06:00 Uhr
Abgründe der Blogosphäre
Ich hoffe so ein Fall wie der von Kathy Sierra wiederholt sich nicht auch bei uns oder in anderen Ländern. Bei Morddrohungen und sexueller Nötigung in Worten und Bildern hört der Spaß, das Recht auf freie Meinungsäußerung und Blogs als Freiraum für unkonventionelles Gedankengut komplett auf. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass A-Lister und Cluetrain-Manifest-Autoren an diesem ganzen Dreck beteiligt sein sollen – und sei es nur als Dulder und Hoster der Todesdrohungen. Kathy ist dementsprechend schockiert und hat vorerst ihre Vorträge auf Kongressen abgesagt. In einem hochemotionalem Posting beschreibt sie die Vorgänge (die sich wohl in letzter Zeit hochgeschaukelt haben und die offensichtlich nicht nur sie betreffen) und die Auswirkungen auf ihre Psyche.
I do not want to be part of a culture–the Blogosphere–where this is considered acceptable. Where the price for being a blogger is kevlar-coated skin and daughters who are tough enough to not have their “widdy biddy sensibilities offended” when they see their own mother Photoshopped into nothing more than an objectified sexual orifice, possibly suffocated as part of some sexual fetish. (And of course all coming on the heels of more explicit threats)
Für mich persönlich erschreckend, weil ich a) Kathys Blog schon länger per RSS mitlese b) die Verdächtigen mir auch nicht ganz unbekannt sind. Hier geht es also nicht um irgendwelche Kids, die sich einen vorpubertären “Spaß” erlauben, sondern man merkt sehr schnell, dass es an dieser Stelle extrem nah, verrückt, beängstigend und soziopathisch wird. Dieser Fall zeigt auch ganz klar auf, dass eine mögliche Bedrohung von Netzpersönlichkeiten in Zukunft zunehmen könnte. Wir müssen uns erneut die Frage stellen, wie gehen wir mit unseren Daten und unserer Identität im Netz um? Ab wann und vor allem wie schnell geraten verbale Auseinandersetzungen im Netz so außer Kontrolle? Inwieweit kann und darf Anonymität im Netz solch ein Handeln schützen oder überhaupt erst möglich machen?
UPDATE: Gegendarstellung von einem der Beschuldigten “Supporter” Chris Locke
15 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 27. März 2007 um 08:50 Uhr
Guten Morgen, Patrick,
danke für den Link. Habe das Posting inklusive Kommentare durchgelesen, und ja, das ist nicht das Bild einer offenen Konversations- oder Kommunikations-Kultur, das wir uns wünschen – und das wir v.a. der “Blogosphäre” als positive Eigenschaft zuweisen.
Der Fall hat m.E. nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass manche “User” im Netz unter Klarnamen agieren bzw. mehr oder weniger an persönlichen Daten von sich preisgeben. Natürlich ist es wesentlich einfacher, eine real existierende Person, die sich auch als solche präsentiert, unter Verwendung ihres Klarnamens anzugehen, zu beleidigen, zu schmähen, ihr zu drohen. Dies betrifft aber keineswegs ausschließlich “Netzpersönlichkeiten”. Jede/r kann im Netz/in der Blogosphäre Ziel einer Beleidigung sein/werden. Und ehrlich: Oft werden auch in der deutschen Blogosphäre Begriffe verwendet, die sehr nah an einer Grenze liegen, die leider nicht festgelegt, aber beständig offensichtlich weiter gezogen wird.
Es ist gottseidank noch nicht vorgekommen, dass hierzulande jedwede Todesdrohung in einer solchen Ernsthaftigkeit ausgesprochen oder verstanden wurde (Ja, ich weiß, es gab bereits solche Drohungen, und inwieweit sie nur “eben mal so hingerotzt wurden” muss man nicht diskutieren oder dadurch entschärfen.). Aber es ist auch hierzulande inzwischen “üblich” mal eben Jmd. zur “Linkhure” (ich erspare weiteres Vokabular) abzustempeln.
