04.10.05
10:54 Uhr

Bist du Max Schmeling?

Vorab ein Geständnis: Ich liebe Pathos und Sentiment. Auch in der Werbung. Mein liebster Spot ist seit Jahren “Zatopek” von Adidas. Natürlich kann ich rationale Distanz zu den Emotionen finden, die Werbung in mir auslöst, mir über die Machart klar werden, Techniken analysieren und mich am Ende fragen, ob so viel Gefühl denn nun angebracht ist für Zielgruppe und Ziel. Wem Werbung an sich profan vorkommt, der wird bei dieser Frage in den meisten Fällen grundsätzlich den Daumen senken und sich verführt vorkommen. Aber ich lasse mich zuweilen gern verführen.

Als vor Monaten die ersten Meldungen über eine Deutschland-Kampagne durch die Blogs gingen, war ich auf vieles gefasst – aber nicht auf so viel Pathos. “Die Deutschen” und ihr Land, das ist ein Thema, bei dem wohl den meisten von uns ein rein emotionaler Ansatz bedenklich erschien.

Kempertrautmann hat sich getraut. Und die Sache, wie ich finde, ordentlich gemacht. Statt großer Testimonials viele kleine. Eine Mischung querbeet durch Kultur, Wirtschaft und Sport. Manche Gesichter darunter, an denen wir uns inzwischen sicherlich satt gesehen haben, manche, die ich persönlich lieber nicht mehr sehen möchte, aber auch frisches Blut dabei. Man könnte abschätzig sagen “Wer vieles bietet, bietet vielen etwas”. Aber die Menge der Gesichter ist nicht nur dem Versuch geschuldet, jeden vom Literaturfreund bis zum Rapper anzusprechen, sie steht auch für die vielen unterschiedlichen Bäume, die den Wald machen und ist insofern stringent. Aber die Beherrschung der handwerklichen Mittel allein kann natürlich kein Maßstab für eine derartige Kampagne sein. Es bleibt die Frage, was sie verkauft und ob sie verkauft.

“Alle sagen, dass du keine Chance hast. (…) Max Schmeling wurde schon vor dem Kampf gegen Joe Louis zum Verlierer erklärt.” Eine Mutmacher-Kampagne also. Und eine Kampagne, die erfreulich wenig von diesem Land spricht, sondern von den Menschen. Von dir. Von mir. Zum Vergleich: In einer seiner ersten Reden nach seiner Amtseinführung erzählte Horst Köhler die Anekdote des Arbeiters, der in den Hallen von Cape Caneveral den Boden fegte und von John F. Kennedy angesprochen wurde, was sein Job sei. “Meine Aufgabe ist es, einen Mann zum Mond zu bringen, Mr. President”, sagte dieser Ein-Dollar-Jobber. Ein wenig zucke ich zusammen bei der Haltung, die hinter dieser Geschichte steckt. Hier geht der Einzelne im Räderwerk des Ganzen auf, er ist nützlich als winziges Zahnrad im Getriebe. Und bleibt so am Ende doch austauschbar, naht- und schmerzlos zu ersetzen durch jeden anderen aus dem Heer der Arbeitslosen-Ersatzarmee. Kafka hätte aus dem Mann mit dem Besen eine Groteske gemacht, die uns den Schlaf rauben würde. Ihn am Morgen auf dem Rücken liegend aufwachen lassen, den Besen noch in der Hand, aber schon wegrationalisiert von einer Putzmaschine.

