03.06.07
14:59 Uhr

Web 2.0 im Establishment

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Natürlich: Wenn Kaiser AGOF sein Volk zählen lässt, werden sich die Berichterstatter hüten, mit schlechten Nachrichten vor den Thron zu treten. Dem AGOF aber gleich Versagen vorzuwerfen, weil das aufblühende Weltreich des Web 2.0 nicht genügend in den Zahlen abgebildet wäre, halte ich nun dennoch für etwas überzogen. Die AGOF ist nicht die Stiftung Warentest, sondern ein Gemeinschaftsinstrument der wichtigsten Vermarkter, und von der Metzgerinnung erwarte ich ja nun auch keine Empfehlungen für vegetarische Speisen. Sicher schade für die Planner, dass sie nicht alles in einem Zahlenkompendium finden, aber fürs Suchen und Vergleichen werden sie ja schließlich auch ganz gut bezahlt.

Schaut man sich die AGOF-Zahlen etwas genauer an,

erkennt man allerdings, dass Web 2.0 auch in diesem Universum inzwischen durchaus mehr ist als eine Marginalie. Das beweist vor allem der Aufstieg des ProsiebenSat1-Vermarkters SevenOne Interactive auf Platz 3, über den sich viele Kommentatoren wundern.

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Wie haben es die Münchener geschafft, sich dort oben klammheimlich in der Spitzengruppe einzunisten? Nein, gewiss nicht in erster Linie durch den redaktionellen Content beispielsweise auf Prosieben.de und Sat1.de. Aber was viele übersehen: hinter dem redaktionellen Auftritt beider Sender hängt jeweils eine sehr aktive Community mit Foren und Chats (sowie allerdings teilweise recht stiefmütterlich betrieben Blogs), die richtig heftig Klicks generiert.

Zu den meisten Serien von Prosieben und Sat1 sind hier eigene Foren eingerichtet. Die Besucherzahlen dort schwanken zwischen beschaulichem Vorsichhindünkeln und sattem „Brummen“ des Counters. Wenn beispielsweise donnerstags Detlef D! seine Rohdiamanten schleift oder Heidis Hühner über den Laufsteg hoppeln, diskutieren sich anschließend die Fans in den Foren die Köpfe über den aktuellen Cliffhanger heiß. Man kann über die Trivialität dieses Tuns geteilter Meinung sein, für die hauseigene Statistik ist es ein Segen. Beide Formate sind mit bis zu 4,5 Mio. Zuschauern am Abend nicht nur im TV ein voller Quotenerfolg, diese hohe Attraktivität wird auch mit ins Web genommen. So war zum Beispiel ein Live-Chat mit dem singenden Fernsehballet des Hauses Prosieben namens Monrose einer der größten Online-Quotenerfolge im Februar. Ähnlich erfolgreich beim Publikum sind bei Sat1 die begleitenden Foren zu Sendungen wie You can Dance und das Online-Tagebuch einer gewissen Hannah aus Verliebt in Berlin.

(Ironie am Rande: Wer hin und wieder auf der Prosieben- oder Sat1-Community unterwegs ist, wird wissen, mit welch simplem Frontend hier gearbeitet wird. Nachdem das Backend offensichtlich im Frühjahr verbessert wurde, gehört die Oberfläche der hauseigene Foren- und Chatsoftware gewiss zum Miesesten, was man in dieser Hinsicht je gesehen hat; jeder Freizeit-Webmaster würde sich über dieses Ansammlung von Bugs schämen. Mehr noch: bei den Verwünschungen und Beleidigungen, die in den „heißen“ Foren wie zu GNTM unmoderiert (Admin- und Moderatorenplätze sind offensichtlich chronisch unterbesetzt) ungefiltert stehen bleiben, stünde jeder kleine Forenbetreiber mit einem Bein im Gefängnis. Minimales Investment, maximaler Output. Qualitäts-Exkurs Ende.)

Zweiter Klickgigant des Hauses ist die Videoplattform MyVideo. Kein Youtube in den AGOF-Zahlen bedeutet also keineswegs gar kein Web 2.0 in der Studie. Auch hier nutzt Prosieben geschickt das crossmediale Element und setzt MyVideo zum Beispiel als zusätzliche Bewerbungsplattform für die demnächst startende sechste Popstars-Staffel ein. Dass dagegen die MyVideo-Show im TV einstweilen eher ein Gähnformat ist, kann man angesichts der geringen Produktionskosten sicherlich verschmerzen.

Kurz: Die Nummer 3 unter den Vermarktern gibt die Richtung nach oben vor. Vielleicht nicht mit den letzten hippen Innovationen, wohl aber mit einer konsequenten Umsetzung des Community-Gedankens in altbewährter Foren- und Chattechnik sowie einem Video-Klon, der ebenfalls nicht durch technische Innovationen, aber durch gute Einbindung in den TV-Content des Hauses glänzt. Das Rad nicht neu erfunden, aber wacker mitgefahren – so kommt man mit dem Mitmachweb in Charts.

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Ein Kommentar

  1. Andreas Rodenheber

    Ganz frisch aus dem SevenOne-Portfolio:
    Eigenes Blogportal „Sevenblogs Beta“
    sevenblogs.de/blogpo...

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