07.03.06
20:44 Uhr

Das Evangelium. Die Kirche. Und ich.

Ich wollte es mir für einen verregneten Sonntagnachmittag aufheben, die folgenen Gedanken für mich ein wenig zu sortieren. Aber nun hat Bernd dieses über Edelman geschrieben.

Eben noch traf sich eine Handvoll angesehener Blogger in Hamburg beim Vortrag des Cluetrain-Mitautors David Weinberger. Eingeladen hatte den Meister die PR-Agentur Edelman.

Heute schreibt die New York Times, wie die US-Dependance der gleichen Agentur die Bloggerszene nutzt, um PR-Meldungen für Wal-Mart zu verbreiten. Dumm nur, dass die mit E-Mails bedachten Blogger den ehernen Bloggergrundsatz “bei Zitaten seine Quelle zu nennen”, nicht beherzigten und mit “Ausschneiden und Einfügen” den Text aus den PR-Meldungen als ihren ausgaben.

Dann will ich mal anfangen. Es ist 19.00 Uhr, jenseits der üblichen Bürozeiten. Ich werde nicht analysieren. Ich werde von meiner ganz persönlichen Befindlichkeit reden. Am Ende werdet Ihr wissen, warum aus mir nie ein Business Blogger wird. Das heißt: wenn Ihr meinen verschwurbelten Gedanken überhaupt so lange folgen mögt.

Ich bin kein Kongress- und Tagungsgänger. Ich meide Veranstaltungen von Gurus, Trotzdem habe ich mich über Björns Einladung nach Hamburg außerordentlich gefreut. Leider war ich verhindert. Aber Weinberger wäre einer der wenigen gewesen, die ich wirklich gerne live erlebt hätte. Warum? Weil ich Texter bin. Und weil für mich ein Faszinosum des Cluetrain-Manifests aus seiner Sprache kommt. Eine mitreißende Sprache. Emphatisch. Humorvoll. Teilweise hingerotzt. Ich weiß, dass Sprache lügen kann. Aber für mich lügt das Cluetrain-Manifest nicht. Und nach allem, was ich über Hamburg gelesen habe, ist Weinberger vom dem Schlag, dem ich gerne zuhöre. Dem ich über den Weg traue.

Doch der Mensch lebt nicht von der Reinheit des Evangeliums allein. Spätestens wenn Kirchen gebaut werden, geht es um Pfründe. Ein Markt tut sich auf, und die Klügeren unter den Marketing-Schlipsträgern haben es bemerkt. Jetzt malen sie ihre Bubbles auf 360-Grad-Schlachtenpanoramen. Nicht nur die Old-School-Marketer von O & M haben das Neuland längst gerochen und wollen die neuen Galaxien zum Zeichen der Eroberung am liebsten gleich mit ihren Flaggen spicken. Ihr gutes Recht. Ihr Job. Ihr Kampf ums Überleben.

Ginge es doch nur um schwarz und weiß. Aber es geht wie immer um die Abstufungen. Wie sagte Rick Murray von Edelmann im Interview bei Patrick:

We don’t buy bloggers; rather, we try to hire smart, passionate people who are relentlessly committed to advancing the cause of what we call the Me2Revolution.

We don’t buy Bloggers. Das kann man glauben oder nicht. Im Falle von Rubel möchte man hoffen, dass er seine geistige Unabhängigkeit bewahren wird. Aber was mich wirklich stört an Sätzen wie diesen, ist die Sprache. Das Branding. Die Me2Revolution. Ehrlich gesagt: Für mich ist Me2Revolution keinen Deut origineller, als wenn Herr von Matt über Blogs als Ich-TZs schwadroniert. Mein Alarmsystem sagt mir: Prägnante Formulierungen sind fein, aber pass auf, wenn einer anfängt in Brandnamen zu reden. Me2Revolution – das ist der Punkt, wo ich mich ausklinke. Mag der Gedanke dahinter richtig oder falsch sein. Ich mag die Sprache nicht. Es ist die Sprache, die Brands aufbaut, die Claims absteckt, Pfründe verteilt. Es ist für mich nicht die Sprache des Cluetrain-Manifests. Es ist Old-School, die sich das Schafsmäntelchen übergezogen, aber noch nicht genug Kreide gefressen hat, um mich wirklich zu täuschen. An ihrer Sprache sollst du sie erkennen.

