10:15 Uhr
Marketingtool Abmahnung?
Kein Wort über Juristerei, das können andere weit besser beurteilen. Unser Thema hier ist das Marketing. Also: Sind Abmahnungen missliebiger Kritiker ein effizientes Marketingtool? Einige unsystematische Gedanken am Montag früh:
„Was erlauben die sich…!“
Menschen reden über Ihr Produkt. Manche positiv, manche negativ. In der Schlange vor der Essensausgabe, in der Zigarettenpause, am Stammtisch. Jeder Mensch ist ein potenzieller Multiplikator. Mit Juristerei werden Sie deren Meinung nicht ändern. Nur mit einem guten Produkt. Und guter Kommunikation.
“Und das in aller Öffentlichkeit…!“
Vom Privaten zum Öffentlichen ist es in unserer Gesellschaft nur ein winziger Schritt. Wenn Sie klug sind, machen Sie daraus Empfehlungsmarketing. Und „negative Empfehlungen“? Mit denen müssen Sie leben, solange dabei nicht grob die Unwahrheit verbreitet wird (dazu später mehr). Aber es juckt Sie in den Fingern, das vermeintliche Unrecht nicht stehen zu lassen? Es gerade zu rücken? Schön, Sie haben noch Feuer, it still burns! Aber brauchen Sie unbedingt eine Abmahnung als Flammenwerfer?
„Und was soll ich jetzt also machen…?“
Sie haben sich über einen Eintrag in einem Forum geärgert. Oder in einem Blog. Schauen Sie mal, da unten ist ein Kommentarfeld. Dort können Sie eingeben, wie Sie die Sache sehen. Beachten Sie bitte die Netiquette, und man wird Ihre Argumente durchaus anhören! Schreiben Sie unter Ihrem wirklichen Namen (oder nennen Sie Ihre Website), verstecken Sie sich nicht hinter einem lächerlichen Pseudonym, versuchen Sie nicht zu manipulieren, das fliegt sowieso auf. Geben Sie sich zu erkennen. Sagen Sie, wer Sie sind und was Sie wollen. Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Sie werden vielleicht in der Sache nicht überzeugen können (wenn Sie in der Sache nun mal schlechte Karten haben), aber Sie werden Respekt gewinnen. Kleines Beispiel? Hier. Es kann so einfach sein!
„Ich begebe mich doch nicht auf deren Ebene…!“
Warum eigentlich nicht? Sie haben zwei Möglichkeiten: Erstens, die Menschen reden ÜBER Sie. Das kann ziemlich unangenehm sein, deshalb sind Sie ja so sauer. Oder zweitens, Sie reden MIT den Menschen. Und wenn ich „Sie“ sage, meine ich Sie. Nicht Ihren Anwalt.
„Wie soll ich gegen diese Brüllaffen im Internet denn zu Wort kommen…“
Nun, ein Blog oder ein Forum hat einen Betreiber. Den kann man erreichen. In den meisten Fällen ist das kein Monster, sondern auch nur ein Mensch. Und wenn die Diskussion über die Stränge schlägt, kann er durchaus eingreifen. Wird er auch in der Regel, wenn Sie mit ihm vernünftig reden, ihn nicht wie einen Befehlsempfänger anblaffen (dagegen ist er ganz allergisch!) und selbst kooperativ sind.
„Das bringt doch nichts…!“
Sorry, aber vielleicht haben Sie sich die falschen Ziele gesetzt!? Wenn ich zum Beispiel das hier richtig verstehe, dann waren die Forenbetreiber im Fall Euroweb zunächst durchaus entgegenkommend. Sie haben Einträge gelöscht, in denen nicht belegte Kritikpunkte veröffentlicht worden waren. Wäre vielleicht klug gewesen, das als (Teil-)Erfolg zu sehen und es dabei zu belassen. Stattdessen ging Euroweb auf Eskalationsstufe zwei: „Selbst in Vermutungs- oder Frageform mit der Bitte um Klärung formuliert, wurden Äußerungen als unwahr und ehrverletzend betrachtet und zum Gegenstand der Einstweiligen Verfügung.“ Mir scheint, die erste Stufe hatte Euroweb durchaus „etwas gebracht“. Und Stufe zwei? Nur noch ein Scherbenhaufen!
