02.05.07
15:06 Uhr

Skandal im Sperrbezirk – Shopperos Informationsembargo

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Sogenannte Sperrfristen waren bisher ein sehr nettes Instrument der PR, um den klassischen Medien die Gelegenheit zu geben, sich vorab intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, eben unter der Bedingung, nicht vor einem vereinbarten Zeitpunkt etwas nach außen dringen zu lassen. Meistens geschah dies vor Preisverleihungen, Film- und Fernsehrezensionen oder Produkten, die kurz vor der Markteinführung standen. Wenn man jedoch zwischen die Räder der Maschinerie blickt, so waren/sind Sperrfristen nichts anderes als ein Hebel der PR, um den Journalismus in eine ganz bestimmte Richtung zu bewegen. Früher, als es noch so etwas wie einen Redaktionsschluss gab – gut heute kennt man das sogar noch im Printbereich – waren Sperrfristen dazu da, beispielsweise noch vor Redaktionsschluss z.B. um 17 Uhr über Nachrichten zu schreiben, die erst um 20 Uhr unmittelbar veröffentlicht wurden. Eigentlich völlig bizarr, aber eben auch völlig normal im Journalistenalltag. So wurden die Manuskripte der abendlichen Kundgebungen eben mit einer Sperrfrist versehen und an die entsprechenden Presseverteiler verschickt.

Was passierte aber, wenn sich Journalisten nicht an die verordnete Frist hielten? Nun im alten Pressekodex wurde das mehr oder weniger deutlich beschrieben:

Richtlinie 2.5 – Sperrfristen
Sperrfristen, bis zu deren Ablauf die Veröffentlichung bestimmter Nachrichten aufgeschoben werden soll, sind nur dann vertretbar, wenn sie einer sachgemäßen und sorgfältigen Berichterstattung dienen. Sie unterliegen grundsätzlich der freien Vereinbarung zwischen Informanten und Medien. Sperrfristen sind nur dann einzuhalten, wenn es dafür einen sachlich gerechtfertigten Grund gibt, wie zum Beispiel beim Text einer noch nicht gehaltenen Rede, beim vorzeitig ausgegebenen Geschäftsbericht einer Firma oder bei Informationen über ein noch nicht eingetretenes Ereignis (Versammlungen,
Beschlüsse, Ehrungen u.a.). Werbezwecke sind kein sachlicher Grund für Sperrfristen.

Sperrfristen unterliegen also einer Art “Gentlemen Agreement”, also ergeben sich durch einen möglichen Bruch keine rechtlich verfolgbaren Konsequenzen, sondern es tritt “lediglich” ein Vertrauensverlust zwischen Informationsgeber und -nehmer auf. Jeder Journalist musste also für sich und seine Mitarbeiter entscheiden, ob es die Information tatsächlich Wert war, sie vor allen anderen Konkurrenten auszuspucken. Bei langweiligen Verbandsreden oder müden Produkten war die Versuchung, das bestehende Vertrauens- oder vielmehr das Dienstleistungsverhältnis zu brechen, natürlich ziemlich gering.

Im Zeitalter des Internets wurden diese Sperrfristen, dank frei einsehbarer Presseportale, natürlich zum größten Teil völlig ad absurdum geführt. Es gab einige Fälle, die solche Sperrfristen enthielten. Natürlich absoluter Humbug, denn mit dem Zeitpunkt der Publikation im Netz wurde diese Vereinbarung ja gleichzeitig schon gebrochen. Daher entschloss sich wohl auch der deutsche Presserat am 21. November 2006 die Richtlinie “2.5 Sperrfrist” völlig aus dem deutschen Pressekodex mit folgender kurzen und knappen Begründung zu entfernen:

Alte Regelung zu Sperrfristen gestrichen da überholt. Redaktionen entscheiden nach freiem Ermessen.

Warum diese Ausführungen? Nun, am letzten Freitag habe ich mich selbst in die Fänge einer Sperrfrist begeben. Wir erhielten das geheimnisvolle Konzept zum neuen Projekt von Nico Lumma (Shoppero), welches kommunikativ von der PR-Agentur Edelman begleitet wird. Ich stimmte der Sperrfrist bis Donnerstag zu, an diesem Tag wollte man Shoppero offiziell der Öffentlichkeit im Zuge der Next07 vorstellen. Ich hielt mich jedoch nur indirekt an die Frist, da ich lanu als unser Redaktionsmitglied die Information weitergab, und auf die zwischen mir und Edelman vereinbarte Sperrfrist verwies. Sie recherchierte weiter und es entwickelten sich einige unschöne Dinge rund um das noch nicht gestartete Projekt Shoppero – ein Mini-PR-Gau sozusagen. Ich nehme es lanu übrigens nicht übel, dass sie die Information verwertet hat, das geht voll und ganz auf meine Kappe.

Gleichzeitig entdeckte ich jedoch, dass wohl schon andere Blogs Einzelheiten ausplauderten, die sie wohl noch nicht ausplaudern durften. Unter anderem beschwerte sich Martin Oetting in den Kommentaren bei Robert Basic darüber, dass er ausdrücklich nichts schreiben durfte, nun aber plötzlich andere darüber bloggen. Ab diesem Zeitpunkt ahnte ich so etwas wie die künstliche Herbeiführung eines großen Blogbuzzs. Spekulieren ist immer noch die beste Art ,vorab auf etwas neugierig zu machen.

Über Shoppero bloggen darf ich also schon – aber bitte erst dann, wenn es das Unternehmen und sein PR-Berater für richtig hält. Auf solche Dinge kann und will ich mich in Zukunft nicht mehr einlassen. Ich möchte kein Spielball der PR-Agenturen sein, die meinen, man könne Blogkommunikation beinflussen und zeitlich steuern. Ich möchte auch nicht “Everybody’s Darling” sein und nur deshalb als “persönliche Beziehung” kategorisiert werden, nur weil ich ein paar Zeilen gewechselt und ein Telefonat mit jemanden geführt habe. Ich möchte Abstand halten von Vorabinformationen der PR-Agenturen, die ich nicht weitersagen darf. Führet mich nicht in Versuchung!

Wenn also diese höchst überflüssige Sperrfrist schon aus dem klassischen Pressekodex verschwindet, so hat sie in Blogs eigentlich erst recht nichts verloren. Ich entschuldige mich für den Vertrauensbruch in diesem Fall. Ich bin sicherlich kein größeres Plappermaul als viele andere, ich kann auch Informationen für mich behalten. Allerdings betrachte ich “unblogbare Informationen” generell als “unblogbar” und eben nicht zeitlich begrenzt um daraus anschließend eine PR-Blog-Kampagne zu stricken. Blogs sind im Übrigen nicht mehr auf solche Informationsdienstleister angewiesen, sie haben ihr eigenes Informationsnetzwerk. Ich bitte also in Zukunft zu bedenken, dass der Werbeblogger grundsätzlich keine Sperrfristen mehr akzeptieren kann. Wir versuchen tatsächlich das Cluetrain zu verteidigen, andere behaupten das auch, handeln aber plötzlich widersprüchlich.

Ob zum Austausch von Information, Meinungen, Perspektiven, Standpunkten oder Anekdoten, die Stimme des Menschen ist offen, natürlich und ehrlich. (…) Es gibt keine Geheimnisse. Der vernetzte Markt weiß mehr als die Unternehmen über ihre eigenen Produkte. Und egal ob die Nachricht gut oder schlecht ist, sie erzählen es jedem.

Wenn ihr Informationen für den Werbeblogger (nicht für mich als Person) habt, dann müsst ihr damit rechnen, dass diese veröffentlicht oder an unsere Redaktion weitergegeben werden. Also erst nachdenken, ob es Informationen sind, die umgehend blogbar sind. Ich rate dringend allen Blog- und Internetautoren auf ähnliche Art & Weise zu verfahren. Finger weg von Sperrfristen!

9 Kommentare

  1. Mike Schnoor

    Ich denke, dass man sich auf einem gemeinsamen Level wegen der “Sperrfrist für Blogger” finden soll. Als ich eine Information einigen Bloggern zuschickte und dabei bat, dass diese Information erst ab einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht werden sollte, gab es keine Probleme – auch mit euch nicht. Es waren sowieso nur ca. 2 Stunden bis zur geplanten Veröffentlichung und nicht mehrere Tage, so dass wie auch andere Blogger es machten den Artikel schrieben und bequem den Zeitstempel zur Veröffentlichung editierten.

    Vielleicht lag dies auch an der “goodwill” bzw. “gentlemen” Situation, mit der das Thema auch in Verbindung stand.

    Generell habe ich kein Problem damit eine Information zu veröffentlichen, jedoch ist dabei für mich immer relevant zu fragen, ob es “blogbar” ist oder nicht – und was ich per Mail bekomme wird geblogt oder geblockt… und wer wünscht, ein paar Stunden Aufschub zu erhalten, wird auch immer respektiert.

  2. Patrick Breitenbach

    @Mike Schnoor: Und genau auf diese “PR-Deals” will und werde ich in Zukunft einfach nicht mehr eingehen. Wer mir blogbare Informationen sendet, sollte darauf gefasst sein, dass diese auch zeitlich umgehend veröffentlicht werden können. Wozu noch Sperrfristen? Im Gegenzug muss ich halt damit rechnen, dass ich an keine “brisanten” Infos mehr komme. Aber sein wir doch mal ehrlich, so brisant waren bis jetzt keine der mit Sperrfrist belegten News. Ich sehe da nur Vorteile für die Planung der PRler, nicht für Blogautoren.

    Wer in Zukunft trotzdem möchte, dass wir über Dinge bloggen (vorausgesetzt einer von uns findet das überhaupt interessant und spannend genug), der muss das eben fristgerecht wie alle anderen auch tun. Sprich, die Nachricht erst dann losschicken, wenn sie auch grünes Licht zur Veröffentlichung hat. Zur Not dann eben die Mails mit einem Zeitstempel versehen.

    Ich wiederhole, ich bin ab sofort gegen eine Sperrfrist für Publizisten (bis vor kurzem wusste ich ja gar nicht was das bedeutet), egal wie “gentle” sie sein mögen und egal wie gut sie in der Vergangenheit funktioniert haben.

  3. Thomas Knüwer

    Sperrfristen sind meist auch im Journalistenalltag albern. Die meisten, die sie setzen, setzen sie für Informationen, die selbst ohne Sperrfrist eher spärlich veröffentlicht würden. Und wenn wirklich eine Sperrfrist angebracht ist, wird sie oft genug gebrochen. Folge: Diejenigen, die ihre Informationen schon aus rechtlichen Gründen erst zu einer bestimmten Zeit veröffentlichen dürfen (z.B. Jahreszahlen börsennotierter Unternehmen) geben die Informationen auch erst in diesem Moment raus.

  4. Mike Schnoor

    Ich erhalte auch genügend Sperrfristen über OTS – und amüsiere mich meistens über die dort geschilderten Inhalte.

    Ich möchte dabei aber behaupten, dass bei der von mir gestarteten Aktion damals auch sehr wohl einkalkuliert war, dass sich eben nicht an “Sperrfristen” gehalten wird – sonst hätte ich auch keine E-Mails verschickt. Es war vielmehr eine Bitte – auf die ich mit unterschiedlichen Reaktionen rechnete, aber es war alles im Lot. ;)

    Zukünftig wird es ebenfalls Infos geben, aber dementsprechend entweder via klassischer PM über den Ticker, im Blog oder ganz persönlich gestreut… experimentieren darf man ja immer wieder mal, und das ohne jemanden auf den Schlips zu treten!

  5. Gerold Braun

    Wie macht man aus einer lauen Info eine heiße Info? Das hat schon oft mit “aber bitte nicht weiter erzählen” funktioniert. – Da passt auch die Erfahrung von Thomas Knüwer dazu, dass Sperrfristen meist bei Meldungen appliziert werden, die sonst – ohne dieses add-on – unterm Radar bleiben würden. Fazit: Billiger Trick; besser bleiben lassen.

  6. Martin Oetting

    Kleine Anmerkung von mir: meine Einträge bei Robert waren nicht wirklich ernst gemeint. Nico hatte mir gegenüber Shoppero erwähnt, aber gesagt, dass ich doch noch nix drüber bloggen sollte. Fand ich auch okay, ich sehe das vielleicht nicht ganz so eng wie Du. Als ich’s bei den anderen – Robert und Jochen – gesehen habe, habe ich nur so ein wenig den ‘Beleidigten’ gespielt. Gespielt, wie gesagt. Ich hatte gehofft, dass der Smiley mit zugekniffenem Auge [;-)] das vermitteln würde. Hat aber wohl offenbar nicht ganz geklappt…

  7. mars

    sehr das ähnlich wie gerold, pseudo relevanz einer information durch pseudo geheimhaltung pushen..angesehen davon ist das für die meisten blogger sowieso irrelevant, denn welcher blogger hat schon brandheisse infos über das pentagon :-)

  8. Steffen

    @mars: Ja wie? Du etwa nicht? Tz ;)

  9. Die Sperrfrist ist tot, es lebe die Sperrfrist - mcschindler.com PR-Beratung | Redaktion | Corporate Publishing

    [...] werden versandt bevor klar ist, dass der Empfänger grundsätzlich bereit ist, sich an eine Sperrfrist zu halten. (Ein Thema, zu dem in der Blogosphäre bereits klare Meinungen vertreten [...]

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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