seit jeher ein relativ hohes Niveau hat. Der Preis alleine ist also ganz und gar nicht ausschlaggebend.

    Aber so unterschiedlich wie die Geschmäcker sind, so unterschiedlich sind auch dir Prioritäten bei den Einkäufen. Dem einen ist eine hübsche Aufmachung des Ladens egal, der andere erwartet ein nobles Ambiente. Und ich wette, es würde wahrscheinlich kaum einer merken wenn Edeka und Aldi die gleichen Preise hätten. Wer bei Aldi einkaufen geht, hat das Gefühl (!) günstig einzukaufen. Wer bei Edeka einkaufen geht, hat das Gefühl hohe Qualität einzukaufen. Beides wurde allerdings schon mehrfach z.B. von Stiftung Warentest wiederlegt. Aldi ist nicht zwangsweise günstig, Edeka hat nicht immer die beste Qualität.

    Ich denke Großdiscounter wie z.B. Real werden es in Zukunft schwerer haben. Sie können nur schwer oder gar kein Ambiente bieten. Ihr einziger Vorteil ist der, dass sie ein sehr großes (fast komplettes) Warenangebot unter einem Dach haben. Allerdings dürfte dies nicht ausreichen wenn sie es nicht schaffen ihren Kunden ein Einkaufserlebnis zu bieten. Einer meiner ehemaligen Chefs hatte mal gesagt, man muss aus Kunden erst Fans machen. Dann kräht auch kein Hahn mehr nach den Preisen.

  5. Annette

    Ich kann mir vorstellen, dass sich in Bereichen, in denen es keine nahegelegene Tankstelle gibt, so eine Art 24h-Notlädchen durchsetzen kann. Im Angebot Basics, deren Fehlen einem gerne mal nach Ladenschluss auffällt: Nudeln, Klopapier, Brot, Zahnpasta, Windeln… nicht viel Auswahl, eher wie bei Aldi jeweils eine Marke, es geht ja schließlich nur um eine Übergangslösung bis man wieder zum Einkaufen kommt.

    Dieses ein-Marken-Prinzip ist für mich übrigens auch einer der großen Vorteile der Discounter. Wenn ich nur mit einem Produktwunsch und keiner dazugehörigen Marke im Kopf einkaufen gehe, z.B. Naturjoghurt, überfordert mich das Angebot eines regulären Supermarktes völlig. Da lobe ich mir doch Aldi, wo ich mich nur zwischen Fettgehalt und evtl. noch bio oder nicht entscheiden muss.

    Auch das bringt eine nicht zu unterschätzende Zeitersparnis, die ich sehr gerne annehme.

  6. trillian

    Zum Glück gehöre ich zu den Leuten, die nicht auf den Cent achten müssen.
    Der Preis ist für mich beim Einkaufen eher zweitrangig. Ich will _meine_ Lieblingsprodukte haben. Und der Bequemlichkeitsfakotr ist mir sehr wichtig: Ich plane meine Einkäufe nach der Erreichbarkeit des Geschäftes und dem Ambiente: Freundlichkeit der Kassierin, Temperatur, Bäckerei, Weinauswahl.
    Und es treibt mich schier zur Verzweifelung, wenn ein Supermarkt umbaut, weil ich mich dann nicht mehr darin zurechtfinde.

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