31.03.06
09:00 Uhr

Weblog-Testament

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Viele sprechen von Businessmodellen rund um Weblogs, wenige setzen es auch um, noch weniger machen es wirklich richtig. Auch ich habe mir einige Gedanken zum Thema Weblogs als Marketinginstrument gemacht und möchte diese euch hiermit ans Herz legen. Es ist ein Geschenk an euch, es ist kostenlos, es kommt von Herzen. Nutzt es, verbessert es, von mir aus ignoriert es. Tut mir aber den Gefallen und respektiert es.

Mir geht es hier nicht um die Werbefläche Weblog, sondern um die Nutzung eines Instrumentes, mit dem man starre Unternehmenskommunkation aufbrechen und endlich auf Tuchfühlung mit dem Kunden gehen kann. Nur durch die Überwindung dieser bisher vorhandenen Distanz kann es einen Dialog geben, meiner Meinung nach das mächtigste Überzeugungswekzeug, das es in der Kommunikation gibt. Das in der Werbung bisher verbreitete Sender-Empfänger-Modell – wobei Unternehmen bisher die Sender- und Kunden immer die Empfängerrolle einnahmen wird aufgelöst und es kann nun jeder gleichberechtigt, sowohl die Rolle des Senders, als auch die des Empfängers einnehmen. Es entsteht ein wertvolle Interaktion, eine Netzwerkbildung und damit eine konstruktive Basis für weitere Entwicklungen.

Weblogs, also ein Wunderwerkzeug der Onlinekommunikation?

Diese Einleitungsfrage kann definitiv mit Ja beantwortet werden. Allerdings hat die Sache natürlich ihren Haken, so wie es mit Werkzeugen eben nunmal ist. Man muss sich zunächst klar darüber werden, wozu man das Werkzeug benutzen möchte. Ein Ziel muss definiert werden. Ich muss mir beim Schweizer Taschenmesser schliesslich auch erst überlegen, ob ich den Dosenöffner oder die Nagelpfeile aufklappen möchte.

Als nächstes sollte man vertraut sein im Umgang mit seinem Werkzeug. Bin ich es nicht, gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder probiere ich erstmal herum, wobei dabei die Gefahr groß ist, dass ich nicht nur mein Werkzeug kaputt mache, sondern damit eventuell auch mir oder meiner Umgebung Schaden zufüge. Also hole ich mir eine Bedienungsanleitung. Wem das zu langweilig ist, der holt sich eben ein Tutorial aus dem Internet, leiht sich eine DVD oder lässt es sich, natürlich am allerbesten, von einem Fachmann zeigen. Erst wenn ich den vollen Umfang eines Werkzeuges gelernt habe, kann ich auch effektiv damit umgehen. Letzendlich muss ein Werkzeug auch gepflegt und gewartet werden, sonst rostet es am Ende noch ein oder geht besonders schnell kaputt. Wie man sieht, sind so einige Dinge zu beachten, aber zum Glück gibt es für alle Werkzeuge auch Profis, die einem dabei behilflich sind.

Vom Werkzeug zum Nutzen oder Monolog gegen Dialog

Stellt euch mal folgendes vor: Ihr begegnet einem Menschen. Ihr beide habt bestimmte Interessen. Beide möchten diese Interessen irgendwie zum Ausdruck bringen. Wie stellen WIR das am geschicktesten an, so dass beide etwas davon haben? Nun wir werden beginnen zu kommunizieren. Doch die Frage dabei lautet: In Dialog- oder Monologform?
Die Frage scheint zunächst banaler zu wirken, als sie in Wirklichkeit ist. Natürlich nehme ich die Antwort vorweg und behaupte, dass der Großteil einen Dialog vorziehen würden. Seltsamerweise verwendet aber der Großteil der Unternehmen trotzdem immer noch den Monolog als einzige Kommunikationsform um Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten oder Interessenten anzusprechen. Ebenfalls greifen alle klassischen Werbeformen derzeit verstärkt auf die Monologform zurück. Egal ob der Monolog gut formuliert ist, nett verpackt wurde oder spannend vorgetragen wird, völlig egal Monolog bleibt Monolog. Dabei sehnt sich ihr Gegenüber doch so sehr nach einem anregenden und effektiven Gespräch. Er möchte interagieren, Einfluss nehmen, Feedback geben, einfach nur wertgeschätzt oder überhaupt als anwesende Person wahrgenommen werden. Unternehmen hatten in der Vergangenheit kaum andere Möglichkeiten um einen weitreichenden Dialog mit ihren Kunden herzustellen. Die technischen Möglichkeiten ließen ausschliesslich einen Monolog zu. Doch das sollte sich sehr bald ändern.