Mir scheint, die Deutschland-Kampagne ist ein wenig klüger. Sie hantiert nicht mit den großen Zielen für “unser Land”, “unsere Gesellschaft”, “unsere Werte”, sie spricht nicht vom Wettlauf zum Mond. Sie rückt die Perspektive des Einzelnen in den Vordergrund. Seinen Ehrgeiz, sich durchzuboxen, sich selbst Ziele und einen Sinn zu geben. Natürlich kann man dieser Strategie des “Jeder ist seines Glückes Schmied” mit einigem Recht vorwerfen, sie sei neoliberal. Sie schiebe den Schwarzen Peter dem Einzelnen zu und blende die Rahmenbedingungen aus, die gesellschaftliche Infrastruktur, von der er zu einem wichtigen Teil abhängig bleibt. Wenn ich 100 Arbeitslose habe und nur eine Stelle zu vergeben, so verändere ich mit der Ideologie des Ärmel-Hochkrempelns auf den ersten Blick nicht wirklich etwas. Ich forciere den Verdrängungswettbewerb. Es bleibt beim Survival of the Fittest. Auf einen Max Schmeling kommen 99 Loser. Aber vielleicht darf man von einigen dieser 99, die ihren Fighting Spirit entdeckt haben, erwarten, dass sie nicht aufstecken, dass sie etwas in Bewegung setzen? Warum sollte man diese Hoffnung aufgeben?

Du hast keine Chance, aber nutze sie. Ich kann nichts Ehrenrühriges daran finden und schon gar nichts Nationales. Eher blitzt da schon ein wenig Verzweiflung auf, Pfeifen im Wald. Sicher, der große inhaltliche Wurf fehlt, der USP, aber wer den zu bieten hätte, der wäre vermutlich kein Politiker geworden oder Werber, sondern Messias.

Die Kampagne haut mich also nicht vom Hocker, und doch ist sie ist mir durchaus sympathisch. Aber erreicht sie die Zielgruppe im gewünschten Sinne? Wenn man die Resonanz in den Blogs durchschaut, wohl eher nicht. Es scheint, als lebten wir in einer Zeit, in der große Bilder, die rhetorische Rede, der Appell an das Gefühl nur noch geeignet sind, Laufschuhe zu verkaufen, Margarine oder Lebensversicherungen. Wir sind nicht Schmeling, wir sind Zatopek. Schade eigentlich. Wir gestehen uns zu, uns posthum vom “I had a Dream” eines Martin Luther King eine Gänsehaut über den Rücken jagen zu lassen. Oder Ikonen zu verehren wie Willy Brandts Kniefall in Warschau. Aber wie müsste heute eine Rede gestrickt sein, ein politisches Bild aussehen, die uns mitreissen, uns begeistern, und die wir dennoch nicht peinlich im Sinne von verführend und gefährlich fänden? Die uns nicht als wohlfeile Sonntagsrede erschiene, nicht als vordergründig inszeniertes Bild, instrumentalisiert für den Tagesdiskurs des politischen Machterhalts? Keine Ahnung. Man kann froh sein in diesen Zeiten, wenn man kein Redenschreiber ist, sondern nur Texter. Und spätestens jetzt geht es mir, wie Gerold: “Ich fühl mich jetzt ganz schlecht, so destruktiv.”

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22 Kommentare

  1. T.M.

    Herr Rodenheber, ich verstehe Ihre Sympathie für das hier verwendete Prinzip, einen Aufruf zu machen. Ich hab selbst einen Moment lang (ich glaub, bis der Naidoo kam) auch daran gedacht. Das Problem bei solchen Sachen ist, dass mehrere Umstände dabei durchaus fraglich sind und bleiben. Wer sind die Macher dieser Kampagne? Was wollen sie? Wen wollen sie? Aus welchen Motiven betreiben sie diese Kampagne? (Man darf dabei durchaus davon ausgehen, dass die Motive nicht unwesentlich im kommerziellen Bereich liegen – dieses Misstrauen hat man mir angewöhnt.) Und auf all diese Fragen gibt die Internetseite dieser Kampagne überraschend wenige Antworten. Was bleibt, sind Gesichter – Autoritäten, und was für welche, Naidoo sag ich nur. Ich hätte gern wenigstens einen Arbeitslosen gesehen, der in die Kamera sagt, er sei Deutschland, eine Putzfrau, einen Obdachlosen. Ich weigere mich, mich als Empfänger an einer Kampagne zu beteiligen, deren Proponenten Mediengrössen, Entertainer, Publikumslieblinge und sonstige Millionäre sind, die bestensfalls die Auffassung vertreten, sie müssten jetzt etwas tun, damit etwas getan werde, sozusagen an der unfähigen Politik vorbei. Sie outen sich somit als Aktionisten, um es präzise zu sagen. Und Aktionismus ist ein zunehmendes Phänomen, der die wildesten Stilblüten treibt, wenn man ihm nicht rechtzeitig einen Riegel vorschiebt (siehe Rechtschreibreform).

