09.02.07
14:02 Uhr

Kreislauf

Der Mann ist Komiker. Und kein schlechter, finde ich. Ich kann mir vorstellen, dass man seinen Pas de deux mit Jauch in vielen Jahren noch aus den dann allgegenwärtigen Videoarchiven herausholen und mit Hochachtung betrachten wird. Ähnlich wie wir uns heutzutage einen guten alten originalverkorkten Loriot von sagen wir 1978, Radio Bremen, anschauen. Und ich wette: an die meisten Comedians, die wir heute so ertragen, weil sie halt da sind und leidlich lustig, wird sich dann schon keiner mehr erinnern.

Ich stelle mir den Mann vor nach einem recht gelungenen Auftritt im Stadttheater von Dingsda. Er sitzt ganz hinten an der Bar. Ich muss ein wenig meinen Hals recken, um ihn von meinem Tischchen richtig sehen zu können. Ständig kommen Leute herein, deuten auf ihn, bahnen sich den Weg zu ihm und freuen sich, ihm mal die Hand schütteln zu können im wirklichen Leben. Oder im virtuellen halt. Da hat er sich auf was eingelassen. Die meisten zwinkern ihm verschwörerisch zu und ahmen seine Art zu reden nach. „Mensch Horst, da krieg ich Kreislauf!“

Hört er eigentlich zu? Mir scheint, er schaut mit glasigem Blick durch die Leute hindurch in die Ferne. Manchmal gibt er seinen Kommentar dazu. Aber der Kommentar hat nichts mit dem zu tun, was die Leute zu ihm gesagt haben. Er redet, als würde er einen Text auf der Bühne vortragen. Perfekt wie immer. Den Wetterbericht vielleicht. Den Wetterbericht für Grevenbroich für die nächsten paar Wochen. Ein potemkinscher Mensch, möchte man sagen, oder ein Türke als Schachautomat. Immer mehr Leute kommen und klopfen ihm auf die Schultern. Ich freue mich für die Menschen, weil es sie scheinbar glücklich macht. Und ich schäme mich für die Menschen, weil es zugleich peinlich ist zu sehen, wie sie meinen, dass da einer mit ihnen spricht. Aber er spricht gar nicht mit ihnen. Er spricht blechern durch sie hindurch als wären sie Luft. Und sie sprechen und plappern immerfort mit sich selbst. „Hast du auch Rücken?“ ruft einer und feixt. Und einer fragt, ob er Praktikant werden kann und die Tasche aufs Hotelzimmer tragen darf. Meet and greet. Aber der Künstler ist müd.

Humor lebt wie die Tragödie von der Fallhöhe. Wenn Buster Keaton vom Zug ins Auto springt, steckt die ganze Beschleunigung der Moderne darin. Wenn Charlie Chaplin am Band ein Auto montiert, zieht er uns mit Haut und Haaren in die ganze Monstrosität der Farbrikarbeit hinein. Wenn Horst Schlämmer den Platz mit Jauch tauscht, lernen wir etwas über Fernsehunterhaltung, was wir vorher vielleicht schon ahnten, aber noch selten so drastisch vor Augen geführt bekamen. Wenn dieser Mann jedoch umständlich in verschiedene Autos krabbelt, keine vernünftige Sitzposition findet, auch in der Mercedes C-Klasse nicht, sondern ausgerechnet erst in einem Golf, ist das albern. Werbung eben. Die Bolzenspitze zittert ein ganz klein wenig. Da, ein Zischen! Der Apfel mittig getroffen, der Jüngling wohlauf. Wilhelm Tell zieht den Bolzen aus dem Apfel, der Landvogt äugt misstrauisch herüber. Logo drüber. Abspann: Esst mehr Obst. Fallobst statt Fallhöhe.

Bernd Röthlingshöfer hat das, was der Mann da macht, die bis heute beste Blogwerbeaktion Deutschlands genannt. Auf Companice lese ich dagegen: Was machen denn der Horst und VW anderes, als mit einem altbekannten Rezept Reklame zu machen? Bekannte Person + Trendthema = Kontakt.

Das Tragische ist, dass sie beide Recht haben.

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10 Kommentare

  1. Christian Stuhlmann

    Sehe ich ähnlich… Horst Schlämmer ist für einen Comedian als Character ein wahrer Glücksgriff!!! Darum nicht bis in die Ewigkeit warten und heute abend das große Hape trifft-Spezial auf RTL ansehen. Oder ist TV zu old school?