Die Geburtsstunde der Weblogs

Keine andere technische Errungenschaft veränderte die Welt so rasant wie das digitale Medium. Das Internet machte eine enge Vernetzung der Welt erst möglich. Räumliche Distanzen konnten plötzlich spielend einfach und vor allem kostengünstig überwunden werden. Selbst der Körper brauchte sich dazu nicht mehr großartig in Bewegung setzen. Dialoge waren plötzlich in vielfältiger Form – auditiv wie visuell – in Echtzeit möglich (Chats, Foren, E-mails, SMS, etc.). Trotz dieser genialen technischen Evolution konnte der Mensch nur langsam Schritt halten. So verließen sich auch die meisten Unternehmen immer noch auf den guten alten Monolog. Internetpräsenzen ragten statisch mit ihren beleuchteten Skyscraper-Bannern in das World Wide Web hinein und versuchten dadurch Interessenten von ihren Leistungen und Produkten zu beeindrucken. Doch viele Internetnutzer fühlten sich – wie von allen anderen Unterbrecherwerbungen – davon eingeengt oder gar belästigt und starteten aus diesem Überdruss heraus eine kleine digitale Revolution. Tatsächlich war dann auch ein realer Krieg der Katalysator für diese Revolution. Der zweite Golfkrieg wurde von den US-Medienunternehmen natürlich ebenfalls stark monologisiert. Das war vielen Informationshungrigen Menschen einfach zu statisch, zu langsam und zu unvollständig. Die ersten Weblogs wurden geboren und versorgten viele Menschen in der Welt mit zusätzlichen Informationen. Zum ersten mal konnten die Empfänger auch ihrem Sender umfangreich antworten und wurden dabei sogar noch wahrgenommen. Der Sender wiederum wurde dadurch selbst zum Empfänger, es entstand keine reine Lieferung, sondern ein Austausch von Informationen. Zwar waren manche Informationen unzureichend recherchiert, aber diesmal hatte man eine bessere Möglichkeit diese schneller und sorgfältiger zu korrigieren.

Was ist denn jetzt ein Weblog genau?

Weblogs werden oft als Internettagebücher verniedlicht, manchmal werden sie als Klowände des Internets beschimpft, aber viele, so wie auch ich, sehen Weblogs als die zweite Gutenberg-Presse, eine Erfindung, die dem Menschen neue Möglichkeit des Inforamtionsflusses anbietet. Die Wahrheit steckt natürlich irgendwie in allen Behauptungen und somit lässt sich durchaus eine Parallele zum Medium Buch ziehen. Auch in Büchern gibt es triviales, sachliches, romanhaftes, lyrisches oder ganz einfache Schundliteratur. Jedoch haben Weblogs entscheidende Unterschiede: Man kann dem Buch umgehend antworten und es passt sich womöglich meinen Reaktionen an. Der Leser wird zum Autor, der Autor wird wiederum zum Leser.

Technisch gesehen sind Weblogs nichts anderes als pfiffige, kleine Redaktionswerkzeuge für das Internet, welche von jedem Internetanschluss der Welt aus mit Beiträgen, Informationen, Bildern, Audiofiles, Videos und überhaupt allen digitalen Informationen nahezu kostenfrei gefüttert werden können. Die Inhalte werden dann zentral auf einer Website wiedergegeben. Dabei ist es völlig egal, ob lediglich ein Autor oder 100.000 Autoren dieses Weblog mit Informationen versorgen. Wichtig dabei sind die Inhalte an sich. Doch damit nicht genug. Der Leser eines Weblogs wiederum hat die Möglichkeit jede Information nicht nur zu sichten, sondern diese auch zu kommentieren und auch weiterzuverlinken. So entsteht, ganz wie von alleine, bereits ein zartes Informationsnetz, welches von Beitrag zu Beitrag, von Kommentar zu Kommentar, von Link zu Link immer größer und stabiler werden kann wenn man sich mit dem Umgang von Weblogs vertraut gemacht hat. Früher oder später, wenn ein Weblog wirklich relevant, gut gewartet oder einfach nur unterhaltsam ist, es sozusagen seinen eigenen Stil entwickelt hat, wandeln sich diese digitalen abstrakten Netze sogar in echte menschliche Verbindungen um. Man kommt mit den Menschen in realen Kontakt, über das Weblog hinaus.


Meanwhile on business world

Wenn es also wirklich so einfach ist, solche Netzwerke aufzubauen, dann brauch ich also nur ein Weblog für mein Unternehmen und schon gewinne ich übermorgen neue Kunden? So einfach ist es natürlich nicht. Je reichhaltiger und wertvoller solche Netze sein sollen, desto schwieriger sind sie natürlich auch aufzubauen und zu pflegen. Diese Netzwerke sind genauso empfindlich wie menschliche Kontaktnetze. Schliesslich sitzen ja auch Menschen hinter der Weblogmaske. Es bedarf schon einer intensiven und vorsichtigen Pflege um ein gesundes, weitläufiges, ehrliches und effektives Netzwerk mit Hilfe eines Weblogs aufzubauen. Fast noch wichtiger als neue Kunden zu gewinnen, ist für Unternehmen natürlich die Erhaltung und Zufriedenstellung von bestehenden Kundenstämmen. Sollte ein Kunde einmal unzufrieden sein, scheut euch nicht davor mit ihm ins Gespräch zu kommen.Denn sonst tut er dies nämlich als erstes mit jemand anderem, z.B. mit einem eurer nächsten Kunden. Versucht auf das Problem einzugehen, Erfahrungen zu sammeln, euch und eure Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Lernt die Kritik und dessen Vertreter wertzuschätzen.Der Kritiker hilft euch euer Unternehmen zu verbessern und ist dazu bereit, wenn ihr ihn ernstnehmt, euch auch zu verzeihen. Nach einem Streit gibt es nicht schöneres als die Versöhnung, nach einem Gewitter ist die Luft da draußen doch auch gleich viel frischer und belebender. All diese Dinge könnt ihr mit dem Werkzeug Weblog erreichen. Doch vergesst nicht bei all dem Druck, den ihr euch durch sinkende Konjunkturdaten und drohender Konkurrenz machen lasst, eines: Den Spaß an der Kommunikation, den Spaß am Dialog. Der Kunde wird es euch langfristig danken, ganz bestimmt.