  2. Martin Hiegl

    Sehr gut geschrieben und analysiert. T.M. verkennt meiner Meinung nach ein bisschen die Funktionsweise der Kampagne. Es werden einem natürlich Deutsche vorgesetzt, welche es geschafft haben um andere, welche es noch nicht geschafft haben zu motivieren. Wie willst du einen Arbeitslosen mit einem Arbeitslosen motivieren? Weiter tust du so, als ob Obdachlose und Arbeitslose die große Mehrheit in D wären – aufwachen, dem ist nicht so! Mit frustriertem, destruktivem Passivismus hat noch nie jemand etwas erreicht – “es” geschafft. Nur durch Aktionismus kommt man weiter – die Rechtschreibreform ist ein gutes Beispiel – für alle, welche Deutsch und Schreiben mit ihr Lernen gibt es nichts sinnvolleres. Dass die alte Mehrheit der Deutschen, welche nach alten Regeln gelernt hat sich dagegen wehrt ist auf der einen Seite verständlich und zeigt auf der anderen Seite den Egoismus und die Fortschrittsfeindlichkeit (wobei das Umlernen sehr einfach ist). Und wenn du jetzt meinst, dass drei f scheiße aussehen, so solltest du mal nachschlagen, wie Stoffflicken nach alter Rechtschreibung geschrieben wurde.

  3. Gerold Braun

    Tja, so ist das. Die einen kaufen Ford (die tun was!), die anderen beim creatööhr d’otomobilhh. Nur, Ford verkauft nicht viel.

    Ich finde es schon interessant, dass ich nirgendwo – außer in Blogs – etwas über die Kampagne höre, was Wirkung betrifft. Und in den Blogs – ach so, stimmt ja, die sind von Haus aus destruktiv.

    OT: Was für ein fettes Comeback-Posting, Andreas :-)

  4. binichdeutschland.de

    Lieber Herr Rodenheber, ich bin entzückt von dieser Kafka-Sache:

    “Kafka hätte aus dem Mann mit dem Besen eine Groteske gemacht, die uns den Schlaf rauben würde. Ihn am Morgen auf dem Rücken liegend aufwachen lassen, den Besen noch in der Hand, aber schon wegrationalisiert von einer Putzmaschine.”

    Tut man Ihnen unrecht zu sagen “Du bist Kafka”?
    Grüße

  5. Flohbude

    “Aber wie müsste heute eine Rede gestrickt sein, ein politisches Bild aussehen, die uns mitreissen, uns begeistern, und die wir dennoch nicht peinlich im Sinne von verführend und gefährlich fänden?”

    Ganz einfach: Sie müsste einer Tat folgen.
    Martin Luther King hat etwas getan und DANN “I have a dream” gesagt. Willy Brandt hat sich verbeugt, ein Zeichen gesetzt und DANACH ging das Bild um die Welt.

    Es ist sinnlos, Worthülsen zu drechseln und auf den Aufbruch oder “den Ruck” zu hoffen. Slogans wie “Du bist Deutschland” funktionieren erst, wenn der Ruck zumindest ansatzweise spürbar ist.

  6. P.S.

    Super, ich bin Michael Schumacher!

    Dann kann ich jetzt also guten Gewissens meinen Wohnsitz in die Schweiz verlagern um für meine Abermillionen in Deutschland keine Steuern mehr zahlen zu müssen.