    Viel Spaß

  2. Roland

    Also ich bin dabei heute abend. Das ist absolutes Pflichtprogramm. TV ist natürlich nicht old-school, auch wenn die BestOf Parodien von ihm vermutlich bereits alle im Web zur Verfügung stehen. Es gilt: Classic meets online. Rapper tanzen den Wiener Walzer…Dürfen wir bitten?

  3. Bernd

    Ja klar. Companice hat auch recht. Das ist Old School in einem etwas neueren Gewand. Virale Filmchen sind auch nix anders, auch wenn man sie über YouTube verteilt.

  4. ConnectedMarketing.de

    Blog Marketing: Volkswagen…

    Objektiv gesehen ist der Erfolg recht eindeutig: In der zweiten Woche Platz 50 in den Deutschen Blogcharts kann eigentlich nur eins bedeuten: die deutsche Blogosphäre hat sich mit Begeisterung auf Schlaemmer.tv und die damit zusammenhängende Volkswag…

  5. Andreas Rodenheber

    Zwei Anmerkungen:

    Wenn ich bei einem allem Respekt für den Awareness-Erfolg der Aktion auch ein wenig den Blues durchblicken lasse, dann vor allem deshalb, weil mir das Schlämmerblog vor Augen führt, dass Mechanismen, die eine große Masse von Menschen erreichen sollen, eben auch möglichst einfach sein müssen. Nein, „müssen“ ist vielleicht das falsche Wort, also sagen wir mal „können“.

    Will heißen: Wir haben ja in der Vergangenheit schon so manche sehr aufwändige Viral-Blogaktion gesehen, die virtuos (teilweise für meinen Geschmack zu virtuos und selbstverliebt (Beispiel Philipp Rettingshof)) auf der Klaviatur der Blogmechanismen spielt und eine Art Schnitzeljagd durch die Blogosphäre veranstaltet. Das führt bei einer kleinen Schar von Mitstreitern zu sehr hohem Involvement. Dagegen ist die Mechanik des Schlämmerblogs brutal einfach: Komm, guck dir die komischen Possen von Horst an, und gib in den Kommentaren deinen Senf dazu. Fertig. Die Leute müssen keine Aufgaben lösen, keine eigene Filmchen hochladen, es findet auch keine wirkliche Kommunikation in zwei Richtungen statt. Ein paar launige Kommentare, das ist der ganze User generated Content. Verglichen mit dem, was Blogs prinzipiell an Zwei-Wege-Kommunikation ermöglichen, ist das natürlich ein ganz, ganz schmaler und „primitiver“ Rückkanal. Aber genau das, was einem aus der Innensicht als Blogger vielleicht erst mal „zu dünn“ vorkommt, erzeugt offensichtlich eine sehr große Aufmerksamkeit. Du hast als technische Möglichkeit ne Autobahn, fährst aber sozusagen nur auf dem Standstreifen. Aber es funktioniert im Sinne der Aufgabenstellung „Awareness“ prächtig. Und vor allem darauf kommt es aus Marketersicht nun mal an.

    Ein zweiter Punkt, und das hat Martin auf ConnectedMarketing schön auseinanderklamüsert (siehe Trackback oben, unbedingt lesen!), ist die Abwägung zwischen Awareness und Relevanz. Schlämmer erzeugt auf jeden Fall eine Awareness wie ein riesiger Staubsauger. So weit, so gut. Aber ist der Herr Schlämmer für das Thema Auto ein Testimonial das wirklich Relevanz besitzt??? (Zur Erinnerung: schon bei der Opel-Blogaktion war mangelnde Relevanz in meinen Augen ein wichtiges Killerargument werbeblogger.de/2006... )

    Ich persönlich habe gerade einen Markenwechsel hinter mir. Verantwortlich dafür waren unter anderem auch zwei überzeugende „Testimonials“ aus meinem persönlichen Umfeld. Mein Vater und ein Nachbar, die mir als Evangelisten von der Qualität und Zuverlässigkeit meiner neuen Marke in höchsten Tönen vorgeschwärmt haben. Wäre der sympathische Trottel Horst Schlämmer nun jemand gewesen, auf dessen Erfahrungen hin ich einen Golf ins „Relevant Set“ für meine Kaufentscheidung genommen hätte? Ganz gewiss nicht. Warum soll ich beim Autokauf ausgerechnet auf einen Fahranfänger und Tölpel hören? Beim Doppelkorn-Kauf, bei der Anschaffung eines Teflon-beschichteten Trenchcoats, vielleicht auch bei einem Probeabo des Grevenbroicher Tagblatts würde ich unbedingt auf Horst hören. Aber bei Autos?

