05.10.06
18:50 Uhr

Mit Bloggern reden …

… ist natürlich gar nicht so einfach. Mit dieser Haltung sind Martin und ich in unsere Session auf dem Barcamp in Berlin hineingegangen. Doch erstaunlicherweise waren “die Blogger” dort sehr wohl offen für Gespräche. “Die Blogger” sind eben auch “nur Menschen”. Und mit Menschen kann man – auch als Unternehmen oder sogar Werber – durchaus reden, man muss nur offen auf sie zugehen und sie dementsprechend ernstnehmen. Merkwürdigerweise war ich der Erste im Raum, der das Negativbeispiel schlechthin für Kommunikation mit Bloggern aufgeführt habe: Unpersönliche PR-Meldungen per E-Mail. Nun gut, so sind sie nunmal die Oldschool-PRler. Unwissenheit schützt zwar vor Strafe nicht, aber sie wissen es ja nicht besser. Woher denn auch?

Doch es gibt PR-Firmen, die schreiben sich Kommunikation in, mit und um Blogs ganz groß auf ihre Firmenfahne. Eine neue Generation von PR wächst da heran: Authentisch, offen, ehrlich, beziehungsintensiver, transparent und hast du nicht gesehen. In der Theorie klingt das fantastisch, doch wenn es an die PRaxis geht, kann es schon weitaus kniffliger werden.

So geschehen heute nachmittag. Eine E-Mail flatterte bei mir ins Postfach: “Einladung zu einer internationalen Umfrage unter Bloggern”. Bitte nicht schon wieder. Wisst ihr eigentlich wieviele ich da pro Woche bekomme? Was gibt es denn diesmal zu gewinnen? Doch ich machte mir sogar die Mühe den Text zu lesen, denn der Addressat kam mir eigentlich persönlich bekannt vor.

Der Text in der Mail machte mich da schon stutziger. Den Grundtonus kann man eigentlich mit diesem Zitat ziemlich genau wiedergeben:

Wir wollen lernen, besser zu verstehen, was Ihre und eure Bedürfnisse sind.

Wäre ich so richtig überkorrekt, so müsste ich die erhaltene E-Mail übrigens als Spam deklarieren. Weder an mich persönlich addressiert (Verteilerliste des Absenders) noch eine persönliche Ansprache, keine Entscheidung im Text zwischen Du oder Sie oder überhaupt irgendein Signal, was darauf schließen lässt, dass ich Patrick Breitenbach, Mensch und Blogger persönlich angesprochen werde. Das ist ein wenig – wenig – vor allem für DEN Absender. Es gab doch jetzt schon so viele Fälle, bei denen dieses unpersönliche Anmailen durch den virtuellen Fleischwolf gedreht wurde, dass eigentlich alle Alarmglocken schrillen müssten, bevor man als Blogaffiner Mensch auf den Senden-Knopf drückt. Dabei geht für mich die vielleicht ähnlich brisante Tatsache der Datenerhebung (auch wenn es nicht personell registriert wird) zu einem für mich undurchsichtigen Verwendungszweck, schon wieder völlig unter. Darauf wird sicherlich der eine oder andere kritische Blogger noch genauer eingehen.

Vielleicht sollte man meine Aufregung hier jetzt auch nicht überdramatisieren. Vielleicht spricht da eher meine persönliche Enttäuschung aus mir, der einmal so überzeugt von dem Tun dieser PR-Agentur war und es einfach nicht begreifen kann, wie so etwas in die Mailfächer der Blogger gelangen kann. Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass man den Dialog nicht per Pull-Verfahren sondern mit einem Push-Instrument gesucht hat. Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass man sich nicht für den Blogüblichen Weg entschieden hat, diese Umfrage einfach nur per Blog zu kommunizieren. Vielleicht bin ich darüber enttäuscht, dass die vermeintlich geheilten Kontrollfreaks in ihr Krankheitsbild zurückfallen scheinen. Vielleicht bin ich enttäuscht darüber, dass man sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat 250 E-Mails persönlich zu versenden. Vielleicht bin ich darüber enttäuscht, dass die Praxis (auch mich nehme ich da nicht aus) wesentlich anstrengender ist als das alleinige Predigen. Vielleicht bin ich darüber enttäuscht, dass man dachte jemand hätte es wirklich begriffen und nun passiert genau das Gegenteil davon. Vielleicht bin ich darüber enttäuscht, aus meiner kuscheligen Blogwelt herausgerissen zu werden, in der die Theorie ähnlich gemütlich ist, wie die braune Cordcouch in der verräucherten 68er-Kommunen-WG.

