22:39 Uhr
Nachdenken statt Verrenken
17 Jahre nach “Keine Macht den Drogen” versucht nun Österreich sein Glück mit einer groß angelegten Kampagne, das Komasaufen unter dem Motto “Nachdenken statt Nachschenken” trocken zu legen. Trocken genug ist sie ja (die Kampagne bzw. die Website dazu), nur ob das auch dort ankommt, wo es von Nöten wäre?
Link: www.youtube.com
Woran ich das fest mache? Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jugendlichen, die sich am Wochenende per Flatrate ins Koma saufen, sich sicherlich nicht die Zeit nehmen, solche Texte auf dem Bildschirm durchzuwälzen:
Alkohol hat viele Nachteile. Doch wenigstens macht er nicht schwanger – zumindest nicht direkt. Unter Alkoholeinfluss steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit einer ungewollten Schwangerschaft deutlich. Der Grund liegt in der enthemmenden Wirkung des Alkohols. Wer zu viel getrunken hat, macht sich über die Folgen der eigenen Handlungen weniger Sorgen. Das kann im Moment scheinbar angenehm sein – so lange nicht das Dicke Ende kommt. Und das kann beim Sex recht schnell gehen. (…)
Ja und das geht dann noch seitenlang zu diversen Themen mit so schön abgehangenen Platitüden wie “Starke sagen Nein”, “Scherben bringen Glück?” oder “Alk macht dick!” (und schwanger?) so weiter. Letzteres finde ich bei Teenagern mit Hang zur Esstörung besonders süffisant. Feuerwasser mit Feuer bekämpfen wollen, allerdings ohne letzte, vielleicht sogar gewinnbringende Konsequenz. Zwar gibt es da so drastisch anmutende Projekte wie “Mystery Shopping”, bei denen man Jugendliche unter 16 jahren losschickt, um Alk zu kaufen, doch letztendlich was bringt es, wenn die Erwischten dafür überhaupt nicht belangt werden?
Bestrafen wollen die Verantwortlichen derzeit aber noch nicht. Nur wer wiederholt Alkohol an Minderjährige verkauft muss mit Konsequenzen rechnen.
Na das wird der Jugend und dem Handel imponieren. Was für eine unglaublich gequirlte aber nicht gerüttelte Aktion. Dies alles zusammen, also Gardinenpredigten mit platten Erwachsenensprüchen und Heileweltgaukelei plus furztrockenden Infografiken soll den Jugendliche am Wochenende den Spaß am Alkopoppen vermiesen? Ich weiß ja nicht. Ich höre schon die etlichen Spoof-Sprüche beim Schnäpskensaufen. Statt “Hopp, hopp rinn in Kopp”, werden österreichische Jugendliche wohl “Nachschenken statt Nachdenken” gröhlen. Ich sehe die Kampagne zusammengefasst aus mehreren Gründen schlichtweg von vornherein zum Scheitern verurteilt:
1. Es wird nicht die richtige Sprache gesprochen. Warum sollte irgendjemand, den es wirklich betrifft, zuhören und “nachdenken”?
2. Es wird völlig aus der Leere in die Leere kommuniziert. Welcher Jugendliche geht freiwilig auf die Kampagnenseite und blibt dort auch noch?
3. Frontalunterricht hat noch nie sonderlich gut funktioniert, trotzdem wird er fortgesetzt. Warum eigentlich?
4. Man will am liebsten alle glücklich machen, vor allem den Handel und die dort einkaufenden, besorgten Eltern.
5. Ginge es tatsächlich nur um die Sorge um Jugendliche, könnte man das investierte Geld locker in entsprechende Projekte stecken.
6. Für wie bescheuert haltet ihr die Jugendliche? Sie sind in einer Bierzeltromantik groß geworden, bei der Alkohol zum festen Bestandteil unserer Kultur gehört und nun beschwert ihr euch, wenn sie im Zuge der Pubertät – wie gewohnt – Grenzen überschreiten? Fangt an Grenzen zu setzen, keine Schwämme! Und fangt bitte bei euch selbst an, wenn ihr ein Vorbild sein wollt.
Disclaimer: Komasaufen ist scheiße, ich selbst hab es gemacht, meine Generation davor und die davor sowieso. Komasaufen mag ganz lustig wirken, kann aber echt widerlich enden. So Krankenhausszenen sind natürlich viel viel cooler als den Kumpel dabei zu beobachten, wie er sämtliche Därme und Blasen entleert und einfach nicht mehr Mensch ist. Ich selbst möchte nicht, dass mein Sohn später mal beim Komasaufen teilnimmt. Ich werde alles dafür tun, dass er es nicht macht, glaube aber nicht, dass diese Maßnahme (und solche Kampagnen erst recht nicht) uns beide davor schützt. Wichtig ist, wenn er es tut, sollte er daraus lernen. Wichtig ist, wenn er es tut, sollte er mit uns Eltern darüber reden können. Wichtig ist, wir sollten so sprechen wie wir sind, ohne Polemik, ohne Bigotterie. Das spüren Jugendliche und sie werden es zu schätzen wissen. Hoffe ich.