Der Fall ist für mich demnach keine Frage der Daten und Persönlichkeit im Netz, sondern eine Frage, wie wir im Netz agieren.
Ist das, was in der “realen” Welt gesetzlich oder durch Werte und Normen geregelt bzw. verboten ist, im Netz uneingeschränkt möglich?
Muss eine grobe Beleidigung im Netz akzeptiert werden, weil die Diskussionformen bspw. in der Blogosphäre noch “basic” oder “rough” sind?
Es gibt viel, was wir tagtäglich im Netz neu entdecken, diskutieren, festzurren.
Unser Verhalten bzw. ein gemeinsamer Konsens über ein akzeptables Verhalten gehört bis dato nicht unbedingt dazu.
Am 27. März 2007 um 09:25 Uhr
“Es ist gottseidank noch nicht vorgekommen, dass hierzulande jedwede Todesdrohung in einer solchen Ernsthaftigkeit ausgesprochen oder verstanden wurde”
Ist das so? Ich kann mich an Zeiten erinnern, zu denen in einem gewissen Blog, das sich der vermeintlichen politischen Inkorrektheit verschrieben hat, Kritiker und liberale Kommentatoren von bestimmten Hass-Postern sehr explizit bedroht wurden.
Die Betreiber des Blogs haben regelmäßig argumentativ überzeugende Kritiken gelöscht, Hetzparolen seitens ihrer Speichellecker aber stehen lassen. Das war bei myblog und der Betreiber hat es damals nicht für nötig gehalten, diesem Hassblog den Saft abzudrehen – warum auch, war ja der Haupttraffic-Bringer.
Aus dem Umfeld gab es dann auch Attacken auf eine Bloggerin (die ich jetzt aber bewusst nicht hier verlinke), die qualitativ nicht ganz das Niveau errreicht haben, wie die bei Kathy geschilderten Angriffe. Aber weit weg war es auch nicht. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann es auch hier zur Explosion kommt.
Das liegt natürlich an der (vermeintlichen) Anonymität und natürlich an der veränderten Diskussionskultur im Internet. Was hab ich mir schon in diversen Foren für Schlachten geliefert, die ich mit den gleichen Personen im wirklichen Leben nie und nimmer so geführt hätte.
Am 27. März 2007 um 09:37 Uhr
Ramses, richtig, ich stimme Dir zu – und eben Dein Bsp. lies mich die Aussage oben einschränken. Ja, ebendies meinte ich.
Ich weiß nicht, ob es die “(vermeintliche) Anonymität” ist, die Auseinandersetzungen im Internet teilweise und zeitweise so eskalieren lässt, aber sie ermöglicht, schneller einmal Grenzen zu überschreiten.
Mein Problem dabei ist, dass diese Grenzen in der Realität existieren, im Netz augenscheinlich nicht.
Wo genau verläuft die Linie, die manche manchmal überschreiten?
Wer zieht sie?
Am 27. März 2007 um 11:14 Uhr
Ok, ich habs gelesen und finde es erschrekend, aber was zum Teufel machst du um 06:00 Uhr im Blog? ^^
Frühaufsther?
Am 27. März 2007 um 11:32 Uhr
@John: Nein, der gute Mann ist einfach nur Papa ;).
@ Patrick: Ich mahne trotz Deiner (vermeintlichen?) Kenntnis von Kathys Person zur Besonnenheit. Die Gegendarstellung auf rageboy.com/2007/03/... ist auch nicht ganz unüberzeugend – und vor allem sollten im Netz neben der “Anti-Drohungsregel” auch zwei weitere REchtsgrundsätze gelten, die wir in Rechtsstaaten EBENFALLS als selbstverständlich hinnehmen:
1) “Congress shall make no law [...] abridiging the freedom of speech”
2) “Innocent until proven guilty”
Am 27. März 2007 um 12:42 Uhr
man kann US-Verhältnisse nicht unseren hier vergleichen; in USA sind Haltungen (Weltanschauungen) offiziell anerkannt und akzeptiert, die bei uns .. die es bei uns seit dem Ende der Inquisition nicht mehr gibt. Z.B. hier, die Geschichte des 4 Jährigen .. focus.de/panorama/we...
