20.02.07
13:00 Uhr

Kinder, Kohle und Kommerz.

{lang: 'de'}

Schlimm genug, dass unser Staat Steuereinnahmen nicht in erster Priorität in das Deutsche Ausbildungs-und Schulsystem reinvestiert. Neben dem quantitativen Problem der Kinderarmut (besonderen Dank also aktuell an Familie Breitenbach) , welches die Bundesrepublik im europäischen Wettbewerb strukturell erheblich schwächen wird, steht auch die Qualität der Ausbildung unserers Nachwuchses in Frage. Schulen verfügen über immer weniger staatliche Mittel, sodass die Bundesländer sich bestimmten Modellen des Schulsponsorings öffnen.
Was bedeutet das aber für die Schulorganisation, Lehrmittel, Ausbildung und vor allem für die Schüler im Hinblick auf eine mögliche Beteiligung der (Regional)Wirtschaft, die prinzipbedingt ein kommerzielles Interesse verfolgt? Ist es nicht heute schon so, dass Werbung ganz massgeblich auch auf die Taschengelder der Kids zielt und gerade im Umfeld von Musik, Kleidung, Gadgets, Spielen etc. das Werte- und Respektgefüge der jungen Generation beeinflusst?
Wie ist in diesem Zusammenhang die neue Zielrichtung der StudiVZ zu betrachten, die als nächste strategische Ziel- und Konsumentengruppe die Schüler im Auge hat?

poll.jpg

Unsere kleine (nicht representative) Umfrage ergibt bisher, dass 63% Werbung in der Schule kategorisch ablehen, was für eine Lesergruppe, die beruflich mit Kommunikation und Werbung zu tun hat, schon als kleine Überraschung gelten kann.
Grundsätzlich kann ich mir aber durchaus sinnvolle Kooperationen von Schule und Wirtschaft im Rahmen von Sponsoring und auch im Werbeumfeld vorstellen, wenn das Ziel einer aufgeklärten und breiten Ausbildung auf qualitativ höherem Niveau mit besseren (und moderneren) Lernmitteln dadurch ermöglicht würde.
Was meint ihr? Warum habt ihr so oder so in der Umfrage entschieden?

17 Kommentare

  1. Markus Roder

    Hallo Roland,

    In einem prinzipiell sozialistischen Land wie Deutschland, in dem immer noch eine nicht unerhebliche Anzahl der Bürger die Verdienste von Karl Marx rühmen, und wo die IG Metall auf ihren Mitarbeiter-Blättchen amerikanische Investmentfirmen in einer Weise als Blutsauger karikieren darf, die Goebbels stolz gemacht hätte (siehe dazu auch medienkritik.typepad...), überrascht mich das Umfrageergebnis gar nicht. Freier Markt in Schulen? Gott bewahre! Wer rettet bloss die Kinder vor den bösen Kapitalisten!?!

    Als „Germarican“ habe ich natürlich FÜR die Öffnung der Schulen für Marktmechanismen gevotet – solange die Lehrpläne unabhängig bleiben und die Qualität der Lehre möglichst erhöht wird (so toll ist die nämlich in Deutschland bekanntermassen nicht…), sehe ich keinen Grund, warum Schulen in den Pausenhallen keine Plakate hängen sollten. Oder warum es einem Gewerbetreibenden nicht erlaubt sein sollte, Bibliotheken oder PC-Pools mit eigenen Produkten zu sponsern. Die Grenze würde ich bei Hard Sales durch Promo-Teams oder ähnlichem ziehen, wo die impliziten neurologischen Entscheidungsmechanismen von Kindern klar überfordert würden.

    Im besten Fall jedoch richtet man auch in allgemeinbildenden Schulen das Fach „Wirtschaft“ ein und bringt den Kleinen gleich bei, warum da Plakate hängen und wie sie ihr Taschengeld beisammen halten können ;).

  2. massenpublikum

    Ich muss auch sagen, dass ich absolut nichts dagegen hätte, wenn die Wirtschaft Deutschlands Schulen unterstützen dürfte. Das ist im Ausland bereits teilweise der Fall, so dass dort auch bessere Ergebnisse erzielt werden können. Solange der Unterricht davon nicht beeinflusst wird, wüsste ich auch nicht, warum das schaden sollte. Ich denke, dass markus mit seinem Vorschlag, ein Fach Wirtschaft einzuführen (spätestens ab Klassenstufe 9) sehr sinnvoll wäre. Dann könnte nicht nur Werbung in einem vernünftigen Kontext sondern generelle politische Entwicklungen besser verstanden werden.