    Wenn man die absurde Behauptung dieser Kampagne erst nimmt, kann man darauf eigentlich nur mit einer Abwandlung des berühmten Bartleby-Zitats antworten: “I would prefer not to be”

  7. Dirk Hermanns

    Diese ganze gequatsche von wegen wen wollen die erreichen und was wollen sie uns sagen. Ist doch ganz klar, alleine diese endlose Diskussion ist schon wieder, aber leider “deutsch”. Vielleicht geht es vielen anderen, ärmeren Ländern schlechter als uns, jammern die? Ist Jammern eine Deutsche, angebohrene Eigenschaft oder ist es eine Art Ausbildung mit IHK-Urkunde. Super du hast mit Erfolg die Stimmung gedrückt? Lasst euch doch nur EINMAL mitreißen. Sagt doch einfach mal, hey coole Aktion. Finde ich gut. EUPHORIE für mehr MOTIVATION! Alles spricht von Aufschwung, also glaubt auch mal daran. Ich glaube zumindest an das Gute der Veränderung. Wie wärs mal, nicht zu sagen, hey da spielt der und der mit, wieso nicht mal so einer, sondern cool der unterstützt das Projekt mit seinem Gesicht, stark. Und wenn viele Menschen so denken würden, hätten wir vielleicht einen Funken Patriotismus in uns. Ich spreche hier NICHT von Nationalismus, aber von Patriotismus. Ich bin Deutschland, ich kann es verändern, meine Stimme zählt. Und wenn die Motivation steigt, und man einige Dinge einfach als gegeben ansieht, wäre es nicht einfacher für alle? Würde dann nicht auch ein Michael Schuhmacher überlegen ob er nach Deutschland zurück geht? Oder an die Fans, warum unterstützt ihr jemanden der euch nicht unterstützt? Seid ihr bekloppt? Danke fürs lesen und verbleibe mit Herbert G.’s Worten: “Alles bleibt Anders”. Ich glaub an mich, an Deutschland an Eucht!

  8. ramses101

    @Flohbude: So ist es! Erst machen, dann darf man von mir aus auch mit dem Spruch “Ich bin Deutschland” kommen.

    Der Slogan “DU bist Deutschland”, ausgerechnet aus dem Munde eines Oliver Pochers, hat schon fast was von Abschieben der Verantwortung (mitanzupacken ist dein Job, mein Freund, nicht meiner). Was übrigens noch wesentlich deutscher ist, als jegliches Gejammer. Schon mal nen Italiener jammern hören? Da können die Deutschen aber noch was lernen!

    Und dass Kritik an der Qualität der Kampagne durch die Kampagne als Gejammer abgetan wird, erinnert mich (obwohl es hier eindeutig in die neoliberale Ecke gehen soll) doch ganz, ganz stark an das Laissez-faire-Getue der 68er: “Ey du, ist schon ok, hast dir ja immerhin Mühe gegeben, du. Peace Altter.”

    Die Leute, die jetzt jammern, ich würde zu viel über die kampagne jammern, die möchte ich mal sehen, wenn der Handwerker bei ihnen zu Hause mit der gleichen “Allein-der-Wille-zählt-Einstellung” ans Werk geht. Ich wette, dann ist das Gezeter groß.

  9. ramses101

    Nachtrag @Dirk Hermanns: Ich lasse mich gerne mitreißen. Sogar von Altona 93, auch wenn die noch so scheiße spielen. Aber wenigstens reißen sie sich den Arsch auf und rennen sich die Lunge aus dem Leib. See what I mean?

  10. sabotage

    großartige kampagne.

    die zielgruppe sind diesmal nicht wir werber, sondern tatsächlich 80 mio. menschen in deutschland. das nicht alle 80 mio. menschen in deutschland diese kampagne sensationell finden ist klar.

    ich finde es eine gute aktion, gerade in der zeit in der jammern fast schon “state of the art” wird, wurde es zeit zeichen & neue impulse zu setzen. klar wird diese kampagne nicht zwingend das deutsche bruttosozialprodukt erhöhen, vieleicht auch keinen social-effie gewinnen, doch hat es den impact um menschen mit angewöhntem tunnelblick mal wieder über den tellerrand schauen zu lassen.

    weiter so!