Aber ich will die Sau eigentlich im Stall lassen, verbuche diese Aktion als Lehrgeldeinzahlung in das Bloggerschwein und freue mich auf die jetzt stattfindenden Diskussionen. Hach! Endlich kann ich wieder meinen selbstgefälligen Zeigefinger auspacken.

Aber wen juckt das am Ende schon?

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3 Kommentare

  1. getroffener Hund

    Nun kenne ich W L-R nicht persönlich, lese nicht mal regelmäßig in seinem Blog, hatte auch nicht den Eindruck, dass er unseres liest, fühlte mich aber trotz mangelnder persönlicher Anrede durch die eine oder andere Formulierung ein wenig gebauchpinselt und trotz stetig steigender Anfragen (Veröffentliche doch bitte mal das, mach dort mit etc.) keineswegs behelligt oder gar belästigt. Den W L-R ist Blogger, somit irgendwie Teil der Familie (ob man die nun alle mag…), und da bedarf es aus meiner Sicht nicht zwingend beonderer Formen.

  2. Patrick Breitenbach

    Vielleicht war ich deshalb ja gerade so emotional. Ich schätze ihn und die Arbeit von Edelman jetzt nicht weniger. Ich habe übrigens gestern mit Wolfgang telefoniert bevor ich den Beitrag abgesendet habe und wir hatten ein sehr intensives Gespräch in dem wir beide Seiten klarmachen konnten. Meine subjektive Meinung gegen seine. War okay und wir sind sicherlich nicht als Feinde auseinandergegangen. Wir beiden konnten dadurch lernen – denke ich.

  3. hirnrinde.de

    Edelman, Technorati und die Blogs…

    So richtig erfolgreich waren die bisherigen Bemühungen der PR-Agentur Edelman leider nicht, ihren Satelliten in die Blogosphäre zu schießen bzw. sich beim Thema “Blogs” als Dienstleister zu positionieren. Möglicherweise …

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Eure Kommentare

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  • bugsierer: sehr geile app, danke für die empfehlung. macht grossen spass, auch als nichtmusiker darauf zu jammen, sehr entspannend.
  • Raoul: Sehr interessanter Artikel. Zum einen kann die Software als Ideengeber dienen, wenn dem Faktor Mensch mal wieder gar nichts einfallen will...
  • Luis: Wikipedia in allen Ehren: Es ist Fast-Food-Wissen. Schnell zu bekommen, aber teilweise auch von unterschiedlicher Qualität. Dass man da...
  • ramses101: @Julian: Das ist Quatsch und der ist zum Beispiel auf die “Debatte” zwischen Inkludisten und Exkludisten zurückzuführen....
  • Julian: @Christian Schneider : Wer ein wenig versiert ist, weiß längst, dass Wikipedia Brockhaus schon vor einiger Zeit sowohl im Umfang, als auch...
  • Claus: Nur wenn Printwerbung neu, kreativ und einzigartig ist, ja nur dann komt der gewünschte Werbeeffekt zum Tragen. Auto-Sixt etwa beherzigt das...
  • Dalibor Karacic: Wenn ich die TV-Werbungen der letzten Jahre so verfolge, bin ich mir nicht sicher, ob diese Software nich schon längst im Einsatz...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Vielleicht noch ganz interessant in diesem Kontext fällt mir aus unserem Archiv noch was ein…...
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