„Ich wollte doch nur das Feuer löschen, bevor Qualm aufsteigt…!“
Schon klar, Sie möchten das Feuerchen austreten, so lange es noch klein und überschaubar ist. Aber passen Sie auf, wo Sie hintrampeln! Könnte sein, dass Sie es gerade erst entfachen, wenn Sie richtig Wind machen. Gestern war Euroweb ein Name, der in einem Forum genannt wurde. Heute früh kennt in die ganze Blogosphäre, und zwar in einem negativen Kontext. Es genügt nicht, dass Sie Recht haben (wenn Sie Recht haben). Viel wichtiger ist, ob Ihr Unternehmen eine gute Figur in dem Spiel macht. Die Wahrung Ihrer Rechte ist wichtig (wo kämen wir sonst hin), aber eine souveräne Außendarstellung ist mindestens ebenso wichtig.
„Aber ich bin doch im Recht…!“
Ich kann nicht beurteilen ob Sie im Recht sind. Insofern rate ich Ihnen tatsächlich einen Anwalt aufzusuchen und sich beraten zu lassen. Aber ich rate Ihnen auch: Überlegen Sie es sich gut, ob Sie Ihr vermeintliches Recht sofort mit der Androhung juristischer Schritte durchsetzen müssen. Es genügt nicht, Recht zu haben. Es genügt nicht einmal, vor Gericht Recht zu bekommen. Entscheidend ist, ob es Ihnen gelingt, das auch zu vermitteln. Denn das war es doch, was Sie wollten: Menschen erreichen. Missverständnisse und falsche Interpretationen ausräumen. Menschen von Ihrer Sicht der Dinge überzeugen. Kommunikation eben.
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19 Kommentare
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- Roland Kühl-v.Puttkamer: Hey Boogie, ja Fourtrack wird auch noch gefeatured hier. Klar. Gehört zum Westentaschenstudio absolut dazu.
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Am 20. März 2006 um 10:36 Uhr
Da sagt noch mal jemand, dass die gesamte Blogosphäre nur drauf haut, wenn wer einen PR Gau hinlegt. Ich hoffe, diejenigen, die sich angesprochen fühlen, wissen auch, dass hier völlig kostenlos gute Kommunikationsberatung angeboten wird.
Ich bin beeindruckt.
Weasel out…
Am 20. März 2006 um 12:18 Uhr
dito!
sehr schön!
Am 20. März 2006 um 12:48 Uhr
Meinungsfreiheit: Grenzen und Chancen (Update)Einen wirklich lesenswerten Kommentar zu den aktuell durchs Netz schwappenden Abmahnungen (siehe auch Heise-Urteil: Erste Nutzniesser der vermuteten Forenhaftung (Update)) und Abmahnversuchen (siehe auch jensscholz.com) kann (und sollte) man bei Ud…
Am 20. März 2006 um 13:49 Uhr
Sehr schön ausgeführt!
Ich durfte selber von einigen Monaten erleben, was es heisst, wegen User-Kommentaren auf einer von mir betriebenen Seite abgemahnt und vors Landgericht “gezerrt” zu werden. Andere Firmen haben mich angerufen oder eine E-Mail gesendet, wenn Kommentatoren über die Stränge schlugen. Firma X aber meinte es besser zu wissen und direkt mit der Keule zu drohen. Sie haben ihre Klage letztendlich auf Anraten des Richters in letzter Minute zurückgezogen.
Eine Verständigung auf Augenhöhe hätte allen Beteiligten wohl viel Stress erspart und Firma X eine Menge Geld und viel negative Puublicity.
Vielleicht lernen die Unternehmen ja irgendwann doch, dass Marketing und Kommunikation zusammengehören wie ein linker und rechter Schuh – auf einem Bein steht man eben nicht gut. In diesem Sinne nochmal herzlichen Dank für den informativen Artikel!
