27.04.07
15:52 Uhr

Wer hat Angst vorm langen Schweif?

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Und wenn er aber kommt? Dann laufen wir!

Natürlich meine ich den „Long Tail“ und damit auch das Thema „Verlage, Blogs und Onlinevermarktung“, welches wohl gerade mal wieder mächtig diskutiert wird. Da wäre die These von Olaf Kolbrück (nachträglich „h“ rausgenommen, sorry ich weiss wie doof es ist, wenn man den eigenen Namen falsch geschrieben sieht) auf dem Horizont-Blog Off-The-Record. Er schreibt, die großen Verlage würden in Zukunft den Blogs die angebliche Luft zum Atmen nehmen. Dazu würde ich gerne etwas anmerken.

Meiner Meinung nach geht die These von einer völlig falschen Grundannahme aus, nämlich, dass sich Blogs als Wettbewerber zu den klassischen Medien begreifen. Das tun sie im Grunde ganz und gar nicht. Das Phänomen trifft wohl eher umgekehrt zu: Verlage haben Respekt vor Blogs und meinen nun, durch die Kreation dergleichen könne man wieder beruhigt schlafen. Die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo dazwischen. Ein SPON hat keine Angst vor Blogs, sie haben auch keine eigenen, sie haben schlichtweg das Medium verstanden. Ein Zeichen, dass einige Verlage das Medium immer noch nicht verstanden haben, könnte der zwanghafte Drang zum Aufbau eigener Blogs sein, ohne die richtigen Leute dafür zu haben. Denn es gibt ja glorreiche Ausnahmen (Herr Knüwer und off-the-record sicherlich auch). Blogs sind erst einmal nichts anderes, als etliche Zeilen Quellcode einer technischen Anwendung, mit der man sehr schnell Inhalte publizieren kann. Dass bloggende Fachleute das sehr schnell tun, hat auf alle Fälle etliche Verlage zum Umdenken gezwungen. Einen Redaktionsschluss im Internet gibt es nicht. Blogs haben zum Teil auch einen Informationsvorsprung, wenn es sich um Experten für diverse Fachrichtungen handelt. Ein „Insider“ kommt nun mal schneller an die Information heran. Journalisten haben zunächst die Aufgabe, ausführlich zu recherchieren, was im Grunde auch absolut richtig ist und in Zukunft am besten auch so bleiben wird. Onlinejournalismus ist im Grunde also eine Echtzeitrecherche. Eine Meldung wird schnell plaziert, erst dann werden Hintergundinfos gesammelt und validiert und zum krönenden Abschluss erscheint ein ausführlicher Leitartikel in der Printausgabe des jeweiligen Formates. So wird in Zukunft das Geschäft laufen, einige haben es ja bereits in die Tat umgesetzt.

Die Rolle der Blogs? Nun, der sogenannte Katzen-Blog hat überhaupt nicht das Bedürfnis, in Konkurrenz zu professionellen Verlage zu treten. Sicherlich gibt es Blogs die das tun und können, und auch hier ist es beispielsweise denkbar, dass aus einem Blog heraus ein ganz neuer Verlag entstehen könnte. Johnny hat das einst versucht, aber leider nicht entsprechend nachhaltig weiterverfolgt. Mit dem richtigen Know-How, einem Invest und einer vorhandenen Stammleserschaft, die man unbedingt mitnehmen sollte, kann auch aus einem Blog mal etwas „Größeres“ werden. KANN. Schließlich hat der Spiegel ja auch mal ganz klein angefangen, mit einer Person, nämlich Augstein. Sozusagen ein Sinnbild für den Einzelkampfblogger a la Robert, der eine gewisse Bekanntheit erzielt hat und aus dieser Basi(c)s heraus einen der größten und renommiertesten Verlage gegründet hat. Eines muss jedoch dabei klar sein: Es erfordert immer auch eine große Veränderungsbereitschaft. Ein Blog, das zum Verlag „aufsteigt“, wird sich automatisch verändern, vielleicht nicht im Stil, aber sicher in der Strukturierung, in der Öffentlichkeitsarbeit und der Personalpolitik. Denn möchte ein Blog diesen Weg gehen, so darf er im Grunde nicht auf Kriegsfuß mit den klassischen Medien stehen, im Gegenteil, es muss sich der funktionierenden Mechaniken bedienen und sich ständig weiterentwickeln – vielleicht sogar zusätzlich zu einem Printformat in onlinegerechter Form (Print on Demand). Gleichzeitig heißt es natürlich auch, eng an den Wurzeln zu bleiben, die Leser mitzunehmen und den bereits etablierten, offenen Dialog beizubehalten – also ein unheimlich kraftraubender Spagat, den nur die wenigsten Bänder aushalten. Ein solches Blog sollte auf alle Fälle aber zuerst lernen, auch „groß“ zu denken und denken zu dürfen. Und da hapert es leider noch bei den Kandidaten, denen man das durchaus zutrauen würde und die sicherlich auch den Wunsch dahingehend hegen, zumindestens von ihrem Blog leben zu können. Der großen Vorteil, den Blogs haben, ist sicherlich die schlanke und effektive Organisation. Blogger sind anspruchslos und brauchen weder Kantine, noch große Verlagsräumlichkeiten. Sie können von allen Hotspots der Erde arbeiten und das ziemlich schnell. Sie haben das Medium nicht nur verstanden, sie haben es aufgesogen.

