17:59 Uhr
Wenn nicht nur die Verpackung knistert
Erinnert ihr euch an den Verpackungseklat der neuen Nestlé Schokoladenmarke Cailler? Sogar der in der Schweiz ansässige Diskounter produzierte eine passende Konterwerbung zu dem Thema. Mittlerweile ist klar, die Verpackung war nicht nur umwelttechnisch gesehen der reinste Unsinn, auch das Produktdesign ließ offenbar zu wünschen übrig. Es folgten sinkende Umsatzzahlen und eine Konzernchefin (Nelly Wenger) die massiv unter Beschuss steht. Diese will sich den Schuh jedoch nicht anziehen und reicht diesen an ihre beratenden Kommunikationsagenturen weiter. So flatterten in der letzten Zeit etliche Kündigungen von noch laufenden Verträgen (u.a. Saatchi & Saatchi Simko, Publicis, GGK, McCann Erickson und JWT+H+T.) in die Briefkästen der Agenturen, die von Frank Bodin (EuroRSCG) entsprechend harsch kommentiert wurden:
Ich werte das als generellen Vertrauensentzug (…) Nelly Wenger behandelt die Agenturen wie die letzte Dienstleistungsware.
Ob da nun gekränkte Eitelkeit oder eine reale existente Kritik am Geschäftsverhältnis mit Frau Wenger mitschwingt, könnten höchstens die weiteren medialen, aber vor allem internen Probleme des Konzerns weiter erkären. So kritisiert ein angeblicher Nestlé-Mitarbeiter aus dem Führungskreis, anonym via Blog, über die internen Missstände im Konzern. Für ihn sei klar, dass der Führungsstil von Nelly Wenger Schuld an der allgemeinen Misere im Unternehmen sei:
Seit Frau Wenger bei Nestlé das Sagen hat, erlebt das Betriebsklima einen Sturzflug. Kaum mehr jemand, ausser dem Freundeszirkel um Frau Wenger, ist noch sonderlich motiviert. Viele Mitarbeiter, mit denen man spricht, nennen den Zahltag als einzige Motivation überhaupt noch, bei Nestlé zu arbeiten
Der anonyme Blogger unter dem Namen “Transparence” (Transparenz) – witzigerweise schreibt dieser aber nicht transparent – hat die interne Kommunikation an sich gerissen und trägt diese nun bienenfleißig nach außen. Verärgerte Mitarbeiter verschaffen sich durch das Ventil Blog natürlich entsprechend Luft. Die Presse hat aufgrund einer nicht erfolgten offiziellen Reaktion das Thema aufgegriffen und so verwandelt sich das Ganze in eine zweite Schweizer PR-Mitarbeiter-Blogkrise.
Im Gegensatz zu manchen PRlern halte ich Blogmonitoring jetzt nicht unbedingt für einen Geheimtipp oder ein Instrument in der Blogkrisenbewältigung. Natürlich ist eine gewisse Beobachtung Voraussetzung für die Bewältigung einer Krise, sie dient aber in erster Linie nur dazu, kostbare Vorlaufzeit zu gewinnen. Die Bewältigung von Krisen läuft indes auf einer völlig anderen Ebene ab. Man muss sich ein wenig in die Technik des Bloggens einfinden und die Funktionalität der Vernetzung begreifen. Die eigentlich Bewältigung der Krise kann allerdings ausschließlich in den Köpfen der Unternehmensentscheider statfinden. Sie bestimmen ob, wie und wann ein sinnvoller Dialog zur Krisenbewältigung stattfindet. Früher haben Unternehmen die Kritik per Post bekommen. Entweder sie haben nicht reagiert oder einen Präsentkorb verschickt. Heute stehen Unternehmen vor ganz anderen Gegebenheiten. Einzelne Kritiker können durch dichte digitale Vernetzung eine lawinenartige Protestwelle erzeugen, die entsprechend in die konventionellen Medien übergehen kann. Kritik auf breiter Ebene, die Unternehmen in Zukunft auf alle Fälle Ernst nehmen sollten.