Am 20. März 2006 um 14:16 Uhr
Meinungsfreiheit vs. AnwaltsdrohungHier hat mal einer das Dilemma, dem sich immer mehr private Webautoren und Betreiber von Kommunikationsplattformen im Internet seit einiger Zeit ausgesetzt sehen, auf den Punkt gebracht – Thomas Knüwer vom Handelsblatt Weblog* : Beim normalen Bürger…
Am 20. März 2006 um 15:04 Uhr
Marketing mit der Abmahn-KeuleNicht zuletzt nach dem lesenswerten Artikel BEDROHTE BLOGGER von RA Udo Vetter, rückt die derzeitige Abmahnwelle wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Der Werbeblogger beleuchtet die Problematik rein aus Marketing-Aspekten und empfiehlt:
…
Am 20. März 2006 um 18:49 Uhr
Euroweb ist geil!Eigentlich wollte ich dazu ja nichts zu schreiben, aber bei dieser Anmoderation konnte ich nicht anders. Da surft man so durchs Internet und entdeckt was die Firma Euroweb Internet GmbH so auf dem Kasten hat (Hut ab, einfach eine Klasse für sich). Wie…
Am 20. März 2006 um 19:32 Uhr
Der Trackback oben ist von mir
Am 21. März 2006 um 00:07 Uhr
Meinungsfreiheit verteidigenUnd nicht einfach von einer Abmahnung einschüchtern lassen. Denn die gute Idee mit den Abmahnungen kann und wird auch immer öfter missbraucht… Muss ja nicht immer der Abmahner recht haben, nur weil er den dickeren Geldbeutel hat und auch noch sauer i…
Am 21. März 2006 um 00:46 Uhr
Euroweb bei Technorati auf Platz 2
Erst kürzlich hatte ich etwas zum Thema Euroweb und Meinungsfreiheit geschrieben.
Ohne jetzt auf die juristischen Details eingehen zu wollen (hierfür empfehle ich diese Lektüre, vor allem mit dieser Fortsetzung), am Ende stand:
Die abschließend…
Am 21. März 2006 um 02:57 Uhr
Viele viele Tacken für was?Via FIMBR fand ich “powered by euroweb”, zwischendrin eine Preiskritik gelesen und die Frage Marketingtool Abmahnung? aufgeschnappt. Zu mehr war keine Zeit. Hätte ja große Lust, eine Umfrage unter Freelancern zu starten, die zeigt, was man …
Am 23. März 2006 um 12:11 Uhr
Business Blogoskop (1)Ab sofort werde ich mehr oder weniger regelmäßig im Blogoskop einen Überblick über die Diskussionen geben, in der sich Blogger und Medien mit Business-Themen auseinandersetzen, die einen Bezug zu Marketig- und PR-Themen haben. Darüber hinaus dient…
Am 25. März 2006 um 11:35 Uhr
Abmahnschreiben treiben neue alte BlütenWährend die juristische Bemängelung der Verwendung von Wörtern in redaktionellen Beiträgen eine noch relativ junge Masche ist, sind Abmahnungen von mehr oder weniger professionell formulierten Kritiken so alt wie es Publikationen gibt. Nur mit dem …
Am 28. März 2006 um 09:25 Uhr
Lass uns drüber reden…Andreas hatte hierzu vor gar nicht so langer Zeit eine absolut kostenfreie Hilfe zusammengestellt. Eine kleine Liste, wie es gehen könnte, vielleicht auch sollte.
Manch einer der befäusteten Kraftargumentatoren der Schulzeit bemitleidete die “Lass uns…
Am 29. März 2006 um 22:09 Uhr
Jetzt macht doch endlich Schluss damit!Ich habe mich aus dem Konflikt Transparency International vs. Moni bislang heraus gehalten. Wie Thomas Knüwer hatte ich in den letzten Tagen eher wenig Zeit zum bloggen und Neues beizutragen hatte ich ebenfalls nicht.
Jetzt wo es offenbar erneut e…
Am 30. März 2006 um 11:16 Uhr
Doch noch die Kurve gekriegtIch habe mich gerade sehr gefreut zu lesen, dass Moni die Gedankenträgerin* und Transparency International – Deutschland schließlich doch noch zu einer Einigung* gefunden haben, ohne die Gerichte zu bemühen. Und Transparency fürs nächste mal: Bei…
Am 17. April 2006 um 20:58 Uhr
Meinung muß man sich auch leisten können…Das allseits beliebte law blog fasst zusammen, was bzw. wie Blogger schreiben sollten um Abmahnungen aus dem Weg zu gehen. Was der gute Herr Vetter leider nicht anführt: Es kann der friedlichste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gef
Am 30. April 2006 um 16:24 Uhr
PC-Mamis Vor einigen Tagen bin ich von einer Bekannten auf ein Projekt des IT-Weiterbildungsunternehmens PC-College aufmerksam gemacht worden. Das Projekt heißt “PC-Mamis” und will arbeitslosen Müttern kostenlos Seminare rund um PC-Anwendungen, v…
Am 10. August 2007 um 09:12 Uhr
[...] Geschichte nicht ganz erkannt. Denn heute morgen las ich beim Werbeblogger etwas über das „Marketingtool Abmahnung?“ und gerade eben beim lawblog, dass Udo Vetter für Jens Scholz – ein Blog, den ich noch aus [...]