  11. Wuselmann

    @Dirk Hermanns spricht mir wirklich aus dem Herzen. “Lasst euch doch nur EINMAL mitreißen.” Das wäre schön!
    Was mich ein wenig stört ist, dass viel davon geredet wird, sich nicht ‘von denen’ motivieren zu lassen. Aber mal ernsthaft, wer von den Teilnehmern der Kampagne hat den seinen Erfolg geschenkt oder vererbt bekommen? (Ohne jetzt alle zu kennen) Darüber, dass bei einigen mittlerweile die Millionen fliessen und ob das ‘berechtigt’ ist, oder sinnvoll ist meiner Meinung nach eine andere Diskussion. Beispiel Jauch: der hat doch als unbedeutender Radio-Heinzel angefangen; Schuhmacher hat schon als Jugendlicher ‘zig Rennen gewonnen und seine Titel wurden ihm wohl nicht geschenkt. Meines Erachtens nach haben die Sprecher doch was geleistet. Insofern widerspreche ich @Flohbude. Gut, meine Sympathie haben auch nicht alle, wenigstens nicht für das, was sie so machen – aber da hat @Martin Hieg ganz recht; wer eignet sich denn für Motivation, wenn denn mal eine versucht wird? Ok, man könnte es auch lassen, und dann? Ich finde es jedenfalls gut, dass es einfach mal versucht wird. Roman Herzog, der sagte “Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen” hatte doch auch recht – finde ich jedenfalls. So, und nun haut mich ;-)

  12. INJELEA

    Du bist Deutschland … ich bin …Ich bin Max Schmeling.Ich weiß zwar nicht, ob ich gewinne. Die Sicherheit kann mir keiner geben. Aber ich steige in den Ring. Ich freue mich, wenn ich angefeuert werde. Ich freue mich, wenn ich gewinne. Ich freue mich, wenn ich verliere, fü

  13. Flohbude

    Zitat Wuselmann: “Meines Erachtens nach haben die Sprecher doch was geleistet. Insofern widerspreche ich @Flohbude.”

    Da will ich doch mal Wuselmann antworten. Die Sprecher haben zweifellos etwas geleistet: *Für sich selber* und nicht für eine Gemeinschaft. Selbstlosigkeit macht authentisch und nicht überbordende Medienpräsenz.

  14. Tim

    Der mit Abstand beste Beitrag zu den testimonials der Kampagne: “Du bist Blondie” flickr.com/photo_zoo...

  15. Patrick Breitenbach

    Diejenigen die von dieser Kampagne irgendwie mitgerissen, angesprochen oder berührt werden, verspüren doch bereits schon länger ein Feuer der Motivation in sich. Man will alles geben, sei es für die Familie, die Firma, der Stadt oder dem Land. Ob sie durch die Kampagne noch mehr motiviert werden, sei dahingestellt.

    Diejenigen die vor Pessimismus (ob deutsche Eigenschaft oder nicht, schließlich darf man die psychischen Aspekte eines kollektiven Weltkriegstraumas das sich durch Generationen hindurch zieht nicht vernachlässigen) nur so strotzen oder auf irgendeiner Weise unzufrieden sind mit ihren Lebensumständen, werden diese Kampagne verteufeln und bespucken. Das macht sie – um Mißverständnisse zu vermeiden – übrigens nicht zu schlechteren Menschen.

    Das Mindeste was diese Kampagne geleistet hat, war ein Diskussionsanstoß und sei es auch nur im Rahmen der “destruktiven Weblogs”, die für mich in dieser Angelegenheit gar nicht fruchtbarer auftreten konnten.

    Damit wurde der Stein definitiv ins Rollen gebracht. Wo er schließlich stehen bleiben wird, hängt einzig und allein von uns ab.

    Ich persönlich bin jedenfalls tagtäglich – auch ohne diese Kampagne – bemüht alles in Gedanken, Worte & Taten für mich, meine Familie, meine Arbeitskollegen, mein Unternehmen, meiner Stadt, meinem Land und meiner Welt zu geben. Auch ohne Hochglanz-Kampagnen.

    Je mehr sich diesen Weg anschließen, desto weiter wird der Stein rollen. Nörgler dürfen ruhig auch mal stehenbleiben und “Buh!” rufen, entweder sie holen irgendwann auf, oder die anderen sind dann soweit gelaufen, dass sie das Nörgeln nicht mehr hören können.

    @Andreas: Ich weiß schon, warum ich dich hier so schmerzlich vermisst habe! Klasse Beitrag!

  16. günther jauchi

    danke lieber patrick, ich verspüre auf einmal auch so ein feuer unter dem hintern, reisse täglich 10 Bäume aus und schlage mit den Flügeln. Alles gaaanz supi in deutschland. ein pfui auf die 5 millionen arbeitslosen miesmacher. wenn alle deutsche an einem strang ziehen und nicht mehr über die verhältnisse meckern, werden wir nächstes jahr weltmeister. mindestens!

  17. Patrick Breitenbach

    Ach Günther Jauchi (wieso kein Realname?) bitte beim nächsten Mal genauer lesen. Ich habe die Kampagne weder in den Himmel gehoben noch verteufelt. Dass alle 5 Mio. Arbeitslose wirklich alles dafür tun um irgendwie wieder irgendwas zu arbeiten scheint mir genauso utopisch zu sein wie die Behauptung dass 5 Mio. Arbeitslose Miesmacher sind und nicht arbeiten wollen. Beide Argumentationen sind daher Unfug und tragen nix konstruktives bei.

    Ich spreche alle damit an sowohl die Entscheidungsträger in Wirtschaft die einfach mehr Verantwortung tragen müssen anstatt nur Monopoly zu spielen sowie die ewigen Meckerer die immer sofort auf die Sozialschwachen zeigen sobald man irgendetwas neues anpacken möchte. Eigenverantwortung ist die Devise und zwar bei Reich & Arm.

    Übrigens habe ich von den ganzen Meckerern und den Schein-Robin Hoods noch keinen besseren Vorschlag gehört wie man die derzeitige Lage verbessern könnte.

  18. Jan Hoppe

    Hier scheinen einige etwas aus dem Blickwinkel zu verlieren, daß es um eine Kampagne geht – nicht um die reale Welt und auch nicht um reale Probleme.
    Patrick, weder adressiert besagte Kampage auch nur ansatzweise eines der hoch komplexen Probleme einer entwickelten Volkswirtschaft in einer globalisierten Welt noch kann sich der von Dirk herbeigehoffte Effekt des “Sich-mitreissen-lassens” einstellen. Denn “Sich-mitreissen-lassen” – die Suggestion des alten “Alle für Einen” mit anderen Worten – und der von Patrick angesprochene Aspekt der Kernbotschaft (Eigenverantwortung) sind schlicht unvereinbar. Man mag sich ja einen Moment der nationalen Unio Mystica gönnen, wenn die Deutsche Elf nach hartem Kampf 1:0 gegen Togo spielt. Aber den Problemen eines arbeitslosen Akademikers, der das fünfte Praktikum für 500€ im Monat absolviert oder des Arbeiters, der mit Mitte 40 seinen Job verliert, weil irgendwer irgendwo auf der Welt billiger ist, wird die ins deutsche gemünzte Nike-Mentalität wohl kaum gerecht.
    “Du bist Deutschland”, also tu was? – Aber was? Mit Max Schmeling T-shirt auf der Deutschland-Autobahn joggen gehen? Nur deutsche Produkte kaufen? Eine Ich-Ag aufmachen?
    Das Sabine Christiansen Besserverdienendengerede von der angeblich “typisch deutschen” Neigung zum Jammern geht mir gehörig auf den Zeiger. Die Probleme sind immens, die Antworten spärlich und widersprüchlich. Wer bin ich noch gleich? Peter Bofinger oder Hanns Werner Sinn?

    Man sortiere also sorgsam seine Realitäten: Eine Kampagne ist eine Kampagne ist eine Kampagne.
    Schaden tut diese spezielle sicherlich nicht. Nutzen allerdings auch nicht – allenfalls Kemper Trautmann und den Prominenten, die hier Premium-PR absahnen, ohne einen Pfennig dafür auf den Tisch legen zu müssen.

  19. Patrick Breitenbach

    Sicherlich wäre die Wirkung dieser Kampagne wenn es ums Mitreißen geht überschätzt. Doch eines hat sie wohl erreicht, es wird nun auch über die Realität gesprochen.

