07.01.06
20:22 Uhr

Warum ausgerechnet Schnellinger?

Dieser Beitrag wurde von Andreas Rodenheber geschrieben. Andreas ist zur Zeit unterwegs, daher stelle ich für ihn diesen Beitrag hier ein. Der ursprüngliche Artikel ist auch auf seinem Blog Lazerte.de zu finden.

„Warum ausgerechnet der Werbeblogger“, frage ich mich schon seit einigen Tagen. Aber ebenso gut könnte ich fragen: „Warum ausgerechnet Schnellinger?“

Warum war es ausgerechnet Karl-Heinz Schnellinger, der 1970 in Mexiko in buchstäblich letzter Minute der regulären Spielzeit das 1:1 gegen Italien schoss? Warum tropfte dieser Ball in der zweiundneunzigsten Minute keinem anderen als Schnellinger vor die Füße? Warum nicht dem sonst so instinktsicheren Bomber Müller? Warum nicht Uwe Seeler, dem Mann, der sowieso ständig dorthin ging, wo es weh tat, um aus allen Lagen loszuballern und zu köpfen?

Die Antwort ist so simpel: Weil die Zeit reif war, dass das Ding einfach irgendeinem dort vorne auf den Fuß fällt und in den Kasten springt. Es kam nicht wirklich darauf an, wer es war. Und jetzt ist eben die Zeit reif, dass eine breite Diskussion darüber losgetreten wird, wie dieses Selfmade-Internet der Blogger eigentlich funktioniert und was Blogger sich verdammt noch mal herausnehmen, wenn sie durch Verlinkung (sprich lesen und gelesen werden) Top-Platzierungen bei Google erzielen, die man mit viel Geld nicht kaufen kann. Mit einer breiten Diskussion meine ich dabei übrigens eine, die auch diejenigen erreicht, über die wir manchmal ein wenig hochnäsig sagen, „sie müssen noch ihren Internet-Führerschein machen“.

In dieser Situation also bekam Schnellinger die Flanke auf den Fuß. Sie segelte unaufhaltsam auf ihn zu. Vermutlich war niemand mehr überrascht davon als er selbst. Perplex. Oder konsterniert, wie Sportreporter so gerne sagen.

Was man sich nicht oft genug ins Gedächtnis rufen kann: Es geht bei Klum vs. Breitenbach nicht darum, dass in einem Blog gezielt ein Beitrag geschrieben worden wäre, um einen Menschen oder eine Marke zu beleidigen, herabzusetzen, zu verleumdet oder gar auszubeuten. Ach, was wären das vergleichsweise lapidare Paragraphen aus den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzbüchern, die solches regeln könnten! Aber nein, niemand beim Werbeblogger hat Herrn K. provoziert. Außer natürlich mit einer URL, wie sie deine Blogsoft – ja, lieber Otto-Normal-Blogger, du bist gemeint – wie sie deine Blogsoft auch schon oft automatisch generiert hat.

Niemand hat aus anderer Leute Kapital Zinsen in Form von Werbung zu schlagen versucht. (Ironie des Schicksals: der Werbeblogger setzt nicht mal Adsense-Anzeigen ein.) Niemand wollte abstauben. Niemand wollte mal eben aus Spaß eine angesehene Marke bomben. Es war eine einfache Meldung, wie sie täglich tausendfach gebloggt wird. Warum also ausgerechnet Schnellinger?

Warum nicht Schnellinger? Schließlich kommen immer wieder und immer öfter solche Flanken herein. Von den meisten bekommen wir vermutlich gar nichts mit. In vielen Fällen, die nie groß die Runde machen, wird der Fuß einfach zurückgezogen. Seite gelöscht, Sache aus der Welt. Oder der Blogger, der Betreiber einer Fanpage, der Admin eines Forums holt sich einen großen blauen Fleck, wenn er vollspann gegen einen Ball tritt, der sich letztendlich als juristisches Beton entpuppt.

Aber Schnellinger hatte nun mal den Mut, den Fuß hinzuhalten. Ich hätte ihn nicht gehabt. Und viele andere, die jetzt mal wieder über publicitygeile Blogger die Nase rümpfen, vermutlich auch nicht. Ich habe Patrick in meiner Harmoniesucht noch vorgeschlagen, nichts am Inhalt des Blogeintrags, wohl aber diese blöde URL zu ändern. Aber ich bin froh, dass er nicht auf mich gehört hat. Einer muss eben endlich mal das Ding reinmachen. Jetzt ist es Patrick. Das Werbeblogger-Team.

Als sich diese Flanke von links in den Strafraum senkte, war Schnellinger der einsamste Mann auf dem Platz. Er hörte nicht mehr die Gesänge der Fans von den Rängen, die Zurufe der Mitspieler. Es kam nicht mehr darauf an, wo Müller und Seeler standen. Denn er sah diesen Ball genau auf sich zukommen. Oder war es vielleicht gar kein Ball, war es doch ein massiger Betonklotz, eine fürchterliche Stahlkugel? Er spürte, dass ihm keiner mehr dazwischen grätschen konnte. Dass er sich nicht ducken und die Sache einem anderen überlassen konnte. Dass auf diesen drei, vier magischen Quadratmetern des riesigen Feldes nur noch ihn gab. Albertosi. Und den Ball. Da machte er einen langen Schritt. Und während er das Leder hellwach und doch zugleich wie in einem bleischweren Traum ins Netz lenkte, landete er verblüfft auf dem Hosenboden.

„Ausgerechnet Schnellinger! Ausgerechnet Schnellinger“, rief Ernst Huberty immer wieder.

(Ich weiß, damals haben „wir“ nach Verlängerung dann doch noch 3:4 verloren. Aber diesmal, scheint mir, sind wir ein paar Mann mehr auf dem Platz.)

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Ein Kommentar

  1. ramses101

    Sehr schön geschrieben. Und vor allem ein sehr schöner Vergleich. Dös g’fuit ma.

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