  3. Andreas Rodenheber

    Noch ein Beispiel aus unserem Archiv:
    werbeblogger.de/2005...

  4. Philipp Herold

    Ich bin eindeutig für Werbung an Schulen, sofern gewährleistet ist, dass auch wirklich die Schüler von den Einnahmen profitieren.

    Ich möchte aber noch anmerken, dass es auch jetzt schon von Werbung an Schulen wimmelt, auch ohne Plakate in der Schulstraße!

    Niemand verdeckt das Kärcher-Logo des Bodenreinigers. Komisch, dass alle Fernseher von Grundig kommen. Neben den lokalen Getränkeherstellern bekommt man bei uns in der Mensa ausschließlich Bionade. Vorsitzende von HP halten Vorträge über Globalisierung und versichern dass man nur bei HP einen gesichertetn Arbeitsplatz haben wird. Der Computerladen um die Ecke, darf Prospekte in der Mensa verteilen, weil irgentwann einmal irgentetwas gesponsert hat. Und so weiter…. also die Diskussion OB man Werbung an Schulen dulden sollte is eigentlich hinfällig.

    mfg

  5. Gabriele

    Eine Unterstützung der Schulen durch die Wirtschaft könnte durchaus Vorteile bringen. Doch darf der Einfluss der Wirtschaft auf die Steuerung des Bildungssystems höchstens ein sehr eingeschränkter sein, da sonst Kinder, die für diesen Wirtschaftszweig nicht interessant sind, durchs Netz rutschen könnten.

  6. Tobias

    Ich habe auch nichts gegen Werbung an Schulen einzuwenden. Ich bin selbst Schüler und sehe daher täglich, dass es hinten und vorne am Geld fehlt. Wo jetzt Elterninitiativen versuchen irgendwie an Spenden zu kommen (bei uns wird immer vom Elternbeirat gesammelt, davon werden dann z.B. CD-Player oder Beamer gekauft) könnte auch die Wirtschaft einsteigen. In Grundschulen ist Werbung allerdings noch unangebracht, aber die Schüler ab der fünften Kalsse sollten schon in der Lage sein mit Werbung umzugehen. Sie werden ja auch außerhalb der Schule täglich damit konfrontiert. Ich habe auch kein Problem später einmal z.B. im ALDI Hörsaal (den gibts bei uns in Würzurg schon) Vorlesungen zu hören, wenn das Geld, das durch die Werbung eingenommen wird meiner Ausbildung dient.

  7. Maik

    Ich denke, ein paar Plakatwände in den Fluren stören nicht und könnten ein paar Euro einbringen. Warum also nicht?

    Wichtig wären mir zwei Punkte: Erstens, dass der Staat nicht auf die Idee kommt, deswegen seine Gelder zu kürzen (die sind so schon deutlich zu niedrig, und ein wenig Werbung wird das nicht ausgleichen). Zweitens, dass auf gar keinen Fall jemand für Geld Unterrichtsinhalte bestimmen darf. Es gibt im UK ein entsprechendes Modell: Ein privater Investor übernimmt 10% des Etats einer öffentlichen Schule und darf dafür den Lehrplan bestimmen, also z.B. die Evolutionstheorie rauswerfen. Sowas ist natürlich vollkommen inakzeptabel, der Lehrplan ist schon kaputt genug, wenn nur der Staat und (eingeschränkt) die Kirchen dran rumpfuschen.

    Ich mache mir aber überhaupt keine Sorgen, dass die beiden Punkte in Deutschland…so grandios wie irgend möglich vergeigt werden. Wie immer halt.

  8. Daniel

    Also eigentlich müsste ich ja dafür sein – Werbung in der Schule, Klasse!! Ich arbeite in einer Firma die Kinderprodukte herstellt, also los gehts, plakatieren wir die Schulen!!