Deshalb, und weil natürlich Locke ein Name ist, mit dem man in der Blogosphere viel Aufmerksamkeit bekommt, würde ich Kathys “Anschuldigungen” nicht einfach übernehmen, ohne die “andere Seite” zu hören.
Am 27. März 2007 um 12:42 Uhr
@Bjoern und Ramses: Menschen sind eben noch zu einem gewissen Prozentteil Tiere. Sie lassen sich von ihrem urevolutionären Reptiliengehirn leiten. Angriff oder Flucht, diese beiden Möglichkeiten gibt es in diesen Hirnarealen. Das hat jeder von uns. Die Frage ist nur wie wir damit umgehen. Das Internet bietet allgemein jede menge Raum für den Menschen, welcher trotzdem wieder auf eine Erbse zusammenschrumpft. Will meinen Das Reptiliengehirn bekommt hier ebenso viele Platz zugesprochen, wie die klugen und vernünftige Gedanken. Was wir akzeptieren sollten ist dass dies vorhanden ist und zwar mehr als wir alle denken, auch bei uns selbst in ganz bestimmten Momenten. Wir fluchen vor uns hin, wünschen manchen in Gedanken den Tod. Das Netz ist ein Mittel um diese Gedanke in die Welt zu platzieren. Gesetze bringen da auch nur herzlich wenig, denn wir sehen es tagtäglich wieviele Irre andere in die Luft sprengen oder wer sich mal wieder mit wem prügelt. Die Welt ist ein Raubtiergehege und jeder versucht mit seinem Potenzial sich durchzuschlagen. Der eine mit WOrten, der andere mit Taten.
Sicherlich können wir über Netzethik sprechen, aber wundern dürfen wir uns angesichts der Vorgänge da draußen nicht. Das Netz ist kein Kuschelhort, es ist ein Spiegelbild unserer Welt und je mehr mitmachen, desto entzerrter wird er.
@Markus Roder: Danke für den Hinweis, habe die Gegendarstellung als Update hinzugenommen. Klar. meinungsfreiheit ist wichtig aber auch gleichzeitig immer ein Totschlagargument. Genau wie Regel zwei. Daher wird man sie weder ändern noch abschaffen, aber gebogen werden die beiden Grundsätze manchmal bis zu Gehtnichtmehr. Es liegt allein in unserer Hand. Alles ist wird unterschiedlich interpretierbar. Der eine bekommt bei solchen Drohungen keine Angst, der andere kann jahrelang nicht mehr aus dem Haus gehen. Trotzdem sind wir täglich dabei Grenzen zu ziehen und sie zu verschieben, allein weil wir in diesem Moment darüber diskutieren. Das Schlimmste wäre es solche Fälle zu ignorieren.
@John: Bin gerade in Elternzeit, daher habe ich kein wirkliches Raum-Zeit-Empfinden mehr!
Am 27. März 2007 um 12:48 Uhr
@Gerold: Richtig, daher auch die Verlinkung der Gegendarstellung. Die Mr. Locke trotzdem für mich zu einem Unsympath machen. ich dachte in dieser Beziehung wären die Amis weiter vorne. Klar benutzt Kathy diese Namen um den Impact zu erhöhen, beides ist nicht unbedingt schön & richtig. Das was aber inhaltlich ablief (Locke war nicht der Bedroher) war unter aller Kanone.
Am 27. März 2007 um 12:58 Uhr
Jetzt habe ich die Gegendarstellung von Locke auch gelesen. Er ist natürlich schon eine mit allen Wasser gewaschene Ratte (darf ich das so sagen? :-), wenn er schamlos übertreibt: “As a result, I’m sure I’ll be explaining for years to come that I’m not really an ax murderer and child molester. Nice work.”
