16:17 Uhr
Klowände. Wohnzimmer. Und Rückkanäle.
Es geht nicht nur um einen Starwerber, der sich in der Klotür geirrt hat. Es geht nicht nur um die Kampagne „Du bist Deutschland“. Das alles wäre amüsantes Tagesgespräch. Es geht um Grundsätzliches. Es geht darum, dass es immer noch zu viele Werber gibt, die sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer eingerichtet haben. Einem Wohnzimmer wie das, in dem man bei Jung von Matt so gerne seine Zielgruppen einsperren würde:
Das Wohnklo von JvM. Bild: Spiegel Online.
Kein Detail ist hier zufällig, alles an und in diesem Raum ist das Ergebnis von Statistiken, Befragungen und Hausbesuchen. Das Wohnzimmer der fiktiven Familie von Sabine (Deutschlands häufigstem Frauenvornamen) Müller, 38, ihrem Mann Thomas, 41, und dem elf Jahre alten Sohn Alexander (Nummer eins auf der Liste der Kindernamen), ist 22 Quadratmeter groß bei einer Deckenhöhe von 2,65 Metern. Es ist Teil einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit insgesamt 89,4 Quadratmetern: das Mittelmaß in Deutschland.
Mittelmaß ist nicht nur dieses Wohnzimmer. Mittelmaß ist vor allem die Art und Weise, wie Werber immer noch versuchen, in einem luftleeren Raum ihre Zielgruppen zu verorten. Mit Statistiken, Befragungen und Hausbesuchen. Wenn Thomas Müller abends auf seinem Sofa sitzt, ruft manchmal eine freundliche Dame von der GFK an und fragt ihn komische Sachen. Welches Shampoo er bevorzugt, wie er seine persönliche Zukunft in Deutschland sieht (sehr optimistisch, verhalten optimistisch oder optimistisch). Und am Ende will sie wissen, wie hoch sein Haushaltsnettoeinommen ist. Das ist die Stelle, an der Thomas Müller, ein höflicher Mensch, nach einem heftigen inneren Ringen dann doch auflegt. Pech gehabt.
Werbetreibende erwarten von ihren Kampagnen zurecht Rückkanäle. Sie wollen genau sehen, welchen Return on Investment eine Kampagne bringt. Es gibt viele solcher Rückkanäle. Die Verkaufsstatistik des nächsten Quartals. Den Anruf von der GFK. Auszeichnungen für gute Werbung, bei denen ein Fachpublikum abstimmt. Inzwischen auch Preise, bei denen die Verbraucher das Sagen haben. Vor allem aber den berühmten Coupon zum Zurückschicken. Darauf soll Frau Müller ankreuzen, welche Geschmacksrichtung ihr beim Pfefferminz am liebsten ist. Und am besten soll sie auch gleich noch das Haushaltsnetto eintragen. Geködert wird sie mit der Aussicht auf eine Traumreise in die Karibik. Manchmal spendieren die Werbekunden auch gleich zehn Traumreisen in die Karibik. Dann freuen sie sich, dass viel mehr Coupons zurückkommen, und sie beglückwünschen sich überschwänglich, „wie gut ihre Kampagne arbeitet“. Natürlich lassen sich solche Coupons auch ganz prima über das Internet abschicken. Formular ausfüllen. Ein paar Mausklicks. Vielleicht auch noch das Haushaltsnetto eintragen. Ein bisschen von der Karibik träumen. Und alles geht seinen gewohnten Gang.
Eigentlich ein Witz: Ausgerechnet die Kampagne, die den Deutschen geschenkt wurde, um ihre Miesepetrigkeit zu überwinden, kam ohne Rückkanal aus. (Oder er wurde so unauffällig in Szene gesetzt, dass wir ihn alle übersehen haben?) Gehet am Montag wieder hinaus in die Schule, ins Büro, auf den Bau und seid fröhlich! Das war’s dann schon. Darüber hinaus keine Interaktionsmöglichkeit. Kein Forum. Kein Gesprächangebot. Wir Sender haben gesprochen. Und du Empfänger hast uns doch wohl hoffentlich gehört bei so viel Mediadruck!? Also halt die Klappe und tu, was wir dir sagen!
Aber die Menschen und Märkte des 21. Jahrhunderts warten nicht mehr darauf, dass man sie mit einem Coupon oder mit vorgefertigten Mafo-Formularen „abfragt“. Sie melden sich selbst zu Wort. Denn sie haben nicht länger nur das formale Recht auf eine Meinung. Sie haben auch einen Computer mit Internetanschluss. So haben sie eure Kampagne mit eigenen Mitteln fortgesetzt. Sie parodiert. Darüber diskutiert. Darüber gewitzelt. Darüber geätzt. Was hätten sie auch sonst damit anfangen sollen? Ihr wolltet doch gar nicht mit ihnen reden! Nicht wirklich!
Reporting, Monitoring, Marktforschung, Milieus. Ohne Frage alles wichtig und richtig. Aber eben doch nur Papier. Bunte Charts, mit denen man sich selbst und den Marketingleiter beeindrucken kann. Besser als mit der Stange im Nebel stochern, sicher. Aber viel schlechter als das, was man auch haben könnte, wenn man den Mut dazu hätte: Einen echten Dialog mit echten Menschen. Mit offenem Visier. Mit dem Risiko, Gegenwind zu bekommen. Aber auch mit der Chance, wirklich Substanzielles über Märkte und Menschen zu lernen. Stattdessen umgibt man sich mit Zahlen, Tortengrafiken, Erfolgs- und Vollzugsmeldungen. Wie Erich Honecker in seiner letzen Phase. Einsam. Verblendet. Desorientiert.
Denn Menschen sind mehr als Statistiken. Thomas Müller zum Beispiel. Als ihn damals die GFK-Tante angerufen hat, sagte er freundlich, das Premium-Bier der Marke „Suff & Braus“ erreiche auf seiner Geschmacksskala 8 von 10 möglichen Punkten. Anschließend verabschiedete er sich von Frau und Kindern, um in seine Stammkneipe zu gehen, wo Karl-Heinz und Ede sich gerade darum stritten, welches Bier denn nun das Beste im Abgang sei. Sie brauchten dazu kein Formular und keine zehnteilige Geschmacksskala. Natürlich gab Herr Müller auch seinen Senf dazu. Ach, hätte die Tante von der GFK da mal Mäuschen spielen dürfen, sie hätte mit den Ohren geschlackert! Später dann drückte es Herrn Müller auf die Blase, er verabschiedete sich kurz zur Toilette. Und lächelte herzlich über den Spruch, den jemand an die Klowand gemarkert hatte: „Suff & Braus – hier kommt’s wieder raus!“.
Einen Computer hatte Herr Müller schon länger. Internet auch. Und neuerdings hat er diese Blogs entdeckt. Da kann tatsächlich jeder reinschreiben, wie er die Sache sieht. Nicht irgendwelche Kästchen ankreuzen. Sondern frei von der Leber weg sagen, was ihm wichtig ist. Nicht mal sein Haushaltsnetto muss er angeben. Naja, leider kann man da normalerweise keine Karibikreise gewinnen. Aber es juckt doch, einfach mal die Meinung zu sagen. Herr Müller macht das jetzt einfach. Dazu muss er niemanden fragen. Schon gar nicht einen Werber.
Menschen haben Meinungen. Schon immer. Sie haben sich schon seit einiger Zeit das Recht erkämpft, diese Meinung frei zu äußern. Und jetzt haben sie auch Computer. Internet. Blogs. Zugegeben: schwer zu verstehen für Werber, die bisher nur in Top-Down-Kommunikation gedacht haben. Aber ihr werdet es verstehen müssen, da hilft kein Jammern, kein Lametieren, keine weinerlichen Rundmails über die Undankbarkeit der Welt. Die Märkte und die Menschen wollen mit euch sprechen. Nicht via Coupon. Nicht via GFK. Nicht via Gewinnspiel. Sie möchten persönlich mit euch sprechen. Zum Beispiel in Blogs. Am besten fragt ihr einfach mal jemanden, der sich damit auskennt.
24 Kommentare
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- Vroni: Ralph :-)
- ralf schwartz: @Vroni Das war ein zustimmendes Lächeln, wie Du es auch sehen würdest in meinem Gesicht würden wir uns gegenübersitzen. Nicht immer...
- Vroni: Was issn jetz schon wieder. Klar macht es einen Unterschied, wie man optisch und von der textlichen Ansprache an die Leut angeht. So gehts...
