24.05.07
17:19 Uhr

The great Drug N’ Roll Swindel

Die Anti-Drogen-Microsite Trydrugs.net mag vielleicht nett gemeint sein, was jedoch immer wieder an solchen Anti-Drogen-Kampagnen nicht beachtet wird, ist die fehlende Realität.

Marijuana

Diese Kampagnen lullen und betrügen genau in ähnlicher Art & Weise, wie Drogen es in der Regel tun können. Es mag ja nicht verkehrt sein, den Jugendlichen die erste Drogenerfahrung durch ein virtuelles Erlebnis (Ohh, ich kann die Maus nicht mehr bewegen, oh ich sehe verschommen usw.) nehmen zu wollen, aber ob das auch wirklich gelingt, möchte ich zweifelsohne mit einem klaren “nein” beantworten.

Nichts ist Jugendlichen wichtiger als die Wahrheit und Klarheit. In genau dieser schwierigen Zeit versuchen sich Jugendliche zu orientieren, sie sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, sie kapseln sich ab vom elterlichen Gen- und Memgut um ihre eigene Welt zu errichten und zu entdecken. In dieser Zeit sind sie auf der Suche nach Antworten. Die Welt der Erwachsenen gibt nur selten die richtigen Antworten, ganz einfach weil sie zu widersprüchlich und teilweise zu verlogen daherkommt. Daher sucht man sich klassische Gegenmodelle, zu der auch die Drogenkultur zählt. Die Jugendlichen durchschauen auch ziemlich schnell die Lügen- und Scheinwelten der Erwachsenen. Wenn Vatter wieder seine abendlichen 1,5 Liter Bier trinkt, sich seine Schachtel Ernte 23 reinzieht und sich über die kiffenden Nichtsnutze da draußen aufregt: “Wenn du Drogen nimmst, dann hält dein Ärschchen aber Kirmes”. Was soll sich Sohn oder Tochter dabei denken? Wer hat die Wahrheit für sich gepachtet?

Ein Verbot von Drogen und das hat die Geschichte bewiesen, hat das Problem Droge nicht gelöst – im Gegenteil, dieses illegale Branchensegment wächst und gedeiht vor sich hin, während Milliarden und aber Milliarden am Fiksus vorbei in die Kassen der organisierten Kriminalität fließen. Die Prohibition von Drogen ist leider gleichzeitig auch die ordentliche Einkommensquelle der organisierten Kriminalität, auch wenn wir das in diesem Zusammenhang immer am allerliebsten ausblenden möchten. Was sich aber noch weitaus fataler auswirkt, ist die Differenzierung und Bewertung der einzelnen Drogen. Alkohol und Nikotin mit jährlich hundertausenden von Toten und die Hauptdroge bei vielen sozialen Familiendramen ist verboten, während eine Droge wie Cannabis noch kein einziges erwiesenes Todesopfer durch den direkten Konsum generiert hat. Damit will ich nicht sagen, dass sogenannte “weiche Drogen” nicht minder gefährlich sind. Da verweise ich immer auf Paracelsus altem Ratschlag “Die Dosis bestimmt das Gift” und je nach Persönlichkeitsstruktur ist egal welche Substanz (selbst Fett & Zucker) äußerst gefährlich und mitunter Lebensbestimmend.

Der Drang nach Drogen scheint beim Menschen tief verwurzelt zu sein. Doch die meisten vernünftigen Erwachsenen tun so als seien sie komplett drogenfrei. Sie leben gesund und treiben jede Menge Sport. Richtig sauber! Gut, wenn wir mal nicht so gut drauf sind, hilft ein Schluck Cognac, die Zigarette oder das ein oder andere Pharmamittelchen, wobei das ja legal und eben kultiviert ist. Auch der morgendliche Kaffee gehört zu unserem Selbstverständnis in der westlichen Kultur. Nicht auszudenken, wenn Papa sich morgens eine Line Speed einfährt, bevor er ins Büro fährt. Das wäre böse. Das eigene Kind jedoch mit Amphetaminen vollzustopfen dagegen wiederum völlig normal.

