13.02.06
06:00 Uhr

Kennt ihr Total Loyalty Marketing?

Stellt euch folgendes Szenario vor:

Zwei Unternehmen. Beide verkaufen die gleichen Produkte.

Die Manager von Unternehmen A setzen auf konventionelles Marketing mit straffer Preispolitik und aggressiver Schweinebauch-Handelswerbung mit allem was dazu gehört (inklusive Sternchentexte, Lockangebote und Ramschwaren). Die innere Struktur des Unternehmens ist klassisch hierarchisch aufgebaut, der Chef hat hier das absolute Sagen, die Mitarbeiter bekommen nur die Unternehmensinformationen, die man aus der Führungsetage als wichtig erachtet. Große Veränderungen innerhalb des Unternehmens erfahren die meisten Mitarbeiter als erstes über die Presse. Mitarbeitermotivation wird im Zuge von Betriebsfeiern statisch abgehandelt. Die Wertschätzung der Mitarbeiter erfolgt ausschliesslich über distanzierte Ansprachen, dem Gehalt oder ausbleibende Rüffel. (Anm. der Redaktion: Mein Schwiegervater sagt da immer so schön: Nicht geschimpft, ist gelobt genug!) Die Kunden werden als Schafe gesehen, die mit Marketingmaßnahmen und deftiger Preispolitik schon in den Stall zum scheren getrieben werden. Dementsprechend wird innerhalb des Unternehmens auch über die Kundschaft kommuniziert. Über die “identitätslose Konkurrenz” macht man sich lustig, aber gleichzeitig kopiert und übertrifft man deren Angebote in letzter Sekunde mit Schnellschussaktionen. Die externe Kommunikation spiegelt die interne Kommunikation 1:1 wieder.

Die Manager von Unternehmen B haben sich intensiv mit Total Loyal Marketing beschäftigt. Ihre Devise lautet: Nur wer gerne für bzw. mit uns arbeitet, kann auch potentielle Kunden leidenschaftlich von unseren Leistungen überzeugen. Das wichtigste Gut des Unternehmens B sind die Angestellten, denn es sind diejenigen, die täglich mit den Menschen da draußen reden und somit das Unternehmen nach außen repräsentieren. Sie verkaufen also auch außerhalb der Geschäftszeiten die Waren. Dies ist der Grund wieso die interne Kommunikation die höchste Priorität erhält. Täglich berichten verschiedene Führungskräfte von Erfolgen und Misserfolgen über das Intranet oder über das Firmeneigene Weblog. Leistungen einzelner Mitarbeiter werden darin oft gesondert erwähnt und besonders hervorgehoben. Aber auch der persönliche Kontakt wird dabei nicht vernachlässigt. Alle Angestellten werden weitgehend in anstehende Entscheidungsprozesse miteinbezogen, sie werden oft um ihre Meinung gefragt, ohne dafür bewertet zu werden. Das Unternehmen ist darauf bedacht, dass von der Putzfrau bis zur oberen Führungskraft, jeder die meiste Zeit seines Lebens in den Räumlichkeiten des Unternehmens B so angenehm wie möglich verbringt. Das Unternehmen schätzt die geopferte Lebenszeit ihrer Angestellten. Die Kunden des Unternehmens B kaufen gerne dort ein, denn sie wissen, dass sie sich auf unsere Mitarbeiter voll verlassen können, auch wirken die Räume frischer, sauberer und einfach schöner. Auch wenn eine Ware mal nicht so ganz in Ordung ist, erhalten sie zumindestens umgehend eine Lösung des Problems. Was die Konkurrenz an Rabatten bietet ist dem Unternehmen eigentlich gleichgültig. Sowohl Kunden wie auch Angestellte sind Unternehmen B total loyal und empfehlen dieses bei jeder Gelegenheit ihren Freunden, Bekannten und Kollegen weiter. Die externe Kommunikation spiegelt die interne Kommunikation 1:1 wieder.

Funktioniert Total Loyalty Marketing wirklich in der Praxis oder ist das wieder einer der “Witzbücher” die Dietrich Dörner in brand eins 1/2006 so treffend beschrieben hat? Lesenswert ist es allemal.

Ich freue mich sehr auf eure spannenden Beiträge.

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6 Kommentare

  1. Andreas Rodenheber

    Noch nicht gelesen. Aber ich hab schon mal ein profundes Missbehagen gegenüber allem, was mit “total” beginnt…

  2. Thomas Wanhoff

    Natürlich ist das idealistisch. Und natürlich ist es richtig. Das Problem ist: Controller können die Kosten für eine Werbeanzeige dem verkauften Produkt gegenüberstellen, machen eine tolle Präsentation draus und zeigen der Geschäftsleitung, wieviel Profit das bringt. Interne Kommunikation lässt sich so nicht aufs Produkt, das man verkauft, umrechnen. Und deshalb zögern so viele. Dass ein unzufriedener Mitarbeiter, der meist in der klassischen Hierarchie ja für faktisch dumm gehalten wird, immer weniger Qualität abliefert, und dass das natürlich Auswirkungen hat, weil er dadurch auch keine Verbesserungen anbringt, ist ebenso wenig in Zahlen greifbar und wird deshalb lieber negiert. Die meisten Firmen sind eben Typ A, und sagen sich, “Wir verdienen doch gutes Geld. Wo ist das Problem?”.

  3. Chris

    schöne sache das.
    damits aber in schwierigen zeiten wirklich funktioniert brauchts nach Open Book Management und the Great Game of Business.

    http://www.ggob.com/

  4. Tobi

    Natürlich würde ich als Angestellter lieber im Unternehmen B arbeiten. Die Frage ist aber, ob in Rahmen der heutigen “Geiz ist geil” Menthalität die Kunden auch mitziehen, sprich trotz höherer Preise bei Unternehmen B kaufen…

  5. Patrick Breitenbach

    @Tobi:
    Das Prinzip von Unternehmen B löst sich ja gerade von der Preispolitik – laut Theorie natürlich! Funktioniert sicher nicht auf alle Produkte, aber ich denke der Geiz-Trend ist sowieso am abflauen.

  6. Anne M. Schüller

    Funktioniert Total Loyalty Marketing? Das war eine Frage aus 2006.

    Entwickelt wurde das Modell ja schon 2002. Heute läßt sich sagen: Die allerwenigsten Unternehmen haben bislang ihre selbstzentrierte Sichtweise aufgegeben und sich voll und ganz dem Kunden zugewandt. Und die wenigsten Unternehmen bieten den Mitarbeitern ein Umfeld, dass es ihnen ermöglicht, Kunden zu begeistern. Man frage Mitarbeiter, man frage Kunden, man lese einschlägige Studien – oder den Wirtschaftsteil: Dort ist das Wort Kunde quasi inexistent.

    Total Loyalty Marketing stellt genau die Sichtweise vor, die (erst!) jetzt unter dem Schlagwort Marketing 2.0 die Unternehmen erreicht und von der Online-Szene gefeiert wird: nicht mehr mit Kurzzeitdenke und Kostenbrille vom Unternehmen her auf den Kunden zu blicken (4P), sondern vom Kunden her zu denken und zu handeln (5K), um seine freiwillige, dauerhafte Loyalität zu erreichen. Erst seit kurzem, nämlich dank der Web 2.0-Technologien, hat der Kunde auch die Möglichkeit, dies einzufordern. Und das wird er gnadenlos tun.

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