- ralf schwartz: @Vroni :)
- Vroni: Kann ja alles sein, geschenkt. Ich meinte, dass das grottenschlecht und wenig ansprechend UMGESETZT war. Wie wenn ein BWL-er unter...
- ralf schwartz: @Vroni Und eine Website dahinterzulegen, auf der die User hätten voten können … Aber die Kosten, Print geht es gar nicht gut,...
- Vroni: Hrhr, die W&V mal wieder. Leeres Schulheft-Papierkaro und eine Flipchart-Schrift. Kriegt man sofort die beiden Krankheiten Horror Karo-i...
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Am 20. Januar 2006 um 17:02 Uhr
Danke für das Essay. Viel Wahres. Und nichts mehr hinzuzufügen.
Amen!
Am 20. Januar 2006 um 17:22 Uhr
Genau, schließe mich an. Und zitiere nochmals J. Lennon:
Power to the People!
Thomas
Am 20. Januar 2006 um 17:35 Uhr
Und zu Risiken und Nebenwirkungen von Weblogs fragen Sie Ihre Online-Praktikantin, Ihren Neffen oder Neil French.
Am 20. Januar 2006 um 17:46 Uhr
[X] ACK
[X] Aber sowas von.
Ich frage mich nur, seit wann mein Kollege Thomas M. ein Blog hat. Und warum ich davon noch nichts weiß. ;-)
Am 20. Januar 2006 um 17:52 Uhr
…noch mehr weise Worte
Diesmal schreibt Andreas Rodenheber. Darüber, warum die Welt des Durchschnittswohnzimmers eben nicht der realen Welt Welt entspricht, über die "Du bist Deutschland"-Kanpagne und über Blogs. Wie ich finde mal wieder ein sehr gelungener Beitr
Am 20. Januar 2006 um 19:05 Uhr
Sehr schönes Essay. Nur, warum muß ich hier Felder ausfüllen mit Name und so, um meine Meinung sagen zu dürfen?
Und dann noch ein Code? Gibt es doch was zu gewinnen???
;-)
“Have a code – have a Internetanschluß…”
Am 20. Januar 2006 um 20:57 Uhr
Wie wahr.
Am 20. Januar 2006 um 21:10 Uhr
vielen dank für diesen text.
in diesem land schieben einige leute (nicht nur der klo-dichter) einen schlechten film. und falls es demnächst zu einem weltweiten konflikt kommt, ich bin dafür, dass niemand, der seine meinung auspricht, von diesen leuten denunziert wird.
Am 20. Januar 2006 um 21:37 Uhr
Hauptsache dagegen… waren wir nicht so mit 16?
Am 20. Januar 2006 um 22:12 Uhr
Vortrefflich beobachtet. Menschen reden halt gerne über Dinge die sie beschäftigen. Da hat man die Wahl: Sich dazustellen und mitreden oder eben nicht. Im letzteren Fall reden sie halt über einen. Ob man will oder nicht. Übrigens: Anwälte helfen da oft nicht weiter.
Am 21. Januar 2006 um 00:31 Uhr
ich weiß schon wieso ich ein internetjunkie bin. :)
Am 21. Januar 2006 um 10:23 Uhr
@tboley:
Du kannst statt des sechsstelligen Nummerncodes auch gerne dein Haushaltsnetto eintragen ;-)
@all
Einen hab ich noch, gerade im Netzbuch gefunden:
It’s great that technology made a big step forward. But it’s no good that every citizen finally has a voice. It’s OK for renowned journalists to raise controversial issues. Knowing that ordinary citizens finally have the same power is not necessarily a good thing.
Peter Kabel (ja, DER Peter Kabel) vor einem Jahr im Gespräch mit Heiko Hebig.
Am 21. Januar 2006 um 12:42 Uhr
Mattscheibe In einer internen Rundmail schimpft Jean-Remy von Matt von der Werbeagentur Jung von Matt über die Kritiker der Kampagne “Du bist Deutschlandâ€?. Wie man bei Thomas Krüwer erfahren kann, ist dieser Text authentisch – also keine Latrinenparole.