    Darin gibt es nun mal schwerwiegende spziale und wirtschaftsstrukturelle Probleme. Darin gibt es auch den arbeitslosen Akademiker und den 40-jährigen entlassenen Familienvater. Nur um es mal ganz klar zu sehen, kein Wohlstandsland auf dieser Welt ist so weltmeisterlich im Jammern wie das deutsche Volk. Und das begründe ich wie folgt:

    Kaum ein Land hat so hohe Umwelt- und Verbraucherfreundliche Standards wie Deutschland, wenig Länder sind von der inneren Sicherheit her so stark, kaum ein Land hat so ein gut ausgefeiltes und gerechtes Rechtssystem wie wir, bei uns gibt es so gut wie keine Menschenrechtsverletzungen, unsere Kernkraftwerke werden nach und nach abgeschaltet, wir haben immer noch ein recht gutes Sozialsystem, unsere gesundheitliche Versorgung belegt einen Spitzenrang, unsere Kinder lernen Lesen und Schreiben, wir sind vor Umwletkatastrophen dank unserer geografischen Lage relativ gefeit, unsere Infrarstruktur ist vorbildlich, unser kulturelles Leben ist reichhaltig, Minderheiten werden respektvoll behandelt und besondere Rechte eingeräumt, wir haben ein demokratisches System ohne Wahlfälschungen, wir können in Nachbars Garten gehen ohne gleich erschossen zu werden, Frauen werden gleichberechtigt behandelt, Kinder und Jugendliche genießen Schutzrechte von denen manch andere Kinder träumen könnten, die Pressefreiheit ist unantastbar, unser außenpolitisches Engagement ist hoch angesehen, wir haben ein Recht darauf auf die Straße zu gehen um zu demonstrieren, auch schlechtverdienende Eltern können ihren Kindern eine hohe Bildung zukommen lassen, die Behindertenintegration ist vorbildlich, der Tierschutz ist bei uns sehr gut entwickelt, Vergewaltigung in der Ehe ist bei uns strafbar, Abtreibung ist bei uns legal, wir haben eine Religionsfreiheit, Mißhandlung von Kindern ist bei uns von Gesetzes her verboten, bei uns kann man auch ohne Millionenvermögen Kanzler werden, wir werden nicht tagtäglich in die Luft gesprengt, bei uns erleiden nur wenige den “Karoshi”, die meisten von uns haben sichere 6 Wochen Urlaub, wir haben Mutterschutzgesetze, wir haben Jugendarbeitsschutzgesetze, wir haben etliche Feiertage die bezahlt werden, bei uns bekommt man jederzeit alle Waren dieser Welt, wir werden nicht jeden Tag von anderen bespitzelt und verraten, unser Trinkwasser ist sogar trinkbar, das Wetter ist facettenreich von Schnee bis Hochsommerhitze, wir haben Berge und Meere, Flüsse und Wälder, so Leute ich muss zur Arbeit, ihr dürft die Liste gerne fortführen…

    Ich sehe schon die nächsten Kommentatoren auf mir rumhacken aber ansonsten vertreten scheinbar nur wenige meine Ansicht oder haben eben einfach besseres zu tun! :-)

  20. Jan Hoppe

    Ach Patrick, bei der Lektüre all der Wohlstandswohltaten, über die zu Freuen der bürgerliche Anstand gebietet, verspüre ich den dringenden Wunsch, mal wieder nach BadMünstereifel zu fahren und ein leckeres Stück Torte mit Schlagsahne in Heinos Café zu verputzen.

    Granted: ist alles richtig, was Du schreibst und richtig ist auch, daß es mitunter lindernd sein kann, sich vor Augen zu halten, daß es andern Menschen viel schlechter geht. Das war’s dann aber auch schon.

    Die Titanic übrigens war das luxuriöseste Kreuzfahrtschiff ihrer Zeit. Das war sie, als sie auslief, das war sie, als sie auf den Eisberg traf. Sie war es, als das Wasser einbrach und blieb es, als sie mit Mann und Maus unterging. “Jammern” war – so Deine Logik – unangebracht, denn es gab weiß Gott schäbigere Schiffe auf den Ozeanen.

