25.05.07
23:14 Uhr

Bloggerbürgertum

Schön, dass einige Journalisten durch die Existenz von Blogs langsam begreifen, in welcher von Quoten- und reichweitengeprägten Welt sie sich eigentlich befinden. Dort wo ein wenig lächelnd auf Blogs als irrelevantes Medium herabschauen, huscht wohl eher ein gequältes Angstlächeln auf ihrem Antlitz, beim Gedanken daran, dass Blogs zu den neuen Meinungsmachern (wenn auch ohne angebliche Reichweite) avancieren und dadurch den gelernten Journalisten ein Stück weit das Wasser abgraben. Blogs sind und sind irgendwie keine journalistischen Medien. Blogs sind Meinungen, Emotionen und teilweise auch ein Ausdruck von engagiertem und leidenschaftlichem Verantwortungsbewusstsein vieler Menschen. Blogs mögen vielleicht nicht die Welt retten, sie zeigen aber sehr deutlich auf, was einige Menschen am Nabel der Informationsgesellschaft (früher nannte man sie Bildungsbürgertum) von der Welt da draußen halten. Ein Ziel, das einige Journalisten ganz sicher aus den Augen verloren haben. Denn Journalismus bedeutet für mich auch ein Stück weit Bewertung und Interpretation auszuarbeiten. Eben nicht nur Informationen pur, sondern auch die Bewertung der Information. Dass ist es doch, was die Menschen letztendlich verzweifelt suchen. Sie suchen nach den Leuchttürmen in der globalen Informationsflut, egal ob die nun links, rechts oder mittendrin gebaut wurden. Wichtig ist den Menschen einzig und allein die Überschneidungen mit der eigenen Persönlichkeit und damit ein aufgebautes Vertrauen zu den Gatekeepern der Informationen.

Wer sich für das Thema näher interessiert, sollte sich unbedingt das Medienquartett des Deutschlandradios mit dem Titel “Der Bürger recherchiert mit: Verändern Leserreporter und Blogger den Journalismus?” anhören. Wer diskutiert, kann man in der Pressemitteilung genauer nachlesen. Spannend, was da momentan passiert. Spannend, wie und wo Blogs und Web 2.0 mittlerweile in der Gesellschaft angekommen sind.

Update: Kommentar dazu von Stefan Niggemeier

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18 Kommentare

  1. Dirk

    Schon den interessanten Kommentart von Niggermeier dazu gelesen?
    stefan-niggemeier.de...
    Viele Grüße,
    :-) Dirk

  2. Horst

    als pressefotograf habe ich unmittelbar mit den auswüchsen der”leser reporter ” zu tun.
    ich merke das am monatsende, wenn ich auf meinen kontoauszug schaue…
    aber noch schlimmer ist es vor ort…ich kann es nicht verstehen das es leute gibt die es gut finden das 10 jährige mit ihren handys unfallopfer fotografieren um sie dann so schnell wie möglich an die zeitungen zu senden.
    noch schlimmer ist es wenn die jenigen die eigentlich helfen sollten….vorher noch schnell ein foto machen.
    wer das nicht glaubt den lade ich gerne mal ein mich beim nächsten unfall zu begleiten.
    horst

  3. vroni

    @ Horst

    Das ist schlicht unterlassene Hilfeleistung.

    Wenn es zusätzlich zu den von dir geschilderten krassen Situationen niemanden gibt, der solchen Leuten deswegen eins auf den Deckel gibt, dann allerdings wundert mich gar nichts mehr. Schäbigen Unfalltourismus kennt man ja, das setzt jedoch noch eins drauf.

    Kann mich jedoch an keine Zeitung – nicht einmal Boulevardzeitung – erinnern, die Fotos von hilflosen, blutenden Unfallopfern druckt. Gecrashte Autos ja, das sieht man vielleicht, aber keine Personen. Damit wird das Recht auf das persönliche Bild missbraucht, das der Leser-Reporter garantiert nicht auf die Schnelle hat einholen können und damit macht sich die Zeitung strafbar. Wogegen man vorgehen kann. Wenn keiner gegen sowas vorgeht und sowas als clever duldet, naja… dann haben wir langsam eine Welt beeinander…

  4. OlafKolbrueck

    Eben das ist was Journalismus einmal war: “Meinungen, Emotionen und teilweise auch ein Ausdruck von engagiertem und leidenschaftlichem Verantwortungsbewusstsein ”
    Und dann kam Hajo Friedrichs mit dem verhängnisvollen Satz, dass sich ein journalist nicht gemein machen dürfe mit einer sache, ncht mal mit einer guten. Das Endergebnis ist der gleichgültige copy&paste-Journalismus von heute, der auf meinung verzichtet und selbst in kommentaren in schöner ausgewogenheit verharrt – in print und tv. All dies sind blogs genau nicht.

