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Drahtseilakt Web 2.0
Verlage (die gelegentlich auch eine “Marke” führen) wissen oder ahnen es zumindest: Im Online-Bereich gibt es Nachwuchs-Leser für das eigene (Print-) Format. Online-Communities (der Begriff hat mittlerweile einen echten Ermüdungsbruch) sind das Heilmittel, um dem tendenziellen Leserschwund zu begegnen. Dialogsysteme wie Foren und Blogs, aber auch erweiterte Kommentarfunktionen im redaktionellen Angebotsteil, sollen die gewünschte Leserbindung herstellen.
Das Problem dabei ist, dass die aktive und offene Beteiligung mit einer großen Zahl von Lesern ein Projekt mit ungewissem Ausgang sein kann. Einerseits gibt es die Hoffnung auf viele wertvolle und inhaltsreiche Beiträge, andererseits kann es jederzeit passieren, dass kritische Leser sich intensiv beteiligen oder gar unsachliche und polemische Kommentare das eigene Angebot überfluten. Wer schreibt schon einen Leserbrief, wenn er sich über Form oder Inhalt eines redaktionellen Beitrages im klassischen Print-Format ärgert?! Da wird ggf. das Abo gekündigt oder die Zeitung genüsslich im Kamin verbrannt, ein Leserbrief folgt vergleichsweise selten. Im anonymen Internet sieht die Chose schon ganz anders aus.
Kübelweise könnte sich Markenkritik oder Gegenrede im eigenen Angebot entladen, was ganz sicher so nicht im Sinne des Erfinders ist. Nur verhindern kann man diese kritische Kommunikation nicht mehr; sie findet dann eben ohne die Marke statt und ohne die wirkliche Möglichkeit, die eigene Nachwuchsleserschaft konstruktiv zu moderieren. Moderation auf der anderen Seite kostet qualifiziertes Personal, also Geld, und angesichts knapper werdender Redaktionsressourcen sind die Verlage entsprechend zurückhaltend.
Muss denn ein Verlag überhaupt dieses ganze “Klowandgequatsche” mitmachen?! Spiegel-Online ist deutscher Marktführer in diesem Bereich und verzichtet auch vollständig darauf. Geht also doch auch “ohne”, oder?!
Politische Magazine oder Tageszeitungen sind etwas völlig anderes als Fachpublikationen. Je spitzer die Zielgruppe, desto stärker ist die inhaltliche Bedeutung und das fachliche “Involvement” für den interessierten Leser. Wenn die Tarifverhandlungen in der Metallindustrie scheitern, berührt es ggf. den nicht Betroffenen nur wenig. Die meisten Menschen und ihre Lobby ticken eben so. Wenn in einer Branchenschrift für das Hotel- und Gaststättengewerbe aber der Wettbewerber für einen Preis nominiert wird, dann bin ich mit meinem eigenen ambitionierten Restaurant ziemlich involviert – vor allem, wenn der Nominierte mein Nachbar im Wettbewerb ist.
Wird in der Branche geschrieben, erregt es immer die Branchengemüter, ob über den Hebel der Eitelkeit, des Geldes, der fachlichen Kompentenz oder einer Kombination aus allem. Zudem gibt es in der Branche “nur” Fachleute, sowohl auf Publikations- als auch auf Leserseite. Jede Branchenentwicklung berührt den eigenen und unmittelbaren Berufsweg, man schreibt und liest quasi selbstreferenziell.
Die Mitglieder dieser Branche sind sich über Jahrzehnte bei Seminaren, Fachtagungen, Verbandsnetzwerken und auch informell begegnet – es ist also nur logisch, dass diese Menschen ganz besonders auch Online-Angebote zu schätzen wissen, die ihnen den Austausch ohne großen Reisekostenaufwand und Eintrittsgebühren ermöglichen. Dialog ist wichtig, Netzwerken ist wichtig. Am Puls des Marktes und der Entwicklungen zu sein, ist wichtig. Der Unterschied im Internet ist nur, dass die gewohnten Kanzelgespräche und Podiumsdiskussionen einem breiteren Dialog weichen, in welchem auch Stimmen und Stimmungen zur Geltung kommen können, die lange Zeit über eine geschickte “Veranstaltungsorganisation” ohne direkte Öffentlichkeit blieben. Rhetorisch gewandte Redner und selbstinszenierte Shows waren dabei lange Zeit die “Agenda Setter”, heute kann mehr über Inhalte und tiefergehende Themen öffentlich und breit reflektiert werden. Wer als Verlag nur die PR-Meldungen der Branche verwurschtelt, braucht keine Kommentare. Wer sich aber mit inhaltlichen und meinungsgeprägten Themen öffnet, sollte seine Leser zu diesem Gespräch einladen und den Aufwand nicht scheuen. Besser ist es!
10 Kommentare
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- Dewey: Hi there! This is kind of off topic but I need some help from an established blog. Is it very difficult to set up your own blog? I’m...
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- Almanca Çeviri: Die Werbebranche ist für kreative Köpfe mit ausgeprägtem Freiheitsdrang ideal. Die Anfangsgehälter sind nicht schlecht, aber von...
- Cihan: Hi! Ich bin der Meinung, dass Durchschnittsgehälter nicht die Grundlage für Diskussionen sein sollte. Designer zu sein ist sicherlich nicht...
- David: Das Problem bei den Gehältern ist, das die unterschiedlichen Angestellten ganz verschiedene Verantwortungen tragen. Ich glaube wir sind uns...
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Am 21. Mai 2007 um 12:53 Uhr
Spiegel Online kann es sich leisten, seinen Lesern “nur” Informationen zu liefern, ohne sie selbst aktiv werden zu lassen. Schließlich ist SPON nicht Sklave der Eigenheiten einer AG und muss keine schwarzen Zahlen abliefern. Da stehen viele andere unter weit höherem Druck …
Problematisch finde jedenfalls die Selektion Themen. Etliche Themen sind für “User” Tabu – meist die wirklich spannenden. Die Redaktion entscheidet von Fall zu Fall, ob den Lesern eine komplexe Diskussion (z.B. Nahost) “zuzumuten” ist oder nicht. Meistens bleibt es bei “Klogesprächen” über Jan Ullrichs Doping-Affäre o.ä.
Reinheit im Sinne der Demokratie hieße, alle Themen zu öffen und nur verfassungsfeindliche Aussagen zu blocken. Dafür bräuchte man allerdings – wie oben erwähnt – einer Horde von Zensoren, die sich kein Verlag leisten kann …
Adieu du schöne Idee!
Am 21. Mai 2007 um 12:55 Uhr
(Problematisch finde “ich” jedenfalls die Selektion “der” Themen)
Bitte um Nachsicht
Am 21. Mai 2007 um 12:56 Uhr
(öff”n”en)
Am 21. Mai 2007 um 13:07 Uhr
So schnell sollten wir vielleicht nicht “adieu” sagen…
Zunächst stimme ich dir zu: Nicht alle Inhalte sind für eine “Metadiskussion” geeignet und sinnvoll. Daher wird es auch schwierig, wenn das Online-Angebot eines Blattes den Stil und Inhalt des Print-Formates “übernimmt”. Online-Publikationen brauchen einen eigenständigen Redaktionskern, der “passende” Inhalte zum Format entwickelt. Dabei müssen das aber ganz sicher nicht nur Banalitäten oder boulvardeske Randthemen sein.
Am 21. Mai 2007 um 14:55 Uhr
Da stellt sich aber die Frage, wie man den Leser bzw. User auf einen geeigneten Kenntnisstand bringen soll. Nur so kann er an einem Diskurs teilnehmen, der nicht in den Bereich “Klogespräche” fällt.
Bei wirklich komplexen Themen (Nahost, Irak, Afghanistan, Sicherheitsthemen, …) müsste man etliche Hintergründartikel und Zusammenfassungen schreiben, die weit über die Chronologie-Agenturmeldungen hinausgehen. Dafür fehlt aber Zeit+Personal. Wie willst Du das Problem lösen?
Am 21. Mai 2007 um 20:57 Uhr
Spiegel-Online ist deutscher Marktführer in diesem Bereich und verzichtet auch vollständig darauf.
So? Ist das so? Und was ist dann das hier? Ich mein’ ja nur.
Am 21. Mai 2007 um 21:14 Uhr
@Armin Was Foren betrifft, hast du natürlich Recht. Ich meinte eher die auf redaktionelle Artikel bezogene Kommentarfunktion, also dort, wo ein Redakteur von SPON thematisch Impulsgeber ist, analog zu Blogs. Foren haben dann ja schon einen etwas anderen Charakter (ohne ihre ggf. sinnvolle Bedeutung für Communities schmälern zu wollen)
Am 21. Mai 2007 um 22:08 Uhr
Roland,
Jain ;-)
Zugestanden, es gibt keine artikelbezogene Kommentarfunktion.
Aber bei verschiedenen Artikeln gibt es einen Link zu einem Forenthread (ob von der Redaktion dafuer eroeffnet weiss ich nicht, vermute ich aber fast. Zumindest sind diese Threads alle von “sysop” eroeffnet), verbunden mit einer “Diskutieren Sie mit anderen Spiegel Lesern” Aufforderung. Bsp: Neuer Siemens Boss, Krieg im Irak.
Am 21. Mai 2007 um 22:36 Uhr
Aha, also ist das ggf. die Lösung ;-) Kommentare werden quasi ausgelagert, in ein Forum expediert und dort behandelt. Auch nicht schlecht. Ist mir übrigens tatsächlich auch mal aufgefallen, dieser Aufruf nach einem Beitrag bei Spon. Aber möglicherweise will der Leser ja nicht “nur” mit anderen, sondern auch mit dem Autor ins Gespräch kommen… Ob das klappt? Ich schau dann gerne mal tiefer in diese “Kompromisslösung”. Danke für deine Hinweise.
Am 22. Mai 2007 um 10:05 Uhr
Danke auf jeden Fall für diese Gedanken! DIE goldene Lösung für alle wirds kaum geben. Aber ich gebe dir Recht, Roland: je spezieller ein Medium, desto wichtiger ist auch das Schaffen von Kommunikationswegen für Leser – die dann auch irgendwie öffentlich sind. Damit experimentieren wir auch. Hatten mal ein Forum. Es geht um eine spezielle Szene, und wie jede Szene, gibt es dort die ewig gleichen Diskussionen, also auch im Forum. Sowas nervt, und diese Mühlen braucht eigentlich kein Leser und kein Verlag.
Nach dem Relaunch haben wir das Forum gecancelt und bieten Kommentare zu jedem Beitrag an. Aber auch das reicht mir nicht wirklich. Der klassische Leser-Blog birgt tatsächlich neben Vorteilen auch Risiken. Aber ohne Risiko gehts doch auch wiederum nicht.
Oder gibts eine mitreißende Mischvariante?