18:18 Uhr
Gottes Werk und Werbers Beitrag
DAS VORSPIEL
„Nein, HERR.“ Petrus zuckte leicht mit den Schultern. „Wir haben keine Werber hier oben. Selbst die wohlgefälligsten von ihnen befinden sich noch auf Jahre hinaus im Fegefeuer. Aber wenn ihr Bilder braucht, könnte ich Meister Michelangelo empfehlen. Er hat zuletzt die Sixtinische Kapelle für uns… Wirklich sehr gute Erfahrungen. Und einen Soundtrack könnte Johann Sebastian Bach… Beide wohnen gleich hier auf einer der vorderen Wolken…“
Der HERR runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich an Michelangelo. Ich habe ihm Modell gesessen. Aber Simon Petrus, die Lage ist ernster, als du denkst. Ich brauche keine Künstler, ich brauche Vollblutwerber. Willst du mir etwa sagen, dass wir von hier oben aus derzeit überhaupt keine professionelle Kommunikation machen?“
„HERR, wir haben uns vor langer Zeit für den sanften Weg entschieden. Wir wirken über unsere himmlischen Mentoren auf ausgewählte Werber auf der Erde ein.“
„Welche Mentoren?“ Der HERR wurde langsam ungeduldig.
Petrus bemühte sich, schneller auf den Punkt zu kommen. „Also, da haben wir den Heiligen Christopherus, den Schutzpatron der Reisenden und der Kontakter. Ihr versteht schon: Immer auf Achse, immer nah am Kunden…“
Der HERR trommelte mit seinen Knöcheln auf der Tischplatte herum. Es gab ein Geräusch wie fernen Donner.
„Fürs Design ist der Heilige Martin von Tours zuständig. Er hat seinen Mantel mit einem Bettler geteilt und damit ein großartiges visuelles Zeichen gesetzt. Einleuchtend, nicht?“
Der HERR unterbrach das Trommeln und hörte aufmerksamer zu. „Und die Copywriter?“
Petrus holte tief Luft. „Die inspirieren wir wenn nötig durch den Heiligen Sebastianus. Den vielleicht größten aller Märtyrer. Übersät von Pfeilen. Seine Haut sieht aus wie eine Copy, an der sich einen Nachmittag lang eine Meute wild gewordener Produktmanager wie von Sinnen festgebissen hat. Blutrot. Zerrissen. Entehrt.“
Der HERR seufzte versonnen. „Sebastianus! Wohl kaum ein Irdischer hat mich so geliebt wie er. Wie grausam hat er sich für mich zermartern lassen!“
Petrus nickte erleichtert und fuhr fort. „Ihr seht, es hat alles seinen tiefern Sinn. Dann haben wir natürlich noch den Heiligen Geist, der bei Bedarf die PR-Leute beseelt. Weiße Tauben. Feuerzungen in allen Sprachen. Und das Eventmanagement haben wir vertrauensvoll in die Hände eures eingeborenen Sohnes gelegt. Reden auf öffentlichen Plätzen, Speisungen, Heilungen, kleine Wunder.“
Der HERR schlug mit der Fast auf den Tisch. „Ich will alle sehen. Heute noch. Im kleinen Konfi auf Cumulus 7. Und nicht eindecken lassen. Kein Kaffee. Keine Schnittchen. Keine Drogen!“
DAS KICK OFF MEETING
„Was dort unten fehlt, ist einfach der Mannschaftsgeist. Und das nicht erst seit heute. Seitdem sie denken können, schlagen sie sich gegenseitig die Schädel ein. Fallen übereinander her. Zetteln Kriege an. Einer beutet den anderen aus.“ Der HERR redete sich in Rage. „Es muss doch möglich sein, ihnen zu zeigen, dass es besser für sie ist, wenn sie alle an einem Strang ziehen!?“
„Eine Social Campaign also…“ stieß der Heilige Martin halblaut hervor.
„Nennt es, wie ihr wollt!“ Der HERR schlug mit der Faust auf den Tisch. „Aber ich will große Bilder. Emotionen. Andacht.“
Der Heilige Christopherus klappte geräuschvoll seinen Filofax auf. „Ich schlage vor, wir starten in einem Testmarkt. Erst mal in einem klar umrissenen Gebiet Erfahrungen sammeln. Und dann die ganze Welt.“
Petrus pfiff gedankenverloren durch die Zähne: „Deutschland!“
Der HERR stutzte kurz. „Deutschland? Sind das nicht die, die gerade ein Problem mit meinem Doppelgänger aus der islamischen Abteilung haben?“
Petrus hüstelte verlegen. „Nein, HERR, das sind die Dänen. Die Deutschen liegen gleich nebenan. Und sie sind Papst.“
„Ah!“ Der HERR zog interessiert die Augenbraue hoch. „Papa Ratzi. Guter Mann. Gute Leute. Könnte mein neues erwähltes Volk werden. Lasst uns das mit dem Testmarkt genau dort durchziehen.“ Er hielt einen Moment inne. „Aber war da nicht kürzlich was? Ich meine mich an so etwas zu erinnern: ‚Du bist Deutschland’ oder so ähnlich…?“
„Ja, HERR!“ Der Heilige Geist sprang eilfertig auf und blickte stolz in die Runde. „Hab ich ganz allein durchgezogen mit ein paar guten Leuten da unten. Eingebung auf der Toilette. Alles pro bono. Hat uns keinen Cent gekostet!“
Der HERR warf ihm einen resignierten Blick zu. „Jetzt weiß ich, warum es noch nie ein Werber nach hier oben geschafft hat!“ Er machte eine lange Pause und fuhr sich erschöpft über die Augen. „Also gehet hin in Frieden und macht eine Kampagne, die den Menschen ein Zeichen und mir wohlgefällig ist.“
Sebastianus räusperte sich. „Chef, bevor wir gehen, bräuchten wir aber noch ein etwas konkreteres Briefing. Zielgruppe, Kernbotschaften und all diese Rahmendaten…!?“
Der HERR stand so abrupt auf, dass sein Stuhl heftig auf der Wolke entlang kratzte. Es gab ein unschönes Geräusch. „Morgen“, sagte er müde, „Morgen früh schriftlich in eurer Himmlischen Mailbox.“
DAS BRIFING
From: JHWH
To: Hl. Petrus the Rock.
CC: Jesus v. Nazareth, Hl. Geist, Hl. Sebastianus, Hl. Christopherus, Hl. Martin von Tours
Subject: Spread the Word!Moin,
also, wie schon gesagt.
Zielgruppe:
Deutschland. Alle Menschen, die guten Willens sind.Ziel:
Ende mit der Rumjammerei. Teamgeist wecken. Aktivierung für die gute Sache.Benefit:
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir dein Stecken und Stab trösten mich.Reason why:
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Strasse um seines Namens Willen.Timing:
Konzeptpräsentation mit Bildideen (Scrap) und Headlines (Copy blind) Anfang 7. KWKeine Ausreden. Keine Halbheiten. Kein Wenn und Aber.
gez.
JHWH
nach Diktat verreist
DIE PRÄSENTATION
Petrus verdunkelte den Konfi mit einer Regenwolke und knipste den Beamer an. „HERR, wir haben mit Hochdruck gearbeitet…“
Der HERR winkte unwirsch mit der Hand. „Keine langen Vorreden. Und was sind das für eigenartige T-Shirts, die ihr da tragt? Sind euch die himmlischen Gewänder ausgegangen?“
Sebastianus stand auf und schritt beherzt zum Beamer. „Nein, HERR, das ist unser Welcome-T-Shirt. Für das größte Nationalteam aller Zeiten. Hier ist die Kampagne dazu. Und ihr müsst euch im Hintergrund einen geradezu überirdisch reinen, klaren Choral vorstellen, etwa so (er begann zu summen): Aaaaaa-aaaaaa-aajaaa-aaahaaa!
Der HERR sank in sich zusammen. Für einen Moment schien das Universum stillzustehen. Nur das immerwährende Ächzen der nächsten Sterne in ihren himmlischen Grundfesten war leise zu hören. Dann flüsterte der HERR mit zitternder Stimme: „Meinetwegen, dann eben mal wieder eine Lichterkette!“
32 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 13. Februar 2006 um 18:52 Uhr
hehe – ich bin nicht papst und nicht deutschland – aber ein t-com trikot werde ich mir erst recht nicht kaufen
Am 13. Februar 2006 um 18:59 Uhr
Eine göttliche Komödie! WELTKLASSE!
Am 13. Februar 2006 um 19:56 Uhr
klasse einfach himmlisch
PS: das hier hat wohl die komplizierteste kommentarfunktion die ich kenne, kein reload des sicherheitscodes und urls funktionieren auch nicht, egal welche formatierung
Am 13. Februar 2006 um 20:23 Uhr
Heillige Pepperoni! Wunderbar!
Am 13. Februar 2006 um 20:49 Uhr
@Conrad: Für nen Kommentar hat es aber wohl gereicht! ;-)
Am 13. Februar 2006 um 21:26 Uhr
Kurz, knapp, präzise: GENIAL!!!
Danke!
Am 13. Februar 2006 um 21:43 Uhr
Wahnsinn! Andreas wird wohl der erste von uns Werbern im Himmel sein :-) Vielleicht kannst du ein gutes Wort für uns einlegen.
Am 14. Februar 2006 um 00:12 Uhr
SUPA :-)
Am 14. Februar 2006 um 12:42 Uhr
Dein Schreiben und Tun trösten mich.
Um Gottes Willen einfach genial, Andreas!
Am 14. Februar 2006 um 13:09 Uhr
Kleiner Hinweis: Michelangelos Model war nicht der HERR, sondern Zeus! Deswegen hat er auch so einen langen Bart.
Im übrigen finde ich Blasphemie inzwischen richtig langweilig, uncool und unoriginell. Da werden schon seit Jahrhunderten offene Türen eingerannt. Zumindest in Europa.
Am 14. Februar 2006 um 13:17 Uhr
@siegfried:
hmm… wusste gar nicht dass Zeus auch einen Adam erschaffen hat. Ich denke Michelangelo wäre gesteinigt worden wenn er zur damilgen Zeit die sixtinische Kapelle mit griechischen Haidengöttern bemalt hätte. Aber schön dass du die langweilige Blasphemie auch noch wiederholst! ;-)
Am 14. Februar 2006 um 13:36 Uhr
Bitte? Papst Julius II. hätte Michelangelo dafür bezahlt, Zeus auf die Decke der Sixtinischen Kapelle zu pinseln? Das ist mir neu.
- Edit: Sorry, Patrick, hab deinen Kommentar zu spät gesehen. -
Am 14. Februar 2006 um 14:03 Uhr
ER HAT JEHOVA GESAGT! RÜBENNASE!
Am 14. Februar 2006 um 14:23 Uhr
Ich ordere sofffort die “Biblischen Sohlen” für das Werbeblogger Team, dann kann ja nichts mehr schiefgehen:
http://in-souls.com/
Am 14. Februar 2006 um 14:35 Uhr
*lol*
Danke für den Link zum geruchsneutralen Gebetsteppich für den Halbschuh, Lene. Endlich mal was Blasphemisches, das richtig cool, originell und praktisch ist!
Am 14. Februar 2006 um 14:45 Uhr
Damit dürfte der Troll nur noch breiige Masse sein! ;-)
Am 14. Februar 2006 um 18:32 Uhr
Naja, der liebe Gott sieht in der Sixtinischen schon ganz schön zeusig aus ;-) Ansonsten kann ich mich nur anschließen: Sehr schön geschrieben.
Am 14. Februar 2006 um 19:23 Uhr
Sollte sich der alte Herr tatsächlich vor den verabredeten Sitzungen entschuldigt und Michelangelo stattdessen ein paar Bildchen von Zeus zugesteckt haben? Und hat Julius II. davon gewusst? Der Gedanke scheint mir nicht unmöglich, aber ich möchte fast sagen – blasphemisch.
Am 15. Februar 2006 um 10:25 Uhr
Ich habe mich etwas nebulös ausgedrückt: Daß Michelangelo Gott als alten Mann mit einem weißen Bart darstellt, deutet schon auf die Rückkehr der griechischen Götter hin. Die sind nämlich den Menschen auch sehr ähnlich. Der HERR ist anscheinend überhaupt nicht darstellbar. Bemerkenswert ist auch, daß Adam sich beinahe huldvoll Gott entgegenstreckt. Das sieht so aus, als würde nicht Gott ihn erschaffen, sondern als würde Adam es Gott erlauben, ihn anzurühren. Insofern hat diese Darstellung schon etwas subversives. Ich könnte mir vorstellen, daß das dem Papst relativ egal war, wenn er es überhaupt gepeilt hat.
Am 15. Februar 2006 um 10:57 Uhr
Klar, eigentlich gehört sich das sowieso nicht, Gott bildlich darzustellen. Insofern ist das schon per se eine nicht ganz koschere Idee der Kirche, ihn auf die Decke pinseln zu lassen. Da muss man sich nicht wundern, wenn der Künstler heimlich woanders “spickt”.
Um noch mal zur Blasphemie zu kommen: So war’s wirklich nicht gemeint. Ich mag diese ganzen Heiligen, die ich noch aus meinem katholischen Kindergesangbuch kenne. Auch wenn ich sie heute nicht mehr religiös sehe, sondern einfach als Teil einer eindrucksvollen Mythologie, mit der eben die meisten von uns in irgendeiner Form aufgewachsen sind…
Am 15. Februar 2006 um 11:22 Uhr
Die göttliche Komödiedie phantasievolle, witzige Entstehungsgeschichte einer gewissen Werbekampagne.
…
Am 15. Februar 2006 um 11:54 Uhr
Stimmt! Adam sieht schon extrem relaxed aus! :-)
Und was das Bild des Herrn angeht:
Gott schuf den Menschen nach seinem Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn.
Gen 1,27
Am 15. Februar 2006 um 12:58 Uhr
@Andreas Rodenheber: was heißt, es gehört sich nicht? —Es klappt nicht, daß ist doch das Problem (vgl. 2.Mose 33, Vers 18-23) – Wenn es heißt “Du sollst Dir kein Bildnis machen”, klingt das eher wie: Versuch’s gar nicht erst, es geht sowieso schief. Siehe Michelangelo. Das Bild ist natürlich gelungen, aber es transportiert etwas ganz anderes, als es vorgibt. Vielleicht geschieht das noch nicht einmal bewußt.
Am 15. Februar 2006 um 15:09 Uhr
Aber das ist nun wieder das Raffinierte am Christentum: Wenn das mit Gott Vater nicht klappt, dann lassen wir ihn eben Gestalt annehmen in seinem Sohn ;-)
Am 16. Februar 2006 um 10:31 Uhr
Interessanter Link! Und der Autor heißt auch noch “Christian Tröster”.
Am 25. Januar 2007 um 10:18 Uhr
[...] Heiliges Blechle. So sehen also die Ikonen in unserem Business aus. Da wird sich der HERR aber freuen. [...]
Am 13. März 2007 um 17:26 Uhr
Hallo Andreas,
Also wirklich blasphemisch wird es erst hier: divine-interventions... …
Am 13. März 2007 um 17:33 Uhr
@Markus Ich glaub, den link hat´s zerrissen. Kannst nochmal checken?
Am 13. März 2007 um 17:35 Uhr
Hinten den Kram nach dem PHP weglassen, dann klappt’s auch mit dem Link….
Am 13. März 2007 um 17:40 Uhr
Wie war das noch? “Immer schöne Gläser, dann klappts auch mit dem Nachbarn…”
Danke.
Am 13. März 2007 um 17:52 Uhr
Ich sehe: Es ist scheinbar schon alles repariert ;).
Am 13. März 2007 um 17:54 Uhr
Ach ja, Andreas: habe nach einem Klick auf Dein Bloggerprofil festgestellt, dass wir ja quasi nachbarn sind. Schöne Grüsse aus 64297! Wir sollten uns mal auf ein Glas zusammensetzen…