    Ich bin aber dagegen: wo soll das hinführen? Unsere Kids werden schon tagtäglich so mit Werbung zugeballert, das sie sowieso nicht mehr wissen, was sie zuerst von dem ganzen neue Hightech-Schnick-Schnack haben wolllen. Klar eine hochinteressante Zielgruppe, leicht beeinflußbar, noch keine klare Meinung, etc… aber ich finde, die Kids werden durch Werbung in der Schule nur noch mehr in diese Konsum-Fantasy-Hochglanz-Welt reingezogen. Wie sieht das dann aus? Nindendo macht Promotion im Pausenhof. SONY stellt im Klassenzimmer Playstation Terminals auf. Und JAMBA verschenkt kostenlose einjahresverträge zum Schoko-Riegel am Kiosk? Na mal ehrlich, das kannst doch net sein, oder?

    Kleines Beispiel: mein kleiner Cousin, 4 Klasse, sieht meine PSP – frägt mich leihst Du mir die mal? Klar hier, nimm sie mit. 2 Wochen später meint seine Mum zu mir, dass Ihr Sohnemann jetzt ein kleiner Star in der Schule ist. Alle Mädels lieben ihn, die Jungs vergöttern ihn, er hat jetzt ne eigene Gang und ist der Boss, die Lehrer fangen ihn langsam an zu hassen. Die Noten werden schlechter… und was macht er? Er frägt mich ob ich ihm die PSP nicht schenken will…

    In diesem Sinne…

  9. Roland

    @Daniel Das von dir geschilderte Szenario ist sicher eine Form der entfesselten und unkontrollierten Wucherung, die genau nicht passieren darf. Ob ich in der Schule (obwohl sich die Frage nicht mehr stellt) in der „Aldi“-Aula oder im „Lidl“-Studienstufentrakt sitzen möchte, ist auch mehr als fraglich. Aber was bleibt den Schulen übrig? Es fehlt das Geld an allen Ecken und wie es Markus weiter oben sehr richtig gesagt hat: Wirtschaft, Marketing und Werbung passiert, egal ob es gefällt oder nicht. Sie macht nicht vor den Kindern halt und findet damit auch den (noch indirekten) Zugang zum Schulbetrieb. Also, wenn es dann sowieso passiert, kann man durch fachliche Aufklärung (Lernfach Wirtschaft) und gesteuerte Projekte ein kritisches Bewusstsein erziehen und gleichzeitig pädagogisch gesteuerte „private-public partnerships“ aufbauen, die auch ein weing Geld ins Schulsäckle tragen…nicht in den Sack der Schulleitung, wohlgemerkt, sondern reinvestiert für dringende Schulentwicklungsmassnahmen für die Schüler.

  10. Frank

    Ich bin strickt dagegen, denn wenn die Werbung erst einmal offiziell den Fuß in der Tür hat gibt es kein Zurück mehr. Und so wie es sich in der Vergangenheit bewahrheitet hat, werden mit der Erhöhung der Werbeeinnahmen die Mittel aus der öffentlichen Hand zurück gehen und damit auch Stück für Stück die Kontrolle. Hier lautet das Motto: Wehret den Anfängen.

    Vielmehr sollte wir gemeinsam versuchen die Missstände öffentlich anzuprangern, die Herren Politiker an Ihre Wahlversprechen zu erinnern, versuchen für die Kinder eine Lobby zu sein. Denn deren Wohl ist unsere Zukunft.

    Versteht mich nicht falsch, aber das Dilemma liegt eindeutig an der Wahrnehmung der Probleme und an der Priorität zur Lösung dessen. Nicht an fehlenden Mitteln, den diese sind vorhanden, werden nur meist für äußerst dümmliche Zwecke verbraten.