Krisenkommunikation in Blogs indes sollte inhaltlich nicht viel anders als im richtigen Leben abspielen, nur die Rahmenbedingungen sind anders. Transparenter Dialog in Augenhöhe schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Wertschätzung dem anderen Gegenüber und eventuelles Eingestehen von Fehlern können solche Krisen entsprechend positiv lösen. Doch wie bei allen Krisen gilt auch hier: Vorbeugen ist besser als ausmerzen. Eine Krise kann man vielleicht noch entschuldigen oder ausmerzen, doch bei der nächsten ähnlichen Situation gerät man schon in Erklärungsnotstand. Daher muss ein Unternehmen sich die Frage stellen warum es überhaupt zu solch einer Krise kam? Ist die interne Kommunikation übrigens nicht intakt, so wird man es zusehends schwerer haben auch erfolgreich nach außen zu kommunizieren. Daher sind Krisen aus solch einer Situation heraus dauerhaft nur schwer zu lösen. Sie erfordern nicht nur ein immensen Vertrauen in entsprechend fitte Berater (z.B. Supervision), sondern auch die Bereitschaft die eigene Kommunikation oder den Führungsstil bewusst zu überdenken. Das sind schwere und meist sehr anstrengende Prozesse. Das Aufsetzen und Führen eines Blogs allein, wird keine Krise dauerhaft lösen oder gar verhindern. Blogs sind lediglich ein Instrument, die Melodie dazu entsteht zuerst im Kopf.
7 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 10. Juli 2006 um 18:08 Uhr
D’accord – der “Geheimtipp” war deshalb auch ziemlich ironisch gemeint. Wie Sie schreiben: Wenn ich von einer aufziehenden Krise nichts mitbekommen, können Sie schlecht eine Kommunikationsstrategie entwickeln.
Am 10. Juli 2006 um 18:19 Uhr
Herrje, so viele Fehler in so wenigen Zeilen. Wie peinlich ;-) [[Man sollte nach Prüfungen eine Weile ganz ruhig sein und nicht gleich kommentieren...]]
Am 10. Juli 2006 um 18:29 Uhr
@Thomas Pleil:
Macht nichts, macht es doch auch gleich viel menschlicher. ;-)
Dafür hatte ich wohl auch Ihre Ironie glatt überlesen.
Blogmonitoring ist natürlich nur ein mögliches Frühwarnsystem, die eigentliche Krisenbewältigung oder noch besser -vermeidung muss anders erfolgen. Es kann im Grunde auch kein 100% Blogmontoring geben, daher bin ich in Bezug auf diese Dienstleistung und deren übermäßigen Heilsversprechen immer recht misstrauisch.
Am 10. Juli 2006 um 18:49 Uhr
Absolut, Heilsversprechen sind immer verdächtig. Im Grundsatz ist die Idee natürlich nicht ganz verkehrt, eine mögliche Krise so früh wie möglich erkennen zu wollen – und da muss man zumindest für einige Unternehmen schon über Blogs als vormedialen Raum nachdenken. (“vormedialer Raum” klingt missverständlich, hat sich aber irgendwie eingebürgert – es geht darum, dass ein Thema noch nicht in der “Bild” steht oder über die Tagesschau flimmert). Der Knackpunkt dürfte vor allem darin liegen, in kurzer Zeit eine angemessene Strategie umzusetzen, wenn eines meiner Frühwarnsysteme “Alarm” schlägt. Wenn ich mir so überlege, wie wenige Unternehmen so etwas wie einen Krisenplan haben. Ohne zu wissen, wie ich reagieren könnte, kann ich das Monitoring gleich bleiben lassen. Genauso, wenn wie im Posting oben beschrieben schon die interne Kommunikation oder der Führungsstil hakt.
Am 10. Juli 2006 um 23:14 Uhr
“Ich werte das als generellen Vertrauensentzug (…) Nelly Wenger behandelt die Agenturen wie die letzte Dienstleistungsware.”
Willkommen in der Wirklichkeit. nachdem die Werbeagenturen jeden anderen wie den letzten Dienstboten behandelt haben, beschweren sie sich, wenn jemand von den vertraglich garantierten Rechten Gebrauch macht.
Am 5. August 2006 um 13:20 Uhr
Das ist der generelle Nachteil, wenn man Agenturen nur als Dienstleister betrachtet und nicht als Partner.
Am 19. April 2010 um 09:39 Uhr
Alle Menschen sollten sich gegenseitig respektieren,
in allen Bereichen des Lebens.
Wenn man zusammen arbeitet, erzielt man die besten Resultate.
Wenn man die Leistung der anderen nur ausbeutet oder kopiert,
dann geht man einen sehr unsauberen Weg, der nur kurzfristige Erfolge bringen wird. Der Ärger ist so vorprogrammiert.