H…
Am 21. Januar 2006 um 15:44 Uhr
Ich habe diesen Artikel zugegebenermaßen nicht vollständig gelesen, allerdings drängt sich mir nach den ersten paar Zeilen etwas der Verdacht auf, dass das hier ein bisschen Trotzreaktion auf die “Blog-Klowand-Aussage” von Herrn von Matt ist…
Und das deswegen, weil diese “Wohnzimmer-Studie” von JvM nun wirklich schon sehr lange online ist und dem Werbeblogger bestimmt nicht gerade eben erst untergekommen ist. (Dazu ist er nämlich zu aufmerksam und hätte sich bereits kurz nach dem Start der Sache dazu geäussert.) Mir scheint, diese Sache wurde nach dieser “Beleidigung” einfach als erstbestes (Negativ-)Beispiel herangezogen, durchklamüsert und absichtlich etwas schief beleuchtet, um JvM ans Bein zu pinkeln.
Und zweitens, weil ich – aber ich befinde mich nicht überdurchschnittlich oft in anderer, durchschnittlich gelagerter Leute Wohnzimmer – finde, dass dies wohl eher mit einem Schmunzeln hingenommen werden kann, weil es, zumindest meiner Erfahrung nach in erstaunlich grossen Teilen eben doch dem deutschen Durchschnittsgeschmack entspricht.
Leider, natürlich, aber doch.
Klar, der Artikel ist bestimmt wieder hochamüsant geschrieben, ich werde ihn auch auf jeden Fall noch lesen, aber ein wenig übersensibel, evtl. auch ob der allgemeinen Klum-Aufregung dieser Tage scheint er mir schon. Ansonsten bin ich bekennender Werbeblogger-Fan. Würklich ;)
O.
Am 21. Januar 2006 um 16:25 Uhr
@0.
Das Wohnzimmer von JvM ist in der Tat schon länger bekannt. Und soll ich dir was verraten: Ich finde es nicht die schlechteteste Idee!!! Kein Grund an sich, das Bein zu heben! Ich wollte in der Tat schon ein paarmal darüber schreiben, und der Tenor wäre gewesen “wie kurios”.
Ich hoffe, es kommt beim späteren genaueren ;-) Lesen rüber: Mafo, Statistiken, Simulationen etc. pp., das sind natürlich alles durchaus ehrenwerte und nützliche Instrumente, um dem Eigenleben des Thomas Müller auf die Spur zu kommen. – Solange man keine anderen Instrumente hat!
Andererseits gibt es IMHO neuerdings einen sehr interessanten Rückkanal für Werber: Blogs, in denen Thomas Müller mit seinen eigenen Worten schreibt, was ihn bewegt. Wären Werber bereit, Blogs mit offenen Augen zu lesen und zu verstehen, sie könnten viel über ihre Zielgruppen lernen.
Deshalb: Wenn Werber Blogs nicht als Chance, sondern als Bedrohung oder Klowandparolen sehen, können sie einem eigentlich nur leid tun. Weil sie, die sich so gerne elitär geben, ganz furchtbar hintendran sind. Und weil sie vergeblich hoffen, dass diese Sch…blogs eines Tages von allein wieder verschwinden.
Blogs werden aber nicht verschwinden. Sie stehen für einen Paradigmenwechsel, der größer ist als der einzelne Blogger, die einzelne Meinung, die gemeine Klowandparole. Sie stehen für ein neues Verständnis von Märkten, von Kommunikation. Das nicht bemerkt zu haben, ist ein echtes, tiefgreifendes Problem von Herrn Matt und keine Marginalie, über die wir uns nun künstlich ereifern würden.
Nun ja. Vermutlich möchten er sich das alles lieber für teuer Geld von Trendforschern erzählen lassen, als von ein paar hergelaufenen Computerbesitzern. Aber man kann’s ja wenigstens mal versuchen ;-)
Am 21. Januar 2006 um 18:51 Uhr
Naja, ich weiss nicht so recht. Die Aussage, das Blogs o.ä. jetzt oder irgendwann einmal Indikatoren für den “deutschen Durchschnitt” sein könnten, halte ich für zumindest fragwürdig.