Man kriegt richtig Mitleid mit ihm. Oder anders gesagt: Die Gegendarstellung vermittelt einem auch den Eindruck, dass er einer ist, der gerne mit dem Feuer spielt – und jetzt greifen die Flammen auf ihn über ..
Am 27. März 2007 um 13:14 Uhr
Ohje, Internet-Drama.
Am 27. März 2007 um 13:43 Uhr
@Gerold: finde ich eigentlich nicht. Er spricht sehr offen und direkt, eher untypisch für die eher indirekte Art in den USA. Und er benutzt offen Schimpfwörter, was auch vielen sauer aufstößt. Aber getreu Cluetrain beharrt er einfach darauf, seine Position haben und auch darauf bestehen zu können. Es könnte vielleicht sein, dass der Typ nicht besonders sympatisch ist. Aber das ist ja noch kein Verbrechen…
Am 27. März 2007 um 13:44 Uhr
Nachtrag: ich glaube nicht, dass er übertreibt. Solche Sachen können ihn tatsächlich noch sehr lange verfolgen…
Am 27. März 2007 um 16:47 Uhr
@Martin: Die Situation dort in der US-Blogosphere kann ich nicht wirklich einschätzen, wie bedrohlich es für Kathy Sierra ist oder ob sie überreagiert oder ob sie eine bietende Situation für Publicity nutzt. Was ich sehe ist, dass die beiden Blogs (mean kids und uncledingsda) auf die sich Kathy Sierras Aufschrei bezieht, abgeschaltet sind und dass einer davon von Chris Locke betrieben wurde.
Und ich sehe einen renommierten Autor und Berater (Locke), der sich dem Vorwurf stellen muss, er habe anderen (s)eine sehr sichtbare Plattform gegeben, um Kathy Sierra zu beschimpfen /bedrohen. Und seine Replik ist äußerst dürftig.
Was macht er? Er streitet ab, dass er selber Kathy Sierra beschimpft / bedroht hat. Das hat sie ihm aber gar nicht vorgeworfen. Auf den eigentlichen Vorwurf, er biete anderen eine Plattform, sagt er: YOYOW – You own your own words. (Was würde man Fußballvereinen hierzulande erzählen, wenn die sagen würden: Warum sollten wir etwas gegen die ausländerfeindlichen Parolen in unserem Stadion unternehmen. Die Leute sind für ihre Worte selber verantwortlich.)
Zu guter letzt greift er noch ganz tief in die Kiste: Den ernst zu nehmenden und für ihn wirklich gefährlichen Plattform-Vorwurf überhöht er ins Lächerliche “..bin kein Axt-Mörder und Kinderschänder”.
Natürlich sagt da jeder, nein, Axt-Mörder ist er wirklich nicht. Aber so wie die, die es nötig haben, nach Komplimenten zu fischen, so fischt er damit nach einem “er ist unschuldig”.
Ich kann mir nicht helfen, aber nach seiner Verteidigungsrede bin ich ziemlich sicher: Er hat gezündelt und jetzt brennt auch sein Kittel ..
Am 27. März 2007 um 20:54 Uhr
Pleb 2.0…
Gestern erschien dieser schöne Artikel in der Welt, es geht um den Hass im Netz. Wieso verlieren Menschen online leichter Ihre Contenance oder lassen sich gar absichtlich gehen? Die alte Mac-oder-Windows-Debatte ist für Adriano Sack der Anlass, sich …
Am 11. April 2007 um 09:55 Uhr
Die Geister, die wir riefen…
Jetzt kommt es aber dicke. Das mit dem “Digital”. Denn dass die Blogosphäre gerade ihre Unschuld verliert, dass YouTube zur Vorhölle des Cyber-Mobbings wird und den Zügellosen nun auch noch von Web-2.0-Erfindern Zügel angelegt werden sollen, das kommt einem alles komisch vor. Oder schlimm.
Oder so, wie….