    Die Moral dieser kleinen Parabel?
    1) Wenn das Schiff ein schweres Leck hat, ist es wenig hilfreich tröstend auf die goldenen Badezimmer-Armaturen hinzuweisen.

    2) Krisenmanagement heißt, Probleme zu identifizieren und klar herauszuarbeiten, um sie lösen zu können. In diesem Analyse- Prozeß kann es sinnvoll sein, klarzustellen, in welchen Bereichen keine Probleme bestehen. – Aber nur, um dergestalt qua Ausschlußverfahren festzustellen, wo sehr wohl Probleme bestehen.

    3) Der Hinweis, auch der wiederholte, auf tatsächliche Probleme hat mit “Jammern” überhaupt nichts zu tun, sondern ist ein notwendiger Prozeß zur Herausbildung eines Problembewußtseins und einer realistischen Selbsteinschätzung.

    4) Der ständige Verweis auf hohen Wohlstand und soziale Standards übersieht, daß wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben – nicht in einem marktwirtschaftlichen Sozialismus. Soll heissen: wir sind auf eine funktionierende Marktwirtschaft angewiesen, die Bürger und Staat mit den Mitteln ausstattet, die uns die bequeme Einrichtung unserer Lebenswelt gemäß Deiner Liste allererst ermöglicht hat.

    Kein materiales Problem ist je dadurch gelöst worden, daß man daran vorbeischaut und ein freundliches Gesicht macht. Wenngleich diese Tatktik sehr wohl zum kanonischen Repertoire bürgerlicher Verhaltensformen zählt. Man erinnere Max Frisch: Die beste Tarnung ist und bleibt die Wahrheit – die glaubt kein Mensch.

  21. Patrick Breitenbach

    Ich sprach nicht davon dass es allen anderen schlechter geht. Du siehst, lieber Jan, in dem Fall das Glas nur halb leer!

    Und sicherlich sollten wir uns auch unserer Probleme bewusst werden, darin sind wir ja auch große Klasse. Aber vielleicht sollten wir auch mal beginnen nicht ständig um uns selbst zu kreisen sondern auch mal zu sehen wie wir der restliche Welt unter die Arme greifen können, denn nämlich erst dann kann es auch uns zu Hause wieder besser gehen.

    Und Deutschland mit der Titanic zu vergleichen finde ich schon etwas haarsträubend. Hört sich ja an als ob wir am Rande eines Bürgerkrieges stehen. Dann doch lieber noch das Konsumschiff USA als Beispiel nennen! Oder sind doch schon wieder Weimarer Zeiten angebrochen und ich muss meine Plastiktüte mit Geld füllen um mir ein Brot kaufen zu können?

    Mit jammern meinte ich übrigens nicht den notwendigen Prozess der Problembewußtwerdung sondern dem nahezu mantrischen wiederholens unseres Elends in einer nicht überwindbaren Endlosschleife. Uns gehts scheisse, die Politiker sind schuld, die Wirtschaft ist Schuld, die Gesellschaft ist Schuld, das System ist Schuld, der Staat ist Schuld usw. usw. nur ich, ich bin der arme Verfolgte.

    Und glaube mir, ich habe die soziale Marktwirtschaft nicht als übles Nebenprodukt der Nachkriegszeit betitelt. Im Gegenteil, diese gehört mit zu meinen positiven Aufzählungen.

    Und Wegschauen is bei mir ganz und gar nicht angesagt! Selbstverantwortung lautet meine Devise aber scheinbar gibt es bei manchen immer nur die beiden Wege. Entweder schön- oder schlechtreden beim Handeln wird wohl jeder zu faul!

    Übrigens wenn man sich die Tagesschau (auf Bayern Alpha) vor 25 Jahren ansieht, so wird man merken, dass sich unsere Situation und vor allem Probleme scheinbar nichts neues sind. Auch bereits damals wurde über hohe Arbeitslosigkeit gestöhnt! und sich der Probleme bewusst gemacht. Wieviele Jahre brauchen wir dann um aus der Problemanalysephase herauszutreten?

  22. Hotelkritik Hotel Am Werl - Das Hotel Am Werl in Bad Saarow

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