Kein Thema, es gäbe wohl noch zig andere Instrumente, um Thomas Müller zu katalogisieren. Aber Blogs glaube ich werden dazu – weder jetzt noch irgendwann einmal – das geeignete sein. Weil: Ein Wohnzimmer hat wohl in irgendeiner Weise jeder, der für den gemeinen Werber von Interesse ist. Aber “bloggen” tun weder jetzt noch in soundsoviel Jahren nicht alle Müllers. Die Müllers eigentlich am allerweingsten. Weil (Annahme!) selbst wenn 99% aller deutschen Haushalte Internet-Anschluss haben, sicher nicht alle das Bedürfnis verspüren, sich in geschriebener Form zu präsentieren, denke ich. Otto Normal, so wie ich ihn kenne, wird weiterhin nach t-online.de gehen um sich wenn denn überhaupt abseits vom Fernsehen zu informieren.
Er wird um Blogs nicht wirklich wissen, es sei denn er will Klum-Bilder sehen und landet via Google zufällig beim Werbeblogger. Aber selbst dann wird er mit seinem Blick nur eine von tausenden Internetseiten sehen, das Thema “Blog” wird sich ihm dadurch nicht erschliessen. Dazu ist Otto zu schnelllebig. Wenn er überhaupt auf die Idee kommt, er könne sich so ein System zulegen wird er spätestens bei der Frage “Wieso selber schreiben, steht doch schon genug im Internet” abbiegen. Ausserdem war seine Deutschnote auch nicht so, und naja, sollen lieber die anderen Mal.
Ich bin der Meinung, “Blogger” sind in einer ganz bestimmten Hinsicht nicht mit Otto Normal, bzw. Thomas Müller vergleichbar, weil der grosse Teil der Konsumenten da draussen einfach nicht die Zeit, die Lust, das Interesse und den Willen hat, die eigene Meinung ins Internet zu schreiben. Blogger sind eben die, die am Klo auch immer einen Edding dabeihaben.
Die meisten Blogger sind – oder sehen sich zumindest so – ein bisschen Rebell, in gewisser Art und Weise – weil Sie aufmucken und das jetzt neuerdings nicht nur mit dem Che Guevara-Shirt zeigen können sondern imstande sind, ihre Botschaft für jedermann zugänglich zu machen.
Aber die meisten Thomasse wollen gar kein Rebell sein. Die meisten Thomasse wollen nur schnell Amazon und ebay checken und dann wieder auf die Couch ins Wohnzimmer, Jauch geht gleich los.
Deswegen denke ich, wäre es nicht besonders ratsam für die auf die breite Masse angewiesenen Werbeagenturen, sich an ein paar Aufständlern zu orientieren. (Gesehen aus kapitalistischer grosse-Werbeagentur-Boss-Sicht, meine persönliche Meinung mal weggeblendet.)
Deren Zielgruppe sind nun mal nicht die Blogger. Es sind die Leute, die nicht aus der Matrix rauswollen, wenn sie denn überhaupt wüssten, dass es eine gibt.
Und das Blogs ein Paradigmenwechsel sind, naja, Idealismus in allen Ehren, aber soweit sind wir – leider – noch lange nicht. Sollte es tatsächlich dazu kommen, fürchte ich um die Selbstlosigkeit der wenigen “Grossen” die dann “die” Blogs sind (was wohl im Falle des o.g. Falles nicht abzuwenden wäre) und weiterhin so unabhängig bleiben, wie sie es derzeit sind, bzw. der Kredibilität wegen noch sein müssen.
Aber gut möglich, dass ich mich da auch vollkommen verschätze. Dazu haben wir ja die Blogs. ;)
Mit freundlichem Gruß,
O.
Am 21. Januar 2006 um 22:21 Uhr
* Durchschnitt *
Wie sieht er denn aus, der deutsche Traumkonsument, der den Mediaplanern tagtäglich in den Platzierungsumfeldern versprochen wird? Hereinspaziert auf Pro7Sat1ZDFetc, wir haben den Idealkonsumenten: Eher etwas jünger. Eher etwas besser gebildet und mit einem eigentständigen Geschmack ausgestattet. Eher etwas höheres Haushaltsnetto.
Oops, das ist gar nicht so weit entfernt von der typischen Bloggerbio…
* via Google zufällig zum Blog *
Ja, genau, die meisten kapieren (noch) gar nicht, dass sie da auf einem Blog gelandet sind (Herr Klum hat es definitiv nicht kapiert). Trotzdem nehmen sie aus dem Blog, wenn es gut gemacht ist, etwas mit. Eine Meinung. Einen Standpunkt. Eine Information. Eine Sichtweise. Manchmal mehr als von den Hochglanzseiten der Unternehmen und denn Hochglanzportalen der üblichen Verdächtigen. Genau aus diesem Grund machen sich einige Markeninhaber doch in die Hosen, wenn in Google plötzlich so ein Alien vor ihnen rangiert. An diesem Punkt geht es nicht um Durchschnitt. An diesem Punkt geht es um Meinungsführerschaft.
* Rebellen *
Sorry, in diesem Punkt kann ich dir überhaupt nicht folgen. Das kommt mir vor wie die alte Fehleinschätzung, zum Fußball gingen nur arbeitslose Saufbrüder. Und wen triffst du dann auf den Tribünen? Facharbeiter, Angestellte, Beamte. Von den Blogs, die ich (abgesehen von reinen Fachblogs) abonniert habe, empfinde ich nur ganz wenige als rebellisch. Die meisten Autoren, die ich lese, stehen wie ich mitten im Erwerbs- und Familienleben, haben ganz ordinäre Hobbies, Hund, Katze, Hamster. O.k., es sind Menschen, die sich den Luxus erlauben, eine eigene Meinung zu haben. Aber Rebellen? Nö, die meisten könnte man wohl als “Facharbeiter des Internets” bezeichnen. Che Guevara T-Shirt? Ich hab jedenfalls keins im Schrank.
* kein Paradigmenwechsel? *
Komisch, dass dann so viele da draußen momentan so nervös sind. Medienhäuser. Markeninhaber. Besteht ja gar kein Grund dazu, wenn es kein Paradigmenwechsel ist… Also, entspannt euch, ihr Abmahner da draußen…
* Die “Grossen”, die die dann “die” Blogs sind *
Das klassiche Missverständnis, nicht auszurotten. Es geht nicht um “die Großen”. Das Große ist die Blogosphäre, nicht das einzelne Blog. Das Korrektiv, das dafür sorgt, dass die gar zu dummen Klosprüche aussortiert werden, ist die Blogosphäre, nicht das einzelne Blog. Die Meinungs- und Deutungsmacht entsteht in der Blogosphäre, nicht im einzelnen Blog.
Am 22. Januar 2006 um 00:18 Uhr
Ich habe auf Basis echter (!) J.R. vM-Antworten ein satirisches Interview gebastelt. Dabei kommt raus, dass dieses Wohnzimmer für Jean-Remy von Matt viel weniger wert ist als sein eigenes Klo:
dermorgen.blogspot.c...
Am 22. Januar 2006 um 00:20 Uhr
Sorry wegen der Dopplungen!
Vielleicht kennt jemand eine guten Kurs “Internet für Anfänger” für mich und kann evtl. erklären, warum das php-Fenster nicht zugegangen ist.
Am 22. Januar 2006 um 16:04 Uhr
Naja, okay, ich seh’ schon, wir sehen das Thema “Blog” von zwei unterschiedlichen Warten aus. Ich wäre froh, wenn es so käme, wie Du (ich darf doch?) das vor(aus)siehst, kann aber nicht glauben, dass es tatsächlich 1 zu 1 in dieser Form passieren wird. Einfach weil ein Grossteil der Bevölkerung nicht imstande ist, a.) eine komplett eigene Meinung zu haben und wenn doch b.) gewillt ist, diese “im grossen Stil” zu verkünden.
Und wenn es trotzdem – wie derzeit ja schon vereinzelt – getan wird, dann doch meistens mit einem Rüffel über das, was bereits geschehen ist oder gemacht wurde. Oder mit Kurzgeschichten zum Zwecke des wie auch immer gearteten Entertainments.
Also so GANZ unrecht hat der Herr von Matt mit seiner Klowand-Aussage daher meiner Meinung nach nicht. Ganz klar, es gibt differenzierte und ausgewogene Weblogs, gut geschrieben, teilweise auch gut recherchiert, aber doch meistens mit der Berichterstattung über Geschehenes. Was bringt das ausführliche Herziehen über die DbD-Kampagne und das nachträgliche Spotten über die Macher, was sollen Sie da aus den Weblogs rauslesen ausser, dass dort zu fast 99 % negativ geschrieben wird und dabei, sagen wir ca. 80 % reine Trittbrettfahrer sind? (Diese Trittbrettfahrer allerdings für den immensen Hype des onlineweiten DbD-Bashings sorgen.)