Bleiben wir bei Befindlichkeiten. Ich kann den Punkt, an dem es für mich kippt, sogar in Bewegtbildern zeigen. Vor einiger Zeit verlinkte ich hier ein paar Videos von Forrester Research. Unter anderem mit einem 8-Minuten-Schnipsel von Chris Charron: “Innovating In A Consumer Driven World”. Ich könnte mich jetzt klug googlen, aber geschenkt: Ich kenne Chris Charron nicht. Seine Erscheinung und seine Redeweise lassen bei mir nicht gerade Sympathie auf den ersten Blick aufkommen. Dann lasse ich ihn reden. Und minutenlang muss ich mit dem Kopf nicken. Alles richtig, was er sagt. Die Kunden hören uns nicht mehr zu, sie sind unabhängiger als je zuvor, klüger als wir denken. Alles richtig, alles fein. Aber irgendwann nach vier Minuten der Moment der alles verrät. Wie ein Prediger fährt der Mann seine Arme aus, und mehrfach hintereinander fällt ein Wort: „We have to embrace… embrace…“

Genug gesagt. Umarmen. Erdrücken. Umschlingen, den Inhalt aussaugen und die Larve als Mäntelchen durch die Gegend tragen.

Cluetrain, das wäre die kopernikanische Wende. Aber wer von denen, die jetzt mit Charts und Beamern auf den Plan treten, will diese kopernikanische Wende wirklich? Wer kann sie sich leisten? Dem Kunden zuhören? Wo es so viel einfacher ist, ihn zu manipulieren, immer noch! Macht abgeben an den Kunden? Und das Vorstandszimmer nebst Dienst-BMW gleich dazu? Auf Augenhöhe kommunizieren? So lange es nicht wehtut vielleicht!

Die Revolution findet nicht statt. Jedenfalls nicht von oben. Aber der Druck von unten, von ein paar klugen Kunden und jungen, hungrigen Marketern, kann dafür sorgen, dass sich die Graustufen ein wenig aufhellen. Ein wenig. Langsam. Vielleicht. Und Blogger können ein Teil davon sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei Edelman einige gibt, die es ernst meinen. Auch in den oberen Etagen. Wenn Gerold schreibt, dass dort eine Kultur des Teilens gepflegt wird, ist das der richtige Anfang. Bei O & M fällt es mir schon schwerer, mir auch nur eine reine Seele vorzustellen. Und der Rest der Big Player?

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Was soll’s. Keine Analyse. Persönliche Befindlichkeit wie gesagt.

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7 Kommentare

  1. Catweasel

    Gar nicht schön, das mit Wal-Mart. Schöner dagegen, mein ganz persönlicher Kinotip:
    walmartmovie.com/

    Weasel out…

  2. Bjoern Hasse

    Wal-Mart, Edelman und die Blogger[...] Um das Bild zu vervollständigen:
    Auch Andreas schreibt – durchaus kritisch, aber ebenso lesenswert wie immer (ist das ein Pitch?) – über den NYT-Artikel.

  3. Gerold Braun

    @Andreas: “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.”

    Man ist gar nicht auf den Glauben angewiesen, Andreas, wenn man genau hingucken darf. Und genau das macht Edelman, die lassen sich “anfassen”.

    Natürlich ist Edelman, als große Organisation mit traditionellem PR-Handwerk bestens vertraut, trotz all der Aufmerksamkeit und Beteiligung an der Blogosphäre, immer noch eine “große Organisation”. Es braucht seine Zeit, oder die schwarz-grau-weiß- Entwicklung, bis sich Änderung vollzieht. Selbst wenn der CEO begeisterter Blogger ist – man kann nicht einfach den Schalter umlegen und schon wird alles genau so gemacht, wie es im Cluetrain-Manifest steht.

    Auch wenn ich die Wal-Mart-Geschichte nicht ganz verstehe (was genau ist da schief gelaufen?): Shit happens. Entscheidend ist, was Edelman damit nun macht, sprich: Welche Lehren die daraus ziehen und wie sie uns, der Öffentlichkeit, darüber berichten. Und was ich da sehe (Björn Hasse, Phil Gomez, Richard Edelman) bestätigt nur das tolle Bild vom Unternehmen Edelman, das ich mir bisher gemacht habe.

  4. Andreas Rodenheber

    > man kann nicht einfach den Schalter
    > umlegen und schon wird alles genau so
    > gemacht, wie es im Cluetrain-Manifest
    > steht.

    Natürlich wäre es naiv, das zu glauben.

    In meinen Augen gibt es keinen “Fall Edelman”. Die machen einfach ihren Job. Sie haben einiges früher kapiert als manche Kollegen. Und sie versuchen es auf ihre Art umzusetzen.

    Wird spannend sein, zu sehen, wie schnell sie weiter lernen werden, was funktioniert, was unter Bloggern “sozial akzeptiert” wird und was in die Hosen geht.