Und die Verlage? Verlage tun gut daran, diese potenzielle Kandidaten aufzuspüren und sie zu Partnern auf Augenhöhe zu machen – völlig frei von vorhandenen Eitelkeiten und Ressentiments, auch mal etwas von ihnen zu lernen, sie einzuladen in das eigene Verlagsportfolio einzusteigen und im Gegenzug das klassische Verlagsgeschäft zu vermitteln. Zudem sollte man die Grundintention, die die meisten Blogger einmal angetrieben haben zu schreiben, bewahren: Leidenschaft, Spaß und keine Lust auf Einheitsbrei. Wenn man all die Dinge bedenkt, kann ein Schuh daraus werden und eine echte Erfolgsstory entstehen. Doch die richtigen Faktoren, die Matching-Points, die für so ein Handeln entscheidend sind, sind meist nur spärlich gesät.

Zusammenfassend gibt es für mich nur zwei erfolgreiche Strategien, um im Internet mit Content (egal ob Blog oder nicht) zu verdienen:

1. Eine Präsenz schaffen, auf der es (unmenschlich) viel Traffic gibt mit massenkompatiblen Themen (je mehr Themen, desto kostenintensiver, das macht auch ein StudiVZ – bei all der Häme – eigentlich auch so wirklich attraktiv, wenn es mal brummt und das scheint es derzeit ja zu tun – vielleicht auch gerade dank der unglaublichen Medienreaktion und dem Negativ-Buzz in Blogs)

2. Eine Präsenz schaffen, die genau auf eine spitze Zielgruppe zugeschnitten ist und sich qualitativ und thematisch eng an diese Leserschaft wendet. Das aber bitte nicht mit sogenannter „Traffic Veredelung“ verwechseln, denn alleine die Gegensätze „Traffic“ und „Long Tail“ beißen sich irgendwie gewaltig gegenseitig in den Hintern und es hat so ein Geschmäckle von gedehnter Redaktion. (also der Formulierung von Beiträgen in Hinblick auf Adsense-Matches) Hier geht es vielmehr darum, die klassische Rolle einer qualitativen Online-Fachpublikation im direkten Dialog mit den Lesern zu erfüllen.

…will meinen, eine One-Man-Show, die sowohl über IT als auch über Katzen bloggt, wird beide Cases nicht erfolgreich absolvieren – vorausgesetzt die One-man-Show will überhaupt vom Publizieren leben.

5 Kommentare

  1. Olaf

    Blogs wandeln sich zu Verlagen: Interessanter Gedanke. Und gar nicht mal abwegig. Dass es beim Spreeblick nicht so recht hingehauen hat, wäre auch kein Argument dagegen. War vielleicht zu früh? Nur wenn es funktioniert, dann ist wohl Schluss mit dem Einzelkämpfer-Dasein. Ich glaube einige hätten das Zeug dazu, aber nur die wenigsten dürften sich das antun wollen. Ich denke aber, wir werden das noch erleben in einer nicht allzu fernen Zukunft.

    PS: Irgend wie liegt diese Woche – siehe Golf und dein Zitat oben im Text – die Wahrheit häufig immer irgendwie dazwischen. Wenn sie sich da mal nicht verklemmt. ;-)

  2. Roland

    Alle sprechen von Medienkonvergenz. Das Teilfeld Fachblogs und klassische Fachverlage kann man durchaus auch in diesem Kontext betrachten. Es geht dabei weniger um die Frage, ob es zukünftig nur das „eine“ oder „andere“ Format geben wird. Jeder Bereich hat seine speziellen Leser und Zielgruppen, die sich aber in den seltensten Fällen und zukünftig immer weniger ausschließlich in einem festen Informationskanal bewegen.
    Blogger lesen tatsächlich auch Zeitungen. Jaja. Und vermutlich gibt es auch den einen oder anderen eingefleischten Print-Leser, der auch auf Blogs liest. Warum auch nicht?!
    Wichtig ist, dass man die Perlen kennt. Profis tauchen gerne danach, andere finden sie später im Schaufenster…
    Ich hatte übrigens im Januar zu einer sehr ähnlichen Thematik hier geschrieben:
    ohrkauftmit.de/?p=98

  3. Jay1

    Bevor ich das Buch von Chris Anderson gelesen habe, hätte ich nicht gedacht, dass die Blogs auch die Nachrichtenwelt schon so stark und nachhaltig verändert haben.
    Ich hielt das vorher eher für eine kleine Minderheit. Falsch gedacht.

  4. Wann ist ein Blog ein Blog? « World Blog

    […] Wer hat Angst vorm langen Schweif? (3) […]

  5. links for 2007-04-30 | Marktpraxis | Agentur für Marketing

    […] Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Wer hat Angst … Patrick schreibt zum Thema: Verlage, Blogs und Onlinevermarktung (tags: verlage blogs longtail onlinemarketing) […]

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