  5. vroni

    Ich lese noch Zeitung. Letztens wieder mehr sogar (weil ich vom Netz mit seinen nicht satt nachenden Häppchen langsam die Schnauze voll habe…?).

    Und da sehe ich durchaus Leitartikel und engangierte Kommentare, die nicht auf Meinung verzichten (an feste Orte gepackt, das SZ-Streiflicht ist beilspiles weise immer links oben, Titel, Seite 2, Seite 3, Kommentare z.B. immer optisch in eine extra Umrandung gepackt, etc.). Im Internet ist sowas nicht an solchen vertrauten Orten zu finden, es ist schwerer zu unterscheiden, was lese ich da eigentlich – das liegt an der Pagestruktur, dass ich nichts nebeneinander sehe, sondern nur hintereinander undd an auch immer im gleichen Layout – dass ich nicht sofort erkenne, was lese ich da eigentlich: Lese ich eine Meldung, lese ich da einen Kommentar…
    Alles verschwimmt irgendwie.

    Das ist deutlich ein Nachteil des Internet. Offtopic: Und immer wieder bescheuert ärgerlich, oft fehlt das Publikations-Datum des gefundenen journalistischen Artikels, wenn schon mal ein guter dabei war. Es ist fatal beim punktgenauen Recherchieren und Zitieren (ja, ich recherchiere viel und habe mich oft über diese Schlamperei schwarz geärgert).

    Hajo Friedrichs hat und hatte nur Recht, wenn er das journalistische Format der Meldung meint, die muss neutral sein. Das aber übergreifend für alle Formate, zu behaupten oder zu interpretieren, ist ganz großer Mist. Von ihm oder anderen. Ganz großer. Weil in allen Journalisten-Schulen das 1. Semester ist. Kinderpipikram, das kriegen die als erstes eingetrichtert, zu unterscheiden. Habe eine Germanistin bei ihrer Journalistenausbildung (Henri Nannen Schule, Süddeutsche) begleitet, daher verstehe ich null, wie das Profis ungeniert vermischen. Null. Dass man das noch diskutieren muss, öd. Bin ich unter Aliens?

  6. till

    Auch wenn es bei diesem Eintrag eher weniger zutrifft, möchte ich gerade eine Beobachtung loswerden, die ich ab und zu in diesem und anderen blogs zu machen glaube:
    In manchen Artikeln scheint ein wenig der Wunsch nach persönlicher Anerkennung als “blogger” durch. Ist ja auch nachvollziehbar, aber sobald sich ein beleidigter Unterton ob der Missachtung durch Dritte einschleicht, finde ich das als Leser wenig spannend.
    Meiner Meinung nach kann man als blogger selbstbewusst drüber hinweggehen, dass manche Journalisten blogs nicht für besonders wichtig halten – ist ja deren Problem und nicht unseres.

    blogs haben ihre Leserschaft, Zeitungen auch. Das Themenspektrum und die Reichweite unterscheidet sich, manche Medien haben eine sehr große Zielgruppe, die sich mäßig interessiert, andere dafür eine kleine, die sie sehr gut erreichen. Da braucht sich keine Seite was drauf einzubilden.
    Ich denke, die Emanzipationsphase der blogs als zulässiges Medium ist schon weitgehend abgeschlossen.

    Es ist jetzt _wirklich nicht_ so, als ob ihr in diesem blog nur über die mangelnde Anerkennung durch “echte” Journalisten jammert (und selbst wenn: im eigenen blog darf man ja schreiben, was einen interessiert), aber ich verfahre immer nach dem Motto: “Lieber zuviel als zuwenig (konstruktive) Kritik äußern” :)

    Ansonsten finde ich die Situation in deinem Beitrag gut zusammengefasst. Weitermachen! :)

  7. vroni

    Alte Binsen (hier aus dem Wiki)

    Kommentar ist: Meinung

    (Zitat Wikipedia)”Ein Kommentar im Journalismus ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, der als solcher bei Printmedien auch optisch kenntlich gemacht ist und den Autor namentlich nennt. Besondere Formen des Kommentars sind Leitartikel, Glosse und Kolumne. Bei Magazinen werden nachrichtlicher Bericht und Kommentar teilweise auch innerhalb eines Beitrages vermischt.”

    Nachricht (Meldung) ist: neutral

    (Zitat Wikipedia)”Die Nachricht ist eine journalistische Darstellungsform und teilt eine Neuigkeit mit, die für den Leser, bzw. Hörer von Interesse ist. Im Gegensatz zum Kommentar sollte eine Nachricht objektive Sachverhalte darstellen und frei von subjektiven Einflüssen sein. Praktisch lassen sich subjektive Färbungen (die ja bereits durch die Wortwahl gegeben sein können) nur schwer vermeiden. Die Mehrzahl Nachrichten bezeichnet eine Art von Radio- oder Fernseh-Sendungen.”

    Den Unterschied man nicht genug einhämmern (hier bin ich stumpf, heutzutage mennt man das konsistent :-) .
    _________________________

    Das Blöde ist, dass in der Öffentlichkeit und bei manchen Profis sich folgende Gedankenkette eingeschlichen hat:
    Zeitung = Internetzeitung (“nur” digital”) = Nachrichten = muss immer “neutral”, “obejektiv” sein. Nur ja nichts Persönliches.

    Zusätzlich kommt Ängstlichkeit: In Zeiten des Verlagsabbaus und des verschwindenden großen Kuchens für alle, muss man blöd sein, sich bei überbordender journalistischer Konkurrenz mit einer eigenen Meinung zu sehr aus dem Fenster zu hängen . ´`´` Das kann durchaus beruflichen Selbstmord bedeuten, je nachdem für wen man arbeitet…

    Dann kommen die Blogs daher und füllen diese Lücke auf.

    Und dann kommen sie nochmal daher, falls die Reichweite das halbwegs zulässt und wollen Geld verdienen… mit Werbung auf Blogs … und vermischen das auch noch… fein. Bürgerjournalismus, auf den ich verzichten kann.

  8. Horst

    @vroni…es gab vor nicht allzu langer zeit ein foto, da siehst du einen notarzt ( sanitäter ) an einem unfall pkw (die person war noch eingeklemmt ) wie er mit dem handy fotografiert, die feuerwehr mach noch schwer am arbeiten….ich kann hier nicht mehr darüber sagen, da ich als mann vor ort schon genug probleme habe.
    die zuständigen stellen wurden informiert, ebenso der chef der zuständigen notarzt station…auch die gewerkschaft.
    was passierte….ich denke nicht viel.
    wenn du mal sehen würdest wieviel leute an einem unfallort fotografieren, damit meine ich keine öffentlichen pressevertreter, würdest du staunen.
    gruß horst

  9. vroni

    @ Horst,

    ich staune ja nicht. Ich glaub dir das alles.

    Ich staune nur, dass solche Leute keinen auf den Deckel kriegen und von Feuerwehr und Polizei nicht sofort angebrüllt und verjagt werden. Sie stehen im Weg rum, halten die Helfer auf, für ein fettes Bußgeld reicht es.

    _________________________________________
    Aus einem beliebigen Blog rausgeholt, die Namen sind unkenntlich gemacht:

    “xxxxx yyyyy schreibt:
    Sie – Frau zzzzzz – hätten ganz gewiss mehr ´rausholen können, mich aber hatr die Polizei nach zwei Photos weggeschickt. Der >UnfalltourismustouristischeSightseeing-Tour

  10. vroni

    Part II, abgesägt, passiert das jetzt öfter?
    ____________________
    xxxxxxx yyyyyyy schreibt:
    Sie – Frau zzzzzz – hätten ganz gewiss mehr ´rausholen können, mich aber hatr die Polizei nach zwei Photos weggeschickt. Der >UnfalltourismustouristischeSightseeing-Tour

  11. vroni

    Muss an der Software liegen, ich velinke mal:
    momente.powershot.de...

    Ganz nach unten scrollen. Was mich ärgert, dass über die “bessere Stimmung” im Foto gefaselt wurde, unglaublich. Immerhin wurde er verjagt.

  12. Horst

    das ist der viel gepriesene bürgerjournalismus….früher nannte man sie einfach GAFFER.
    Die Polizei….das ich nicht lache, die sind doch machlos.
    Die Typen haben doch die neuesten digi cams mit 400 mm zoom, in der zeit wo ich mich als Pressevertreter bei der Polizei anmelde haben die doch schon alles im Kasten.
    horst

  13. vroni

    Horst,
    zuerst hatten sie bei dir bloss Handi-Digis gehabt, dann plötzlich 400mm-Zoom.

  14. Horst

    @vroni…
    die dinger kriegst du doch schon für ein apel und ein ei…wo´s handy nicht mehr reicht hat der moderne leser reporten natürlich seine digi cam dabei.
    horst

  15. Name

    Leuchtturm? Hat er Leuchtturm geschrieben? Bääääh! Dafür sind 50 Euro für’s Phrasensparschwein fällig. Husch, husch!

  16. Name

    So, jetzt was zum Bürgerjournalismus.

    Klar, ein Antrieb ist Geldverdienen mit Gaffen. Das ist ein allgemeiner gesellschaftlicher Auswuchs, der uns von unseren Politikern und der wirtschaftlichen Führungselite vorgemacht wird. Mitnehmen was geht, abzocken, einsacken, zusammenraffen. Was “die da Oben” können kann der kleine Mann schon lange. Journalisten, die dagegen etwas tun wollen sollen beim Kopf, den Politikern anfangen und denen mal heimleuchten, und sie an ihre Vorbildfunktion erinnern.

    Damit komme ich zum zweiten Antrieb für Bürgerjournalismus. Es ist die Unzufriedenheit der Leser/Konsumenten mit dem Mist, der einem als Journalismus verkauft wird. Die Auswahl der Themen wird durch wirtschaftliche Interessen (Anzeigenkunden, der ganze Werberdreck), politisches und karriereorientiertes Schwanzlutschen, und nicht mehr durch journalistische Grundsätze, geprägt. Ein guter Journalist kostet ein gutes Mittagessen behauptest ein bekannter A-Blogger. Wer Medien aufmerksam verfolgt gewinnt den Eindruck, dass an dieser Behauptung was dran sein könnte.

    Journalistische Sorgfalt ist zu einer Lachnummer verkommen. Abschreiben, kopieren, über Dinge schreiben die man nicht versteht, “Fakten” zurechtbasteln und alles ignorieren was nicht in die vorgegebene Agenda passt ist neuer journalistischer Standard. Sei es im Großen (Terror hier, Terror da, Hauptsache man kann Grundrechtbeschneidungen als Antiterrormaßnahme verkaufen), oder im kleinen (Killersiele sind böse, Radsport). Diejenigen Journalisten, die noch nicht so tief gesunken sind halten aus Korpsgeist den Mund statt im eigenen Sauhaufen aufzuräumen.

    Bürgerjournalisten versuchen den Job von Journalisten zu machen, weil diese den Arsch nicht mehr hoch bekommen. Nach 22 Jahren taucht Wallraff mal wieder unter und mit einem Artikel auf. Warum bekommt er viel Aufmerksamkeit? Weil in 22 Jahren keiner der sogenannten Journalisten selber solche Nummern durchgezogen hat. Da muss ein Opa ran.

    Bürgerjournalisten mögen den Job beschissen machen. Aber “echte Journalisten” haben das Recht verwirkt diese zu kritisieren, da sie auf der ganzen Linie versagen und häufig genug (um mal zum Thema dieses Blogs zu kommen) den Kopf ganz tief im Arsch eines Werbers haben.

  17. DickNick

    das problem sind immo nicht die journalisten selbst sondern die verlage, dessen vorgaben immer strikter werden, was nicht selten mit dem immer größer werdenden einfluss der werbetreibenden zusammenhängt, denn irgendwie muss sich jedes blatt ja auch finanzieren.
    die meisten blogger sind dagegen frei von irgendwelchen auflagen, was das schreiben natürlich wesentlich erleichtert.
    mit zunehmender akzeptanz von blogs sowie portablen internetzugängen werden die printmedien sowieso zwangsläufig immer mehr das nachsehen bekommen.

  18. vroni

    Es hat schon immer Leserreporter geben. Nur hat man das nicht so rumgetrötet und zu einem AAL-Geschäftsmodell erhoben. Eher verschämt wurde das gehandhabt. Selbst der Bürgermeister unseres Mini-Subzentrums hat geschreibselt für die Presse und schleppte seine geliebte Kamera überall mitrum. Sogar auf den wildestesten Feiern, wo sie manchmal verloren ging… ich war nicht schuld….

    Heutzutage wird das als neu bekakelt, als wenn das Rad neu am Erfinden ist, und wer am lautesten schreihalst /BILD), der hat das Rad am erfundendsten…

    Ich war auch mal einer und habe an und ab Artikel für unser Heimatblatt verzapft. Wurde auch genauso gedruckt, war selber drüber erstaunt (hatte Respekt, so war das). Viel schlechter als die Meldungen der Journalisten war das auch nicht, später mit Abstand betrachtet. Die waren fro, das einer ihre weiße Flecken im Seitenumbruch füllte.

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