19:58 Uhr
Neulich in Wal-lung
Samstag Mittag, die Sonne brennt, der Magen knurrt. “Schnell noch ein paar Nahrungsmittel im amerikanischen Supermarkt holen” schießt es mir durch den leicht überhitzten Kopf. Sollte ich es wagen? Eigentlich scheue ich mich ja davor an vortägigen Sonn- und -feiertagen in bürgerkriegsähnlich anmutenden Supermärkten einzukaufen. Doch wie immer siegt der nicht all zu kleine Hunger und ich begebe mich dann doch wieder in die Welt des Schmerzes.
Schnell ein paar Waren ins Körbchen gelegt und schnurstracks Richtung Kasse marschieren. Dazu muss man sagen, dass ich grundsätzlich – ich weiß nicht was ich da im vorherigen Leben falsch gemacht habe – an Supermarktkassen die Arschlochkarte ziehe. Mal sind es Rentner, die in Zeitlupentempo in ihren Sparstrümpfen nach Kleingeld wühlen und am Ende noch 50 Pfennigstücke hervorziehen und dabei schwärmend von der guten alten D-Mark palavern, sich anschließend den Geldbetrag von der Kassiererin abzählen lassen und nebenbei noch ihre laaaange Lebensgeschichte referieren. Mal sind es aber einfach nur manisch-depressive Kassiererinnen die nach 20 Jahren die Gschwenders Anni wiedersehen und erst einmal ausführlich ihre komplette Krankengeschichte inklusive Präsentation der aktuellen Röntgenbilder austauschen.
Gleichzeitig gespannt was es denn diesmal für eine Tortur sein wird und dennoch voller Hoffnung nun endlich vielleicht doch den Teufelskreis durchbrechen zu können, gesellte ich mich mit meinen Waren direkt hinter einem dynamisch anmutenden jungen Pärchen, welches eigentlich recht wenig und vor allem sehr handliche Produkte auf das schwarze Förderband vor mir ausbreiteten. “Oh!” dachte ich, “sollte ich etwa noch auf die Schnelle eine Flasche Moet holen um diesen glorreichen Augenblick mit der gesamten Supermarktbelegschaft zu begießen?” Doch im gleichen Moment jagte ein eiskalter Schauer durch meinen bis dato bereits vom Hunger ausgemergelten Körper. Ich blickte noch einmal zum Pärchen hinüber. Die gut geschminkte junge Dame zückte mit einem teuflischen Grinsen und ihrer linken krallenartigen Hand ein buntes Prospekt aus ihrer weißen Gucci-Handtasche, mit ihrer Rechten umklammerte sie verkrampft 4-5 Pflegeprodukte für das Haupthaar.
“Was kommt den jetzt?” jammerte mein Gehirn leicht angsterfüllt. Ich schaute erst einmal prophylaktisch genervt nach oben. Das Schild über mir beantwortete die Frage umgehend. Auf quietschgelben Grund mit blutgetränkten Lettern schrie mir das Wort “Preisgarantie!” entgegen. Darunter stand noch so etwas wie “Zeigen Sie uns das günstigere Produkt von der Konkurrenz und wir machen Ihnen den gleichen Preis!” Und schon war ich wieder einmal in einer Endlosschleifeschlange gefangen.
Ich konnte weder vor noch zurück, mein übliches Kassen-Schicksal nahm seinen Lauf. Die Kassiererin kramte in ihrem siffigen Kabuff nach einem Wal-Amtlichen Formularblock und einem geeigneten Kugelschreiber. Nachdem sie drei Exemplare, die anscheinend schon seit Jahren nicht mehr richtig zähflüssige Tinte hergaben, wieder an den gleichen Platz legte, ergriff sie nun endlich einen funktionstüchtigen Stift und notierte sich akribisch genau, und vor allem im kalligraphischem Eiltempo, die im Konkurrenzprospekt aufgeführten Produkt- und Preisdaten. Zum Vergleich: Der Abschluss eines kompletten Versicherungspaketes (Earth, Wind and Fire) dauert in etwa genauso lange wie dieses Prozedere des Grauens. Im Hintergrund fragte man sich schon verwundert ob denn etwa die Kasse kaputt gegangen wäre und man nun alle Waren per Kopf- und Schreibarbeit abkassieren müsse.
Inzwischen verflüchtigte sich meine zuvor mal gefrorene Pizza auf dem Warenband und meine Transpirationsrate enorm an. “Herr schmeiß Hirn vom Himmel” brüllte ich in mich hinein (die Worte waren lediglich geschulten Beobachtern in meinen Augen zu erkennen). Wie kann man denn so wahnsinnig sein und sich den Hass von mittlerweile 20 schlangestehenden Menschen auf sich ziehen nur um ein Produkt zum GLEICHEN Preis zu bekommen? Man muss schon ziemlich gelangweilt, dement oder eben einfach nur rotzegeizig sein um ein solches Verhalten an den Tag zu legen. Ich frage mich auch warum es beim Wal-Mart dafür keine gesonderte Informationsstelle gibt, wo so neurotische Erbsenzähler sich regelmäßig wenigstens im anonymen Kreis treffen können, wässrigen Kaffee trinken und sich kettenrauchend die neuesten Schnäppchenprahlereien beichten.
“Ein wirklich äußerst hervorragender Service den der Wal-Mart da seinen Kunden anbietet”, dachte ich mir und textete bereits in Gedanken diesen Weblogeintrag den ich nun per Absenden-Button euch zum Fraß vorwerfe.
7 Kommentare
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- Vroni: Ralph :-)
- ralf schwartz: @Vroni Das war ein zustimmendes Lächeln, wie Du es auch sehen würdest in meinem Gesicht würden wir uns gegenübersitzen. Nicht immer...