    Ich weiß, von der vordergründigen Relevanz einen Schritt wegzugehen, wird dem Kunden auf Konzeptpappen gerne als Merkmal einer gewissen „Souveränität“ verkauft. Man ist nicht so spießig und miefig, dass man über das Produkt redet, sondern geht freier an die Sache ran. Trotzdem: Sympathie für Schlämmer = Sympatie für VW? Ist für mich fraglich, ob diese Rechnung wirklich aufgeht.

  6. Roland

    @Andreas Sic! Wenn ich einmal klassisch argumentiere: Gute Werbung wird aus dem Produkt heraus entwickelt. Nur dann kann sie neben reiner Aufmerksamkeit auch relevant für Markenbildung sein oder gar absatzdynamische Effekte erzielen. So gesehen, hat man mit dem stellvertretenden Chefredaktuer Horst Schlämmer und seinem Grevenbroicher Tageblatt viele schlummernden Chancen vertan. Wenn Dieter Bohlen ein Blog über seine Sprüche des Tages eröffnet und Mon Cheri (Ferrero) dahinter steckte, dann wäre das auch erstmal erfolgreich im Hinblick auf das sabbelnde Blogosphäre-Kaffekränzchen, aber das liegt an der Popularität und Streitbarkeit der Kunstfigur, nicht an alkoholisierten Pralinen mit künstlicher Marktverknappung.

  7. Stylewalker.Net - Berlin. Barcelona. The Net. » Berlinale, Schlämmer, Vanity Fair

    [...] This campaign is maybe the best blog / brand / personality campaign so far in Germany: Schlämmerblog, branded entertainment. [...]

  8. Flog Max am Golf? at Neukunden-Magnet | Marketing-Weblog der Agentur Thoxan aus Ostwestfalen

    [...] Weitere Diskussionen finden sich >hier, >hier, >hier und >hier. Ob Werbung hin oder her, Horst Schlämmer zieht die Massen an. Zahlreiche Kommentare auf seiner Website belegen es. Der Blog ist innerhalb weniger Wochen in die Top50 der deutschen Blogcharts eingestiegen. Die Aktion ist erfolgreich, für Schlämmer oder Volkswagen oder beide – wir werden sehen. [Tags: Fun, Guerilla Marketing, Internet, Low Budget Marketing, Neukunden Akquise, Video, Videoclips, Web 2.0, Werbung] [...]

  9. www.volksvan.de

    VW Werbung bei Horst Schlämmer können wir nicht erkennen – Hi Hi

  10. Heinz

    was spricht dagegen? Der Mann hats einfach drauf.

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Eure Kommentare

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  • Roland Kühl-v.Puttkamer: @Ralf: Alleine schon aus Gründen eines bestimmten Markenprofils beim Brockhaus kann ich nicht empfehlen, jede Gratiskultur...
  • Christian Schneider: Deiner Meinung nach ist der Brockhaus der Realität entrückt, weil er Geld kostet, während beispielsweise auf Wikipedia...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Hey Boogie, ja Fourtrack wird auch noch gefeatured hier. Klar. Gehört zum Westentaschenstudio absolut dazu.
  • Boogie: Feine Sache, das kleine ThumbJam Studio. Ich bevorzuge in Sachen Studio auf dem iPhone jedoch die handgemachte Varriante:...
  • Shermin: Sorry… muss mich gerade etwas erholen. Wurde beim Ansehen von Trevor, Ryan & Brad gerade von wilden Lachkrämpfen geschüttelt....
  • Mathias Schindler: Deine Grundannnahme ist falsch. Die DVD “Brockhaus multimedial” ist nicht die Brockhaus-Enzyklopädie. Die Wurzeln...
  • eddi ist wieder neidisch: deutlich spassiger als ein Standard Side by Side im werbeblock. und meine Frau hat mir direkt in den Schmerbauch gezwickt...
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