Gerade weil der Gebrauch von Drogen so viel Verantwortung voraussetzt und so viel Schaden anrichten kann, sollten wir in Zukunft Wert darauf legen unseren Kindern die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit einer doppelmoralischen Politik, bei der jährlich hunderttausende von Menschen an legalen Drogen sterben, bei der noch kein einziger Todesfall bei Cannabis-Konsum festgestellt wurde. Die Tatsache dass chemische Drogen in irgendwelchen Kellern von völlig durchgeknallten Drogenbaronen erstellt und mit entsprechend giftigen Streckmitteln versetzt wird um anschließend die Popkultur da draußen mit Stoff zu versorgen. Die Wahrheit, dass Junkies nur dann Omas die Handtaschenrauben und auf den Strich gehen, weil sie sonst nirgendwo an ihren Stoff kommen. Die Wahrheit, dass Drogenkonsumenten auch ihre Dealer brauchen um ihren Konsum nachzugehen. Die Wahrheit, dass Knast erst richtig kriminell macht. Das sind Themen, die komischerweise nie angesprochen werden.

Drogen zerstören, Drogen gehören aber auch seitjeher zum Menschen dazu. Drogen können das Bewusstsein erweitern, es aber auch auf Erbsengröße zusammenschmelzen lassen. Drogen sind wie der Tod. Sie sitzen uns täglich im Nacken, machen uns Angst, aber ohne kommen wir auch nicht wirklich aus. Der erste Schritt im Umgang mit Drogen ist das Wissen über Drogen und das kommt bei vielen Kampagne wie diesen

Brain

wobei Motive natürlich prägnant sein müssen, einfach viel zu kurz. Genau hier fehlt mir die nötige und vielbeschworene und weiterführende Konvergenz von Kampagnen.

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7 Kommentare

  1. vroni

    Eine wissenschaftliche Untersuchung an einer Pavian-Hierarchie hat ergeben, dass der Pavianboss nicht zur Droge griff. Man hat es (Hasch?, keine Ahnung) den Affen zum freien Konsum angeboten. Je mehr nach unten aber die Untertanen in der Hackordnung waren, um so mehr griffen sie nach Drogen. Manche Affen waren dauerbekifft.

    Der Boss nicht. Seine Machtfülle, die ihm wohl Befriedigung gab – es gibt auch Macht, die nicht befriedigt und daher nach mehr giert (wurde wohl Rockgrößen oder möglicherweise Michel Friedman zum Verhängnis) gab ihm innere körpereigene Drogen, daher brauchte er sie nicht mehr von außen zuführen. Die mittlere Affen-Hierarchie – das Bürgertum quasi – re-agierte wechselhaft, je nachdem ob sie einen “Zusammenschiss” kriegten von oben oder nicht, und ob sie Stress miteinander hatten (Rangkämpfe).

    Könnt was dran sein, Transfer-Hasch-Studien für Menschen hab ich aber noch nicht gesehen :-)

    Mir sagt es, dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen innerer Zufriedenheit und ausreichend inneren Drogen (Endorphine et al.)

  2. vroni

    Part II (war abgesägt)

    Wer aber war als Teenager ausgeglichen und zufrieden, es sind die Zeiten des Sturm und Drangs und der Unzufriedenheit. Ist voll normal. Die beste innere Drogenhaltung ist für mich die, auch wenn die 11- 17jährigen gelegentlich ziemliche Rotzlöffel sind, dass man versucht, Wertschätzung zu zeigen (natürlich nicht beflissen übertrieben salbaderisch, das merken die). Notfalls halt ehrlich ist und auch mal schimpft (sie trotzdem ernst nimmt)und ihnen die Möglichkeit bietet in einem befriedigenden sozialen Umfeld zu leben, das sie anerkennt – und mit ihnen im Gespräch bleiben. Damit sie ihre inneren Drogen auffüllen können.

    Wer es dennoch nicht hinkriegt, bei dem kann es sein, dass er andere Rezeptoren hat, was in bestimmten Familien gehäuft auftritt. Gibt es (beim Alkoholimus nachgewiesen). Dann ist es wie eine Krankheit zu behandeln. Und nicht wie Kriminalität.

    Abschreckung hilft gar nix. Das ist ein großer Irrtum, eine stockbürgerliche Law-and-Order-Idee (wie neulich in der Merkel-Rede, die in den Blogs rumging mit ihrem “zero tolerance” gegenüber Falschparkern und Schnipelswegschmeißern, daher müssten, hörthört, überall Videokameras angeschafft werden…, das war der gleiche Un-Geist.)

    Der verlinkte Film zeigte -auf kreative Art zwar – auch nur Abschreckung und am Schluss ein bissi Law and Order.

    Zum Film:
    Das Kokain-Beispiel war am schrecklichsten, grauslich, wer nimmt denn freiwillig son Zoich, hätt bald Kerzkaschper ‘kriegt ´`´` , mir altem Kontrolltyp ist immer noch schlecht. Kontrollverlust geht gar nicht :-) [Selbstironie, bitte jetzt keinen Käse draus stricken].

    Was den einen abschreckt, kann den anderen jedoch auch neugierig machen. Daher halte ich unter dem Strich auch nicht sooo viel davon, denn es ist eine Erwachsenen-Idee, die vergessen hat, wie junge ticken können.

    Aber bis jetzt eine der kreativsten Drogenkampagnen-Ansätze. Leider strategisch in der falschen Richtung. Bin überzeugt, dass in die richtige Richtung gelenkt (keine Abschreckungs-, aber auch kein Helfersyndrom-Ansatz) es auch sehr gute kreative Ansätze geben kann. Berät die Kreativen keiner von den Drogen-und Sozialexperten? Kommt mir so vor.

    Die Drogenexpertin,
    geht jetzt eine rauchen.
    Und dann naus, mir soziale Anerkennung holen :-)

  3. dieter

    ich find die seite super. klasse gemacht, eindringlich und aufmerksamkeitsstark. ob sie jemanden vom drogenkonsum abhält? ich weiss nicht. aber auf jeden fall erschrickt sie einen gehörig. kompliment!

  4. Patrick Breitenbach

    @Vroni: Na da sind mir “kiffende Affen” lieber als einzelne machtgeile Pavianärsche mit der Affenhand am roten Knopf! ;-)

    Macht ist defintiv die größte aller Drogen. Alle Substanzen sind also nur Ersatz für dieses Gefühl. Was will uns das sagen?

  5. vroni

    @ Patrick

    Was will es uns sagen…

    Meine conclusio ist, dass hoher sozialer Stress einem die körpereiegnen Endorphien ratzfatz wegfressen, so dass man dazu neigt, sie künstlich zuzuführen. Auch ein Antidepressivum gehört in meinen Augen dazu zu den kleinen Helferlein, obwohl ich da sicher jetzt böse Post kriege.

    Niediger sozialer Stress:
    Hohe Machtfülle (= die Fähigkeit zu coping ist da und sie lässt einen erfolgreich copen) geht einher mit – in der Regel – weniger sozialem Stress bis hoher Zufriedenheit. (Ausnahmen von Gierhälsen bestätigen die Regel). Daher geht hohe Machtfülle, hohes Coping, hohe innere Zufriedenheit mit weniger hohem sozialem Stress daher.

    Am gefährdetsten sind demnach, die, die

    a) eine genetische Veranlagung zur Fehlverarbeitung von Stress haben oder deren körperliche Rezeptoren für Glückshormone andere sind

    b) die, deren Umfeld ihnen eine niedrige soziale Position mit wenig Rechten zuweist. Das erzeugt einen dauerhaft hohen Stresspegel, der die Endorphin-Produktion nicht nachkommen lässt. Er muss dauernd darauf achten, was andere sagen oder machen, um nicht noch mehr ins Hintertreffen zu geraten und ohne etwas zurückzubekommen, wie ein ängstliches Mäuschen nur unter Fressfeinden. Die Batterien werden leer.

    c) diejenigen, die über geringe Coping-Fähigkeiten verfügen, sich nicht ausdeutschen können oder wollen.

    Und d) alles zusammen in verschiedener Dosis.

    Das ist alles keine Ausrede für Drogenkonsum. Aber es erklärt schön, die sozialen und Stoffwechseldinge, wie sie zusammenhängen. Der Geist ist nicht monolithisch, sondern hat eine soziale Komponente, er wird vom Körper gelenkt und der Körper vom Geist. Systemisch in einem Zirkelkreislauf, der Rückkoppelungen unterliegt.

    Was wirklich beschissen ist und langsam ärgerlich, dass sowohl öffentliche Antidrogen-Stellen als auch kreative Kampagnendenker anscheinend immer noch linear-kausal denken (wenn – dann, Ursache – Folge und fertig), obwohl es sich hier um einen komplexen sozialen-geistig-körperlichen Regelkreislauf handelt.
    Ob Kaffee-Konsum oder Marihuana.

    Wobei ich anmerken möchte, dass dauerhaft Marihuana schon andere Hirn-Folgen hat als mit zuviel des harmlosen Kaffees. Nur: damit braucht man nicht kommen, interessiert den Konsumierer nicht die Bohne, und man verstrickt sich nur in Co-Verhältnisse, wenn man dauernd warnt, abschreckt, und mahnt. Ich kenne eine, die regelmäßig, aber mäßig Marihuana konsumiert. Daneben auch täglich viel Bierkonsum. So viel, dass ich in Dauerschlaf wäre wegen des vielen Hopfens, denn mir zieht es die Augen schon nach einem Glas zu :-) Um sich und ihren Geist ruhigzustellen, macht sie das. Ich sage immer, sie schießt sich absichtlich ihren Intellekt aus. Das ist traurig, aber sie glaubt wirklich fest, dass Dumme glücklicher seien. Wenn sie ohne Bier und Hasch wäre, wäre sie entweder aggressiv und unruhig und ginge ihrer Umgebung sauber auf die Nerven (hoffentlich). Oder würde endlich genug Energie haben, ihr Umfeld, das ihr nicht gut tut und sie langweilt, zu verlassen.

    Drogen stabilisieren daher die Person in ihrem sozialen Umfeld. Leider. Gerade ein negatives profitiert davon sehr.

  6. vroni

    Du sieht, ich gehe nicht in gewohner Manier auf das Streitthema “Macht” ein.

    “Macht” meinet ich mit “Ver_mögen”, “Machen können”. Nicht mit gesellschaftlich missbrauchter und missbrauchende Macht. Die gibt es natürlich auch nicht zu knapp. Auch das sind Süchtlinge.

    __________________
    Wenn ein Kunde was aus meiner Sicht vollkommen Bescheuertes unbedingt will und leider am längeren Hebel hockt :-) , nenne ich mich stinkig statt Gebrauchs-Grafiker “Missbrauchs-Grafiker” :-) Q.e.d.
    Das heißt, ich cope verbal und mit Zynismus. Wortspiele haben tatsächlich diese hoch triebabführende und mäßigende Wirkung. Meist.
    Wenn wir die Sprache nicht hätten…

  7. usuck

    welche genetische veranlagung zur fehlverarbeitung von stress soll das sein? selbstverarsche? ein mensch mit einer genetischen veranlagung zur fehlverarbeitung von stress wäre nicht drogenkonsument, er wäre vielmehr tot. jeez lemme cope wit her brainfarts, kam mir mehrfach bei der lektüre deiner kommentare stossgebetsweise über die lippen.

    du copest (ist das die korrekte primäre beugung eines englischen verbs oder kann ich einfach “bewältigst” sagen?) verbal? ohne witz? ist mir überhaupt nicht aufgefallen.
    weshalb degradierst du eigentlich eine gelungene ironische aussage durch die übertrapazierten stilmittel der übertreibung und wiederholung? irgendwann kommt der verdacht auf, dass du doch viel lieber copest als bewältigst.

    schon klar wie du das meinst.

    auch aussagen wie “zirkelkreislauf” oder “körperliche Rezeptoren”. diese zwanghafte absicherung, gekoppelt mit der panik vor mißverständnissen hält ja kaum einer aus. kann es sein, dass du im bett kurz vor dem schlafen gehen plädoyers für deine selbstverteidigung in imaginären gerichtsverhandlungen formulierst?

    dann diese inhaltlosen und doppelbödigen mehrfachaussagen über das “streitthema” macht. was für ein streitthema? das ding ist eindeutig definiert als die fähigkeit von individuen und gruppen, das verhalten und denken von anderen individuen oder gruppen in ihrem sinne zu bestimmen. und das hat suchtpotential.

    alles andere fällt unter vronis welt.

    ursprünglich ging es in meinem kommentar um schamanenkult, rituellen drogenkonsum, medizinischen einsatz diverser substanzen, die heute als drogen klassifiziert sind und wie verhasst mir werbung ist, die am gewissen andockt und sich in ihrer argumentationstechnik zwischen u.s. neocon kriegstreiberlogik und toyota prius klimawandelproduktwerbung platziert….doch dann musste ich zurückfurzen.

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