- Vroni: Was issn jetz schon wieder. Klar macht es einen Unterschied, wie man optisch und von der textlichen Ansprache an die Leut angeht. So gehts...
- ralf schwartz: @Vroni :)
- Vroni: Kann ja alles sein, geschenkt. Ich meinte, dass das grottenschlecht und wenig ansprechend UMGESETZT war. Wie wenn ein BWL-er unter...
- ralf schwartz: @Vroni Und eine Website dahinterzulegen, auf der die User hätten voten können … Aber die Kosten, Print geht es gar nicht gut,...
- Vroni: Hrhr, die W&V mal wieder. Leeres Schulheft-Papierkaro und eine Flipchart-Schrift. Kriegt man sofort die beiden Krankheiten Horror Karo-i...
- Daniela über die Arbeitszeit: Mit dem Alter werde ich immer tagaktiver… Während ich in meiner Schulzeit zwischen 8 und 16.00 (Schule) in...

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Am 17. Juli 2005 um 08:07 Uhr
Das Problem kenn ich, hab aber eine wunderbare Lösungsansatz gefunden.
1) Ich hab nur 8 Teile, Express-Kasse suchen, ist allerdings unwarscheinlich das es dort schneller geht, da ALLE mit Karte zahlen, oder
2) Die längste Schlange suchen, optimistisch in die Sache hineingehen. Grund: Die Kassiererin bekommt Panik, wenn Sie sieht wie lang die Schlange ist, oder ist so im Schwunge das es grundsätzlich schneller geht.
3) Am besten hinter männliche Singles zwischen 30-50 anstellen, die wollen höchstens mit der Kassiererin flirten, daher auf diese Kombination achten, ist die Kassiererin attraktiv, finger weg, woanders anstellen. Oder
4) Zu Kassiererin von der anderen Seite hingehen und fragen ob man noch eine Kasse aufmachen könne, da die Schlange schon sehr lang wäre.
5) Nicht bei Walmart einkaufen, da man, wenn man es geschafft hat den Einkaufszettel abzuarbeiten (unbedingt machen!!! NIE OHNE EINKAUFSZETTEL NACH WALMART!!!) sowieso völlig neben der Spur wieder raus kommt, da man von all den Waren und Sonderangeboten und Menschen nicht weiß wo man hin sehen soll.
6) Nach Kaufland gehen, die einem 2,50 EUR geben wenn man mehr als 5 Minuten wartet.
7) In der Schlange sich ins Gewissen rufen, dass man die Zeit in der Schlange mehr als 40% länger empfindet. (Vielleicht öfter mal die Zeit messen, oder so)
8) Ganz Optimistisch, vorher noch am Zeitungsstand vorbeigehen, ein Magazin einpacken, dann ist es in der Schlange auch nicht so langweilig.
Vielleicht hilft ja einer meine Tipps weiter. Ansonsten schönes Anstehen.
Am 17. Juli 2005 um 09:10 Uhr
LOL. Köstlich. Um wieviel Cent ging es denn bei dem Produkt? :-)
Am 17. Juli 2005 um 22:45 Uhr
Was noch in Schlangen GANZ wichtig ist (habe ich in leidvoller Forschungsarbeit beim Discounter um die Ecke herausgefunden): NIE, NIMMER an die nächste Kasse stellen, wenn gerade eine neue aufgemacht wird! An der wird man GRUNDSÄTZLICH mindestens zwei Positionen später dran sein, als wenn man einfach in seiner eigenen Schlange stehengeblieben wäre. Denn das ist irgendwo der menschliche Rudeltrieb: Es heißt “Sie können sich auch hier anstellen”, und alle, die nicht mindestens in Greifbreite des Warenbands sind, bewegen sich instinktiv an diese Kasse – nur dass der hinter oder vor die immer das Glück hat und der Erste an der Kasse ist, du selbst aber grundsätzlich irgendwo mittendrin oder sogar ganz hinten.
Ja, Lidl ist doch was Schönes…
Am 18. Juli 2005 um 14:37 Uhr
oder einfach auch mal die Zeitdiesbe an der Kasse ganz vorne so richtig schön zusammenscheissen.
DAs erwartet NIEMAND. Der Supermarkt ist irgendwie so ein kommunikationsfreier meditativer Raum. Niemnand erawrtet angesprochen zu werden. die ganze restliche SChlange wird sich HÜTEN irgendwas zu machen, was auch nur ansatzweise Zeit kostet :-)
hier noch eine nette Geschichte aus meinem Supermarktleben zum Thema Himbeerjoghurt …
tasknews.de/wordpres...
Am 18. Juli 2005 um 15:26 Uhr
Wenn mir jemand im Supermarkt versuchen würde, verbal ans Bein zu pinkeln weil ich seiner Meinung nach nicht schnell genug bin, würde ich ihn vor die Wahl stellen: Ich kann a) einfach weiter machen oder wir können b) auch gerne erst drüber reden. Ich hab ja Zeit.
Ansonsten lässt es sich in der Schlange aber doch wunderbar nachdenken und ausspannen. Nur mit TK-Pizza ist natürlich doof ;-)
Am 19. Juli 2005 um 08:57 Uhr
hier beim real.- kann man selber kassieren an einer SB-Kasse. Sehr praktisch, vorallem sind die immer leer, weil sich keiner traut das Touchpad zu bedienen…
Am 10. August 2005 um 16:14 Uhr
Noch’n EinkaufserlebnisDiesmal: Der Werbeblogger bei Wal-Mart. Großes Kino.