Ich hoffe ich konnte euch ein Gefühl für dieses Thema vermitteln. Wie man vielleicht merkt, bin ich mit diesem Thema leidenschaftlich verwachsen.
Durch Leidenschaft, Know-How und ein starkes Netzwerk kann man wirklich Berge versetzen. Ich bin nicht der Einzige. Es gibt viele von uns. Traut euch! Fragt uns um Rat! Wir reden mit euch!

Ich möchte diesen Beitrag einigen Menschen widmen, die mir wichtig sind. Ich lasse mal dieses ganze Oskargedöns weg von wegen Familie und so, die sind mir sowieso immer wichtig. Ganz speziell möchte ich jedenfalls meinem grandiosen Webeblogger-Team danken, dass mich all die Jahre so stark unterstützt hat. Ich danke natürlich unseren Lesern, die uns die Treue halten aber auch täglich neu hier vorbeischauen, sich beteiligen, sich äußern oder einfach nur stillschweigend mitlesen. Ihr seid alle ein phänomenales Netzwerk! Schließlich bedanke ich mich noch beim Cluetrain Manifest und bei Bernd Röthlingshöfer, der mich durch sein neues Buch “Marketeasing” nicht nur inspiriert, sondern fast schon deprogrammiert hat. Es steht beim GWA bestimmt schon auf dem Index ganz oben!

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10 Kommentare

  1. Björn Hasse

    Werbeblogger Patrick geht zu JvM!Steve Rubel bloggt noch immer, auch, wenn er jetzt bei uns ziemlich eingebunden ist Also, Patrick, noch hoffe ich!
    Nachtrag: Sein Testament ist jetzt ebenso online. Und mehr als nur lesenswert. Richtungsweisend.

  2. sebastians

    von matt macht von macht …bei denen patrick übrigens einen ausserst lesenswerten artikel zum thema der wbs geschrieben hat und aus seiner sicht eine zusammenfassung bietet. sein testament moechte ich hier aber nicht subsummieren [...]

  3. www.best-practice-business.de/blog

    Danke an den Werbeblogger Patrick Breitenbach Heute erreicht mich eine Nachricht, die mich schon wehmütig macht. Der Webeblogger Patrick Breitenbach nimmt eine neue Stelle in einer Werbeagentur an und verabschiedet sich deshalb als aktiver Blogger (siehe Blogartikel). Robbie fragt in den Kom…

  4. Fischmarkt

    Aprilscherze (wird fortgesetzt)Halb drei am Vortag des 1. April 2006 – was hatten wir bis jetzt?Werbeblogger Patrick Breitenbach geht zu Singvogel + Muchovsky, gibt das Bloggen auf und verfasst ein Testament.Robert Basic verkauft an Rupert “Robert” Murdoch und zieht sich auf eine…

  5. autofab

    “Ich möchte diesen Beitrag einigen Menschen widmen, die mir wichtig sind.”

    äh…einen ganz normalen blogeintrag anderen widmen? ist das größenwahn? egozentrische verblendung?

  6. Bandblogger

    Nabelschau Da wir hier ja noch einen recht jungen Blog betreiben und daran auch selbst wachsen wollen, finde ich es an der Zeit, einmal kurz die Vogelperspektive einzunehmen und von oben unser Tun und Treiben zu betrachten…. wir 4 Kleinen Götter benut…

  7. Patrick Breitenbach

    “ist das größenwahn? egozentrische verblendung?”

    Hmm da fällt ihm die Wahl schwer, kann er nicht entscheiden!

  8. Tom Langel

    Hab ein paar Mannschaftsmitglieder von JvM mal beim Werbekongress 2004 kennenlernen dürfen. Muss jeder selbst entscheiden, ob er da malochen will… dennoch viel Spaß!

  9. Heizweb.de

    das nenne ich mal vorbildlich. da bedankt sich jemand mit einem umfassendes beitrag beim gesamten team. echt gute arbeit kann ich nur zustimmen

  10. erntedank I | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » erntedank I

    [...] hat mich deprogrammiert, angeteased, und inspiriert. Bernds Blog sollten unbedingt wissbegierige Studenten und [...]

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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