    Meinetwegen sollen sie aus dem Open-Source-Gedanken Cluetrain einen Closed-Source-Gedanken Me2Revolution machen und ihn für gutes Geld an ihre zahlende Kundschaft verkaufen. Es gibt heute noch Kunden, die sich von Agenturen Webpräsenzen verkaufen lassen, die eigentlich eine Bit gewordene Unternehmensbroschüre sind. Es wird auch genug Kunden geben, die sich für teuer Geld den 360-Grad-Vollwaschgang aus dem Hause O & M verkaufen lassen. Bitte, danke, gern geschehen.

    Was ich mir selbst jeden Morgen wieder als gelben Zettel an den Spiegel stecken muss, weil ich es sonst vergesse: Wie der Hammer die Welt als Nagel betrachtet, betrachtet der Marketer die Welt als seine Toolbox.

    Des Marketers Fragen an die Welt:
    Sind Blogs ein gutes Tool? Dann her damit!
    Ist Cluetrain ein gutes Tool? Dann her damit!
    Ist es ein gutes Tool mit dem CEO von xy Golf zu spielen? Dann her mit dem Schläger!
    Kann man Blogs kaufen? Dann her damit!
    Kann man Cluetrain kaufen? Dann her damit!
    Kann man einen Golfschläger kaufen, mit dem man auf x Yard ein one-in-hole spielt? Dann her damit!

    Und übrigens: Wenn ich mir das PDF-Dokument mit den Mails von Marshall Manson anschaue ( blogwriteforceos.com... ), dann wurde ein wirklich lächerlicher Preis für den “Kauf” gezahlt. Nämlich Bauchpinselei und Eierschaukeln:

    “Just wanted you to know that your post (…) taking notice of “Why Wal-Mart Works” was noticed here and at the corporate headquarters in Bentonville.”

    Es gibt überall Leute, die auf so was anspringen. Auch unter Bloggern. (Und es werden mehr Blogger hinzukommen, die für diese Anfälligkeit einen Gendefekt haben.)

    So gesehen für mich eher “ein Fall Blogger” als ein “Fall Edelman”.

  5. Björn Hasse

    Andreas, ja, vieles kann und muss man in Frage stellen. Vieles kann und muss man kritisieren. Oder zumindest in Frage stellen und kritisieren können.
    Ich gehe durchaus mit Dir konform, dass der “Preis, der bezahlt wurde” kein hoher ist, aber m.E. noch immer kein falscher. Denn ob man es “Eierschaukeln” oder persönliche Ansprache, “Bauchpinseln” oder Smalltalk nennt, die Kontaktaufnahme ist eine persönliche. Mich an dem ersten Satz festzuhalten kommt mir vor, als ob ich über die besten Flirt- und Anmachsprüche lese, inkl. Kommentar: “Also DER Spruch geht doch gar nicht! Der hat Dich mit ‘Hast Du Feuer?’ angelabert?”
    Aber wie beim Flirt bleibt es – aus maskuliner Sicht – doch der Lady überlassen, mir ein kühnes “Schwirr ab!” entgegenzuschleudern, oder?

    “Meinetwegen sollen sie aus dem Open-Source-Gedanken Cluetrain einen Closed-Source-Gedanken Me2Revolution machen und ihn für gutes Geld an ihre zahlende Kundschaft verkaufen.”

    Wir verkaufen keine Open-Source-Gedanken. Wir verkaufen, wie jeder Werber und Marketer Zeit. Die Zeit, die wir dafür investieren, für den Kunden etwas zu produzieren oder zu unternehmen, respektive – hier: den Kunden zu beraten.

    Richtig, vielleicht haben wir “einiges früher kapiert als manche Kollegen”, aber wir wissen sicherlich nicht alles. Wir sehen zu, wir lernen – ich hoffe und denke: auch hier.
    Sinnvoll beraten können wir nur, wenn wir verstehen.

  6. Andreas Rodenheber

    @ Björn

    Ich würde sagen, der Spruch war in diesem Fall
    “Sie haben wahnsinnig interessante Augen. Meine Freunde und ich fragen uns, ob Sie wohl Model sind?”
    Wenn man Blogger damit ins Bett kriegt, sind Blogger halt auch nicht mehr das, was sie vermutlich nie waren.

    “Wir verkaufen Zeit”
    Und Marken. Me2Revolution würde ich euch nicht abkaufen. Aber es werden genug Käufer kommen, da bin ich ganz sicher :-)

  7. Björn Hasse

    @ Andreas

    “Und Marken”
    Gut, wenn sich unsere Beratungsleistung schon branden lässt, dann verkaufen wir auch Marken.

    “interessante Augen”
    Ich dachte mehr an sowas wie “Sie sind doch der Werbeblogger! Wir haben uns gefragt, ob Sie sich für Werbung interessieren. Da haben wir Ihnen mal was mitgebracht, das hatten wir zufällig dabei.”

    Spaß beiseite: “was sie vermutlich nie waren” – traurig.

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
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