6 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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Am 2. Juli 2007 um 23:03 Uhr
Gehen die auf solche Websites? Natürlich nicht.
“Nachdenken statt Nachschenken” ist jedoch ein dicker Punkt.
Denn das nervtötende und aufdringliche dauernde Nachschenkenwollen von Schnaps und Bier, obwohl man mindestens 3(!!)mal höflich aber deutlich gesagt hat, man möchte nicht, ist tatsächlich eine grobe Unsitte. Diese merkwürdige und stumme (dadurch schwer anzusprechende) “Übereinkunft” und dort als “höflich” geltende “Gastfreundschaft” ist in der Unterschicht stark verbreitet. Ist keine bloße Behauptung, kann das zigfach nachweisen, da ich aus der Unterschicht komme. Ich schäme mich nicht für die Herkunft, aber für ihre unmöglichen, beschissenen Sauf-Sitten und Plattheiten.
Natürlich saufen auch Akademiker. Mit diesem Film sind für mich deutlich die “Flaschen” aus anderen Kreisen angesprochen.
Ich hätte daher zur Abwechslung mal gern einen Sauf-Spot über saufende Akademiker :-)), oder über den nach Joschka Fischer saufenden Bundestag. Die saufen öffentlich, heimlich oder “sozial-akzeptiert”, da ist kein aufdringliches “Nachschenken” notwendig, machen die schon selber. :-)))
Helfen tut natürlich alles drei nicht. Filme gegen Alkoholismus und seine Unsitten sind in allen Schichten sinnlos, da co-abhängige Argumente. Co-Abhängigkeit = dem Alkoholiker rational hinterherarguemtieren, ihm hinterherräumen = Alkoholimus und das Spiel des Alkoholikers im Grunde fördern. Und nicht bedenken, dass es eine Krankheit ist.
Hat schon mal jemand gegen kaputte Bandscheiben so filmisch rumgemosert? Jepp, bringt auch nix, ist jedem klar. Aber den Alkoholiker schnappt man sich immer. Das hat unreflektierte Alibi- und Co-Abhängikgkeitsgründe.
Am 3. Juli 2007 um 09:36 Uhr
EIn biederer Kack-Spot, der mit Sicherheit für Gelächter in der Zielgruppe sorgen wird. Vor allem im Kino sehe ich das richtig vor mir.
“Nachdenken statt Nachschenken” – also bitte.
Am 3. Juli 2007 um 10:41 Uhr
Das Thema ist aktuell, und dann besteht halt eine politische Notwendigkeit «etwas zu machen». Ob das etwas bringt steht auf einem anderen Blatt.
Da gib es ein drastisches Gegenbeispiel aus Österreich, die alte «Drink and drive is death»-Kampagne mit Zombies und Deathmetal. Wäre spannend, den Impact der beiden Kampagnen zu vergleichen. promille.at/useruplo...
Am 3. Juli 2007 um 21:26 Uhr
der junge in der intensivstation an der infusion mit der mitleidenden mutter, ist die essenz des films, das versteht jeder depp.
mögen sich zynische gewohnheitstrinker ruhig in ihre/r angst verkriechen und sich auf die schenkel klopfen, die fünf sekunden krankenhausszene geben dem spot halt und charakter.
der film appeliert doch nicht an verlorene seelen [das schafft werbung{noch}nicht], er schleicht sich in die wahrnehmung mehr-oder-weniger guterzogener muttersöhnchen.
struuuunz, ist wie eine, wie eine flasche leeer……. ist immer krank!
Am 24. Juli 2007 um 15:25 Uhr
[...] Erstkontakt zu erstellen. Glaubwürdigkeit zu erzielen, sich einzuschwingen. Das passiert mit PR-Werbesprech-Verbalverrenkungen nunmal nicht. Ich finds mutig und trotz Schimpftiraden ist es für mich ein “an die Hand [...]
Am 24. November 2007 um 10:07 Uhr
[...] ist die Seite im Gegensatz zu ihrer Zielgruppe extrem trocken. Und man darf zweifeln, ob eine Sprache von 40-jährigen für 14-jährige dort ankommt, wo es nötig [...]