Sollen Sie daraufhin öffentlich bekannt geben, dass die DbD-Idee doch Käse war und sich öffentlich entschuldigen?
Ich fand die Verarsche anfangs ganz lustig, waren witzige Sachen dabei, manche sachliche Kritik durchaus auch vollkommen berechtigt. Ich persönlich bin auch kein Fan dieser Kampagne, aber ehrlich gesagt tut sie mir auch nicht weh. Allerdings dann eingeschnappt sein, wenn der Verarschte (wohlgemerkt in einer eMail, die dann an die Öffentlichkeit “gezerrt” wird) zurückschiesst, naja, das finde schon ein bisschen mimosenhaft… zumal die “Blogosphäre” ja inzwischen auch weiss, dass sie im Internet eine nicht zu unterschätzende Macht ist. Rein google-technisch jetzt. (Und wie Du sagst ja auch in meinungsbildender Hinsicht. Was umso dramatischer ist, weil die Blogosphäre jetzt wie ein beleidigtes dickes Kind seine “physische” Überlegenheit für den Gegen-Gegenschlag ausnutzt…)
Ich will mich da auf keinen Fall auf eine Seite schlagen, aber mir scheint doch, dass die doch so liberale “Blogosphäre”, also die vielen Fachangestellten und Beamten auch nur Menschen sind und sich im Internet – von ein paar Ausnahmen natürlich immer abgesehen – nicht sehr von ihrem Verhalten im “echten Leben” unterscheiden. Einer (oder ein paar) geben die Richtung vor und wenn’s nur irgendwie geht oder kurzweilig ist und für Aufmerksamkeit sorgt, macht der Grossteil mit. So wirkt es jedenfalls auf mich, der ich zwar einige Blogs lese, allerdings doch noch (!) eine gewissen Distanz zu dem Ganzen (der Blogosphäre) habe.
Ob das jetzt ein Paradigmenwechsel ist, ich weiss nicht. Es ist eher ein Wechsel des Mediums… ansonsten bleibt alles beim Alten. Es dürfen, können und wollen nur immer mehr mitmachen.
Am 23. Januar 2006 um 11:02 Uhr
@ 0.
Ich könnte dir (will aber nicht ;-) ) auf Anhieb vier, fünf Beispiele nennen, in denen auch ich die “Rudelbildung” in der Blogosphäre als unangenehm und peinlich bis hin zu komplett daneben empfand /empfinde. Du hast völlig Recht: die Menschen werden durchs Bloggen nicht besser. So gesehen sollte man mit Blogs keine eschatologischen Heilserwartungen verbinden (vielleicht kommt das bei mir manchmal so rüber, wenn ich mich in Rage rede ;-) ).
Ich denke, es geht eher in die Richtung von Winston Churchil: “Demokratie ist ein
schlechtes System. Aber ich kenne kein besseres.”
Am 4. August 2006 um 16:49 Uhr
Jaja, reg dich halt nicht so auf. Wenn eine Kampagne versucht die Stimmung zu verbessern, dann auch weil es so viele Alles-und-Jeden-Scheiße-Finder wie dich gibt.
Was hast du überhaupt mit den bösen Werbern? Mal in einer Agentur beworben und nicht genommen worden? Das Wohnzimmer ist übrigens in erster Linie eine PR-Maßnahme, weil auch Werbeagenturen Werbung brauchen. In zweiter Linie ist das ein Raum, in dem rumgehangen wird. Also alles nicht ganz so weltverschwörerisch, wie du dir das vorstellst.
Und was zum Henker ist an Klowänden so schlecht? Da stehen nun mal eine Menge Sachen, und auf die wird auch geantwortet. Der Vergleich ist doch schön!
Entspannt euch mal.
Am 4. August 2006 um 17:29 Uhr
Gerade eben erst an der Elbe angefangen?
Am 12. August 2006 um 12:53 Uhr
Weil ich so gutgläubig und naiv bin? Ich arbeite nicht dort – ich hab einfach eine positive Einstellung, das ist alles.