19.07.07
07:43 Uhr

Aus dem konstruktiven Nähkasten – Teil 1

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Als radikaler Konstruktivist behaupte ich ja immer ganz gerne, dass es nicht „die eine Wahrheit“ gibt. Wahrheit ist subjektiv. Wahrheit wird vom Menschen definiert. Wahrheit wird auch größtenteils von Siegern definiert. Wahrheit ist das was die Masse und ihre Vertreter (neudeutsch Opinion Leader) als wahr betrachten. Doch darum soll es hier jetzt nicht gehen, und ich bitte darum, die Diskussion um den radikalen Konstruktivismus an einer anderen Stelle zu führen. Mir geht es nicht um das „Allesscheissegal“ sondern um die „Klarheit“, um Schonung von Ressourcen um somit das eigene Leben und den Umgang mit anderen Menschen angenehmer zu gestalten.

Für diejenigen, die mit dem Begriff „Konstruktivismus“ noch nichts anfangen können, habe ich dieses wunderschöne Beispiel aus Indien herausgekramt:

Drei blinde Menschen sollen einen Elefanten beschreiben, ein Tier von dem Sie zuvor nichts gehört hatten. Das sollen sie durch Ertasten herausfinden. Der Erste der drei umklammert das Bein des Elefanten und behauptet: „Elefanten sind wie Säulen“. Der zweite ergreift den Rüssel des Tieres und sagt „Elefanten sind wie Schlangen“ und der dritte im Bunde kriegt das Ohr des Tieres zu fassen und behauptet „Elefanten sind wie flache Flundern“. Die Drei geraten darufhin in einen furchtbaren Streit, weil doch jeder so davon überzeugt ist, was er gerade mit eigenen Händen ertastet hat. Sie bezichtigen die anderen als Lügner und gehen sich gegenseitig an die Gurgel.

Natürlich ein sehr überspitztes Beispiel, es zeigt aber ganz deutlich, wie Menschen sich verhalten können, wenn es um komplexe, teils undurchsichtige Dinge wie Ideologien, Religion, Politik oder moralische Werte geht. Sie vertrauen auf ihre Sinneswahrnehmung und auf das Wissen, welches sich zusammensetzt aus dem Wissen der anderen Menschen mit ihren Sinnesorganen, welches sich zusammensetzt aus den Wissen der Vorfahren, welches sich zusammensetzt aus dem Wissen der VorVorfahren …

„Bush ist also ein dummer Kriegstreiber – Bin Laden ein fieser Oberschurke. Die Amerikaner sind gottlose Teufel – Islamisten sind allesamt Terroristen.“ Alles Aussagen aus einem bestimmten Blickwinkel, einem Erfahrungswert, einer medialen Berichterstattung heraus. Doch die Wahrheit liegt eben nicht in diesem einen Winkel, sondern eben irgendwo dazwischen oder darüber. Natürlich kann man sich jederzeit für eine Ecke entscheiden und sich dort verschanzen und mit allen Rohren auf das schießen, was dem entgegenliegt. Ist ja auch ziemlich einfach und bequem. Doch ernsthaft. Wie sinnvoll ist das wirklich? Löst es den eigentlichen Konflikt? Deckt es das gesamte Bild des Elefanten auf? Macht es die Welt dadurch besser?

Klar, die große immer wieder beschworene Gefahr des radikalen Konstruktivismus liegt in der Lethargie. Wenn alles eine Kopfgeburt ist, dann ist es doch völlig egal, wie wir handeln. Nicht ganz. Der Konstruktivismus kann uns auch helfen unsere Nerven zu schonen, den Umgang mit unseren Mitmenschen liebevoller zu gestalten und uns allen dadurch mehr Lebensqualität zu verschaffen.

Ich versuche, in nächster Zeit einige Beispiele im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern, Kollegen oder allgemein anderen Menschen aufzuführen. Wir wollen ja nicht gleich die ganze Welt und ihre sogenannten großen Führer, Opinion Leader und Propheten auf einmal durchkauen. Wir bleiben besser bei unseren Leisten und fangen ganz klein im Tagesgeschäft an. Du musst auch kein Werber sein oder in der Branche arbeiten. Die Beispiele sind eigentlich allgemein anwendbar. Ich habe die Weisheit sicherlich nicht mit Löffeln gefressen und bin selbst nicht immer das beste Vorbild. Alles was ich von mir gebe, sollte daher auch noch einmal von euch überprüft werden. Schließlich gebe ich hier nur meine Wahrheit kund. Also Perfektion werdet ihr vergeblich suchen. Sie frustriert uns zudem nur unnötig. Wichtig ist der Versuch. Das Training. Das Sparring. Dabei sein ist in diesem Fall tatsächlich alles!

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3 Kommentare

  1. vroni

    Ähm. Konstruktiv und konstruktivistisch fast in einem Atemzug.
    Was würde Derida dazu sagen.

    ______________

    Kann sein, dass es nervenschonend ist und ehrbar ist, sich mit sozialen oder individual-psychologischen Konstruktuvismus-Phänomenen zu befassen und sie einfach anzuerkennen, nutzen und zu verwenden, statt gegen sie anzurennen. Für das Krautsursing unentbehrlich.

    Bevor eine Diskussion ganz in den sozialen Konstruktivismus (Kunden, Kollegen) übergeht: Das Thema „Konstruktivismus und Werbung“ halte ich für… intellektuell interessanter.

    Denn der wahre Kreative geht immer einen Schritt weiter als der Sozialsystemiker, schmunzelt zwar ebenfalls gelassen über oft aberwitzige soziale Phänomene und Denkfallen, aber nicht um in ihnen bequem sozial mitzuschwimmen. Nein: Er haut grad ab da sein kreatives, vollkommen un-weltverbesserisches listiges Dada-Pflöckchen rein und fragt – im Auftrag von mehr oder weniger ehrbaren Kommerzunternehmen, daher gemäßigt^^ – den Wahn an: „Ist das wirklich so? Warum kann es nicht auch so und so sein?“ Und malt die Bäume blau und lässt Autos fliegen oder sich in die Erde eingraben.

    Er kann nicht anders. Er macht das nicht, weil er es in klugen Schriften aus Palo Alto gelernt hat, manipulieren, triggern oder paradox intervenieren will, oder weil er besser mit seinen Mitmenschen klarkommen möchte. Er IST so. Meist kommt er dadurch genau mit seinen Mitmenschen nicht klar :-).

    Das unterscheidet ihn von Menschen, die sich gerne an bekannte Glaubenssätze halten und alles andere Hinterfragende, Umstülpende als Gefahr empfinden. Ausnahme: Das vom Kreativen Erzeugte ist lustig, unterhaltsam und greift Glaubenssätze nicht fundamental vernichtend an, sondern spielt nur mit ihnen. Dann liebt der Auftraggeber und das empfangende Bürovolk diesen geistigen Zündler und erkennt für eine Sekunde sich selbst, dass es auch mal so war.

    Weil das natürlich komplett ärgerlich ist, dass sie so brav geworden sind, geben sie dem Werber zur Strafe und aus Rache zu wenig Honorar. Voll systemisch ^^.

  2. vroni

    Dieser Film spielt hervorragend damit, dass wir z. B hollyoodgestählt mittlerweile glauben, Aliens seien hyperintelligent, uns hoch überlegen und böse.

    Es kam alles ganz anders:
    youtube.com/watch?v=...

    Have fun und schönes WE.

  3. Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Aus dem konstruktiv(istisch)en Nähkasten - Teil 2

    […] möchte ich ein wenig darüber schreiben, dass wir nicht nur in einer von uns konstruierten Welt leben, sondern dass wir diese Welt auch sekündlich und maßgeblich mitgestalten. Gerade in […]

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