  11. Volkmar Breindl

    Ich denke Frank bringt es auf den Punkt: wir können uns nicht alle über schlechte Pisa-Ergebnisse aufregen und so tun, als wäre die Ausbildung unserer Kinder das wichtigste Thema und auf der anderen Seite suchen wir die Lösung darin, dass Werbung an Schulen diese Ausbildung finanzieren soll. Ich denke, hier ist eindeutig die Politik gefragt, nicht nur das Thema aufzugreifen, weil es gerade populär ist, sondern auch etwas dagegen zu unternehmen, dass die Schulbildung schlechter wird.
    An den Beiträgen kann man ja auch ablesen, dass das so einfach dann auch wieder nicht ist: Werbung ja, aber bitte nicht den Lerhplan beeinflussen. Werbung ja, aber bitte nicht diese oder jene Werbung. Das mag jetzt etwas plakativ klingen, aber ich wäre nicht damit einverstanden, wenn meine Kids an der Schule mit Werbung von Coca Cola und McDonald’s zugeballert werden und ihr ganzes Taschengeld dann für Junkfood ausgeben. Dann beschweren wir uns nämlich im nachhinein, dass 1/3 der Jugendlichen übergewichtig sind und die Kosten immens gestiegen sind, das wieder rückgängig zu machen. Und wer will denn entscheiden, was gute und was schlechte Werbung für Kinder und Jugendliche ist?

  12. Mat

    Naja, ich sehe da kein großes Problem.
    Ist ähnlich wie zB die Fussballstadien, sagt eh jeder noch Westfalenstadion anstatt Signal-Iduna-Park, Arena-auf-Schalke anstatt Veltins-Arena, usw.
    Und ob das Kind in der Aldi-Aula, dem Telekom-Trakt oder der Ferrari-Halle sitzt ist ja vollmkommen egal. Meiner Meinung nach.

  13. Frank

    Danke Volkmar, denn ich sehe hier auch große Bedenken in der Art und Weise wie diese Vorschläge umgesetzt werden sollen. Wer bitte schön soll den überprüfen welche Werbung zugelassen werden soll und welche nicht. Das ist sehr subjektiv und funktioniert noch nicht mal bei der Vergabe von Hochschulplätzen ohne das Stimmen laut werden, es gäbe Vorteilsnahme. Da mag ich mir schon richtig ausmalen, was passiert wenn der Coca Cola-Vorschlag im Entscheidungsgremium auf Ungnade fällt, und die Coca-Company sich hinterher über Zensur beschwert.

    Nein meine Freunde, das wäre der schlimmste anzunehmende Fall, dass die Bildung in Kleinkriegen über zustimmungsgenehme Werbung hinten überfällt.

    Ich verweise hier mal gern auf das amerikanische Bildungssystem. In einigen Schulen ist Coca Cola bzw. Pepsi schon der Hausherr. Dort ist es zum Beispiel nicht gestattet ein Shirt des jeweiligen anderen Markeninhabers zu tragen, geschweige denn dessen Produkt zu konsumieren. Wenn so eine freiheitlich Lehre aussehen soll, mag ich mir gar nicht erst die Inhalte der Schulbücher ansehen wollen.

    Weiterhin verstehe ich auch gar nicht, wie hier genannt, warum wir unseren Schülern derartiges antuen sollten. Die derzeitige Generation ist die wohl am meisten umworbene Generation seit Menschengedenken. Brauchen wir zudem tatsächlich auch noch Merchandising und Reklame an und in den Schulen?

  14. ramses101

    Die Schulen sollen durch Werbeeinnahmen saniert werden? Na dann mal viel Spaß. Es lebe der freie Markt. Das Gymnasium in Eppendorf wird von werbewilligen Firmen nur so belagert, die Hauptschule in Hamburg Horn eher nicht? Tja, c’est la guerre. Mal ganz abgesehen davon, dass der Schritt von der tatsächlich eher harmlosen „Aldi-Aula“ bis zum „Biologieunterricht, powerd by Valentis Inc“ kein sonderlich großer ist.

  15. Bert Berger

    Bildung darf niemals von kommerziellen Interessen abhängig sein. Gerade bei der Bildung unserer Schüler müssen die Chancen gleich sein!

  16. nils imagefilm

    natürlich könnte die wirtschaft den Schulen unter die Arme greifen – aber weshalb? die Länder und der Bund haben dafür zu sorgen, dass unsere Schüler die Ausbildung erhalten, die sie benötigen und auch verdienen. Der Wirtschaft ein weiteres Feld zu öffnen und darauf zu warten, wie Grenzen ausgelotet werden, ist nicht die beste Alternative.

  17. Filmproduktion Berlin

    Die Rechnung wird Deutschland noch früh genug bekommen, wenn die älteren Menschen nicht mehr arbeiten kommen und die wenigen jungen keine vernünftige Ausbildung haben.

Eure Kommentare

Feed
  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop