26.01.06
17:19 Uhr

Verlust der semantischen Umwelt

Denn schon hat sich die Stadt Frankfurt am Main, weit davon entfernt, den Bürger vor dem Verlust seiner semantischen Umwelt zu schützen, selbst an einer solchen Enteignung der Sprache beteiligt. Der Magistrat setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag, der die Umbenennung des Waldstadions für zehn Jahre in Commerzbank Arena vorsieht.

In einer langen Kette von Privatisierungen gesellschaftlichen Eigentums war dies die bislang dreisteste. Privatisiert wurde zwar keine Immobilie in öffentlichem Besitz. Privatisiert, das heißt: dem Bürger enteignet, wurde aber die öffentliche Rede. Das Sprechen über das Waldstadion, Pardon: die Commerzbank Arena gehört nun nicht mehr dem Bürger, sondern einer Firma.

Jens Jessen im Feuilleton (!) der ZEIT über Bundesliga-Arenen und das Öffentliche als Ware. Großes polemisches Kino. Lesen!

Keine Tags vorhanden

4 Kommentare

  1. ramses101

    In der Tat lesenswert. Allerdings meine ich, dass die AOL-Arena nie Volksparkstadion geheißen hat – nach dem Abriss wurde halt die neue Arena gebaut. Die trotzdem bei niemandem AOL-Arena heißt. Noch jedenfalls. Ich sag auch Volksparkstadion. Nicht aus Bockigkeit oder Traditionsbewusstsein, sondern schlicht aus Gewohnheit. So was kann man den Leuten eben nicht eintrichtern. Jedenfalls nicht von heute auf morgen. Und wenn die Namenrechte nur temporär vergeben werden …

    Beim Signal-Iduna-Park allerdings haben mal wieder alle gepennt und die armen Dortmund-Fans komplett ignoriert. Dortmund hat seit weißichnichtwann die Farben schwarz und gelb. Lokalrivale Schalke hingegen blau und weiß. Und die Signal Iduna? Fettnapf, ich krieg dich.

  2. Tim Keil

    Interessanter Standpunkt. Allerdings wird der Bürger (Wir) doch sehr einseitig als totaler Verlierer dargestellt. Auch in einer durchgebrandeten Gesellschaft haben wir die Wahl ob wir ein Produkt kaufen oder eben nicht. Klar gibt es auch Dinge, wo die Wahlfreiheit eingeschränkt ist, aber grundsätzlich kann der Bürger (Wir) mehr als jemals zuvor tatsächlich wählen.
    Und vergessen wir nicht: Sobald der Bürger (Wir) die Handlungen einee Institution, sei es Staat oder Privatunternehmen, nicht mehr hinnehmen, hört diese Institution auf zu existieren. Die Macht von Staat oder Unternehmen ist immer nur geliehen und endet spätestens dann, wenn wir alle wieder mit Knüppeln durch die Gegend laufen und jeder sich nimmmt was er will. Das ist natürlich kein erstrebenswerter Zustand. Die Flutkatastrophe in New Orleans hat das eindrucksvoll gezeigt, was passiert wenn Menschen plötzlich (in diesem Fall aus der Not heraus) Institutionen nicht mehr anerkennen.

  3. Regine

    Wenn dafür auch die Steuern sänken, könnte man dem ja noch irgendetwas abgewinnen.
    So bleibt es leider ein schlechtes Arbeitszeugnis, das sich der Staat selbst ausstellt, nämlich daß er mit den ihm anvertrauten Geldern nicht wirtschaften kann und gegen das Vertragsrecht verstößt, indem er Leistungen Dritter verscherbelt.
    Würde man solch einer juristischen Person jemals irgendwelche Vollmachten geben, im eigenen Namen zu handeln?
    Kandidat zum Unwort des Jahres: Sprachenteignung.

  4. Jörn

    Das Volksparkstadion hieß auch nach dem Umbau für über ein Jahr Volksparkstadion und wurde erst danach in einer Nacht- und Nebelaktion (2001) in den Namen des Internetanbieters umbenannt. Der Eingriff in die anderen Bereiche des öffentlichen Lebens zeigt sich aber eben auch an den Folgen: Die S-Bahnstation heißt jetzt nicht mehr Stellingen – Volksparkstadion sondern Stellingen Arenen, in sämtlichen Publikationen wie Stadtplänen, Reiseführern us.w ist nur noch der aktuelle Stadionname zu finden. Das alles sind Werbeleistungen unter dem Deckmantel der “Aktualität”, für die der Internetanbieter der den Stadionnamen gekauft hat nichts bezahlt! In den Medien scheint hier ja mittlerweile ein Umdenken stattzufinden, denn mehrere große Zeitungen benutzen die Kommerznamen aus eben diesen Gründen bereits nicht mehr, sondern sind zu den alten Namen oder Umschreibungen wie Stadion im Volkspark oder HSV-Arena zurückgekehrt.
    Ansonsten ein sehr interessanter Artikel.

Einen Kommentar schreiben

Eure Kommentare

Feed
  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
  • Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
  • InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop